Die Entwicklung des russischen Kasussystems vom 11. bis zum 15. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Quellenlage

3 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Substantive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert
3.1 Die Unifizierung der Deklinationstypen während der altrussischen Periode
3.1.1 Der Einfluss der harten auf die weiche Variante im Singular der ā-/ jā- und ŏ- jŏ-Stämme
3.1.2 Zur Vermischung der ŏ- und ŭ-Stämme
3.1.3 Zum Zerfall des konsonantischen Deklinationstyps
3.1.4 Zum Zerfall der ū-Stammklasse
3.1.5 Zur Unifizierung der Deklinationstypen im Plural
3.2 Der Schwund des Duals
3.3 Zum Schwund des Vokativs
3.4 Zur Entstehung der Beseeltheitskategorie im Singular
3.5 Zur Betrachtung einzelner Kasusentwicklungen der Substantive
3.5.1 Zum Instrumental Singular Maskulinum
3.5.2 Zum Lokativ Singular Maskulinum
3.5.2.1 Zum Lokativ Singular Maskulinum auf -e/ -ѣ
3.5.2.2 Zum Lokativ Singular Maskulinum auf -у

4 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Adjektive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert
4.1 Zur Entstehung der adjektivischen Deklination
4.2 Zum funktionalen Unterschied zwischen Lang- und Kurzform
4.3 Zur Weiterentwicklung der adjektivischen Deklination im Altrussischen
4.4.1 Zum Komparativ
4.4.2 Zur Weiterentwicklung des Komparativs während des Altrussischen

5 Fazit

6 Literatur

1 Einleitung

„Und so wüsste ich überhaupt nicht, wie man mit Erfolg über eine Sprache reflektieren könnte, ohne dass man etwas darüber ermittelt, wie sie geschichtlich geworden ist [...] sobald man versucht den Zusammenhang zu erfassen, die Erscheinungen zu begreifen, so betritt man auch den geschichtlichen Boden, wenn auch vielleicht ohne sich darüber klar zu sein.“[1]

Diese Hauptseminararbeit setzt sich zum Ziel, die wichtigsten Grundzüge der morphologischen Entwicklung des altrussischen Kasussystems der Substantive und Adjektivie zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert zu erörtern. Die Morphologie des Kasussystems war zu dieser Zeit größeren Änderungen unterworfen, deren Ursprünge, soweit möglich, zu erläutern sein werden.

Zur Annäherung an das Thema bleibt festzustellen, dass hier das Sprachstadium des sogenannten Altrussischen untersucht wird, welches sich ca. ab dem 10./ 11. Jahrhundert aus dem Gemeinostslawischen entwickelte. Tschernych stellt fest, dass zwei Formen der altrussischen Sprache existierten, die man heute als verschiedene Stilebenen charakterisieren würde. Zur ersten Form der Schriftsprache rechnet er die Literatur- und Kanzleisprache, wohingegen er zur zweiten Form die (gesprochene) Umgangssprache rechnet.[2]

Da uns selbstverständlich nur schriftliche Zeugnisse dieser Zeit überliefert sind, muss man sich zuerst klar machen, dass hier eine stilistisch anspruchsvolle Sprache der Kanzleien und Literaten und keineswegs die alltägliche Standardsprache im Fokus der Betrachtungen steht.

„Die Literatursprache aber stellt, selbst wenn sie auf der Volkssprache basiert, stets mehr oder minder das Ergebnis einer besonderen Bearbeitung dar, sie ist eine handgeschliffene Sprache, selbst wenn es sich nur um die offizielle Amtssprache handelte.“[3]

In wie weit diese Differenzierung zwischen Schriftsprache und (gesprochener) Umgangssprache für die Entwicklung des morphologischen Systems relevant erscheint, muss dahingestellt bleiben, doch auch in heutiger Zeit sind die Laut- und Schriftverhältnisse keineswegs völlig identisch.

