Die Darstellung der Dichtung in Friedrich Schillers „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“


Hausarbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schiller und seine Lyrik
2.1 Schiller und die lyrische Tradition
2.2 Schillers lyrischer Stil

3. Einordnung der Gedichte „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“ in eine Epoche

4. Darstellung der Dichtung in den ausgewählten Werken Schillers

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als wir uns im Seminar „Aspekte der Lyrik“ im Wintersemester 2011/2012 mit der Klassik und zwei Gedichten Schillers, in welchen er seine Ansichten bezüglich der Dichtung schildert, beschäftigten, wurde mein Interesse geweckt, mich näher mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Auffällig erschien mir seine auf die Vergangenheit (also die Antike) gerichtete Utopie im Bezug auf die Dichtung sowie seine Verzweiflung bezüglich ihrer Entwicklung. Schillers Umgang mit seinen Ansichten und die tiefere Bedeutung seiner Thesen erscheint mir einer genaueren Betrachtung wert, weshalb ich mir überlegte, mich diesem Thema im Rahmen einer Hausarbeit zu widmen.

Außerdem beschäftigten wir uns im Rahmen unseres Seminars in Kürze mit Schillers besonderer Position in der lyrischen Tradition sowie seinem sonderbaren, auffälligen Schreibstil. Auch das Wissen innerhalb dieser Bereiche würde ich gern im Rahmen einer Hausarbeit vertiefen, um so eventuell tiefer in die von mir zu untersuchenden Texte eindringen und andere Blickwinkel wahrnehmen zu können.

2. Schiller und seine Lyrik

2.1 Schiller und die lyrische Tradition

Schiller pflegt ein besonders positives, nahezu passioniertes Verhältnis zur lyrischen Dichtkunst. Er lässt ihr zahlreiche Funktionen und Wirkungen bezüglich des menschlichen Lebens zukommen und verehrt sie damit nicht nur als eine Form der Kunst, sondern als einen Bestandteil des Lebens. Deutlich wird dies unter anderem in einem Zitat Schillers: „Was Erfahrung und Vernunft an Schätzen für die Menschheit aufhäuften, müßte Leben und Fruchtbarkeit gewinnen und in Anmut sich kleiden in ihrer schöpferischen Hand. Die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit müßte sie, geläutert und veredelt, in ihrem Spiegel sammeln und mit idealisierender Kunst aus dem Jahrhundert selbst ein Muster für das Jahrhundert erschaffen. Dies aber setzte voraus, daß sie selbst in keine andre als reife und gebildete Hände fiele.“.1

Aus dem Zitat geht jedoch deutlich hervor, dass er für diesen Prozess einen Leser voraussetzt, der die Lyrik zu schätzen und mit ihr umzugehen weiß. Diesen bezeichnet er als „legens doctus“2.

Schiller forderte jedoch nicht nur vom die Dichtung rezipierenden Leser ein Verständnis für Lyrik, sondern stellte auch an den Dichter selbst hohe Anforderungen. So beschrieb er den idealen Dichter als „Poeta doctus“, also einen „gebildeten Geist“, welcher sowohl bezüglich des Intellekts auch im Bezug auf die Sittlichkeit mit dem Leser gleichgestellt ist.3 Unter diesen Voraussetzungen traut er es der Dichtung sogar zu, Jahrhunderte stark zu prägen und charakterisieren. Darüber hinaus vertritt Schiller die Ansicht, die lyrische Dichtkunst sei mehr als ein bloßes Handwerk, sondern stelle die Geheimnisse des Denkers in einer „Bildersprache“ dar, welche bereits mit „Kindersinn“ zu entziffern sei. Für Schiller geht es bei der Dichtkunst also nicht nur darum, Ideen und Gedanken zu vermitteln, sondern diese auch in eine leicht verständliche „Bildersprache“ umzusetzen, also dem Leser Großes in einfacher Form nahe zu bringen:

„Nur dem großen Talent ist es gegeben, mit den Resultaten des Tiefsinns zu spielen, den Gedanken von der Form los zu machen, an die er ursprünglich geheftet, aus der er vielleicht entstanden war, ihn in eine fremde Ideenreihe zu verpflanzen, so viel Kunst in so wenigem Aufwand, in so einfacher Hülle so viel Reichtum zu verbergen.“4.

