Informationsselektion und -konfiguration in der Presseberichterstattung


Seminararbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1 Korpus
0.2 Fragestellungen und Thesen

1. Selektion, Konfiguration, persuasive Strategien

2. Korpusanalyse
2.1 Berichterstattung in der Boulevardpresse
2.2 Berichterstattung in der Qualitätspresse

3. Zusammenfassung und Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Quellenverzeichnis

0. Einleitung

Die Aufgabe der massenmedialen Berichterstattung „besteht darin, die Stimuli und Er- eignisse in der sozialen Umwelt zu selektieren, zu verarbeiten, zu interpretieren.“ (SCHULZ 1989: 142). Dabei gilt „Objektivität in der Berichterstattung […] als wichtiges und grund- legendes Merkmal des Journalismus. […] Im Fall der [Ereignis-] Beschreibung bezeichnet Objektivität die Übereinstimmung mit einer Sache oder einem Ereignis ohne eine Wertung oder subjektive Verzerrung“ (BURKHARDT 2009: 88). Der Presseberichterstattung wird allerdings häufig ein Mangel an Objektivität und Neutralität nachgesagt (s. u.a. SCHWARZ- FRIESEL 2007: 223; SKIRL 2012: 342). Laut BUCHER (1992: 260) besteht im Allgemeinen sogar die Absicht, durch eine gezielte Berichterstattung Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung zu nehmen. Bei der Informationsselektion und -konfiguration in Presse- texten findet sogar stets eine „spezifische Anordnung sowie Platzierung und damit Fo- kussierung, aber auch die Weglassung von (Hintergrund-) Informationen“ statt. Dies „kann entscheidend dazu beitragen, dass bestimmte Perspektivierungen und Evaluierungen aus- gedrückt werden“ (SCHWARZ-FRIESEL 2007: 216). Die in der Berichterstattung darge- stellten Blickwinkel sowie implizite oder explizite Bewertungen stellen ein Emotions- potenzial bereit, das beim Rezipienten zu einer Emotionalisierung und damit auch zu einer spezifischen (emotionalen) Einstellung bzw. Überzeugung führen kann (jedoch nicht zwingend muss; s. SCHWARZ-FRIESEL 2007: 212).1 LÜGER (1995: 77) unterscheidet in der Presse u.a. meinungsbetont-persuasive und informationsbetonte Texte (s. auch SKIRL 2012: 335). Während meinungsbetonte Texte v.a. durch einen evaluierenden Darstellungsstil ge- prägt sind, sollten informationsbetonte Texte vorrangig perspektivierend sein (eine klare Trennung ist kaum möglich; s. SKIRL 2012: 335).

Im Folgenden soll untersucht werden, wie Informationsselektion und -konfiguration in der Presseberichterstattung zur Ereignisdarstellung eingesetzt werden und inwieweit dadurch eine Beeinflussung bzw. Persuasion des Rezipienten beabsichtigt wird. Zu diesem Zweck werden verschiedene informationsbetonte Texte zum Attentat auf den Boston-Marathon im April 2013 hinsichtlich der Informationsselektion und -strukturierung untersucht. Dabei soll zum einen ein Vergleich der Presseberichterstattung zwischen Qualitäts- und Boule- vardjournalismus erfolgen. Zum anderen wird die Berichterstattung zum Attentat auf den Boston Marathon im zeitlichen Verlauf betrachtet, um zu eruieren, welche Auffälligkeiten in den Artikeln zu Beginn und nach einigen Tagen des Ereignisses zu finden sind.

0.1 Korpus

Das Korpus besteht aus Artikeln der Online-Ausgaben deutscher Qualitäts- (oder auch Abonnement-) und Boulevardpresse zum Boston-Attentat vom 15. April 2013. Untersucht wurden informationsbetonte Texte aus der Süddeutschen Zeitung, der FAZ, der Zeit online sowie der Bild und dem Berliner Kurier. Es soll ein Vergleich zwischen der Qualitätsund Boulevardberichterstattung zum Boston Attentat stattfinden. Dazu werden Artikel analysiert, die im Zeitraum vom 15. bis zum 24. April 2013 erschienen sind.

0.2 Fragestellungen und Thesen

Fragestellungen:

Wie beeinflusst die Auswahl und Anordnung von Informationen in der Presseberichterstattung die (emotionale) Einstellung des Lesers? Welche Auswirkungen haben dabei verschiedene persuasive Strategien, Perspektivierungen und Evaluierungen?

