„The Case for Animal Rights“. Bestehen Tieren gegenüber direkte Pflichten?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Direkte und Indirekte Pflichten

3. Moral Agents und Moral Patients

4. Das Subjekte-eines-Lebens Kriterium und der Inhärente Wert

5. Das Respekt-Prinzip

6. Kritik und Anmerkungen

7. Fazit

Quellen

1. Einleitung

Lange Zeit haben die Menschen die Umwelt und die Natur ausgebeutet. Doch seit dem letzten Jahrhundert hat der Tierschutz in Deutschland viel erreicht. Tierschutz ist gesetzlich vorgeschrieben und so gilt in Deutschland, dass „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“1 ist. Doch der positive Schein trügt. Die Zeitschrift Die Zeit titelte am 8. April 2010: „Der Kampf gegen Tierversuche ist heuchlerisch. In unserem Alltag nehmen wir tausendfaches Leid in Kauf. Dagegen hilft kein strengeres Gesetz, sondern ein Bewusstseinswandel.“2 Bevor eine konkrete Umsetzung stattfinden kann, muss man sich aber klarmachen, wieso dies geschieht.

Während rassistische Strömungen stark bekämpft wurden, geht die Gleichstellung der Tiere kaum voran. Wolf sieht den Grund für diese Ohnmacht vor allem in dem Fakt, „daß Tiere auch künftig nie politische Subjekte sein werden, die ihre Interessen selber vertreten und organisierten Druck ausüben können.“3 Dennoch treten im vergangenen Jahrhundert vermehrt Philosophen auf, welche die Stellung der Tiere untersuchen, für ein neues Verhältnis zwischen den Spezies plädieren und eine Basis schaffen wollen, nach der ein moralischer Umgang mit anderen Lebewesen orientiert werden kann. Bevor man allerdings darüber diskutieren kann, wie viel Tiere moralisch zählen und ob demzufolge eine Gleichberechtigung zwischen Mensch und Tier geschaffen werden sollte, gilt es sich der vorangestellten Frage zu widmen, ob überhaupt direkte Pflichten gegenüber Tieren bestehen. Diese Arbeit nähert sich der Frage nach der moral considerability mithilfe von Tom Regans Grundlegung in „The Case for Animal Rights“. Wolf bezeichnet seinen Entwurf als die „fortschrittlichste humanistische Position“4, die wir zurzeit finden können. Im Vordergrund steht dabei eine objektive Wertbasis von Rechten.5 Im Zuge dieser Arbeit wird erläutert, welche Eigenschaften in welcher Weise berücksichtigt werden müssen, um darüber zu entscheiden, ob direkte Pflichten anderen Lebewesen gegenüber bestehen. Zunächst soll allerdings die Fragestellung noch ein wenig konkretisiert werden.

Rippe stellt zwei Ebenen der Diskussion über den moralischen Status der Tiere auf.

Auf der ersten Ebene der Diskussion um den moralischen Status der Tiere geht es lediglich darum, ob überhaupt Verpflichtungen bestehen. Es gilt zu betrachten, welche Eigenschaften Lebewesen aufweisen müssen, um moralisch berücksichtig zu werden. Die zweite Ebene hinterfragt die jeweilige moral significance, die untersucht, ob alle Lebewesen gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen. Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass Gleichberechtigung nicht gleichbedeutend mit Gleichbehandlung zu verstehen ist.6

Eine Pflicht ist eine „verbindliche Aufgabe oder Handlung, der gegenüber sich der Einzelne oder eine Gruppe verantwortlich weiß.“7 Für diese Untersuchung ist es notwendig zwischen direkten und indirekten Pflichten zu unterscheiden. Dies soll das folgende Kapitel leisten.

2. Direkte und indirekte Pflichten

Es besteht eine Unterscheidung zwischen indirekten und direkten Pflichten. Entscheidendes Merkmal für eine Abgrenzung zu direkten Pflichten, ist Behauptung bezüglich indirekter Pflichten, „wir hätten bei der moralischen Beurteilung einer Handlungsweise nur die Folgen auf die moral agents zu berücksichtigen.“8 Das bedeutet, dass wir niemals Verpflichtungen Tieren gegenüber haben, sondern dass es höchstens Pflichten gibt, die Tiere beinhalten, dies aber nicht um ihrer selbst willen. Regan nutzt das anschauliche Beispiel eines wertvollen Kunstwerkes. Wir haben diesem gegenüber keine direkten Verpflichtungen, sondern sehen uns vielmehr der kommenden Generatio verpflichtet, es aufzubewahren und zu schützen. An dieser Stelle besteht eine indirekte Pflicht der Menschheit gegenüber, die das Kunstwerk mit einschließt.9 Es gibt einige Philosophen, die der Meinung sind, dass Tieren gegenüber lediglich indirekte Pflichten bestehen können. Beispiele sind Immanuel Kant und John Rawls.