Zudem ist es für ihn von Bedeutung, nicht unbedingt Seltenheiten darzustellen, sondern vielmehr nicht unbedingt als authentisch empfundene Inhalte, da es in der Dichtkunst insbesondere auf ein „[...] umfassendes Studium schöner Muster und auf Strenge gegen sich selbst [...]“5 ankomme.

Schillers Dichtung ist bestimmt vom lyrischen Erbe seiner Vorgänge. Hierbei lässt er sich von einer Mischung aus barockem Pathos, Sturm und Drang, aufgeklärtem 18. Jahrhundert sowie der Antike beeinflussen. An dieser Stelle lassen sich zahlreiche Vorbilder des Lyrikers Schiller nennen. Beispielhaft hierfür stehen Petrarca und sein Canzoniere, die Lyriker des Barock - primär Opitz und Gryphius, die Lyriker der Aufklärung - insbesondere von Kleist, von Haller, Gellert und Uz sowie die Lyriker der antiken Tradition - vor allem Ovid, Vergil, Horaz, Martial, Klopstock, Schubart, Ossian und Bürger. Koopmann bringt die Wirkung der Mischung ebendieser Vorbilder zum Ausdruck, indem er erläutert, man könne das aus den unterschiedlichen Einflüssen entstandene Ganze nicht als eine „[...] harmonische Einheit, sondern als bewußt ordnungslose, asyndetische Auseinandersetzung […] mit lyrischen Traditionen und Vorlagen [...]“ betrachten. Schiller selbst kommentiert sein Vorgehen ironisch mit den Worten: „Gestohlen Brot schmeckt gut.“.6

Im Folgenden widme ich mich weiteren Autoren und Epochen, welche Wurzeln des Lyrikers Schiller bilden und Einfluss auf seine Werke nahmen.

So beeinflusste der durch Francesco Petrarca (eben bereits erwähnt) ins Leben gerufene „Petrarkismus“, der in Werken wie „Canzoniere“ beziehungsweise „Rerum vulgaria fragmenta“ zum Ausdruck kommt, Schillers lyrische Tätigkeiten. Im „Petrarkismus“ geht es hauptsächlich um Liebesgedichte, welche weder die Geliebte idealisieren noch spontane Empfindungen thematisieren sollen. Vielmehr folgen sie einem festen Prinzip, sind bewusst konstruiert und unterliegen einer bewusst komponierten Sprachmelodie. Die Protagonistin dieser Gedichte bildet die Hauptmannswitwe Laura, die wohl weit mehr durch ihren Geist als durch ihre körperliche Schönheit die Autoren anzog und so zum Thema ihrer Dichtung wurde. Ihr Name wurde bezeichnend für die Verbindung von Liebe und Tod sowie für die Vergänglichkeit von Liebe. Durch Lauras Tod und ihre Stellung als verheiratete Frau wurde sie ein Symbol für Unerreichbarkeit und rief somit in den Betroffenen Empfindungen wie Empathie, Verzicht, Verzweiflung, Hingabe oder auch den Wunsch nach Hoffnung und Liebe hervor. Auch „[...] Tugenden wie Treue, Entsagung und Mitleid“7 assoziierte man von nun an mit ihrem Namen.

Neben Schiller und Petrarca befassten sich weitere Autoren mit der Laura thematisierenden Liebesdichtung, darunter Klopstock, Goethe, Opitz, Lessing, von Hoffmannswaldau und Shakespeare. Auch diese Autoren beeinflussten die Dichtung Schillers in seiner jeweiligen Lebensphase.8