Methodisch wird diese Hausarbeit nach einer kurzen Skizzierung der Quellenlage die wichtigsten Entwicklungen des morphologischen Systems der Substantive in diesem halben Jahrtausend skizzieren und die Entwicklungen durch Quellen veranschaulichen. Hieran schließt sich eine genauere Betrachtung der Entwicklung ausgewählter Kasus an, um aufzuzeigen, wie diese Hauptentwicklungen konkret auf das morphologische System einwirkten. Nach der näheren Beleuchtung der Entwicklung der Substantive, auf die in dieser Hausarbeit der Schwerpunkt gelegt wird, soll auf Entwicklungen in der adjektivischen Flexion eingegangen werden, was zum einen wegen der syntaktischen Nähe zum Substantiv, vielmehr jedoch wegen des gemeinsamen Ursprungs der Nominalflexion als sinnvoll erachtet wird.

Ausgegangen soll hierbei von dem Prinzip werden, dass bei der Erklärung der Entwicklung morphologischer Systeme an erster Stelle der lautliche Erklärungsversuch stehen muss, da das morphologische System sich in der Regel nach Entwicklungen auf phonetischer Ebene richtet. Hieran schließt sich ein Fazit an.

2 Quellenlage

Im neunten Jahrhundert unserer Zeit wird das Schrifttum bei den Slawen erstmals greifbar. In der Vita Konstantins des Philosophen (um 860), dem Erfinder des altslawischen Alphabets, wird auf gottesdienstliche Bücher mit russischen Buchstaben verwiesen.[4] 1949 wurden bei Smolensk Tongefäße mit kyrillischen Buchstaben gefunden gefunden, welche sich auf die erste Hälfte des zehnten Jahrhunderts datieren ließen. Weiter wird zu Beginn des 12. Jahrhunderts vom Autor der „Povest´ vremmenych let“ auf Urkunden über Verträge zwischen Russen und Griechen aus dem zehnten Jahrhundert verwiesen, welche er wörtlich wiedergab.

Es lässt sich also festhalten, dass eine mehr oder minder ausgeprägte Schriftlichkeit des Altrussischen schon im zehnten Jahrhundert existiert haben muss. Umfangreichere, im Original erhaltene Schriftdenkmäler, sind schon aus dem elften Jahrhundert überliefert. Mindestens 7 Bücher können konkret in diese Zeit datiert werden und mindestens dreimal so viele können zwar nicht konkret datiert werden, könnten aber durchaus in diese Zeit fallen.[5]

Die uns erhaltenen altrussischen Schriftdenkmäler sind fast ausschließlich Werke der kirchlichen Literatursprache, also eines bestimmten Soziolektes. Nikol´skij stellte 1902 fest, dass von 708 gesichteten Schriftdenkmälern nur ca. 20 keinen direkten kirchlich-religiösen Bezug aufweisen. Hierunter fällt u.a. das Igorlied und die Russkaja Pravda.[6] Dieses Verhältnis kann auf Grund der bruchstückhaften Überlieferungen nicht als repräsentativ gelten, zeigt aber eine deutliche Tendenz.

Zur Quellenkritik in Bezug auf geschäftliche oder politische Urkunden und Verträge bleibt festzustellen, dass diese meistens eine starre Komposition, v.a. bedingt durch schablonenhafte Formeln, welche u.U. schon damals Archaismen darstellten, aufweisen. Außerdem sind viele Urkunden dialektal geprägt, was aber nicht ausschließt, dass sie stilistisch eine Art Literatursprache darstellen.

Die Ergebnisse dieser Hauptseminararbeit sind also nicht zwingend repräsentativ für ein allgemeinsprachliches, altrussisches morphologisches System dieser Zeit, wohl aber durchaus für die von Tschernych bezeichnete (schriftliche) Literatur- und Kanzleisprache. Denn das System („langue“) kann nur dargestellt werden, wenn genügend Einzelbelege („parole“) zur Verfügung stehen.

Weitere Schriftdenkmäler dieser Zeit, die im Zusammenhang mit dieser Hauptseminararbeit eine zu vernachlässigende Rolle spielen, sind Aufschriften auf Steinen, Wänden, Kultorten, Münzen und Tongefäßen.

