Bildungsziel "Nachhaltige Entwicklung". Leitbild, Konzeption und mögliche Impulse durch die phänomenologische Pädagogik


Diplomarbeit, 2011
130 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2 Einleitung

3. Das Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“
3.1 Die historische Entwicklung des Leitbilds
3.1.1 Die Ursprünge in der Forstwirtschaft
3.1.2 Die Grenzen des Wachstums
3.1.3 Der Brundtland-Bericht
3.1.4 Der Erdgipfel von Rio
3.2 Grundlegende Prämissen, Dimensionen und Strategien
3.2.1 Dersoziale Leitgedanke: Gerechtigkeit
3.2.1.1 Intergenerationelle Gerechtigkeit
3.2.1.2 Intragenerationelle Gerechtigkeit
3.2.2 Das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung
3.2.2.1 Ökologie
3.2.2.2 Ökonomie
3.2.2.3 Soziales
3.2.3 Strategien nachhaltiger Entwicklung
3.2.3.1 Effizienz
3.2.3.2 Konsistenz
3.2.3.3 Suffzienz
3.2.3.4 Ökologischer Fußabdruck und Umweltraum-Prinzip
3.2.4 Der Indikatoren-Katalog nachhaltiger Entwicklung
3.2.4.1 Ökologische Indikatoren
3.2.4.2 Ökonomische Indikatoren
3.2.4.3 Soziale Indikatoren
3.3 Diskussion: Nachhaltige Entwicklung - Die Quadraturdes Kreises?
3.3.1 Begriffliche Fragestellungen
3.3.1.1 Starke oder Schwache Nachhaltigkeit
3.3.1.2 Fehlende inhaltliche Eingrenzung
3.3.2 Wissenschaftstheoretische Fragestellungen
3.3.2.1 Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse
3.3.2.2 Fehlende Objektivität der Forschung
3.3.3 Ethische Fragestellungen
3.3.3.1 Ethnozentrismus
3.3.3.2 Unzureichende Reflexion ethischer Fragestellungen

4. Die Konzeption „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
4.1 Die historische Entwicklung derKonzeption
4.1.1 Der Paradigmenwechsel in der Umweltbildung
4.1.1.1 Von der Konservation zur Innovation
4.1.1.2 Von der Eindimensionalität zur Multidimensionalität
4.1.1.3Vom Bedrohungs- zum Modernisierungsszenario
4.1.2 Von der Agenda 21 zur Bildung für nachhaltige Entwicklung
4.1.2.1 Das Bildungsverständnis in derAgenda
4.1.2.2 Der Orientierungsrahmen der Bund-Länder-Kommission
4.1.3 Die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“
4.1.3.1 Exkurs: Transformationsgesellschaft
4.1.3.2 Bildung für nachhaltige Entwicklung und Lebenslanges Lernen
4.1.3.3 Das aktuelle Förderprogramm der Bund-Länder-Kommission
4.2 Grundlegende Inhalte, Ziele und Handlungsfelder
4.2.1 Kernthemen
4.2.1.1 Der Syndromansatz des WBGU
4.2.1.2 Ökologische Kernthemen
4.2.1.3 Ökonomische Kernthemen
4.2.1.4 Soziale Kernthemen
4.2.2 Das Kompetenzmodell
4.2.2.1 Der Katalog der Schlüsselkompetenzen der OECD
4.2.2.2 Das Kompetenzmodell innerhalb der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung
4.2.3 Der Sachstand in den verschiedenen Bildungsbereichen
4.2.3.1 Vorschulische Bildung
4.2.3.2 Schulische Bildung
4.2.3.3 Berufliche Bildung
4.3 Bildung für nachhaltige Entwicklung - nachhaltige Bildung?
4.3.1 Begriffliche Fragestellungen
4.3.1.1 Fehlende inhaltliche Eingrenzung
4.3.1.2 Fehlende methodische Eingrenzung
4.3.2 Machtanalytische Perspektive auf Bildung für nachhaltige Entwicklung
4.3.2.1 DiskursiveStrukturen
4.3.2.2 Gouvernementale Strukturen
4.3.3 Bildungstheoretische Fragestellungen
4.3.3.1 Reduktion auf rationale Bedeutungsmuster
4.3.3.2 Unzureichende pädagogische Reflexion der Zeitstrukturen

5. Skizze: Der mögliche Beitrag der phänomenologischen Pädagogik für die Bildung für nachhaltige Entwicklung
5.1... Kurze Darstellung der wichtigsten Begriffe
5.1.1 Husserls Begriffder Lebenswelt
5.1.2 Merleau-Pontys Begriffder Leiblichkeit
5.2... Lernen als Erfahrung
5.2.1 Die Frage nach dem Ursprung des Lernens
5.2.1.1 Störung des Selbstverständlichen
5.2.1.2 Suchbewegungen
5.2.2 Lernen auf Umwegen
5.2.2.1 Derfruchtbare Moment
5.2.2.2... Vom lebensweltlichen Auskennen zum wissenschaftlichen Wissen
5.2.3 Impulse für die Bildung für nachhaltige Entwicklung
5.2.3.1 Reflexion der Inhalte und der praktischen Umsetzung
5.2.3.2 Anknüpfung an lebensweltliche Erfahrungen
5.2.3.3 Offenheit des Bildungsprozesses
5.3... Erfahrungsfelder
5.3.1 Leiblichkeit
5.3.1.1 Der Pathos
5.3.1.2 Der bewegte Beweger
5.3.1.3 Bedeutung der Lernumwelt und Reflexion des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur
5.3.2... Die Bedeutung derZeit im Lernprozess
5.3.2.1... Das Zeitbewusstsein des Menschen
5.3.2.2 Momente der Verzögerung
5.3.2.3 Kritische Auseinandersetzung mit gouvernementalen Praktiken und pädagogische Reflexion der Zeitdimension
5.3.3 Die Bedeutung des Anderen
5.3.3.1 Lernen als intersubjektiver Vollzug
5.3.3.2 Das Fremde und Ansätze interkultureller Bildung
5.3.3.3 Kritische Auseinandersetzung mit dem Vorwurfdes Ethnozentrismus und dem Gerechtigkeitsparadigma

6 Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„Es muß eine Zeit kommen, da es eine Wissenschaft der Zukunft wie der Vergangenheit giebt, da Kraft dieser Wissenschaft die edelsten Menschen so gut für die Nachwelt als für sich rechnen“ (Herder, 1792, S. 375).

Im Jahr 2002 rief die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN) auf Empfehlung des „Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005-2014“ aus. Ziel der Initiative ist es, das Leitbild1 einer nachhaltigen Entwicklung weltweit in den nationalen Bildungssystemen zu verankern. Als oberstes Bildungsziel nennt die Initiative „den Menschen beizubringen, wie sie die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft zukunftsfähig gestalten können.“ (UNESCO, 2011a)

Bildung für nachhaltige Entwicklung orientiert sich an der Zukunft der Gesellschaft, und diese Zukunft sollen die Menschen selbst gestalten. Im gegenwärtigen Diskurs klingt die Synthese aus Zukunftsvorstellung und Verantwortung plausibel und innovativ, ein Blick in die Kulturgeschichte offenbart jedoch, dass diese Idee auf eine lange Tradition zurückblickt: „Verantwortung für zukünftige Generationen ist ein uraltes Thema der Menschheit. Verantwortung für zukünftige Generationen ist seit Jahrtausenden wahrgenommen worden, ohne dass es dazu einer expliziten Ethik de Zukunftsverantwortung bedurft hätte“ (Birnbacher, 1988, S. 9.).

Im Folgenden soll ein kurzer Blick in die Geschichte einen ersten Einstieg in den Themenkomplex „Nachhaltige Entwicklung“ beziehungsweise in die damit verbundene Gedankenwelt eröffnen.