Regan widmet sich diesen Positionen ausführlich und kommt zu dem Schluss, dass sie keinesfalls Speziesisten10 sind. Sie verneinen jedoch, dass wir als Menschen irgendetwas tun können, was andere Lebewesen positiv oder negativ beeinflusst.11 In allen untersuchten Darlegungen der indirekten Pflichten Tieren gegenüber erkennt Regan eine Willkür, da diese gegen die menschliche Intuition sprächen.12 An dieser Stelle ist es sinnvoll kurz zu betrachten, wie Regan selbst eine ideale ethische Theorie definiert, um diesen Einwand besser zu verstehen.

In seiner Grundlegung „The Case for Animal Rights“ widmet er sich zunächst dem moralischen Denken und Urteilen. Er präsentiert sechs verschiedene Ideen, die eine ideale ethische Theorie erfüllen sollte.

1. Konzeptuelle Klarheit: Das bedeutet, dass die für die moralische Beurteilung relevanten Begrifflichkeiten immer klar umrissen sein müssen.13

2. Urteil gemäß aller relevanten Informationen: Regan sagt, dass man, um moralisch zu urteilen, aus dem Kleiderschrank herauskommen müsse. Moralische Urteile geschehen in der realen Welt und so sei es unbedingt nötig realistische und umfangreiche Informationen zu sammeln.14

3. Rationalität: Regan gibt zu, dass dies ein schwieriges Konzept darstellt. Es geht hier aber darum, dass Beziehungen zwischen verschiedenen Ideen erkannt werden und Schlussfolgerungen zugelassen werden. Logische Bedingungen sollen also zugelassen werden. Rationalität orientiert sich somit nach Regan an den Regeln der Logik. Dieser Punkt soll dazu beitragen, eine Art Doppelmoral und Widersprüche zu vermeiden.15

4. Unparteilichkeit: Parteilichkeit bedeutet, dass man jemanden oder etwas bevorzugt. Parteilichkeit hingegen erkennt Regan als das „formale Prinzip der Gerechtigkeit“, weil es an sich nicht erklärt, welche Faktoren für die Abwägung entscheidend sind. Damit bildet es einen Teil von Gerechtigkeit, der durch eine normative oder materiell-rechtliche Komponente ergänzt werden muss. Für jede moralische Entscheidung ist Unparteilichkeit unverzichtbar.16

5. Coolness: Moralische Urteile sollen immer „in einer sachlich abwägenden Geisteshaltung“17, also mit einem kühlen Kopf, gefällt werden. Es ist oft nicht mehr möglich rational zu bleiben, wenn man zu sehr erregt ist.18

6. Valide Moralische Prinzipien: Ein Prinzip qualifiziert sich dann als moralisches Prinzip, wenn es allen moralischen Akteuren vorschreibt, in einer bestimmten Art und Weise zu handeln. Auf diese Weise liefert es rationale Richtlinien für Handlungen und die Lebensführung. Ein moralisches Urteil muss immer auf gültigen und korrekten moralischen Prinzipien basieren.19 Es gibt allerdings das Problem, dass es viele verschiedene und sich teilweise widersprechende Prinzipien gibt. Regan schlägt vier Kriterien vor, mit denen man moralische Prinzipien auf ihre Konsistenz überprüfen kann. Zunächst soll man diese auf ihre Konsistenz, also darauf ob sie logisch stimmig sind, prüfen. Zweitens gilt es zu betrachten, ob sie für die zu bewertende Problemsituation angemessen sind. Weiterhin muss ein moralisches Prinzip eine gewisse Präzision aufweisen. Regan glaubt, dass diese nicht zu vage formuliert sondern eher spezifisch sein sollten, da sie so von einem höheren Nutzen sind. Der letzte Punkt ist der, welcher wohl am häufigsten kritisiert wurde, gleichzeitig aber auch sehr wichtig für Regans gesamte Argumentation ist. Er stellt fest, dass moralische Prinzipien mit unserer moralischen Intuition übereinstimmen müssen. Es ist wichtig, dies hier näher zu erläutern.

