Warum lässt Gott Leid zu? Das Problem der Theodizee


Hausarbeit, 2011

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Charakter des Theodizeeproblems

3. Die Theodizeefrage im Alten Testament am Beispiel des Buchs Ijob

4. Die Theodizeefrage im Neuen Testament am Beispiel von „Die Heilung eines Blinden“(Joh 9, 1-12)

5. Exemplarische Lösungsversuche der Theodizee
5.1 Die individuelle Vergeltungslogik
5.2 Die kollektive Vergeltungslogik der Erbsündenlehre
5.2 Die kollektive Vergeltungslogik der Erbsündenlehre
5.3 Das Argument der Willensfreiheit
5.4 Das Problem der natürlichen Übel und Naturgesetze

6. Theodizee als „Fels des Atheismus“

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Anstoß, sich in einer Hausarbeit mit dem Problem der Theodizee beziehungsweise der Fragestellung, weshalb Gott das Leid zulässt, auseinander zu setzen, geht zum einen auf meinen Religionsunterricht im 12. und 13. Jahrgang zurück, in dem dieses Thema angeschnitten wurde und mein Interesse an einer tiefer gehenden Beschäftigung mit dieser Thematik bereits geweckt wurde, zum anderen auf die Andeutung bezüglich der Lösungsversuche der Theodizee im Islam in Dr. Michael Gartmanns Seminar im dritten Semester. Beide Male empfand ich großes Interesse an einer Weiterbearbeitung dieser Thematik, da ich es als wichtig empfinde, mich als angehende Religionslehrerin mit einem derart wichtigen Thema zu beschäftigen, das nicht nur auf die Glaubenden, sondern auch auf die Skeptiker so große Auswirkungen hat und das Denken vieler Menschen stark beeinflusst. Eine der wohl größten Fragen, die man sich stellt, wenn man Gott und dem Glauben gegenüber skeptisch ist, beschäftigt sich mit der Frage danach, ob eine Welt voll Übel und Leid, wie unsere sie ist, wirklich von Gott gewollt sein kann beziehungsweise warum er sie überhaupt in dieser Form erschaffen hat, wenn er doch allmächtig und zugleich gütiger ist.

Wäre er dazu in der Lage, eine bessere Welt zu schaffen? Wenn ja, warum hat er es nicht getan? Ist er wirklich allmächtig oder auch nur ohnmächtig wie wir Menschen und kann deshalb keinen Einfluss auf das Leid der Menschen nehmen und in das Geschehen auf der Welt eingreifen?

Bereits in der Bibel (insbesondere im Buch Ijobs im Alten Testament) beschäftigte man sich mit dieser Frage, die bis in die Gegenwart hinein christliches Denken determiniert. Die Theologie kann und sollte also weder von der Leidensgeschichte der Menschen absehen noch ihre Hoffnung auf Heil und Gerechtigkeit verraten, sondern sich diesem Problem stellen. Es handelt sich um eine Rückfrage an Gott und seine Allmacht und Güte, eine Klage über sinnloses Leiden auf der Welt und letzten Endes dennoch um eine Hoffnung, dass Gott die ungerechtfertigt Leidenden vom Leid befreien und retten möge.

Im Folgenden möchte ich mich vorerst dem Charakter des Theodizeeproblems sowie seiner Darstellung im Alten (am Beispiel des Buchs Ijob) und Neuen Testament (am Beispiel von „Die Heilung eines Blinden“ in Joh 9, 1-12) widmen. Im Anschluss daran erläutere ich exemplarisch vier Lösungsversuche der Theodizee. Darüber hinaus untersuche ich die These, die Theodizee bilde den „Fels des Atheismus“. Mit einem meine Nachforschungen resümierenden Fazit schließe ich meine Hausarbeit ab und gehe noch einmal näher auf die in der Einleitung aufkeimenden Fragestellungen bezüglich der Theodizee ein.

2. Der Charakter des Theodizeeproblems

Das Problem der Theodizee beschreibt den Widerspruch zwischen der Erfahrung von Leid und Übel und der Vorstellung von einem allmächtigen, vollkommenen Gott (Kreiner 2005: S. 17). Aus diesem Problem ergibt sich die Frage der Menschen, warum Gott das Leiden zulässt, beziehungsweise ob er überhaupt dazu in der Lage wäre, eine Welt ohne Leid zu erschaffen. Hieraus ergeben sich weitere Fragen wie beispielsweise die nach der Herkunft des Bösen, nach dem Gutsein Gottes sowie seiner Allmacht oder Ohnmacht. Es stellt sich zudem die Frage, ob sich hier ein Widerspruch zwischen dem theistischen Bekenntnis und der Leiderfahrung ergibt (Kreiner 2005: S. 17). Die Problematik der Theodizee lässt sich demnach nicht konkret in eine einzelne Frage fassen, sondern umfasst vielmehr ein ganzes Bündel unterschiedlicher, breit gefächerter Fragestellungen. Meist ergeben sich aus der möglichen Beantwortung einer dieser Fragen weitere Probleme. So vielfältig wie die Fragestellungen bezüglich der Theodizeefrage sind, so vielfältig sind auch ihre Lösungs- und Beantwortungversuche (Kreiner 2005: S. 16).