Die Vorstellung einer Zukunft im Sinne eines umfassenden Entwurfs, was künftig einmal geschehen wird, war in der Theologie der Antike und des Mittelaltes einzig im Glauben an die providentia dei, die göttliche Vorsehung, enthalten. Bereits in den antiken religionsphilosophischen Schriften wird von einer göttlichen Kraft ausgegangen, die den gesamten Kosmos ordnet (vgl. Grober 2010, S. 49.). Im Mittelalter wird diese Theorie mit der Vorstellung einer drohenden Apokalypse komplexer. Aus Bibelexegese und komplizierten Berechnungen wurde ein Weltzeitkalender entworfen und zahlreiche Theorien zum vermeintlichen Zeitpunkt der Apokalypse. Im Mittelalter existierte unsere heutige Vorstellung von Zukunft deshalb noch nicht und im Kontext der aktuellen Zukunfts­und Nachhaltigkeitsdebatte ließe sich also überspitzt formulieren: „Wer an die Providentia glaubt, braucht keinen Nachhaltigkeitsbegriff. Denn die Zukunft liegt in Gottes Hand“ (Grober, 2010, S. 54.). Dieser Effekt wurde verstärkt durch die Vorstellung der Wiederkehr Christi, im Sinne einer Zeitverkürzung des Lebens als Gnade Gottes. Entscheidend ist hierbei die Vorstellung, dass die Entwicklung der Menschheit einem außerweltlichen Ziel entgegenstrebte, dessen Erreichung jenseits des subjektiven Handlungshorizonts lag.

Spätestens mit Beginn der Aufklärung und den sich etablierenden Natur- und Geschichtswissenschaften geriet die gesamte theologische Erklärungswelt in eine tiefe Krise. Die Kritik an der apokalyptischen Theorie fiel zusammen mit der unleugbaren Beschleunigung menschlichen Fortschritts und eröffnete einen vollkommen neuen Erwartungshorizont. Zum ersten Mal erschien Zukunft offen, beziehungsweise in Anbetracht einer Hochrechnung der weiteren fortschrittlichen Entwicklung angesiedelt „zwischen Planung und Utopie“ (Koselleck, 1985, S. 99). Damit war „ein langfristiger geschichtlicher Erwartungshorizont eröffnet, den Gelehrte und Schriftsteller aller Art nun zu nutzen begannen, um der Menschheit neue Aufgaben zu stellen, neue Hoffnungen zu wecken, aber auch, um ihr neue Gefahren vor Augen zu führen, die in der unendlichen Fülle der kommenden Zeiten ihrer harrten“ (Hölscher, 2003, S. 141).

In der Aufklärung verlagerte sich somit die Vorstellung des Mittelalters von einer außerweltlichen Zielbestimmung der Menschheit zu einem „rein innerweltlichen Erwartungsbegriff“ (Koselleck, S. 98) - „Die Zukunft der Menschheit wurde damit gewissermaßen aus dem Jenseits ins Diesseits, aus der Ewigkeit in die Geschichte hineingezogen“ (Hölscher, 1999, S. 45.).

Erst in der Aufklärung konnte eine Zukunft gedacht werden, die in Anbetracht des menschlichen Fortschritts gestaltbar wurde und die Idee einer „Ersetzung des Weltendes durch die Weltperfektion“ (Blumenberg, 1986 S. 244.) aufkommen ließ. In Reflexion auf den kategorischen Imperativ schien die Beschleunigung der Entwicklung hin zu einem Zustand des Weltfriedens möglich2.

Problematisch wurde diese Vorstellung jedoch durch die Diskrepanz der potentiell ewigen Weltzeit, und der eigenen begrenzten Lebenszeit. In Anbetracht eines angestrebten Zustands des Weltfriedens musste die gegenwärtige Lebenssituation stets defizitär bleiben3. Die logische Folge aus dieser Überlegung ist die subjektive Ausschöpfung aktueller Möglichkeiten, beziehungsweise „eine unbestimmt offene Zukunft in lebenszeitliche Proportionen zurückzuholen [...]. In der Spannung, die durch Dissoziation von Lebenszeit und Weltzeit entstand, kam es darauf hinaus, mehr und schließlich vielleicht alles in die Lebenserwartung des konkreten und hinfälligen Subjekts hereinzuziehen oder hineinzuzwingen“ (Blumenberg, 1986, S. 239.). Die Konsum- und Produktionsmuster der Industrieländer spiegeln diesen, in der Aufklärung entstandenen Habitus letztlich immer noch wider.

An dieser Stelle lässt sich zusammenfassen: In der antiken und christlichen Vorstellung unterlag jegliche Entwicklung der Providentia-Lehre und auch die Verantwortung für die Schöpfung wurde von einem Gott getragen, dem Mensch kam die Aufgabe einer tugendhaften Lebensführung zu. Erst in der frühen Neuzeit änderte sich diese Vorstellung: Nun war der Mensch nicht nur fähig sondern auch verantwortlich für die Gestaltung einer offenen Zukunft. Die Zukunftsvisionen sollten nun mit aller Kraft vorangetrieben werden, um den idealen Endzustand der Menschheit möglichst schnell zu erreichen, freilich nicht ohne erhebliche Opfer, „denn im Lichte des Neuen und Großen kommender Jahrtausende schrumpften die mit der Durchsetzung des Neuen einhergehenden Zerstörungen des Bestehenden oft zu vernachlässigenswerten Opfern zusammen.“ (Hölscher 2003, S. 143.) Es war diese „Destruktionskraft des Utopismus“ (Hölscher 1999, S. 143.), die bereits in der Epoche der Romantik thematisiert wurde und letztlich auch die heutige Skepsis gegenüber dem Fortschritt begründet. Angesichts der Bedingungsfaktoren globaler Umweltrisiken scheint eine offene Zukunft zumindest fraglich.

Das dialektische Spannungsverhältnis aufklärerischen Denkens schlägt sich in der Verknüpfung von Fortschritt und Entfremdung nieder und scheint sich bis heute fortzusetzen: „Die Naturverfallenheit der Menschen heute ist vom gesellschaftlichen Fortschritt nicht abzulösen. Die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, die einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und den sozialen Gruppen, die über ihn verfügen, eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung“ (Horkheimer & Adorno, S,, Vorwort) .

Die Konzeption „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zielt darauf ab, Menschen „zukunftsfähig“ zu machen, indem ökologische, ökonomische und soziale Interessen in Einklang gebracht werden sollen angesichts drohender globaler Krisen. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern diese Konzeption in die Aporie der Vorstellung beschleunigten Fortschritts führt, die die Diskrepanz von Weltzeit und Lebenszeit beziehungsweise die Synergie von Fortschritt und Entfremdung weiter verstärkt. Weiterführend ist danach zu fragen, wie eine pädagogische Konzeption skizziert werden könnte, die eben jene Problematik zu umgehen versucht.

2. Einleitung

Obwohl der Begriff der nachhaltigen Entwicklung in den letzten Jahren auch im pädagogischen Diskurs äußerst populär geworden ist, scheint eine inhaltliche und methodische Fundierung noch äußerst marginal. Zielsetzung dervorliegenden Arbeit ist es deshalb, einen genaueren Blick auf die Konzeption „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu werfen und vorhandene Widersprüche aufzudecken. Deshalb soll der gegenwärtige Diskurs der Konzeption analysiert und im Kontext bildungstheoretischer Fragestellungen diskutiert werden. Im Anschluss wird der Versuch unternommen, unter Rückgriff auf die phänomenologische Pädagogik, Impulse eines erfahrungsbasierten Ansatzes für die Bildung für nachhaltige Entwicklung herauszuarbeiten.

Im Verlauf der Arbeit kristallisierten sich drei Fragestellungen heraus, die auch das inhaltlicheVorgehen leiten:

1. Was beinhaltet die Konzeption der Bildung für nachhaltige Entwicklung?
2. Welcher Kritik muss sich diese Bildungskonzeption stellen?
3. Inwiefern könnte die phänomenologische Pädagogik dahingehend wichtige Impulse für die Bildung für nachhaltige Entwicklung liefern?

Zu Beginn wird konkret nach dem aktuellen Verständnis des Begriffs „Nachhaltige Entwicklung“ gefragt und dessen jüngere Entwicklung im Kontext relevanter politischer Entscheidungsprozesse resümiert. Daran anschließend lassen sich grundlegende Prämissen, Dimensionen und Strategien aufzeigen, die den Kerngedanken des Leitbildes verdeutlichen. Des weiteren wird der Frage nachgegangen, inwiefern das Postulat einer nachhaltigen Entwicklung neue Perspektiven und Handlungshorizonte eröffnet, oder ob es sich bei diesem inflationär gebrauchten Begriff nicht doch um eine „Leerformel“ (Jänicke, 1993, S. 149.) handelt, die die unübersehbaren Divergenzen in den ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielsetzungen internationaler Akteure zu überdecken und drohende internationale Verteilungsprobleme schon im Vorfeld rhetorisch abzumildern sucht (vgl. Birnbacher & Schicha, 2011, S. 26.).