Thesen:

Hinsichtlich des zeitlichen Vergleichs der Berichterstattung wird angenommen, dass zu Beginn deutlich mehr Spekulationen auftreten (v.a. in der Boulevardpresse), da nur wenige Informationen zum Boston-Attentat bekannt sind. Mit dem Anstieg des Informations- gehalts über die Zeit sollten entsprechend weniger Mutmaßungen auftreten. Zudem wird erwartet, dass die Presse direkt am Tag des Ereignisses (bzw. am Tag danach) vor allem eine hohes Emotionspotenzial vermittelt, das emotionalisierend bzw. persuasiv auf den Leser wirken soll. Zudem wird ein Unterschied zwischen der Berichterstattung von Qualitäts- und Boulevardpresse erwartet: Es wird vermutet, dass Quellenperspektiven in der Qualitätspresse deutlicher gekennzeichnet werden, als in der Boulevardpresse. Evaluie- rungen durch wertende Lexik werden vor allem im Boulevardjournalismus erwartet. In den Boulevard-Artikeln wird von einer durch lexikalische und syntaktische Mittel expliziter vermittelten Evaluierung ausgegangen. Das Emotionspotenzial wird hier verstärkt auf einer wertenden Skala angesiedelt sein. Das Emotionspotenzial wird in der Qualitätspresse ver- mutlich durch Evaluierungen auf einer nicht-emotionalen Skala vermittelt. Auf diese Weise bleibt es dem Rezipienten überlassen, dass Inferenzpotenzial des Textes über Welt- wissensaktivierung und kognitive Prozesse zu realisieren (s. SCHWARZ-FRIESEL 2007: 33).

1. Selektion, Konfiguration, persuasive Strategien

In diesem Kapitel werden die Perspektivierungsmöglichkeiten und persuasiven Mittel erläutert, die für die Korpusanalyse in Kapitel 2 relevant sind.

In den Bereich der Informationsselektion fällt die Addition oder Reduktion von Infor- mationen sowie das Auftreten von Antithesen und Spekulationen. Damit einhergehend wird auch betrachtet, welche Form der Ereignisdarstellung durch den Textproduzenten gewählt wird. Laut SCHWARZ-FRIESEL (2007: 224) und BUCHER (1992: 268) sind folgende Formen zu unterscheiden:

Augenzeugendarstellung:

(1) „Die Schockwellen haben meinen ganzen Körper erfasst“ (spiegel.de, 16.04.2013)

Faktizierende Ereignisdarstellung ohne Kennzeichnung der Quellenperspektive:

(2) Wer hinter den Anschlägen steht, ist bislang völlig unklar. In den ersten Stunden nach den Detonationen bekannte sich niemand zu den Attentaten.“ (spiegel.de, 15.04.2013)

Distanzierende Ereignisdarstellung mit Kennzeichnung der Quellenperspektive:

(3) Auch in der John-F.-Kennedy-Bibliothek sei ein Sprengsatz hochgegangen, hieß es zu- nächst. Später wurde jedoch verbreitet, dass es sich dabei auch um ein Feuer gehandelt haben könne. (bild.de, 15.04.2013)

Distanzierende Ereignisdarstellung mit Quellenangabe:

(4) Mittlerweile melden Bostons Krankenhäuser angeblich mehr als 144 Verletzte, wovon sich mindestens 17 in kritischem Zustand befinden. Die Verletzungen reichen von Schnittwunden bis zu Not-Amputationen, teilten Ärzte mit. (bild.de, 16.04.2013)

Indirekte Ereignisdarstellung aus der Perspektive Dritter:

(5) Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sieht die Sicherheitslage in Deutschland seit Jahren unverändert. Man sei aufmerksam und kritisch, sagte Friedrich nach dem An- schlag auf den Boston-Marathon. (sueddeutsche.de, 16.04.2013)

Vor allem die Augenzeugendarstellung und die faktizierende Darstellung können besonders persuasiv auf den Rezipienten wirken. Weitere persuasive Strategien sind im Folgenden aufgeführt. Mit ihrer Hilfe soll der Leser ebenfalls von einer bestimmten Sichtweise überzeugt werden:

Berufen auf Autoritäten:

(6) Die Polizei geht von Bombenanschlägen aus. (spiegel.de, 15.04.2013)

Berufen auf Authentizität:

(7) Unter Tränen beschreibt eine Frau das Geschehene: „Wir haben die erste Bombe direkt gesehen. Es flogen Menschen durch die Luft.“ (bild.de, 16.4.2013)

Berufen auf regelhafte Beziehungen:

(8) Da es in den USA extrem leicht ist, an Waffen, Sprengstoff und Schießprügel jeder Art zu kommen, ist das Gefahrenpotential, das von solchen Leuten ausgehen kann, er- heblich. (bild.de, 16.04.2013)

Präsentieren von Sympathieträgern:

(9) Barack Obama spricht den Familien der Opfer sein Mitgefühl aus, und versichert, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. (spiegel.de, 16.04.2013)

Darstellung von Atmosphäre über Analogien:

(10) Die Rede war von gut 700 Kilogramm Sprengstoff und von mehreren hundert

Gewehren. Die Erstürmung [gleicht, IK] einem Inferno. (bild.de, 16.04.2013)

Positives oder negatives Hervorheben:

(11) Das US-Unternehmen IntelCenter, das Terrorismusgruppen beobachtet und

Aktionen auswertet, nennt drei Terrorgruppen, die die USA besonders aggressiv bedrohen […]. (bild.de, 16.04.2013)

Kontrastieren:

(12) Der Demokrat [Obama] warnte vor voreiligen Schlüssen. […] Obama versprach

aber auch: „Wir finden heraus wer das war […]“. (spiegel.de, 16.04.2013)

Im Bereich der Konfiguration wird analysiert, ob sich Auffälligkeiten in der inhaltlichen, zeitlichen oder dramaturgischen Strukturierung der Informationen finden. Es soll ein Vergleich der Berichterstattung von Boulevard- und Qualitätspresse hinsichtlich der genannten Aspekte erfolgen, um die eingangs erläuterten Thesen zu überprüfen. In den folgenden Kapiteln wird die Berichterstattung zum Boston-Attentat zunächst jeweils für den Boulevard- und Qualitätsjournalismus betrachtet. In Kapitel 2 erfolgen anschließend der zusammenfassende Vergleich sowie ein abschließendes Fazit.