So versuchte der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz sich dem Problem anzunähern, indem er die Welt als einen aus allen einzelnen Dingen zusammenhängenden Kosmos betrachtete. Gott beschreibt er hierbei als den mit einem vollkommenen Willen ausgestatteten Ursprung aller Dinge und die höchste Vernunft. Folglich bezeichnete Leibniz auch unsere Welt als die beste aller möglichen Welten, weil alles, was Gott schaffe, vollkommen und in höchstem Maße vernünftig sein müsse. Auch hier zeigt sich, dass sich aus einem Beantwortungsversuch sofort wieder eine weitere Frage beziehungsweise ein Einwand ergeben kann, weil sich nach der von Leibniz entwickelten Theorie die Frage stellt, warum es dann Leid auf unserer Welt gibt, wenn sie seinem Ansatz nach doch die beste und vernünftigste aller möglichen Welten sei. Auch diese Frage versuchte Leibniz zu beantworten, indem er folgende Gleichung aufstellte: Perfektion = Gut + Böse. Demnach wäre unsere Welt nicht mehr perfekt, wenn man das Böse aus ihr herauslösen würde, weil das Böse (beziehungsweise das Leid) ebenso zum Teil des göttlichen Plans gehöre wie das Gute.

Leibniz vertrat hier ein äußerst optimistisches Weltbild und eine positive Meinung bezüglich der Theodizee, da er alles Leid als im Ganzen unserer Welt gerechtfertigt betrachtete. Der Mensch war für ihn also ein Teil des Ganzen, das sich der höchsten Vernunft unterordnen müsse.

Der französische Philosoph nahm hierzu Stellung, indem er sich in einem Gedicht über das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 äußerte und sich anhand dieser Erfahrung von Leid dem Theodizeeproblem widmete. Voltaire bezeichnete hier die Menschen, die der Meinung seien, unsere Welt sei die bestmögliche Welt, als Zyniker ohne Empathie ihren Mitmenschen gegenüber. Seiner Ansicht nach ist in unserer Welt kein göttlicher Plan erkennbar und somit das Leid und Übel auf ebendieser auch nicht erklärbar oder entschuldbar. Zudem betrachtete er den einzelnen Menschen nicht als Teil eines Ganzen, sondern wandte ein, dass jeder Mensch einen Wert an sich habe und somit unsere Mitmenschen anstelle einer höchsten Vernunft das Maß aller Dinge seien.

Ein weiterer Lösungsversuch stammt vom Theologen Gisbert Greshake. Seinen Ausgangspunkt bildet die These, das Leid sei ein Bestandteil einer freien Welt. Hierauf reagierte man mit Kritik, indem sich die Frage ergab, ob eine Welt der Freiheit überhaupt lohnenswert sei, wenn mit ihr das Vorhandensein von Leid verbunden wäre. Greshake entgegnete hierauf, Gott wolle weder das Leid noch die Sünde oder den Beziehungsabbruch zum Menschen, er sei jedoch kein Herrengott oder Diktator, sondern wolle die Freiheit des Menschen und lasse somit das Böse und das Leid zu.

Dies sind nur einige der zahlreichen Lösungsversuche des Theodizeeproblems.

Die Erfahrungen der Menschen von Leid und Übel stellen eine der ältesten und gravierendsten Herausforderungen für den Glauben an einen allmächtigen und vollkommenen Gott dar. Im heutigen Zeitalter wird uns dieses brisante Thema nicht nur dann bewusst, wenn wir selbst unmittelbar Schmerz erleiden, sondern auch, wenn wir in mittelbarer Weise von den Medien mit Berichten und Fotos bezüglich des globalen Leides konfrontiert werden (Kreiner 2005: S. 15).

Obwohl wir also ständig mit dem Problem der Theodizee konfrontiert werden und bereits zahlreiche Versuche einer Lösung und Beantwortung der damit zusammenhängenden Fragen existieren, sind wir Menschen unzufrieden mit der herrschenden Ungewissheit und entwerfen immer neue Theorien und Thesen in der Hoffnung, unser Gewissen sowie unsere Wissensgier und unser Unverständnis damit beruhigen zu können.