Regan grenzt sein Verständnis von Intuition von anderen Definitionen ab. Demnach ist Intuition für ihn weder eine nicht beweisbare Proposition, eine selbst-evidente Wahrheit, noch eine ungeprüfte moralische Überzeugung. Die Bedeutung von Intuition, die am ehesten zu Regans Verständnis passt, ist die im reflexiven Sinne.20

„In this sense, our intuitions are those moral beliefs we hold after we have made a conscientious effort to satisfy five of the previously listed criteria of making an ideal moral judgment. It is to be assumed, that is, that we have conscientiously endeavored to think about our beliefs coolly, rationally, impartially, with conceptual clarity, and with as much relevant information as we can reasonably acquire. The judgments we make after we have made this effort are not our “gut responses”, nor are they merely expressions of what we happen to believe […].”21

Dies bedeutet zwar, dass das man auf die reflektierte Intuition hören soll, aber nicht, dass man sich immer auf diese verlassen sollte und kann. Man sollte dieser immer skeptisch gegenüber stehen. Auch Überzeugungen brauchen manchmal Reflektion und Revision. Regan sagt, dass wir nach einem reflexiven Gleichgewicht zwischen moralischen Prinzipien und Intuition bzw.

Überzeugungen streben sollten.22 Zusammenfassend plädiert Regan dafür, dass wenn man ein schlechtes Gefühl bei einer Theorie hat und man dieses auch nach reiflicher Überlegung nicht ablegen kann, dies durchaus das moralische Prinzip disqualifizieren kann. An diesen Kriterien misst Regan alles, andere ethische Theorien und natürlich auch seine Eigene.

Regan unterscheidet indirekte und direkte Pflichten. Eine direkte Pflicht bedeutet, dass „wir es uns gegenseitig schuldig sind auf eine bestimmte Weise zu handeln.“23 Diese Schuldigkeit erwächst allein aus dem Fakt heraus, dass sie einen bestimmten Eigenwert als Lebewesen haben. Direkte Pflichten bestehen gegenüber allen Mitgliedern der moralischen Gemeinschaft bzw. die moralische Gesellschaft besteht nur aus Lebewesen, denen gegenüber direkte Pflichten bestehen.24 In dieser Arbeit soll deshalb zunächst nach Regan aufgezeigt werden, ob und wieso Tiere Teil der moralischen Gesellschaft sind und ob wir ihnen demzufolge direkte Pflichten schuldig sind.

3. Moral Agents und Moral Patients

Die Definition direkter Pflichten besagt, dass diese innerhalb einer moralischen Gemeinschaft gelten. Aus diesem Grunde ist es unbedingt notwendig zunächst zu klären, wer dieser nach Regan angehört.

Regan unterscheidet zwischen moral agents und moral patients25.

„Moral agents are individuals who have a variety of sophisticated abilities, including in particular the ability to bring impartial moral principles to bear on the determination of what, all considered, morally ought to be done and, having made this determination, to freely choose or fail to choose to act as morality, as they conceive it, requires. Because moral agents have these abilities, it is fair to hold them morally accountable for what they do […].”26

Moral agents sind demzufolge Lebewesen, die in der Lage sind, moralische Entscheidungen zu treffen. Sie selber entscheiden bewusst über ihre Handlungen und tragen dadurch eine moralische Verantwortung. Gesunde, erwachsene Menschen sind in der Regel moral agents.27 Unter moral agents besteht eine Art Grundsatz der Wechselseitigkeit. Sie sind nicht nur Handelnde sondern natürlich auch Empfänger der Handlungen anderer. Wechselseitigkeit bedeutet, dass ihre Handlungen sich gegenseitig beeinflussen.28

