Während Organisationen erst in der Moderne maßgeblich in Erscheinung getreten sind, haben sich Professionen bereits in frühen Gesellschaftsformen als strukturbildendes Element etabliert. Sie inkludierten nicht nur das verfügbare wissenschaftliche Wissen, sondern klassifizierten und bearbeiteten auch alle Aspekte, welche wir heute unter dem Oberbegriff der Mikrosoziologie zusammenfassen.
Ausgehend von dieser Betrachtung erscheint die Frage angemessen, in welchem Verhältnis die Profession zur Organisation steht und welchen Einfluss sie auf gesellschaftliche Strukturbildung ausüben. Sichtet man die wissenschaftliche Literatur zu dieser Thematik fällt auf, dass sich bezüglich der o.g. Fragestellung bereits ein ausführlicher Diskurs entwickelt hat. Zudem lässt sich festhalten, dass sich die Aussagen und empirischen Befunde einzelner Soziolog_innen in Abhängigkeit von betrachteter Profession, gewähltem theoretischem Ansatz sowie der untersuchten Nation unterscheiden.
Das Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, das Verhältnis zwischen Organisation und Profession näher zu beleuchten und zu klären, ob es sich um konkurrierende, oder ergänzende Konstrukte handelt. Um diese Frage beantworten zu können, werden vorab beide Elemente in Bezug auf die Fragestellung vorgestellt und erläutert. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei auf dem Professionsbegriff. Dem liegt zum einen eine umfangreichere Begriffsbestimmung zugrunde, aber auch die Tatsache, dass die Profession innerhalb der Soziologie einem breiten und ausdifferenzierten Diskurs unterliegt. Die Bemühungen sollen dahingehend fokussiert werden, die unterschiedlichen Standpunkte ausgewählter Soziolog_innen, auch vor dem Hintergrund der jeweiligen Einbettung in gesellschaftstheoretische Ansätze und Entwicklungen, darzulegen.
Im darauffolgenden Schritt können dann verschiedene Auslegungen des Verhältnisses zwischen Profession und Organisation erörtert werden, um die zu Beginn gestellte Frage auf der Basis der zuvor gewonnenen Erkenntnisse zu beantworten. Dabei soll es auch um Standpunkte gehen, welche sich nicht ausschließlich auf die wissenschaftlichen Gesichtspunkte beziehen, sondern auch einen kleinen Ausblick in die arbeitsweltliche Realität eröffnen. Als erstes wird im nun folgenden Abschnitt der Begriff der Organisation und dessen Einbettung in die Thematik beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Organisation
3. Professionstheorien
3.1 Das strukturfunktionalistische Professionsmodell
3.2 Die revidierte Professionstheorie
3.3 Professionalisierte Funktionssysteme
3.4 Die interaktionistische Perspektive
3.5 Der ‚Power approach‘
3.6 Zwischenfazit Professionstheorien
4. Profession vs. Organisation?
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, das komplexe Verhältnis zwischen Profession und Organisation soziologisch zu beleuchten und zu klären, ob es sich dabei um konkurrierende oder ergänzende Konstrukte handelt. Die Arbeit untersucht, wie verschiedene theoretische Perspektiven dieses Zusammenspiel bewerten und welche Bedeutung dies für die moderne Arbeitswelt hat.
- Grundlagen der Organisationsbegriffe und -soziologie
- Vergleichende Analyse verschiedener Professionstheorien
- Gegenüberstellung von Ökonomisierung und professionellem Handeln
- Typisierung professioneller Organisationen
- Wechselseitige Einflussnahme von Profession und Organisation
Auszug aus dem Buch
3.1 Das strukturfunktionalistische Professionsmodell
Dieses Modell geht zurück auf den amerikanischen Soziologen Talcott Parson, dessen Theorie als Grundstein der Professionssoziologie im deutschsprachigen Raum angesehen werden kann. Nach Parson (1968) entstehen Professionen bei der Modernisierung von Gesellschaften und der damit einhergehenden Rationalitätssteigerung. Professionen sind dabei akademische Berufe, welche sich durch ein hohes Niveau an systematischem Fachwissen charakterisieren. Sie erfüllen zudem „die integrative gesellschaftliche Funktion der Wertverwirklichung und der Normenkontrolle bzw. der Kontrolle abweichenden Verhaltens“ (Pfadenhauer/Sander 2010: S.363). Um dieser Aufgabe effizient nachkommen zu können, unterliegen die Angehörigen der Professionen gesonderten institutionellen Bedingungen. So verfügen sie über ein besonders hohes Maß an Freiraum in der Ausgestaltung ihrer Berufsausübung, müssen sich dadurch aber einem erhöhten Maß an Selbstbeschränkung unterwerfen. Zudem ist das Ziel ihres Handelns auf das Gemeinwohl und nicht individuell ausgerichtet. Als Gegenleistung erhalten die Professionellen von der sozialen Gemeinschaft besondere Privilegien, welche sowohl materiell, so zum Beispiel in Form von Geld, aber zumeist immateriell, beispielsweise durch Berufsprestige, Respekt und Anerkennung (vgl. Pfadenhauer / Sander 2010: S.362f.; S.160; Kurtz 2002: S. 2).
