Hiobs Leid und das Leid homosexueller Männer. Eine Untersuchung zu Hi 14, 7-17


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

24 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. INHALTSVERZEICHNIS

2. EINLEITUNG

3. EXEGESE
3.1. ENTSTEHUNG DES HIOB-BUCHES
3.2. AUFBAU
3.2.1. Einleitung
3.2.2. Hauptteil (Die sogenannte Hiobdichtung)
3.2.3. Schluß
3.3. FALL HIOB VS. HIOBPROBLEM

4. HIOB 14, 7-17

5. SCHWULE KLAGE
5.1. NATIONALSOZIALISMUS
5.2. GEWALT GEGEN SCHWULE

6. SCHLUSS

7. LITERATURVERZEICHNIS

2. Einleitung

„Hiob: Allein gegen Gott“ - unter diesem (reißerischen) Titel würde heute vielleicht ein Fernsehsender das Buch Hiob verfilmen. Es mag zunächst absurd anmuten, daß sich ein Sender dieses (ur-)alten Stoffes bedienen könnte. Doch ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, daß die Gestalt des Hiob seit jeher Autoren heraus- und aufgefordert hat, sich ihr zu widmen. Die Tradition der Hiob-Rezeption kann als Indiz dafür gewertet werden, daß die Person mit ihrer (Leidens-) Geschichte den Menschen viel näher war als beispielsweise die Propheten oder Könige. Mit der „Hiobsbotschaft“ ist das Schicksal dieses Mannes sprichwörtlich geworden; viele Menschen mögen schon eine solche erhalten haben, ohne den genauen Hintergrund der Formulierung zu kennen. Im biblischen Buch selbst ist der Bezug auf die immer aktuelle Frage der Theodizee ebenso angelegt wie der Schritt über das individuelle Schicksal des Hiob hinaus: Wie kann ein Mensch in seinem Leiden verfahren; in seinem Leiden Trost, Hilfe erfahren.

Vor diesem Hintergrund erscheint es lohnend, die Problematik des Hiob auf ein aktuelles Thema zu spiegeln, mithin „AT-Exegese in der Berliner Wirklichkeit“1 zu treiben. Die Beschäftigung mit „Homosexualität im Kontext von Bibel, Kirche und Gesellschaft“ und die Mitarbeit bei einer schwulen Opferhilfe, dem Schwulen Überfalltelefon Berlin (SÜB), hat dem Autor gezeigt, daß homosexuelle Männer immer wieder mit Gewalterfahrungen der unterschiedlichsten Art konfrontiert sind. Neben die Klage Hiobs soll in dieser Arbeit „schwule Klage“ gestellt werden. Eine Rolle soll dabei einerseits die gesellschaftliche Verfolgung während des Faschismus spielen, andererseits die Erfahrung, plötzlich Opfer einer Straftat zu werden. Grundlage dafür ist der Versuch, diese Erfahrungen im Gespräch „zu verarbeiten“. Daher sind die Freundesreden der wichtigere Teil des Hiob-Buches für diese Arbeit. Denn dort werden die genannten Probleme zur Sprache gebracht, diskutiert - nachdem zunächst, auch das ist wichtig, geschwiegen wurde.

Ausgehend von einer Untersuchung am biblischen Text soll also versucht werden, den Gehalt des Hiob-Buches für konkrete Leidenssituationen homosexueller Männer fruchtbar zu machen.

3. Exegese

3.1. Entstehung des Hiob-Buches

Die Frage der Datierung ist schwierig zu klären, denn

„auf den ersten Blick fehlen sämtliche Hinweise auf die Abfassungszeit, und wo sich hier und da ein konkreter Hintergrund abzuzeichnen scheint (z.B. Hi 24), da sind auch die Konkretisierungen schon wieder so typisch und von alttestamentlichen Traditionen geprägt, dass man bislang nicht einmal mit der Genauigkeit eines Jahrhunderts das Hiob-Buch zu datieren in der Lage ist.“2

Hesse geht allerdings davon aus, daß das Buch Hiob „spätestens um das Jahr 200 v. Chr. abgeschlossen gewesen“3 ist. Andere sehen den Zeitraum seiner Entstehung „zwischen der Zeit des babylonischen Exils und dem Ende des Perserreiches (331 v. Chr.),“4 aus der insgesamt wenig Quellenmaterial vorliegt.

