Schiller pflegt ein besonders positives, nahezu passioniertes Verhältnis zur lyrischen Dichtkunst. Er lässt ihr zahlreiche Funktionen und Wirkungen bezüglich des menschlichen Lebens zukommen und verehrt sie damit nicht nur als eine Form der Kunst, sondern als einen Bestandteil des Lebens. Deutlich wird dies unter anderem in einem Zitat Schillers: „Was Erfahrung und Vernunft an Schätzen für die Menschheit aufhäuften, müßte Leben und Fruchtbarkeit gewinnen und in Anmut sich kleiden in ihrer schöpferischen Hand. Die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit müßte sie, geläutert und veredelt, in ihrem Spiegel sammeln und mit idealisierender Kunst aus dem Jahrhundert selbst ein Muster für das Jahrhundert erschaffen. Dies aber setzte voraus, daß sie selbst in keine andre als reife und gebildete Hände fiele.“ Aus dem Zitat geht jedoch deutlich hervor, dass er für diesen Prozess einen Leser voraussetzt, der die Lyrik zu schätzen und mit ihr umzugehen weiß. Diesen bezeichnet er als „legens doctus“.
Schiller forderte jedoch nicht nur vom die Dichtung rezipierenden Leser ein Verständnis für Lyrik, sondern stellte auch an den Dichter selbst hohe Anforderungen. So beschrieb er den idealen Dichter als „Poeta doctus“, also einen „gebildeten Geist“, welcher sowohl bezüglich des Intellekts auch im Bezug auf die Sittlichkeit mit dem Leser gleichgestellt ist.
Schillers Dichtung ist bestimmt vom lyrischen Erbe seiner Vorgänger. Hierbei lässt er sich von einer Mischung aus barockem Pathos, Sturm und Drang, aufgeklärtem 18. Jahrhundert sowie der Antike beeinflussen. An dieser Stelle lassen sich zahlreiche Vorbilder des Lyrikers Schiller nennen. Beispielhaft hierfür stehen Petrarca und sein Canzoniere, die Lyriker des Barock - primär Opitz und Gryphius, die Lyriker der Aufklärung - insbesondere von Kleist, von Haller, Gellert und Uz sowie die Lyriker der antiken Tradition - vor allem Ovid, Vergil, Horaz, Martial, Klopstock, Schubart, Ossian und Bürger.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schiller und seine Lyrik
2.1 Schiller und die lyrische Tradition
2.2 Schillers lyrischer Stil
3. Einordnung der Gedichte „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“ in eine Epoche
4. Darstellung der Dichtung in den ausgewählten Werken Schillers
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ansichten Friedrich Schillers zur Dichtkunst anhand der beiden Gedichte „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“. Ziel ist es, Schillers lyrische Positionierung, seinen spezifischen Stil sowie die Einordnung dieser Werke in den Kontext der literarischen Epochen zu analysieren.
- Schillers Verhältnis zur lyrischen Tradition und sein Schreibstil
- Epochenübergreifende Analyse der gewählten Gedichte (Klassik, Aufklärung, Romantik)
- Die Dichtung als Spiegel gesellschaftlicher und religiöser Wandlungsprozesse
- Untersuchung der Metaphorik und der Rolle des Dichters bei Schiller
Auszug aus dem Buch
4. Darstellung der Dichtung in den ausgewählten Werken Schillers
In seinem Gedicht „Die Dichter der alten und neuen Welt“ aus dem Jahre 1795 charakterisiert Schiller zwei unterschiedliche Welten. Zum einen geht er auf die „alte Welt“ ein, in der ein unmittelbarer Kontakt zwischen dem Dichter und seinem Publikum geherrscht und ein Austausch stattgefunden habe, zum anderen beschreibt er die „neue Welt“, in der der Dichter sein Publikum nicht mehr erreiche, weshalb sich die Frage stellt, ob die Adressaten die Lyrik nicht mehr zu schätzen wissen beziehungsweise der Lyrik nicht mehr mit ausreichend Herzblut begegnen. Dem „neuen“ Lyriker fehlt demnach ein empfangendes Ohr (Vers 9: „[...] es fehlt ach! Ein empfangendes Ohr.“). Außerdem erreichen sie keine Bewegung mehr im Gegensatz zu den alten Dichtern und sind nicht dazu in der Lage, Gedanken und Gefühle zu übermitteln.