Teile der Lyrik Schillers beruhen zudem auf barocken Strukturen sowie Einflüssen barocker Emblematik des 16. und primär 17. Jahrhunderts. So verwendet Schiller zahlreiche barocke Vorstellungen wie beispielsweise die Widmung an den Tod, die Verweise auf Themen wie Kosmos, Geschichte sowie Pflanzen- und Tiermetaphern und die Metaphorik im Bezug auf Adler, Sonne und Flug. Hier geht er davon aus, sich auf gebildete Leser verlassen zu können, welche ebendiese Bilder sofort erkennen und dechiffrieren können. So verwendet er die Sonne sinnbildlich für Begriffe wie Selbsterkenntnis, Selbstfindung und Verjüngung, der Adler steht einerseits für Stolz andererseits jedoch auch für den Sturz und der Flug bildet ein Motiv der Zeit im Bezug auf Vergangenheit, Ewigkeit und Zukunft. Insgesamt thematisiert Schiller hier

das Thema der Freiheit beziehungsweise der Befreiung. Darüber hinaus setzt Schiller bewusst eine Steigerung veranschaulichender Aussagen ein. Hier nutzt er gekonnt einen fließenden Übergang zwischen akustischen und optischen Signalen, welche dem Großteil der Leser bereits bekannt sind. So erreicht er einen Höchstgrad an Anschaulichkeit trotz Verwendung komplexer Anspielungen und Bilder. Es bleibt jedoch zu erwähnen, dass Schiller nur sehr punktuell die Strukturen und Themen des Barock übernimmt und diese zum Teil sogar ironisiert. Zudem wurden barocke Themen wie die Allmacht und Gegenwart des Todes, Dualismen bezüglich der Begriffe Geist und Sinnlichkeit oder Liebe und Verwesung sowie Schönheit/Jugend und Auflösung/Tod primär im lyrischen Frühwerk benutzt. Insbesondere Gryphius und Opitz bilden Beispiele für diese Verwendung barocker Themen. Trotz des zum Teil ähnlichen lyrischen Aufbaus, bleibt der Einfluss der Dichtung des Gryphius auf die Werke Schillers bis heute nicht hinreichend erforscht.9

Neben dem „Petrarkismus“ und der Tradition des Barock finden sich in Schillers Gedichten auch Züge der Aufklärung im Bezug auf sein Gedankengut sowie Themen und stilistische Parallelen zur Zeit des Sturm und Drang. Sein Verhältnis zur Aufklärung ist jedoch kein schlichtweg positives. Er kritisiert, wie auch in seinen Gedichten „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“ deutlich wird, beispielsweise die moderne Form der Dichtung anhand eines Verweises auf die von ihm sehr geschätzte Lyrik der Antike, an der sich neue Dichter besser orientieren sollten: „Möchten […] doch unsere junge Dichter […] zu den alten Griechen und Römern wieder in die Schule gehen und ihren bescheidenen Kleist, Uz und Gellert wieder zur Hand nehmen - möchten sie - doch was sollten sie nicht alle mögen! Unsere modischen Skribenten wissen gar zu gut, was sie dem gegenwärtigen Geschmack auftischen müssen, um Entree zu bekommen.10 “ In diesem Zitat wird jedoch ebenfalls deutlich, dass Schiller die Meinung vertritt, es mangele den Dichtern mittlerweile an einem empfangenden Ohr, das sich der Lyrik mit Herz und Verstand widme. Auch diesen Aspekt verarbeitet Schiller in seinen beiden bereits oben erwähnten Gedichten „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“, auf die ich in einem weiteren Kapitel näher eingehen werde. Zudem vertrete er die Meinung, man solle in einem Gedicht seine Ideen anhand einer Verbindung von Gedanken und Bildern zum Ausdruck bringen. Für ihn ist das Verhältnis zwischen Bild und Begriff also ein ebenbürtiges, in dem das Bild einen künstlerischen Wert sowie Selbständigkeit erhält. Seiner Ansicht nach könne man so die

[...]


1 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 117.

2 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 117.

3 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 117.

4 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 118.

5 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 118.

6 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 118.

7 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 121.

8 Vgl.: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 119-123.

9 Vgl.: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 123-128.

10 Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1998. S. 128.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Dichtung in Friedrich Schillers „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Aspekte der Lyrik
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V279598
ISBN (eBook)
9783656726852
ISBN (Buch)
9783656741480
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, dichtung, friedrich, schillers, dichter, welt, macht, gesanges
Arbeit zitieren
Viktoria Mey (Autor), 2012, Die Darstellung der Dichtung in Friedrich Schillers „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279598

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