3.2. Aufbau

Das Hiob-Buch läßt sich gut, fast auf den ersten Blick, gliedern. Es besteht aus einer Einleitung und einem Schluß, die den Rahmen, die Handlung, beziehungsweise, um den Bereich des Fernsehens noch einmal aufzugreifen, das Setting bieten. Der weitaus größere, mittlere Teil umfaßt die Reden der Freunde, die Hiob aufsuchen, nachdem sie von seinem Schicksal erfahren haben.

3.2.1. Einleitung

Der Rahmen des Buches umfaßt 1,1 - 2,13 und 42, 7 - 17, also gewissermaßen Prolog und Epilog,5 die als Prosaerzählung gestaltet sind, „der es gelingt, Phantasie und Gedanken des Lesers von Anfang an bis zum Ende in Spannung zu halten und das Interesse an der auf dem Hintergrund der Ereignisse und Gestalten markant herausgearbeiteten Hauptfigur des Hiob zu wecken.“6

Exegese

Es scheint, als habe schon der Prophet Ezechiel den Stoff gekannt, stellt er doch in Ez. 14,14.20 Hiob neben den Gerechten Noah und andere Gestalten aus der Vorzeit. Auch wenn der Verfasser des Hiobbuchs keine genaue Datierung gibt, ist erkennbar, daß er sich Hiob „nach Art der biblischen Vätergestalten vorgestellt hat. Er beschreibt den Reichtum Hiobs in3 mit Wendungen, wie sie zur Schilderung von Isaaks Reichtum (Gn 26 13f.) gebraucht werden [...]. Er läßt ihn in5 die Opfer darbringen, wie das auch von den Vätern berichtet wird.“7

Das Buch beginnt märchenhaft mit der Formel „es war einmal“, Name und Herkunft Hiobs werden ohne nähere Angaben gelassen. Dadurch wird der Blick schon ganz zu Beginn über den einen konkreten Hiob hinaus geöffnet auf das allgemein Menschliche.

Die Erzählung enthält wiederum mehrere einzelne Szenen. 1,1-5 stellt Hiob als frommen und wohlhabenden Mann vor, sein Besitz wird aufgezählt, sieben Söhne und drei Töchter, darüber hinaus siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen; Zahlen die dazu dienen, „die Größe von Hiobs Reichtum einprägsam zu machen,“8 die Zahlen drei und sieben gelten als Symbol der Vollkommenheit.

1,6-12 ist die sogenannte Himmelsszene, in der der Satan Gott zu der für Hiob folgenschweren Wette herausfordert, auf dem Hintergrund der Frage in V. 9: „Übt Hiob Gottesfurcht etwa umsonst?“ Diese Frage wird erst am Ende der Hiobserzählung zu beantworten sein. Bis dahin wagt Gott viel, er „wagt es mit Hiob, indem er seine Ehre ‚aufs Spiel setzt“9 und auf den Vorschlag des Satans eingeht.

„Gottes Ehre und Hiobs Frömmigkeit, das sind denn auch die beiden umstrittenen Pole, die im Brennpunkt des Glaubenskampfes in der Hiobdichtung immer wieder erneuten Angriffen ausgesetzt sind.“10

Zunächst bleibt es dem Satan allerdings versagt, auch Hiob selbst um Gesundheit oder Leben zu bringen.

In 1, 13-22 nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Zunächst knüpft die Szene an die erste Schilderung über Hiob an. Seine Kinder haben sich versammelt, sie wissen ja nicht um das Geschehen im Himmel. Die friedliche Szenerie wird durch fürchterliche Unglücksschläge

Exegese

gebrochen. Boten überbringen Hiob die Nachricht des geschehenen Unglücks in „monotone[r] Gleichförmigkeit,“11 die das hohe literarische Niveau des Absatzes unterstreicht.

Denn „die schematische Formung der Unglücksbotschaften mit ihrem stereotypen Ausklang und ihre pausenlose Verkettung malt mit knappsten Mitteln die Wucht der Schläge, die Hiob treffen.“12

Doch Hiob bleibt standhaft und versündigt sich nicht. Er vollzieht Trauerbräuche statt eines gewaltigen Wutausbruches und legt sich auf die Erde, „als Zeichen, daß er gegenüber dem Unheilsverursacher Gott nicht an Empörung denkt, ihn vielmehr als Herrn über den eigenen Besitzt und die Kinder anerkennt.“13 Der Satan hat nicht Recht bekommen, aus Hiobs Mund kommt gar ein Segenswort (1,21b).