3 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Substantive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert

Ursprünglich existierten im Indogermanischen und Urslawischen nicht vier Deklinationssysteme für Substantive, Adjektive, Pronomen und Numerale, sondern lediglich ein nominales und ein pronominales Deklinationssystem. Adjektive wurden nach dem System der Substantive flektiert und Numerale teils nach dem pronominalen und teils nach dem nominalen System, wobei in vorslawischer Zeit ein Teil der Numerale indeklinabel war.[7]

Im Altrussischen existierten noch sechs Deklinationstypen, von denen zwei jeweils ein hartes und ein weiches Deklinationsmuster besaßen. Weiter erhielten sich in jedem Deklinationstyp drei verschiedene Dualformen für je zwei Kasus. Auch der Vokativ kann zu dieser Zeit noch als eigenständiger Fall angesehen werden.

Die sechs noch existierenden Deklinationstypen gelangten aus dem Urslawischen über das Gemeinostslawische in das Altrussische. Sie stellen die Fortsetzer der indoeuropäischen Stammklassen dar und werden nach diesen benannt, auch wenn das System der Stammklassen im Altrussischen, wie zu zeigen sein wird, nicht mehr vollends existierte.

Die sechs Deklinationstypen, die jeweils Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental, Lokativ, Vokativ und drei Dualformen (je eine für Nominativ/ Akkusativ, Genitiv/ Lokativ und Dativ und Instrumental) aufwiesen, waren folgende:[8]

1. Stämme auf -ŏ und -jŏ
2. Stämme auf -ŭ
3. Stämme auf -ā und -jā
4. Stämme auf -i
5. Stämme auf Konsonanten
6. Stämme auf -ū

Wie in jedem Sprachsystem wirkte auch im Altrussischen das Prinzip der Sprachökonomie und so bildeten sich während der Phase des Altrussischen aus den sechs Deklinationstypen mit ihren Unterarten die heutigen drei produktiven Deklinationstypen der Gegenwart heraus.

Die Vorraussetzungen für die von statten gegangene Unifizierung sind, wie erwähnt, im phonetischen Bereich anzusiedeln und z.T. bereits im Urslawischen zu suchen. Durch verschiedene phonetische Prozesse, z.B. die Monophtongierung der Diphtonge verschob sich oft die Silbengrenze, was dazu führte, dass sich auch die Grenze zwischen Stammauslaut und Endung verschob. Häufig verbanden sich nun beide Elemente miteinander und sie wurden gemeinsam bestimmten phonetischen Veränderungen unterworfen.

Diese Veränderungen führten zu tiefgreifenden morphologischen Neuerungen, da nun die alte Einteilung der indoeuropäischen Kasusformen in Wurzel, Stammvokal oder Stammelement und Endung zu Gunsten der heute noch üblichen Einteilung in Stammelement und Endung aufgegeben wurde. Dieser Prozess wird gemeinhin als Metanalyse bezeichnet.[9] Die Metanalyse trägt zu einer Verkürzung der Formen bei, da der Stammvokal mit der Lexemendung phonetisch verschmilzt und eine neue Endung bildet:[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Die Unifizierung der Deklinationstypen während der altrussischen Periode

„Man kann sogar sagen, dass die Entwicklung der Nominalflexion einer Umwandlung der alten Stammklassendeklination in eine Drei-Genus-Deklination gleichkommt.“[11]

Zur Unifizierung der Deklinationstypen stellt Kiparsky fest, dass keine alte Stammklasse restlos verschwand, vielmehr trug bei der Synthese der Stammklassen jede etwas zu den heutigen drei produktiven Deklinationsklassen bei.[12]

3.1.1 Der Einfluss der harten auf die weiche Variante im Singular der ā-/ jā- und ŏ- jŏ-Stämme

In der ā- und ŏ- Stammklasse unterschied man im Altrussischen jeweils zwischen einer harten Variante, dem ā- und ŏ- Stamm und einer weichen Variante, dem jā- und jŏ-Stamm.

Unter dem Einfluss der harten Formen, wurden die weichen Formen schon in früher altrussischer Zeit vermehrt zurückgedrängt.