Im Gegenteil zu den moral agents fehlt es den moral patients an den Grundlagen, die nötig wären, um ihre eigenen Handlungen so zu steuern, dass sie dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Sie können nicht darüber abwägen, was richtig und was falsch ist und so tun sie, selbst wenn sie beispielsweise jemanden verletzen, nichts falsches. Regan erkennt, dass man nur dann falsch handeln kann, wenn man in der Lage ist, dies zu erkennen. Einem Tier, welches einen Menschen tötet, fehlt es an moralischem Urteilsvermögen und so begeht es kein Unrecht. Säuglinge, Kleinkinder und Geistig Behinderte sind Beispiele für menschliche moral patients. Regan erkennt weiterhin zwei Kategorien von moral patients, in denen sie sich in moralisch relevanter Weise unterscheiden. Die erste Gruppe (A) ist bewusst und fühlend. Das heißt, dass diese Lebewesen beispielsweise Schmerz und Freude (im Sinne von Behagen) erleben. Ihnen fehlt es aber an weiteren Fähigkeiten. Die zweite Gruppe (B) besitzt darüber hinaus noch weitere geistige Fähigkeiten. Sie haben ein Bewusstsein von sich selbst, sind empfindungsfähig und besitzen weitere kognitive und volitionale Fähigkeiten: sie haben Überzeugungen und Wünsche, eine Wahrnehmung, Erinnerungsvermögen und einen Sinn für die Zukunft, auch einschließlich der Eigenen, ein Gefühlsleben, welches auch die Gefühle von Schmerz und Lust/Behagen einschließt, Interessen des Wohlergehens und Präferenzinteressen, ein Gefühl von Identität sowie ihr individuelles Wohlergehen um Sinne.29 Einige Tiere gehören der ersten Gruppe an, andere der Zweiten. In seinen folgenden Betrachtungen bezieht sich Regan immer auf die Gruppe (B), wenn er von moral patients spricht.

Obwohl moral patients nicht selber in der Lage sind, moralisch abzuwägen und zu handeln, können sie doch Empfänger der moralischen Handlungen von moral agents sein. In diesem Punkt besteht demnach eine Ähnlichkeit, doch das Verhältnis zwischen einem moral agent und einem moral patient ist niemals wechselseitig, da nur eine Seite richtig bzw. falsch handeln kann.30

4. Das Subjekte-eines-Lebens Kriterium und der Inhärente Wert

Regan unterscheidet zwischen moral agents und moral patients.

[...]


1 Tierschutzgesetz. §1.

2 Senkter. Respekt. S. 35.

3 Wolf. Tierethik. S. 120.

4 Ebd. S. 68.

5 Ebd. S. 69.

6 Rippe. Tierethik. S,. 405.

7 Der Brockhaus Philosophie. S. 250.

8 Flury. Der moralische Status der Tiere. S. 177.

9 Regan. The Case for Animal Rights (CFAR). S. 150.

10 Der Speziesismus bevorzugt Menschen gegenüber anderen Tieren rein aus dem Grund heraus, dass sie der menschlichen Spezies angehören. Siehe: Singer.

11 CFAR.. S. 193.

12 Ebd. S. 187.

13 Ebd. S. 127.

14 Ebd.

15 Ebd. S. 127 f.

16 Ebd. S. 128.

17 Flury. Der Moralische Status der Tiere. S. 171.

18 CFAR. S. 129.

19 Ebd. S. 130.

20 Ebd. S. 131 ff.

21 Ebd. S. 134.

22 Damit lehnt er sich an Rawls Kohärenztheorie an. Ebd. S. 134 f.

23 Regan. Die Tierrechtsdebatte. S. 73.

24 CFAR. S. 152.

25 Für diese beiden Begriffe gibt es kaum eine adäquate Übersetzung und auch deutsche Sekundärliteratur greift meistens die englischen Bezeichnungen auf. Man könnte die englischen Begriffe aber durchaus durch moralische Akteure und moralische Empfänger ersetzen.

26 CFAR. S. 151 f.

27 Regan ist sich bewusst, dass diese Annahme stark angreifbar ist und er greift sie nur unter Vorbehalt und um damit einfacher argumentieren zu können. CFAR. S. 151 f.

28 Ebd. S. 152.

29 Ebd. S. 153.

30 CFAR. S. 154.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
„The Case for Animal Rights“. Bestehen Tieren gegenüber direkte Pflichten?
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V279462
ISBN (eBook)
9783656733034
ISBN (Buch)
9783656733027
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
case, animal, rights, bestehen, tieren, pflichten
Arbeit zitieren
Juliane Strätz (Autor), 2012, „The Case for Animal Rights“. Bestehen Tieren gegenüber direkte Pflichten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279462

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