Im zweiten Teil wird der Fokus auf die aktuelle, bildungspolitisch motvierte Konzeption der Bildung für nachhaltige Entwicklung gelegt, deren theoretische Fundierung in der traditionellen Umweltbildung liegt. Bildung für nachhaltige Entwicklung ergänzt deren Themenspektrum jedoch um ökonomische und soziale Aspekte und impliziert somit ein erweitertes Bildungsverständnis. Außerdem basiert die Konzeption auf einem umfangreichen Katalog von Kompetenzen, in dessen Mittelpunkt die „Gestaltungskompetenz“ (vgl. Haan & Harenberg, 1998, S. 62.) steht. Dieses Bildungskonzept gilt es hinsichtlich seiner allgemeinen Inhalte und Methoden genauer darzustellen, um unter Bezugnahme auf die Problemfelder des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung die Tragfähigkeit der Bildungskonzeption zu diskutierten. Insbesondere soll danach gefragt werden, inwiefern die unzureichende begriffliche Einschränkung die Gefahr einer Instrumentalisierung im Kontext politischer Ökonomie birgt.

In einem dritten Teil wird der Versuch unternommen, ausgewählte Theorien der phänomenologischen Pädagogik hinsichtlich ihrer möglichen Beiträge für die Bildung für nachhaltige Entwicklung zu analysieren. In Form einer kurzen Skizze, werden Grundzüge phänomenologisch-pädagogischen Denkens dargestellt und thematisch auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung bezogen. Insbesondere die Implikation erfahrungs- und wahrnehmungsbasierter Ansätze sowie Überlegungen zur Bedeutung von Leib, Zeit und Alterität für den Lernprozess zeichnen den phänomenologischen Ansatz als besonders konstruktiv aus und könnten interessante Perspektiven für die Bildung für nachhaltige Entwicklung eröffnen.

Abschließend werden die gewonnenen Ergebnisse kurz zusammengefasst und ein Bezug zu den im Vorwort formulierten Gedanken hergestellt.

Methodisch richtet sich die Arbeit an der hermeneutischen Textinterpretation aus, wobei teilweise auch das dialektische Schema4 angewandt wird, um heterogene Standpunkte darzustellen. Gadamer beschreibt Hermeneutik auch als produktiven Prozess, aus dem sowohl der Auslegende als auch der auszulegende Gegenstand verändert hervorgehen.

Grundlegend hierbei ist die Vorstellung einer Zirkelbewegung zwischen Subjekt und Objekt: Zunächst versteht der Auslegende den Gegenstand aufgrund von „Sinneserwartungen, die aus unserem eigenen vorgängigen Sachverhältnis geschöpft sind“ (Gadamer, 1965, S. 278). Dieses Vorverständnis ändert sich bei weiterer Analyse und Beschäftigung mit dem Gegenstand und damit auch dessen Bedeutung. Dennoch handelt es sich um einen prinzipiell unabschließbaren Prozess, bei dem keine letzte Wahrheit gewonnen werden kann: „Die Ausschöpfung des wahren Sinnes aber, der in einem Text [...] gelegen ist, kommt nicht irgendwo zum Abschluß, sondern ist in Wahrheit ein unendlicher Prozeß. Es werden nicht nur immer neue Fehlerquellen ausgeschaltet, so daß der wahre Sinn aus allerlei Trübungen herausgefiltert wird, sondern es entspringen stets neue Quellen des Verständnisses, die ungeahnte Sinnbezüge offenbaren“ (Gadamer, 1965, S. 282.).

Die vorliegende Arbeit orientiert sich an diesem Verfahren, wobei eine große Herausforderung darin bestand, die recht umfassende Gesamtthematik komprimiert zur Darstellung zu bringen. Die einzelnen Kapitel erheben deshalb keinen Anspruch auf inhaltliche Vollständigkeit, sondern stellen in ihrer jetzigen Form einen thematischen Zugang unter vielen dar, der explizit von einem pädagogischen Vorverständnis geprägt ist.

3. Das Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“

Der deutsche Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ hat sich neben zahlreichen anderen Vorschlägen als Übersetzung des im internationalen Raum geprägten Begriffs „Sustainable Development“ durchgesetzt und wird aktuell grob erklärt als „ein globalisierter Zivilisationsprozess [...], der die Lebenssituation der heutigen Generation verbessert (Entwicklung) und gleichzeitig die Lebenschancen künftiger Generationen nicht gefährdet (Erhalt der Umwelt)“ (Brockhaus, 1998, S. 322.).

Neben dieser sehr allgemein gehaltenen Definition gibt es eine Vielzahl weiterer Definitionen, die zur allgemeinen Begriffsverwirrung beitragen (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011). Analysiert man die beiden Begriffe hinsichtlich ihrer Wortbedeutung wird bereits ersichtlich, warum eine Definition so schwer fällt: Das Adjektiv „nachhaltig“ bedeutet soviel wie „etwas das andauert, anhält, oder das man zurückbehält“ (vgl. Kluge, 2002, S.443.). „Entwicklung“ wiederum beinhaltet die Bedeutung einer allmählichen „Herausbildung“ (vgl. ebd., S. 249.). In zeitlicher Dimension weist der Begriff also einerseits in die Zukunft, andererseits birgt er Aspekte einerVergangenheitsreflexion.

Die Problematik liegt darin, dass je nach Intention des Sprechers der entwicklerische, fortschrittliche, beziehungsweise der nachhaltige, konservative Aspekt betont wird und somit die aktuellen Interessen beziehungsweise die Bedürfnisse der „Weltgesellschaft als Ganzes“ in den Vordergrund gerückt werden. Der Begriff erweist sich deshalb als äußerst janusköpfig: Statik und Bewegung, Erhalt des Bestehenden und ökonomischer Fortschritt, Freiheit des Einzelnen und Zukunftsfähigkeit der Gattung - sich stark kontrastierende Forderungen sollen hier harmonisch verbunden werden.

Diese Zwiespältigkeit bedingt die kontroverse Diskussion um die Inhalte des Leitbilds. Dennoch lässt sich eine grobe Kursrichtung innerhalb der verschiedenen Ideen ausmachen, wenn man zunächst die Entstehungsgeschichte des Leitbilds genauer analysiert.

3.1 Die historische Entwicklung des Leitbilds

Im folgenden Kapitel wird die historische Entwicklung des Begriffs kurz skizziert. Ausgehend von der ursprünglichen Verwendung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ in der Forstwirtschaft werden die bedeutendsten politischen Entwicklungen zum Thema vorgestellt.

3.1.1 Die Ursprünge in der Forstwirtschaft

Die erste schriftliche Erwähnung des Prinzips der Nachhaltigkeit findet sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Zusammenhang mit forstwirtschaftlichen Überlegungen. Der Rohstoff Holz wurde zu jener Zeit stark genutzt, überwiegend als Baustoff und Energieträger. Dementsprechend wurden weite Flächen in Europa gerodet - schnell wurde deutlich, dass dieses Prinzip der Übernutzung zu einem baldigen Rohstoffmangel führen würde (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011). Deshalb taucht in dieser Zeit zum ersten Mal der Begriff der Nachhaltigkeit auf: In einer umfangreichen Abhandlung fordert der sächsische Berghauptmanns von Carlowitz, „daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weil es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welches das Land in seinem Esse nicht bleiben mag“ (Carlowitz, 1732, S. 105.) Dieses ökonomische Prinzip war damals eine ebenso innovative Idee, wie die Forderung, den folgenden Generationen die selbe Ressourcennutzung zu erhalten: „Jede weise Forstdirektion muß daher die Waldungen des Staates [...] so zu benutzen suchen, daß die Nachkommenschaft wenigstens eben so viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die letztlebende Generation zueignet“ (Hartig, 1804, S. 1.). Damit wird bereits ein weiteres fundamentales Element des heutigen Verständnisses nachhaltiger Entwicklung, die generationenübergreifende Gerechtigkeit thematisiert.

Interessant erscheint, dass die damaligen Bemühungen einer nachhaltigen Forstwirtschaft insofern ins Leere liefen, als die langfristigen Planungen durch unvorhersehbare Naturphänomene und Kriege zunichte gemacht wurden, beziehungsweise die Ressource Holz durch die Entdeckung neuer Rohstoffe und Fertigungsmöglichkeiten zunehmend an Bedeutung verlor (vgl. Grober, 2010.).