Dies passierte, wie alle sprachlichen Entwicklungen, über eine gewisse Zeitspanne und auch nicht in allen russischen Mundarten. Einige Archaismen halten sich bis heute in südgroßrussischen Mundarten: „к зари“ statt: „к заре“ „на земли“ statt: „на земле“.

Tschernych datiert die Anfänge der Zurückdrängung der weichen Variante vor die Zeit des 11. Jahrhunderts, da sich schon in den Handschriften der Novgoroder Menäen Beispiele wie: „изъ отроковичи“[13] (1095) anstatt „отроковицѣ“ finden lassen. In wieweit dieser Prozess zum Beginn des 11. Jahrunderts schon vorangeschritten war, kann auf Grund der dürftigen Quellenlage nicht abschließend geklärt werden.

Auch die weiche Form wirkte auf die harte Form zurück, doch lassen sich diese Ergebnisse noch allenfalls in Mundarten des Novgoroder Typs erschließen.

Baldur Panzer erklärt die „Zurückdrängung“ der weichen Variante lautgesetzlich. Seines Erachtens beruhen die Gründe in den Palatalisierungsprozessen und der Entwicklung vorderer zu hinteren Vokalen unter Beibehaltung der konsonantischen Palatalität. So wurde der Gegensatz von -ā und -jā, sowie -ŏ und -jŏ zu einer reinen Variation in Abhängigkeit vom Konsonantismus und die Flexion in vielen Kasus wieder identisch.[14]

3.1.2 Zur Vermischung der ŏ- und ŭ-Stämme

Beide Deklinationsklassen haben sich schon seit urslawischer Zeit angenähert, so dass ihre Endungen am Ende ihrer Eigenständigkeit schon im Nominativ und Akkusativ Singular identisch waren. Vgl. Nominativ: вълкъ und сынъ; Akkusativ вълкъ und сынъ. Außerdem waren beide Deklinationstypen maskulin, wobei die ŏ-Deklination auch sächliche Lexeme aufwies.

Während der Phase des Altrussischen beeinflussten sich beide Paradigmata gegenseitig, wobei der Einfluss der ŏ-Deklination als größer gewertet werden muss.

Der ŭ-Stamm hinterließ seine Endungen lediglich bei der Bildung des partitiven Genitivs auf -у, des Genitivs Plural auf -овъ und bei der betonten у-Endung des Lokativs seine Spuren[15] in der neu entstandenen ersten Deklination des Russichen.

3.1.3 Zum Zerfall des konsonantischen Deklinationstyps

Zumindest die Tendenz zum Schwund dieses Deklinationstyps, nach dem sowohl maskuline, feminine als auch sächliche Lexeme flektiert wurden, setzte früh ein und war für viele indoeuropäische Sprachen charakteristisch.

Nachdem die ehemaligen sächlichen s-Stämme in urslawischer Zeit ihr Stammelement verloren hatten, wurden sie wie das Lexem „село“ nach dem Paradigma der ŏ-Deklination flektiert und schlossen sich so der sich entwickelnden neuen, ersten Deklination an.

[...]


[1] H. Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte, 1909, S. 20 f. Zitiert nach: Panzer, Baldur, S. 2.

[2] Tschernych, S. 14.

[3] Ders.; S. 26.

[4] Ders., S. 25.

[5] Ders., S. 26.

[6] Ders. 27.

[7] Bräuer, Herbert, S. 8.

[8] Vgl.: Eckert, Cromme, Fleckenstein, S. 130 ff.

[9] Ders., S. 133.

[10] Ebd.

[11] Kiparsky, Valentin, S. 24.

[12] Ebd.

[13] Tschernych, S. 167.

[14] Panzer, Baldur, S. 93.

[15] Eckert, Cromme, Fleckenstein, S. 134 f.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des russischen Kasussystems vom 11. bis zum 15. Jahrhundert
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V279755
ISBN (eBook)
9783656738435
ISBN (Buch)
9783656738411
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, kasus-systems, jahrhundert
Arbeit zitieren
Martin Mühlenberg (Autor), 2011, Die Entwicklung des russischen Kasussystems vom 11. bis zum 15. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279755

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