Die Profession im strukturfunktionalistischen Professionsmodell ist also eine Dienstleistung, welche durch die Struktur der Gesellschaft, sprich Werte und Normen, gesteuert wird. Das erwartete Handeln ist spezifiziert durch Universalität, Neutralität, Kollektivität und Leistungsorientierung (vgl. Pfadenhauer/Sander 2010: S.363).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Themenstellung ein, erläutert die Relevanz des Verhältnisses von Organisation und Profession und steckt den Rahmen der soziologischen Untersuchung ab.
2. Organisation: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den soziologischen Organisationsbegriff, differenziert zwischen verschiedenen Dimensionen und erläutert die Bedeutung von Inklusion und Exklusion.
3. Professionstheorien: Hier werden zentrale theoretische Ansätze zur Definition von Professionen, wie das strukturfunktionalistische Modell, die revidierte Professionstheorie und die interaktionistische Perspektive, vorgestellt.
4. Profession vs. Organisation?: In diesem Hauptteil werden die theoretischen Ansätze in Bezug auf die praktische Realität sowie kritische Positionen wie die von Ferdinant Buer gegenübergestellt.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Verhältnis zwischen Profession und Organisation am besten als wechselseitige Einflussnahme zu beschreiben ist.
Schlüsselwörter
Profession, Organisation, Soziologie, Professionstheorie, Systemtheorie, Interaktionismus, Inklusion, Exklusion, Professionalisierung, Arbeitswelt, Wissensgesellschaft, Macht, Organisationssoziologie, Handlungsspielraum, Dienstleistung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das soziologische Verhältnis zwischen Professionen und Organisationen in der modernen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition von Organisationen, die verschiedenen theoretischen Ansätze zur Profession und das Spannungsfeld zwischen bürokratischer Organisation und professionellem Expertenwissen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu klären, ob Organisationen und Professionen eher konkurrierende oder einander ergänzende Konstrukte darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-soziologische Ausarbeitung, die den Diskurs über professionstheoretische Ansätze und deren Anwendung auf Organisationen analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden diverse Professionstheorien detailliert vorgestellt und anschließend kritisch gegenübergestellt, insbesondere im Hinblick auf die ökonomische Steuerung versus professionelle Autonomie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Profession, Organisation, Systemtheorie, Professionalisierung und die wechselseitige Einflussnahme der beiden Konstrukte.
Wie bewertet die Arbeit den Ansatz von Ferdinant Buer?
Buer wird als praxisnahe kritische Gegenstimme angeführt, die vor der Zerstörung der Logik professionellen Handelns durch bürokratische Reglementierung im Gesundheitswesen warnt.
Was besagt die revidierte Professionstheorie nach Oevermann?
Sie betont das Konzept der „stellvertretenden Deutung“, bei dem professionelles Handeln als Beratungsleistung zur Bewältigung lebensweltlicher Krisen durch Expertenwissen rekonstruiert wird.
Wie unterscheidet sich die interaktionistische Perspektive?
Diese Perspektive fokussiert auf die „Fallkonstruktion“ in Interaktionsprozessen zwischen Professionellen und Klienten sowie auf die Machtaspekte und Mandatsverhältnisse.
- Quote paper
- Master of Arts Robert Möller (Author), 2011, In welchem Verhältnis stehen Profession und Organisation zueinander?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279797