3.1.2 Die Grenzen des Wachstums

Die heutige, weit über die Forstwirtschaft hinausgehende Bedeutung des Begriffs „Nachhaltige Entwicklung“ lässt sich zurückführen auf die in den 60er und 70er Jahren ausgelösten internationalen Debatten über Umwelt und Entwicklung. Die negativen ökologischen Folgen der Produktions- und Lebensstile in den Industriestaaten, sowie die zunehmende Armut in den Entwicklungsländern zogen eine tiefe Verunsicherung und allgemeine Fortschrittskritik nach sich. Im Jahr 1972 publizierte der Club of Rome5 seine Studie „Die Genzen des Wachstums“, die in der westlichen Gesellschaft für eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema sorgte. Basierend auf dem Modell der Dynamik komplexer Systeme wurden folgende damals aktuelle Trends extrapoliert: „Beschleunigte Industrialisierung“, „rapides Bevölkerungswachstum“, „weltweite Unterernährung“, „Ausbeutung der Rohstoffreserven“ und „Zerstörung des Lebensraumes“ (vgl. Meadows et. al., 1972, S. 15.). Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass bei Fortschreibung der Trends „die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht [werden]. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität“ (ebd. S. 17). Mit dem Bericht des Club of Rome und der darin angemahnten, vor allem ökonomischen Problematik fand die Debatte um den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie endlich Eingang in den wissenschaftlichen Diskurs und „in die Arena der internationalen Kooperation“ (Strehlow & Strothmann, 2009, S. 12.). Allerdings stieß der Bericht auch auf harte Kritik seitens namhafter Ökonomen, die die wissenschaftliche Fundierung des Berichts anzweifelten (vgl. Kupper, 2003, S. 104.). Darüber hinaus musste sich der Club of Rome dem Vorwurf stellen, als „Vetreter des Monopolkapitals“ letztlich materielle Interessen zu verfolgen, indem „die Problematisierung des industriellen Wachstums einer neuen Wachstumsindustrie als Starthilfe [dient]“ (Enzensberger, 1973, S. 19. ). Nicht zuletzt stellte das im Bericht geforderte „Nullwachstum“ als Ausweg aus der Krise ein für die Entwicklungsländer inakzeptables Postulat dar (vgl. Kupper, 2003, S. 105.).

3.1.3 Der Brundtland-Bericht

Der Brundtland-Bericht gilt als Meilenstein in der konkreteren Entwicklung des Leitbilds. Angesichts der drohenden Umwelt- und Entwicklungsproblematik publizierte die von der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland eingesetzte Un-Kommission für Umwelt- und Entwicklung 1987 den Bericht „Our common future“. Dort taucht erstmals eine Definition von „Sustainable Development“ auf, wie sie auch heute noch oft verwendet wird:

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“ (WCED, 1987, S. 54).

In diesem Bericht wurde das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung6 insofern konkretisiert als dass eine Integration sowohl von Umwelt- als auch Entwicklungskonzepten gefordert wurde und damit der sozio-ökonomische Kontext der Nachhaltigkeits-Debatte in den Fokus gerückt wurde. Unter dem Motto „From one earth to one world“ (WCED, 1987, S. 18.)wurden erfolgreiche Bekämpfung der Armut, Befriedigung von Grundbedürfnissen und ökonomische Entwicklung als Voraussetzung für ökologisches Problembewusstsein interpretiert. Umgekehrt galt eine intakte Ökosphäre als Basis ökonomischer und sozialer Entwicklungen (vgl. Brockhaus, 1998, S. 323).

Letztendlich exemplifiziert diese Konstellation eine weitere Problematik des Leitbilds: Die im Brundtland-Bericht präsentierten Forderungen blieben in ihrer Formulierung relativ allgemein und damit sehr interpretations-offen, um den stark polarisierenden Positionen innerhalb der Kommission eine „einvernehmliche Handlungsstrategien für mehr Nachhaltigkeit vorschlagen zu können“ (Grunwald, 2006, S.22.). Beispielsweise wurde eine „Engine-of-Growth-Theorie“ vertreten, die beinhaltet, dass eine nachhaltige Entwicklung „hauptsächlich durch verstärktes Wirtschaftswachstum und die Entwicklung neuer Technologien erreicht werden müsse“ (Brockhaus, 1998, S. 323.). Mit dieser Haltung wurde versucht, der Forderung der Entwicklungsländer nach einer nachholenden

Entwicklung zu entsprechen, was allerdings zwangsläufig mit ökologischen Zielsetzungen kollidieren musste. Der Konflikt zwischen den Forderungen der Industrieländer nach verbindlichen Umweltschutzmaßnahmen und den Bedürfnissen der Entwicklungsländer nach wirtschaftlichem Wachstum lässt sich auf die Frage nach der Gerechtigkeit zurückführen: „Soll Entwicklung sich auf den Wunsch nach Wasser, nach Land, nach Einkommenssicherheit richten oder auf das Verlangen nach Flugreisen und Aktien? Auf Überlebensbedürfnisse oder auf Wohlstandsbedürfnisse? [...] Die Brundtland-Definition suggeriert ein Sowohl-Als-Auch - und vermeidet damit, sich der Gerechtigkeitskrise wirklich zu stellen“ (Brand, 1997, S. 99f.).

Die relative Unschärfe des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung, wie sie in der Definition des Brundtland Berichts zum ersten Mal auftaucht, spiegelt das Fehlen einer gemeinsamen ethischen Basis. Die Vorstellung der Idee der Gerechtigkeit oder der Befriedigung von Grundbedürfnissen bleibt rückgebunden an den jeweiligen Standpunkt des Sprechers. Trotz dieser Schwäche sorgte der Bericht mit seiner Forderung nach Integration von umwelt- und entwicklungspolitischen Aspekten für eine stärkere Konturierung und öffentliche Etablierung der Idee nachhaltiger Entwicklung und gab letztlich den Anstoß für den „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro.

3.1.4 Der Erdgipfel von Rio

Mit der 1992 in Rio de Janeiro abgehaltenen UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung („Erdgipfel von Rio“) etablierte sich das globale Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“ endgültig im politischen Diskurs. Ziel war es, die im Brundtland-Bericht präsentierten Forderungen auch in international verbindliche Verträge und Konventionen umzusetzen und somit einen konkreten Plan zur Verwirklichung nachhaltiger Entwicklung zu konzipieren (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011.). Die größte Herausforderung lag in der Vermittlung zwischen den Forderungen der Industriestaaten nach mehr Umweltschutz und dem Bedürfnis der südlichen Länder nach wirtschaftlicher Entwicklung.

An der Konferenz nahmen insgesamt 178 Staaten und 2400 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen teil, die mitunter extrem kontroverse Standpunkte vertraten. Besonders der bestehende Konflikt zwischen den Ländern des Nordens und des Südens stellte eine große Problematik dar - während die südlichen Länder das auf Konsum und Produktion basierende Zivilisationsmodell der Länder des Nordens kritisierten, ließen deren Vertreter keinen Zweifel an der Unverhandelbarkeit ihres Modells7.

Durch die außergewöhnliche Verhandlungsatmosphäre, den so genannten „Geist von Rio“ (Brockhaus, 1998, S. 323.), das beharrliche Engagement einzelner Staaten und die verstärkte mediale Berichterstattung, die den Druck auf die Entscheidungsträger deutlich erhöhte, endete die Konferenz relativ erfolgreich mit der Unterzeichnung der Klimarahmenkonvention, deren Ziel es ist, „die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“ (UNFCCC, 1992, Artikel 2.). Weiterhin wurden die Biodiversitätskonvention, die Walderklärung sowie die so genannte „Rio-Deklaration“ anerkannt, die unter anderem eine nähere Definition des Begriffs „Nachhaltige Entwicklung“ beinhaltet:

„Das Recht auf Entwicklung muss so verwirklicht werden, dass den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen der heutigen und der kommenden Generationen in gerechter Weise entsprochen wird. Damit eine nachhaltige Entwicklung zustande kommt, muss der Umweltschutz Bestandteil des Entwicklungsprozesses sein und darf nicht von diesem getrennt betrachtet werden“ (UNCED, 1992, S.1.). Außerdem ist ein expliziter Appell an die Industrie-Nationen enthalten, mit der Forderung „nicht nachhaltige Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten ab[zu]bauen und [zu] beseitigen und eine geeignete Bevölkerungspolitik [zu] fördern“ (ebd., S.2). An diese Forderung schließt unmittelbar die „Agenda 21“ an, einem „Aktionsplan für das 21. Jahrhundert“ in dem konkrete Handlungsfelder und Umsetzungsformen nachhaltiger Entwicklung präsentiert werden.