Im nächsten Kapitel folgt die zweite Himmelsszene, bei der umstritten ist, ob sie sekundär eingefügt wurde. Dafür spricht, daß die Erzählung bisher in sich schlüssig und abgeschlossen ist. Neuerungen kommen nicht hinzu. Hiob hat schon alles verloren, wenn nun der Satan „draufsattelt“ und Hiobs Gesundheit angreifen will, schien ihm das in der ersten Szene im Himmel nicht notwendig. Außerdem, nach Hiob 42,12f,

„hat Hiob alles, was ihm genommen worden war, wiedererhalten, teilweise sogar mehrfach: Über eine Wiedergenesung von seiner schweren Krankheit, die ihn nach dem zweiten Kapitel befallen hat, verlautet nichts; es ist, als sei von einer Krankheit nie die Rede gewesen.“14

Da Hiob im Teil der Freundesreden von Schmerzen geplagt ist (z.B. 6,10), mag der Redaktor hier die zweite Probe durch den Satan mit dem Anschlag auf Hiobs Gesundheit für nötig befunden haben.

Dem folgt nun wieder eine Episode, die auf der Erde (2, 7b-10) spielt, in der Hiob schwer erkrankt, von seiner eigenen Frau, die im Epilog übrigens nicht mehr erscheint, aufgefordert wird, Gott zu fluchen, was er jedoch nicht tut.

Ob Hiobs Not und Pein alarmiert, kommen schließlich in 2, 11-13 die drei Freude Eliphas, Bildad und Zophar und leiden sieben Tage mit ihm.

„Die Freunde sind mit der Absicht gekommen zu trösten, was in der Regel mit Hilfe von Worten geschieht. Nun aber hat das Elend, das sie sehen müssen, ihnen die Sprache verschlagen. Die Leiden des Freundes, sein Scherz erscheinen ihnen derart groß, unauslotbar, daß sie nicht imstande sind, auch nur ein tröstendes Wort über die Lippen zu bringen.

[...]


1 So der Titel einer Übung, die die Schnittmenge mit dem Hiob-Seminar darstellt.

2 Silvia Schroer (1989) „Entstehungsgeschichtliche und gegenwärtige Situierungen des Hiob-Buches.“ In: Ökumenischer Arbeitskreis für Bibelarbeit (Hg.) Hiob. Zürich: Benzinger Verlag; Basel: Reinhardt Verlag, pp. 35-62, p. 37f.

3 Franz Hesse (1978) Hiob. Züricher Bibelkommentare: Altes Testament. Zürich: Theologischer Verlag, p. 13.

4 Schroer, p. 38.

5 So u.a. Friedrich Horst (51992) Hiob: 1. Teilband Hiob 1-19. Biblischer Kommentar Altes Testament, Bd. XVI/1. Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag, p. 3.

6 Artur Weiser (1959) Das Buch Hiob. Das Alte Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, p. 25f.

7 Horst, p. 9.

8 Horst, p. 4.

9 Weiser, p. 31.

10 Weiser, p. 31.

11 Weiser, p. 32.

12 Horst, p. 4.

13 Hesse, p. 35.

14 Hesse, p. 36.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Hiobs Leid und das Leid homosexueller Männer. Eine Untersuchung zu Hi 14, 7-17
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Altes Testament)
Veranstaltung
Das Buch Hiob im Rahmen biblischer und außerbiblischer Weisheitsliteratur
Note
gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
24
Katalognummer
V27923
ISBN (eBook)
9783638298391
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zunächst erfolgt eine Exegese der Bibelstelle. Im Kontext des Tun-Ergeh-Zusammenhangs wird die Klage von und bei iob thematisiert und der Klage schwuler Männer (im Nationalsozialismus und als Opfer homophober Gewalt) gegenüber gestellt.
Schlagworte
Hiobs, Leid, Männer, Eine, Untersuchung, Buch, Hiob, Rahmen, Weisheitsliteratur
Arbeit zitieren
Ralf Strauss (Autor:in), 2000, Hiobs Leid und das Leid homosexueller Männer. Eine Untersuchung zu Hi 14, 7-17, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27923

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