3. Die Theodizeefrage im Alten Testament am Beispiel des Buchs Ijob

Das Buch Ijobs befindet sich in den Büchern der Lehrweisheit und den Psalmen des Alten Testaments und wurde nach seinem Protagonisten, der den Namen Ijob trägt, benannt. Zur Zeit dieser Geschichte lebte der Nomade Ijob gemeinsam mit seiner Frau und seinen 7 Söhnen sowie 3 Töchtern in Uz. Er besitzt 7000 Schafe und Ziegen, 3000 Kamele, 1000 Rinder und 500 Esel. Zudem sind ihm zahlreiche Knechte und Mägde unterstellt. Insgesamt wird Ijob als rechtschaffener, gottesfürchtiger Mann beschrieben, der sich von Bösem fern hält. Er war für die damaligen Verhältnisse wohlhabend und sowohl von seinen Mitmenschen, als auch von Gott hoch angesehen, sowie seinen Kindern ein guter und bemühter Vater. Der Satan war jedoch der Ansicht, Ijob verhalte sich nur deshalb so gottesfürchtig und untadelig, weil Gott ihn und seinen Besitzt schützt und segnet und fordert Gott auf, seinen Knecht Ijob auf die Probe zu stellen: „Geschieht es ohne Grund, dass Ijob Gott fürchtet? Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land. Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen.“ (Buch Ijob 1, 9-11).

Gott lässt sich unter der Voraussetzung, Ijobs Leben nicht anzutasten, auf die Probe ein. Hiermit beginnen die insgesamt drei Leiden Ijobs: zuerst verliert er sein komplettes Reichtum und im Anschluss daran seine Kinder. Trotz dieser Erfahrungen Ijobs von Leid und Übel blieb er Gott treu und frei von Sünde: „Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; / nackt kehre ich dahin zurück. / Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; / gelobt sei der Name des Herrn.“ (Buch Ijob 1, 21). Kurz darauf kommen Gott und Satan erneut über Ijob ins Gespräch und unterhalten sich über seine Entwicklung während der Plagen. Während Gott Ijobs Frömmigkeit nun als vollkommen bewiesen betrachtet (sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten), zweifelt Satan weiterhin am Knecht Gottes und schlägt vor, Ijobs eigenen Körper anzugreifen und ihn so auf die Probe zu stellen: „Haut um Haut! Alles, was der Mensch besitzt, gibt er hin für sein Leben. Doch streck deine Hand aus und rühr an sein Gebein und Fleisch; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen.“ (Buch Ijob 2, 4-6). Auch hierauf lässt Gott sich (ebenfalls unter der Voraussetzung, Ijobs Leben zu schonen) ein. Das Buch Ijob spiegelt in der Rahmenerzählung ein problematisches Gottesbild wider, da Gott hier als zynischer Wett- und Testgott dargestellt wird, der sich auf einen „Wettstreit“ mit dem Bösen, dem Satan, einlässt.

So folgt die dritte Plage, indem Ijobs Körper vom Scheitel bis zur Fußsohle von Geschwüren übersät wird. Während Ijobs Frau ihren Mann fragt, ob er selbst unter diesen Voraussetzungen von Leid und Übel an seiner Frömmigkeit festhalte, sündigt Ijob noch immer nicht, erduldet das Leid klaglos und hält treu zu Gott. Seine Leiden sind also „Zeugnisleiden“ zur Ehre Gottes.

Ijobs Freunde zeigen hier einen Lösungsversuch für das in diesem Buch beschriebene Theodizeeproblem auf, indem sie den Tun-Ergehen-Zusammenhang beziehungsweise die individuelle Vergeltungslogik (siehe Kapteil 5.1) als Erklärung für das Leid Ijobs betrachten. Demnach müsse Ijob Schuld auf sich geladen haben, da Gott ihm nicht ohne Grund Leid zufüge. Zudem könne Gott ihm nur verzeihen und ihn von seinem Leid befreien, wenn Ijob seine Schuld einsehe. Das Leid wird hier zum einen als Straf- und Züchtigungsmittel, zum anderen als Mittel der Warnung, Mahnung und Erziehung benutzt.

Ijob entgegnet, er könne und wolle nicht länger an die Gerechtigkeit Gottes glauben, da dieser sich nicht an den Tun-Ergehen-Zusammenhang halte, sondern willkürlich handle. Er beharrt also auf seiner Unschuld und büßt somit erstmals seine Frömmigkeit ein. Im Anschluss daran fordert Ijob Gott zu einem Rechtsstreit heraus, um seine Unschuld beweisen zu können. Gott zeigt sich bereit, mit Ijob in den Rechtsstreit zu treten und auf die Anklage seines Knechts zu antworten. Letzten Endes kommt es zu einer Umkehr und Unterwerfung Ijobs. Er verweist hier auf das Schöpfungshandeln Gottes und seine Allmacht und formuliert einen Vorwurf an seine Freunde, weil er zu der Meinung gelangte, Gott lasse sich in kein Schema beziehungsweise auf kein Bild festlegen. Demnach könne man sein Handeln auch nicht in den Tun-Ergehen-Zusammenhang pressen, sondern sei für uns Menschen unergründlich: „Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; / kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? / So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, / die zu wunderbar

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Warum lässt Gott Leid zu? Das Problem der Theodizee
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Katholische Theologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V279593
ISBN (eBook)
9783656727118
ISBN (Buch)
9783656727088
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodizee, Gott, Leid, Hiob, Ijob
Arbeit zitieren
Viktoria Mey (Autor), 2011, Warum lässt Gott Leid zu? Das Problem der Theodizee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279593

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