Trotz dieser Fortschritte bezüglich eines konkreten ökologischen und sozialen Handlungsprogramms hatten die unterzeichneten Dokumente lediglich Vorschlagscharakter und beinhalteten keine überprüfbaren Verpflichtungen für die Teilnehmerstaaten (vgl. Brockhaus, 1998, S. 323.).

2002 wurde auf dem „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg Bilanz gezogen, inwiefern die vor zehn Jahren in Rio aufgestellten Forderungen tatsächlich umgesetzt worden sind - die Ergebnisse waren ernüchternd: Altner konstatiert, dass das „Desaster der Nichteinlösung, vielleicht auch der Nichteinlösbarkeit“ (Altner, 2002, S. 2.) letztlich in der Problematik einer globalisierten Welt selbst liegt, in der politische Handlungsmöglichkeiten mit der Expansion des neoliberalen Weltmarkts schwinden, was eine Problemspirale entstehen lässt, die die aktuellen Bemühungen um nachhaltige Entwicklung katastrophal erschweren:

Einerseits etablierte sich das Leitbild nachhaltiger Entwicklung in Zusammenhang bedeutsamer internationaler Konferenzen und trug wesentlich dazu bei, „dass Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie und Solidarität in der internationalen Politik an Gewicht und Anerkennung gewonnen haben“ (Hoering, 2002, S. 25.).

Andererseits entwickelt sich im Zuge der Globalisierung eine ausufernde Weltwirtschaft, „mit ihrer Vision vom freien Weltmarkt und ungehinderter Mobilität von Kapital, Waren, Unternehmen und Dienstleistungen [...] und ihren ehernen Gesetzen von Profit, shareholder value und Machtkonzentration in der Hand transnationaler Konzerne“ (ebd., S. 25.). In einer globalisierten Welt verringert sich der Entscheidungsspielraum der Vereinten Nationen und der Weltkonferenzen damit zunehmend, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen kann in Anbetracht uneingeschränkten Wirtschaftswachstums und Wohlstandsvermehrung nicht aufgehalten werden. Seine verheerendste Wirkung entfaltet diese Problematik in Konstellation mit den Bedürfnissen der Bevölkerung in den Entwicklungsländern: „Nach wie vor buchstabieren die meisten Regierungen des Südens nachhaltige Entwicklung als nachholende Entwicklung, nacheifernd dem Vorbild der Industrieländer, das in Rio als eine wesentliche Ursache für den drohenden Kollaps des Planeten identifiziert worden war“ (ebd. S. 7). Letztendlich sind es diese Herausforderungen, mit denen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung noch heute zu kämpfen hat.

Fasst man die historische Entwicklung zusammen, so wird deutlich, dass der Begriff eine immense Ausdehnung erfahren hat. Von der ursprünglichen Verwendung in der Forstwirtschaft und der Betonung umwelttheoretischer Fragestellungen wurde „Nachhaltige Entwicklung“ eine Leitidee zur Lösung globaler Probleme:

Die ursprüngliche Verwendung des Begriffs in der Forstwirtschaft meint die Verbindung ökonomischer Zielkriterien mit dem Schutz der natürlichen Ressourcen, also eine Nutzung, die den Erhalt der aktuellen Bestände respektiert.

Im Zuge umwelt- und entwicklungspolitischer Diskussionen wurde dieses Prinzip auf globale Trends bezogen, insbesondere auf den Zusammenhang zwischen aktuellem Ressourcenverbrauch und steigendem Bevölkerungswachstum. Dass dieser eher ökonomisch geprägte Ansatz zu kurz griff, wurde spätestens mit dem Brundtland-Bericht deutlich, der den Zusammenhang zwischen ökologischen und sozialen Problemen verdeutlichte und eine „nachhaltige Entwicklung“ forderte, in der die Bedürfnisse aller Menschen respektiert werden sollten.

Die konkretere Umsetzung dieser Forderung erfolgte dann mit dem Erdgipfel von Rio und insbesondere der Agenda 21. Es wurde versucht, einen international verbindlichen Zielkatalog für eine nachhaltige Entwicklung zu entwerfen. Besonders die bestehende Kluft zwischen den Ländern des Nordens und des Südens sollte überwunden und eine innovative Umweltpolitik etabliert werden.

Diese Ziele konnten bislang nicht erreicht werden, was die Glaubwürdigkeit des Leitbilds erheblich einschränkt. Es erscheint deshalb sinnvoll, zunächst einen Blick auf die theoretischen Begründungsmuster zu werfen, um daran anschließend die grundlegende Problematik des Leitbilds aufzeigen zu können.

3.2 Grundlegende Prämissen, Dimensionen und Strategien

Wie bereits deutlich wurde, beinhaltet das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung sowohl Umwelt- als auch Entwicklungsaspekte. Grundlegend ist der soziale Leitgedanke der Gerechtigkeit sowohl zwischen allen heute lebenden Menschen als auch zwischen den Generationen im Sinne einer Verantwortung der heute lebenden Menschen für alle künftig auf der Erde Lebenden.

Dabei lassen sich drei Dimensionen selektieren - Ökologie, Ökonomie und Soziales - die miteinander in Wechselwirkung stehen. In den Überschneidungen dieser drei Aspekte werden spezifische Handlungsfelder und Strategien nachhaltiger Entwicklung ersichtlich.

3.2.1 Dersoziale Leitgedanke: Gerechtigkeit

Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung ist äußerst schwer einzugrenzen - das mag insbesondere daran liegen, dass nachhaltige Entwicklung „kein ausschließlich wissenschaftlich bestimmbarer Begriff, sondern ein gesellschaftlich-politisches und damit normatives Leitbild“ (Grunwald, 2006, S. 7.) darstellt.

3.2.1.1 Intergenerationelle Gerechtigkeit

Dem Leitbild liegt die Idee der sozialen Gerechtigkeit zugrunde, die eng mit der Forderung nach Zukunftsverantwortung verbunden ist. Zukunftsverantwortung bedeutet dann eine „langfristige Sicherung und Weiterentwicklung der Grundlagen der menschlichen Zivilisation angesichts der begrenzten Belastbarkeit der natürlichen Umwelt und ökonomischer und sozialer Zukunftsrisiken“ (Grundwald, 2006, S. 27.). Die ethische Basis des Leitbilds als Sorge für die nachfolgenden Generationen ist also einerseits die intergenerationelle Gerechtigkeit (Renn et. al. , 1999, S. 29.).

3.2.1.2 Intragenerationelle Gerechtigkeit

Darüber hinaus impliziert das Leitbild die Idee der intragenerationellen Gerechtigkeit im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit zwischen den heute lebenden Menschen. Wie bereits im Brundtland-Bericht gefordert, muss nachhaltige Entwicklung die Erfüllung der Grundbedürfnisse sicherstellen, insbesondere der in den Entwicklungsländern lebenden Menschen und darauf aufbauend eine bessere Lebensqualität ermöglichen (vgl. WCED, 1987, S. 54.). Natürlich ist die Bekämpfung der Armut ein wichtiges Ziel nachhaltiger Entwicklung, jedoch nicht zugunsten eines ökonomisch motivierten Fortschritts-Utopismus. Eine Verallgemeinerung der Produktions- und Konsummuster der Industrieländer würde zum ökologischen Kollaps führen. Vielmehr wird in Anbetracht des Gerechtigkeits­Postulats des Leitbilds die Einschränkung der Industriestaaten im Ressourcenverbrauch gefordert: „Will man am Grundsatz der Chancengleichheit bei der Verteilung der Güter an alle Menschen festhalten, geht also kein Weg daran vorbei, daß die reicheren Länder zugunsten der ärmeren auf die Inanspruchnahme von natürlichen und künstlichen Gütern verzichten“ (Renn et. al. 1999, S. 29.).