2. Korpusanalyse

In diesem Kapitel wird untersucht, wie durch die Auswahl und Anordnung von Informationen gezielt Perspektivierungen und Evaluierungen ausgedrückt werden, die auf den Leser persuasiv wirken können.

2.1 Berichterstattung in der Boulevardpresse

In diesem Unterkapitel soll gezeigt werden, wie durch eine gezielte Informationsselektion seitens des Textproduzenten Perspektivierungen und Evaluierungen dargestellt werden und wie diese das textuelle Emotionspotenzial determinieren. Wie eingangs erläutert, wird in Berichten der Boulevardpresse erwartet, dass Perspektivierungen vor allem mittels per- suasiver Strategien, wie Augenzeugendarstellung, Berufen auf Autoritäten, Experten und

Sympathieträger sowie Kontrastierungen und Hervorhebungen ausgedrückt werden. Zu- dem wird ein hohes textuelles Emotionspotenzial angenommen, das durch wertende Lexik und Evaluierungen auf einer emotionalen Werte-Skala sowie durch eine insgesamt eher indirekte Berichterstattung aus der Perspektive Dritter und eine mangelnde Kennzeichnung von Quellenperspektiven angereichert ist.

Am Tag des Attentats, dem 15. April, liefert der Berliner Kurier schon mit der Schlagzeile in (13) ein hohes Emotionspotenzial.

(13) Mehre Explosionen - Bomben-Anschlag bei Boston Marathon!

Schreckliches Attentat beim Boston-Marathon: Zwei Bomben explodierten, zwei weitere Sprengsätze wurden vor Ort entdeckt und entschärft. Drei Menschen starben, mindestens 100 weitere wurden verletzt. (berliner-kurier.de, 15.04.2013)

Durch den Exklamativsatz in der Schlagzeile werden der Neuigkeitswert und die Dramatik des Ereignisses hervorgehoben. „Schlagzeilen sind das Erste, was der Leser wahrnimmt und liest, sie sind der Aufhänger für die Aufmerksamkeitslenkung, der Einstieg in den de- taillierten Leseprozess, sie geben bereits eine bestimmte Perspektive, eine Bewertung vor“ (SCHWARZ-FRIESEL 2007: 216). Auch das emotionsbezeichnende Adjektiv schrecklich, direkt zu Beginn des Artikels, erhöht das Emotionspotenzial und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die danach folgenden ersten bekannt gewordenen Fakten. Diese Fakten (Anzahl der Explosionen und Opfer) werden ohne Kennzeichnung der Quelle(nperspek- tive) vermittelt. Im Verlauf des Berichts werden vor allem Kontrastierungen, wie in (14), und Augenzeugendarstellungen verwendet, um die Tat darzustellen.

(14) Ein schöner Frühlingstag in Boston an der US-Ostküste. Die Menschen genießen ihren örtlichen Feiertag, viele Familien mit Kindern stehen in den Straßen und warten auf die Läufer vom Boston-Marathon. Dann um 14.50 Uhr Ortszeit, drei Stunden nach dem Einlauf der Spitzenathleten im Ziel, ist im nördlichen Teil der Boylston Street eine Explosion zu hören. Die zweite Explosion passiert wenige Sekunden später hinter der Zuschauertribüne im Zielbereich. (berliner-kurier.de, 15.04.2013)

[...]


1Emotionale Einstellungen stellen mentale Bewertungsrepräsentationen hinsichtlich bestimmter Referenten/Referenzbereiche dar. Einstellungen werden sprachlich vermittelt über lexikalische Mittel […] und syntaktische Strukturen […]. Jede emotionale Einstellung hat einen Positiv- oder Negativ-Wert, kann in der Intensität variieren und ist als permanent oder nicht-permanent zu charakterisieren. Emotionseinstellungen können explizit oder implizit dargestellt werden […]. Einstellungen sind im Langzeitgedächtnis gespeichert“ (SCHWARZ-FRIESEL, 2009: 228).

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Details

Titel
Informationsselektion und -konfiguration in der Presseberichterstattung
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Textsemantik – Perspektivierung, Evaluierung und Informationsstruktur
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V280040
ISBN (eBook)
9783656741718
ISBN (Buch)
9783656741640
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
informationsselektion, presseberichterstattung
Arbeit zitieren
Isabelle Köntopp (Autor:in), 2013, Informationsselektion und -konfiguration in der Presseberichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280040

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