Die missliche Lage liegt also nicht nur in den Lesern, sondern auch in den Autoren begründet, weil diese nicht mehr dazu in der Lage zu sein scheinen, das Entscheidende und Wahre zu erkennen und es anschließend in die Welt zu tragen. Zudem vergleicht er die alten mit den neuen Dichtern. Hier erwähnt Schiller, dass die alten Dichter der Antike (also der Zeit zwischen 1200 und etwa 800 oder 600 vor Christi) sich nicht nur der puren Dichtung widmeten, sondern zusätzlich Sänger waren und ihre Lyrik mit einer Leier vertonten (Vers 4-9). Sie beschäftigten sich also auch mit der mündlichen Rede.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und Erläuterung des Interesses an Schillers Ansichten zur Dichtkunst sowie seiner lyrischen Tradition.
2. Schiller und seine Lyrik: Untersuchung von Schillers Verhältnis zur Tradition, seinem Schreibstil und den Einflüssen durch den Petrarkismus und das Barock.
3. Einordnung der Gedichte „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“ in eine Epoche: Diskussion der zeitlichen Verortung der Gedichte im Spannungsfeld zwischen Klassik, Aufklärung und Romantik.
4. Darstellung der Dichtung in den ausgewählten Werken Schillers: Detaillierte Analyse der beiden Gedichte hinsichtlich der Charakterisierung von „alter“ und „neuer“ Welt sowie der Rolle des Dichters.
5. Fazit: Zusammenfassende Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf mögliche weiterführende Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Lyrik, Dichtkunst, Klassik, Epochenvergleich, Petrarkismus, Aufklärung, Romantik, Poetologie, Sprachstil, Bildersprache, Literaturwissenschaft, Geistesgeschichte, Literaturtradition, Kunstverständnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Ansichten Friedrich Schillers zur Dichtung, wie sie in den Gedichten „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“ zum Ausdruck kommen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen Schillers Verhältnis zur lyrischen Tradition, sein spezifischer Schreibstil sowie die Frage, wie er die Rolle des Dichters in verschiedenen Epochen bewertet.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung von Schillers Dichtungsverständnis aufzuzeigen und zu klären, warum er die „moderne“ Dichtung kritisch betrachtet und sich nach antiken Idealen sehnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den historischen Kontext (Epochen) als auch die textimmanente Analyse der Gedichte unter Einbeziehung von Fachliteratur kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung von Schillers Lyrik im Rahmen verschiedener Traditionen (Barock, Aufklärung) und die spezifische Textanalyse der beiden genannten Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben Schillers Namen vor allem Epochenbegriffe wie Klassik und Romantik, das lyrische Erbe sowie der Begriff der „Kunstreligion“.
Wie vergleicht Schiller in seinen Gedichten die Antike mit seiner eigenen Gegenwart?
Schiller stellt die Antike als Idealzustand dar, in dem ein unmittelbarer Austausch zwischen Dichter und Publikum möglich war, während er die Gegenwart als Zeit der Entfremdung und des mangelnden Verständnisses beklagt.
Welche Bedeutung misst Schiller der Religion in Bezug auf die Dichtkunst bei?
Schiller neigt dazu, die Dichtkunst in den Rang einer „Kunstreligion“ zu erheben, wobei er ihr die Fähigkeit zuschreibt, spirituelle Orientierung zu geben, während er gleichzeitig die traditionelle Religion kritisch hinterfragt.
- Citar trabajo
- Viktoria Mey (Autor), 2012, Die Darstellung der Dichtung in Friedrich Schillers „Die Dichter der alten und neuen Welt“ und „Die Macht des Gesanges“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279598