Neben der globalen Frage nach Verteilungsgerechtigkeit im Nord-Süd-Konflikt befasst sich nachhaltige Entwicklung auch mit Gerechtigkeitsfragen hinsichtlich Herkunft, Religion oder Geschlecht. „Hierzu gehört vor allem die Frage der Chancengleichheit in Bezug auf Bildung, Einkommen und Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, in Bezug auf die Rolle von Frauen sowie auf den Generationenkonflikt“(GRUNWALD et. al., 2006, S. 31.).

Es wird bereits deutlich, dass die Idee inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit verschiedenste Handlungsfelder tangiert: Die Einsparung von Ressourcen, den Schutz der Natur sowie die gerechte Verteilung von Gütern und Lebenschancen. Im aktuellen Diskurs wird deshalb ein dreigliedriges Modell verwendet, dass die Dimensionen nachhaltiger Entwicklung darstellt.

3.2.2 Das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung

Die Segmentierung in drei Teilbereiche gilt als das populärste Modell nachhaltiger Entwicklung, dessen Herkunft letztlich nicht eindeutig rekonstruiert werden kann. Daneben gibt es zahlreiche weitere Vorschläge der Untergliederung auf die jedoch im Folgenden nicht weiter eingegangen wird - das gängige Modell erscheint für das Verständnis weiterer Ausführungen in jedem Fall ausreichend.

Nachhaltige Entwicklung, so die These, könne nur gelingen, wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigt würden (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011.). Die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales werden dabei vernetzt gedacht: „Die positive Entwicklung in einem der Bereiche gilt als notwendig mit der Entwicklung in den anderen Bereichen verbunden“ (Haan et al., 1999, S. 19.). Somit gelten alle drei Teilbereiche als gleichrangig im Gesamtsystem. Diese Vernetzung von Ökologie, Ökonomie und Sozialem wird als Retinität bezeichnet, die „Rückbindung der menschlichen Zivilisation an das sie tragende Netzwerk der Natur“ (RSU, 2011.) oder einfacher ausgedrückt: die Gesamtvernetzung der Kulturwelt mit der Natur.

3.2.2.1 Ökologie

Diese Vorstellung ist deshalb innovativ, weil sie den Versuch impliziert, die gesamte Funktionsweise eines komplexen Systems zu verstehen und steuernd einzugreifen. So ist es ein erklärtes Ziel, Technologien zu entwickeln und zu nutzen, die Umweltgifte gar nicht erst entstehen lassen. Klassische Umweltschutzmaßnahmen konzentrierten sich beispielsweise oftmals auf so genannte „end-of-the-pipe“-Strategien. Das bedeutet, dass bestehende Umweltbelastungen durch nachgeschaltete Maßnahmen reduziert werden, ohne jedoch in den umweltschädigenden Produktionsprozess einzugreifen. Ziel nachhaltiger Entwicklung ist es vielmehr, „das Unheil an der Wurzel zu packen“, nach dem Motto: „Die beste Investition in den Umweltschutz ist jene, die gar nicht erst erforderlich wird“ (Haan, et.al., 1999, S. 19.).

3.2.2.2 Ökonomie

Dementsprechend sind die Zielsetzungen nachhaltiger ökonomischer Entwicklung die „ökologische Produktion von Gütern und Leistungen, Minimierung des Einsatzes von Energie, Kreislaufwirtschaft und Sozialverträglichkeit“ (vgl. BLK, 1998, S. 20.). Die ökonomische Funktion konzentriert sich sowohl auf Umwelt- und Naturschutzfragen, aber auch Aspekte der Bevölkerungskontrolle (vgl. Haan et.al. 1999, S.19.). Besonders bedeutend ist hierbei das Wissen um die Komplexität, Belastbarkeit und Selbstregulation der bestehenden Ökosysteme (vgl. BLK, 1998, S. 21).

3.2.2.3 Soziales

Die soziale Dimension umfasst Bereiche wie die „individuelle kollektive und globale Verantwortung für umwelt- und entwicklungsbezogenes Handeln“ (ebd., S. 21.) aber auch den Schutz der menschlichen Gesundheit, Chancengleichheit in Bildung und Beruf oder die Erhaltung der kulturellen Vielfalt (vgl. Grunwald, 2006, S.57.).

Innerhalb der hier vorgestellten Dimensionen handelt es sich nur um eine beschränkte Auswahl an Themenfeldern, es soll jedoch bereits deutlich werden, welche Komplexität die gesamte Thematik beinhaltet.

3.2.3 Strategien nachhaltiger Entwicklung

In Anbetracht der Komplexität dieses vielfältig vernetzten Systems, stellt sich die Frage, wie diese Ziele erreicht werden können. Im aktuellen Nachhaltigkeits-Diskurs werden wiederholt drei klangvolle Strategien genannt: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz (Haan et. al., 1999, S.20ff.).

3.2.3.1 Effizienz

Effizienz meint eine „Steigerung des Input-Output-Verhältnisses beim Ressourceneinsatz, erzielt durch technische und logistische Innovationen“ (Haan et. al., 1999, S.20.). Durch die effektivere Nutzung natürlicher Ressourcen soll der Rohstoffverbrauch reduziert werden, also beispielsweise Kraftstoffdurch die Nutzung sparsamerer Motoren.

3.2.3.2 Konsistenz

Konsistenz zielt auf umweltverträglichere Stoff- und Energieströme ab, indem naturverträgliche Technologien eingesetzt werden, „die die Stoffe und Leistungen der Ökosysteme nutzen, ohne sie zu zerstören“ (Linz, 2004, S.7.). Beispiele für Konsistenz sind Nutzung nachwachsender Rohstoffe oder Wiederverwertung von Materialien im Sinne eines umfangreichen Stoffstrommanagements, um die Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit eines Produktes zu erhöhen.

3.2.3.3 Suffzienz

Die Suffizienz-Strategie schließlich setzt „auf die Herausbildung und Verbreitung von ressourcensparenden und umweltschonenden Konsum- und Verhaltensmustern“ (Haan et. al., 1999, S. 20.). Besonders die Agenda 21 betont die Bedeutung dieses Ansatzes für die Industrieländer, da deren Entwicklungsmodell nicht auf die ganze Welt übertragen werden kann ohne verheerende Folgen für das ökologische Gleichgewicht. Im Sinne der konsequenten Entsprechung des Gerechtigkeits- und Verantwortungs-Paradigmas bedeutet dies für die Länder des Nordens „eine umfangreiche Neuausrichtung des Wirtschaftens, des Konsums, des Bildungssystems, des gesellschaftlichen Zusammenlebens [...] und der Verteilungsgerechtigkeit“ (Lucker et. al., 2008, S. 259.). Die Konzeption der Bildung für nachhaltige Entwicklung knüpft vor allem an diese Strategie an.

3.2.3.4 OkologischerFußabdruck und Umweltraum-Prinzip

In der BRD wurde die Debatte um die Suffizienz-Strategie durch die 1996 vom Wuppertaler Institut für Klima, Energie und Umwelt herausgegebene Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ angestoßen. Damit wurden auch Messsysteme wie der „ökologische Fußabdruck“ oder das „Umweltraumprinzip“ populär:

Der ökologische Fußabdruck steht für ein Messverfahren, mit dem der durchschnittliche Anteil einer Nation, einer Stadt oder auch einzelner Personen am globalen Ressourcenverbrauch ermittelt werden kann und in Form einheitlicher Flächenmaße ausgedrückt wird (vgl. Global Footprint Network, 2011.). Im Jahr 2003 betrug der ökologische Fußabdruck pro Person in den Industrieländern beispielsweise 6,62 Hektar, in ärmeren Ländern wie Äthiopien oder Bangladesch 1,13 Hektar (Wuppertal Institut, 2006, S. 72.). Durch dieses System soll deutlich werden, dass die Industrieländer in extremen Maße über ihre Verhältnisse wirtschaften und sich auf ihren eigenen „Umweltraum“ begrenzen müssen.

Unter dem Umweltraum wird - vereinfacht ausgedrückt - der durchschnittliche einer Nation zur Verfügung stehende Ressourcenverbrauch und Emissionsausstoß verstanden, ohne die globalen Grenzen zu übersteigen. Er bezeichnet somit einen „Handlungsrahmen [...], innerhalb dessen die Menschheit die natürlichen Lebensgrundlagen des Planeten nutzen kann, ohne sie ernsthaft zu beschädigen“ (Wuppertal Institut, 2006, S. 116).

Mit diesen beiden Instrumenten wird versucht, die globale Belastungsgrenze zu ermitteln, als auch Phänomene sozialer Ungleichheit aufzuzeigen. Unklar bleibt letztlich bei beiden Systemen, wie sich die einzelnen Parameter genau berechnen, beziehungsweise wie die konkrete Verteilung von Ressourcen erfolgen soll.

Letztendlich liegt allen Strategie-Entwürfen folgende Implikation zugrunde: Würden die Industriestaaten ihre Produktions- und Konsummuster im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung ändern, könnten ökologische Probleme bekämpft und eine neue Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Ländern des Nordens und des Südens etabliert werden. Außerdem gibt die Forderung der Entwicklungsländer nach nachholender Entwicklung Grund zur Sorge: Wenn sich die Prognose bestätigt, dass die Weltbevölkerung innerhalb der nächsten 40 Jahre auf circa neun Milliarden Menschen anwächst (vgl. Sinding, 2011, S. 3.), und die Entwicklungsländer den Lebensstandard der Industrieländer einfordern, würde dies zu einem totalen Zusammenbruch des ökologischen Systems führen.

Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung basiert also auf der Idee inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn die Bedürfnisse insbesondere der in den Entwicklungsländern lebenden Menschen befriedigt werden können beziehungsweise die Industrieländer ihre Lebens- und Wirtschaftsweise an die ökologischen Grenzen anpassen würden, wobei sich beide Prozesse reziprok bedingen. Zur Messung solcher Entwicklungsprozesse wurden verschiedene Systeme entworfen, die Indikatoren und Zielwerte nachhaltiger Entwicklung zu evaluieren suchen. Einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Ansätze ist der „Indikatorenkatalog nachhaltiger Entwicklung“, er soll im Folgenden kurz skizziert werden.

3.2.4 Der Indikatoren-Katalog nachhaltiger Entwicklung

1996 hat die Kommission der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (CSD)8 in Anlehnung an die Agenda 21 den ersten Indikatoren-Katalog für nachhaltige Entwicklung erstellt: „Diese Liste enthält ein Menü von Indikatoren, aus dem die freiwillig testenden Länder entsprechend ihrer nationalen Zielsetzungen und Prioritäten für nachhaltige Entwicklung auswählen können“ (Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011.). Der Katalog wurde den Rückmeldungen entsprechend mehrmals überarbeitet und im Jahr2006 abgeschlossen9.

3.2.4.1 Ökologischelndikatoren

Bezüglich der ökologischen Dimension unterscheidet die CSD Indikatoren wie beispielsweise die Anfälligkeit einer Region für Naturkatastrophen, Höhe der C02- Emissionen, Zustand der Wälder, Phänomene der Desertifikation oder die Anzahl der unter Naturschutz stehenden Gebiete und bedrohter Arten.

3.2.4.2 Ökonomische Indikatoren

Hinsichtlich der Ökonomie lassen sich unter anderem Indikatoren wie Bruttosozialprodukt pro Kopf, Beschäftigungsrate, Beteiligung an beziehungsweise der Empfang staatlicher Entwicklungshilfe oder der Ressourcenverbrauch nennen (vgl. UN, 2007, S. 10ff.).

3.2.4.3 Soziale Indikatoren

Die soziale Dimension ist durch fünf Leitmotive charakterisiert: Wohlstand, Staatsführung, Gesundheit, Bildung und Demographie. Dementsprechend werden Indikatoren für den jeweiligen Zustand in einem Land ermittelt, wie beispielsweise der Anteil der unterhalb der Armutsgrenze lebenden Bevölkerung, das bestehende soziale Gefälle innerhalb eines

Landes, die Anzahl der Menschen, die Zugang zu sanitären Einrichtungen haben. Weiterhin werden die jeweilig ermittelbare Korruptions- und Kriminalitätsrate, die Sterberate, die Analphabetenrate und das Bevölkerungswachstum als Indikatoren genannt.

Mit den Indikatoren wird deutlich, wie vielfältig sich die Handlungsfelder nachhaltiger Entwicklung darstellen und welch immenses Wissen generiert werden müsste, um die Zusammenhänge ökologischer, ökonomischer und sozialer Entwicklungen im globalen System adäquat analysieren und antizipieren zu können.

Die Problematik unzureichender wissenschaftlicher Absicherung der Ergebnisse wurde bereits mit dem Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ deutlich. Darüber hinaus lässt sich vor dem Hintergrund des Gerechtigkeits-Postulats konstatieren, dass nachhaltige Entwicklung nur dann gelingen kann, wenn insbesondere in den Industriestaaten eine gesamtgesellschaftliche Bereitschaft zur Verhaltensänderung erreicht werden würde. Diese Forderung erscheint jedoch in Anbetracht des globalen Wettbewerbs „nichteinlösbar“ (Altner, 2002, S. 2.).

Prinzipiell lässt sich eine Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit konstatieren: Die theoretischen Inhalt des Leitbilds erscheinen äußerst attraktiv, die konkrete Umsetzung jedoch fast unmöglich. Vor diesem Hintergrund stellt sich Frage, inwiefern das Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“ einen inhaltlich leeren Begriff darstellt und eine unrealistische Harmonie-Vorstellung repräsentiert, in der ökologische, ökonomische und soziale Forderungen unter dem Konstrukt globaler Gerechtigkeit vereinbar scheinen. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die ethnozentristische Tendenz eines Leitbilds, das innerhalb des gedanklichen Horizonts der Industrienationen entwickelt wurde und für sich globale Gültigkeit einfordert.

3.3 Diskussion: Nachhaltige Entwicklung - Die Quadraturdes Kreises?

Die Idee einer verantwortungsvollen Gestaltung der Zukunft durch den Menschen mit dem Ziel eines globalen Zustands des Friedens und der Gerechtigkeit lässt sich zurückverfolgen in die Zeit der Aufklärung. Jedoch in Anbetracht der aktuell herrschenden Verhältnisse - sei es die immer noch herrschende Armut in den Entwicklungsländern oder die drohenden Umwelt- und Naturkatastrophen - scheint das Scheitern dieser Idee evident. Als eine der radikalsten Kritiker der gesellschaftlichen Praxis sahen Horkheimer & Adorno die Ursache dieses Scheiterns im Projekt der Aufklärung selbst: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (Horkheimer & Adorno, 1947, S. 13.). Die Aufklärung wird hier entlarvt als Ursache der Dialektik von Fortschritt und Entfremdung: Der technologische Fortschritt und die Beherrschung der Natur verhelfen dem Menschen zwar einerseits zu einem bequemeren Leben, bedingen aber andererseits auch die totale Rationalisierung des Subjekts und die Entfremdung von der Natur.

Teilweise scheint es, als ob sich das Leitbild nachhaltiger Entwicklung innerhalb der Dialektik der Aufklärung bewegt: In einem sich selbst verstärkenden komplexen System von Konsum und Produktion erscheint der wissenschaftlich-technische Fortschritt unaufhaltsam, der wiederum katastrophale Folgen für das gesamte Ökosystem beziehungsweise auch für die in Entwicklungsländern lebende Bevölkerung nach sich zieht. Dennoch hält die Idee nachhaltiger Entwicklung an der Möglichkeit einer sinnvollen und ausgeglichenen Verbindung von ökonomischer Leistungsfähigkeit, ökologischer Verträglichkeit und sozialer Gerechtigkeit fest.

Nachfolgend sollen die mit dem Leitbild verbundenen Problemfelder genauer erörtert und insbesondere begriffliche, wissenschaftstheoretische sowie ethische Fragestellungen in den Blick genommen werden.

3.3.1 Begriffliche Fragestellungen

Die Hauptkritik vieler Wissenschaftler zielt auf die Unschärfe des Begriffs „Nachhaltige Entwicklung“. In der Tat gibt es keine allgemein verbindliche Definition und trotz vielfältiger Konkretisierungsversuche bleibt der Begriff inhaltlich relativ leer beziehungsweise je nach Interessenlage interpretierbar.

3.3.1.1 Starke oder Schwache Nachhaltigkeit

Besonders deutlich wird dies an den beiden Konzepten einer „schwachen“ beziehungsweise „starken“ Nachhaltigkeit. Geht man allein von der Forderung nach intergenerationeller Gerechtigkeit aus, so wäre damit der Erhalt aller aktuell verfügbaren Ressourcen für die kommenden Generationen gemeint. Ressourcen lassen sich grob in natürliche und künstliche Ressourcen einteilen, also zum Beispiel einerseits Luft, Boden, Gewässer, Biodiversität, Rohstoffe oder eben andererseits Maschinen, Wissen oder auch soziale Strukturen (vgl. Grunwald, 2006, S. 37.). In Anbetracht des Glaubens an den weiteren Fortschritt stellt sich jedoch bald die Frage, welche Ressourcen man den folgenden Generationen tatsächlich überlassen müsste, beziehungsweise welcher Ressourcenverlust kompensierbar wäre. Da man nicht weiß, welche Bedürfnisse kommende Generationen haben, kann darüber nur spekuliert werden.

Insbesondere neoklassische Theoretiker vertreten eine so genannte „schwache Nachhaltigkeit“. Es wird dann davon ausgegangen, „dass ein schwindendes Naturkapital (z.B. in Form von Umweltschäden oder schrumpfenden Ressourcenvorkommen) für zukünftige Generationen hinnehmbar ist, wenn ein gleichwertiger Ersatz an produktivem Potential (z.B. in Form von Wissen und techn. Anlagen) geschaffen wird“ (Brockhaus, 1998, S. 324.). Die einzelnen Komponenten werden hier also als substituierbar angesehen.

Dem wiederum halten Vertreter der starken Nachhaltigkeit entgegen, „dass ein Ersatz von Natur- durch Humankapital nicht vollständig möglich ist, weil nachhaltiges Wirtschaften auf einen kritischen Stock an Naturvermögen (z.B. in Form überlebenswichtiger Ökosystemfunktionen) nicht verzichten kann“ (ebd., 1998, S. 324.). Insbesondere vertreter der ökologischen Ökonomie fordern den Erhalt möglichst aller natürlicher Ressourcen, beziehungsweise im Zweifelsfall die unbedingte Möglichkeit, Verlorenes zu kompensieren.

Die Diskussion zwischen beiden Positionen verdeutlicht die Flexibilität des Begriffs „Nachhaltige Entwicklung“: Je nach Interessenlage, kann entweder die ökonomische, die ökologische oder die soziale Dimension hervorgehoben werden, beziehungsweise wird einerseits der Entwicklungs-Aspekt oder andererseits die Forderung nach Erhalt des Bestehenden betont: „Wer durch die Wahrnehmung von Entwicklungschancen etwas zu gewinnen hat (wie die sogenannten Schwellenländer), wird sich zur Legitimation seiner Politik auf die Wachstums- und Entwicklungskomponente, wer dadurch etwas zu verlieren hat (wie einige Industrieländer) auf die Bestandskomponente berufen“ (Birnbacher, 2001, S. 26.). Dadurch, dass der Begriff beide Interpretationsmöglichkeiten in sich vereint, ist er dem Vorwurf ausgesetzt, „Illusionen über die langfristige Vereinbarkeit von wirtschaftlichem Wachstum, ökologischer Stabilität und globaler Umverteilung (Nord-Süd­Egalisierung) aufrechtzuerhalten und gegen wissenschaftliche Plausibilitäten abzuschirmen“ (ebd., 2001, S. 26.).

3.3.1.2 Fehlende inhaltliche Eingrenzung

Diese Offenheit gegenüber verschiedensten Interpretationen führt zu einer allgemeinen Sprachverwirrung und stellt wohl auch einen Grund für die eher geringe öffentliche Resonanz auf das Thema dar: „Die gleichzeitige Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und sozialer Belange, die in der Nachhaltigkeitsdiskussion immer wieder gefordert wird, kann nicht bedeuten, daß im Rahmen der Umsetzung immer alle drei Zielkomponenten gleichermaßen zufriedenstellend erfüllt werden können - so wünschenswert dies auch wäre. Die Idealisierung des über eine Nachhaltigkeitspolitik Erreichbaren birgt die Gefahr, daß die Idee an Überzeugungskraft verliert und sich zu einem bloßen Modebegriff entwickelt. Nachhaltige Entwicklung ist - realistisch gesehen - keine neue Harmonieformel für die Zukunft.“ (Renn et. al. 1999, S. 31.). Der Diskurs um nachhaltige Entwicklung widmet sich extrem heterogenen Themenfeldern und ist somit in seiner Gesamtheit schwer fassbar. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Entwicklungen entziehen sich darüber hinaus dem Wissen des Einzelnen und können in ihrer Komplexität nicht mehr verstanden werden, demzufolge herrscht eine zunehmende Verwirrung bezüglich der praktischen Umsetzung.

[...]


1 Nach Hillmann wird ein Leitbild soziologisch definiert als „[...] für einzelne Personen, Gruppen, Schichten oder ganze Gesellschaften als erstrebenswert geltende und im Handeln und bei Entscheidungen tatsächlich Orientierung und Absichten leitende Vorstellung“ (Hillmann, 2007, S 495.).

2 „so istder ewige Friede (...) keine leere Idee, sondern eine Aufgabe, die nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele (weil die Zeiten, in denen gleiche Fortschritte geschehen, hoffentlich immer kürzer werden) beständig näher kommt.“ (Vgl. Kant, Immanuel, zitiert nach Eisler 2008, S. 170.)

3 Dieses Problem thematisiert auch Kant: „Befremdend bleibt es immer hierbei: daß die ältern Generationen nur scheinen um der späteren willen ihr mühseliges Geschäft zu treiben (...) und daß doch nur die spätesten das Glück haben sollen, in dem Gebäude zu wohnen, woran eine lange Reihe ihrer Vorfahren (...) gearbeitet hatten, ohne doch selbst an dem Glück, das sie vorbereiteten, Anteil nehmen zu können.“ (vgl. Kant 1784, S. 387).

4 Um die aus der Textanalyse gewonnenen Ergebnisse dynamisch zu reflektieren wird auf eine dialektische Darstellung zurückgegriffen, die sich am Grundschema These-Antithese-Synthese orientiert (vgl. Danner, 2006, 193ff.).

5 „Der ,Club of Rome' wurde 1968 in Rom gegründet. Er beschreibt sich selbst als eine nicht­profitorientierte Nichtstaatliche Organisation, eine ,Denkfabrik und ein Zentrum für Forschung und Handeln, für Innovation und Initiativen'. Der Club bringtWissenschaftler, Ökonomen, Geschäftsleute, hochrangige Mitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst, aktive und frühere Regierungsmitglieder aus aller Welt zusammen [...]“ (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit, 2011).

6 Der Begriff„Sustainable Development“ wurde damals noch mit „Dauerhafte Entwicklung“ übersetzt: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ (Hauff, 1987, S. 46.)

7 Diese Haltung machte der damalige amerikanische Präsident George W. Bush senior auf der Konferenz unmissverständlich deutlich, indem er konstatierte: „The American way of life is not negotiable.“ (zitiert nach Grober, 2006, S. 264.)

8 „Die CSD ist eine Kommission des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten Nationen (ECOSOC), an den sie auch ihre Berichte liefert. Als Sekretariat wurde die Abteilung für nachhaltige Entwicklung (DSD - Division for Sustainable Development) eingerichtet. [...] Die Beschlüsse der CSD haben zwar nur empfehlenden Charakter, sie dienen aber dazu, das Thema Nachhaltige Entwicklung innerhalb der UN und der Regierungen konzeptuell weiter zu entwickeln“ (Bundesamt für Naturschutz, 2011).

9 Die zeitlich nachfolgenden, beispielsweise von den OECD oder der Weltbank erarbeiteten Indikatoren beziehen sich auf diesen ursprünglichen Katalog und sollen deshalb nicht mehr einzeln aufgelistet werden (für das Verständnis der weiteren Ausführungen erscheint ein Auszug aus dem Indikatorenkatalog der CSD ausreichend).

Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Bildungsziel "Nachhaltige Entwicklung". Leitbild, Konzeption und mögliche Impulse durch die phänomenologische Pädagogik
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Autor
Jahr
2011
Seiten
130
Katalognummer
V279602
ISBN (eBook)
9783656971825
ISBN (Buch)
9783656971832
Dateigröße
1128 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungsziel, nachhaltige, entwicklung
Arbeit zitieren
Elisabeth Donhauser (Autor), 2011, Bildungsziel "Nachhaltige Entwicklung". Leitbild, Konzeption und mögliche Impulse durch die phänomenologische Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279602

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