Die Sexualmoral in Gretchens Welt. Einflüsse der Gesellschaft in Goethes "Faust"


Hausarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Margarete
Geschichtlicher Hintergrund der Margarete in Goethes Faust
Die Rolle der Margarete
Umriss der Gretchen-Tragödie

Sexualmoral in Margaretes Welt
Gesellschaftliche Sexualmoral
Einflüsse der Religion auf die Sexualmoral in Margaretes Welt

Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

In unserer heutigen Gesellschaft ist die Sexualität kein Tabuthema mehr. Sie ist präsent in Filmen, Zeitungen, Werbeplakaten und sogar im Schulunterricht. Sie wird weder totgeschwiegen noch verurteilt. Es gibt nicht nur, vor Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten schützende Artikel, sondern ebenso welche zur Steigerung des Vergnügens. Laut Focus online war die Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) 2008 maßgeblich für die Durchführung einer Umfrage der Deutschen zur Sexualität im Internet verantwortlich. 55000 Männer und Frauen beteiligten sich daran und beantworteten bis zu 200 Fragen zu diesem Thema. Aus dieser großen Studie wurde von dem Privatsender Pro7 zusätzlich eine eigene Dokumentation erstellt. Unter anderem wurde in dieser Studie nach der Anzahl der Geschlechtspartner gefragt. Das Ergebnis lag bei den Frauen im Durchschnitt bei 6,7 und bei den Männern bei 10,2 Sexualpartnern.1 Der Kondom-Hersteller Durex veröffentlichte 2005 eine internationale Sex-Studie. Diese Ergebnisse weichen von den Ergebnissen der Studie von 2008 leicht ab. Hier liegt die Anzahl der Durschnittlichen Sexualpartner der Deutschen bei 5,8.2

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, dass die meisten Katholiken mit der Kirche eine „unverständliche und lebensfeindliche Sexualmoral“3 verbinden. Die häufigsten Kritikpunkte an der Institution sind hierbei das Verbot von künstlicher Empfängnisverhütung, die Untersagung außerehelichen Geschlechtverkehres, die nicht auflösbare Ehe und die Intoleranz gegenüber Homosexuellen.4

Aus den beiden oben genannten Studien zur Sexualität lässt sich jedoch schließen, dass die Menschen in Deutschland mehr als nur einen Sexualpartner in ihrem Leben haben. Durch den unbefangenen Umgang mit dieser Materie, scheint auch keine Verurteilung dieser Tatsache ersichtlich. Die Gesellschaft in Deutschland zeichnet sich durch eine offene, nicht unterdrückende Sexualmoral aus, auf welche die Kirche keinen großen Einfluss ausübt.

In der folgenden Hausarbeit möchte ich auf eine Gesellschaft eingehen, in welcher dies nicht der Fall ist. Ich werde die repressive Sexualmoral der Welt Margaretes aus Goethes Tragödie „Faust“ detailiert untersuchen und die Konsequenzen und Einflüsse einer solchen auf ihr Leben herausarbeiten. Hinzukommend wird innerhalb dieses Punkt auf den Aspekt der unehelichen Schwangerschaften und deren Folgen für die Betroffenen eingegangen werden. Weiterführend werde ich die Einflüsse der Religion auf die Sexualmoral näher betrachten, um das Zusammenspiel zwischen dieser und der Gesellschaft herauszustellen. Innerhalb dieses Zusammenhanges werde differenziere ich die Institution Kirche und dem Glauben. Um einen erleichterten Einstieg in die Thematik zu geben, werde ich mit einer kurzen Übersicht zu Figur der Margarete beginnen. Hierbei wird genauer die Entstehungsgeschichte, ihre Charakterzüge und ihre Rolle in „Faust I“ bearbeitet.

Margarete

Geschichtlicher Hintergrund der Margarete in Goethes Faust

Das Thema des Kindmordes war im 18. Jahrhundert von großer aktueller gesellschaftlicher sowie politischer Bedeutung.5 Dieses Themengebiet wurde von einer großen Anzahl Autoren der Zeit in ihren Werken behandelt. So zum Beispiel „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner, „Ida“ von Anton M. A. Sprickmann und das Gedicht „Die Kindsmörderin“ von Friedrich Schiller.6 Aufgrund der zahlreich publizierten Texte, erscheinen reale Vorfälle als Vorbild höchst wahrscheinlich.

Dass es sich bei Margarete um eine „schwankende Gestalt“7 handelt, welche nicht eindeutig einzugrenzen ist, wird deutlich durch Goethes Regieanweisungen, in welchen er zwischen den Namen: Margrete, Gretgen und Margarethe hin-und herwechselt. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Goethe durch die folgenden drei Fälle besondere Inspiration gefunden. 1771 beschäftigte er sich bereits in seiner Disputation mit dem Thema Kindsmord.8 Nicht viel später richtete sich sein Interesse auf den Fall der Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt, welche beschuldigt wurde, ihr Kind umgebracht zu haben. Es ist davon auszugehen, dass Goethe dem Prozess entweder selbst beiwohnte oder Einsicht in die Prozessakten hatte. Dies wird deutlich indem er Mephistopheles folgende Worte in den Mund legt:“ Sie ist die erste nicht“. Eben diese Worte sind auch in den Prozessakten wieder zu finden.9 Susanna Margaretha Brand war zu dem Zeitpunkt des ihr angelasteten Verbrechens 24 Jahre alt und arbeitete in einem Gasthaus. Vor ihrer Verhaftung wagte sie einen Fluchtversuch, welcher aber schon nach kurzer Zeit scheiterte.Am Ende wurde sie zum Tod durch das Schwert verurteilt.10

Eine weitere These zur Namensgebung der Margarete ist, dass Goethe den Namen des Mädchens wählte, dem seine erste Liebe galt. Diese wird schon 1811 in seinem Werk „Dichtung und Wahrheit“ erwähnt. Ob diese erste Liebe Einfluss auf die Namensgebung hatte bleibt allerdings pure Spekulation.11

Einer anderen Überlegung zufolge entlieh Goethe für die Protagonistin seiner Tragödie den Namen von der heiligen Margarethe (Margarita). Es gibt zum einen die heilige Margareta von Cortona, welche einen unehelichen Sohn gebar und daraufhin sozial geächtet wurde. Sie wählte als Strafe ein Leben in Buße im Kloster. Zum anderen kommt die heilige Margareta von Antiochia in Frage. Sie wurde zuerst verhaftet und später im Kerker vom Teufel besucht. Sie lehnte sein Begehren jedoch ab.12 Am Ende wurde die Heilige geköpft.13 Dieses Schicksal soll ebenfalls ihrer Namensgenossin aus Goethes Faust ereilen.

Die Rolle der Margarete

Margarete ist die weibliche Protagonistin der Tragödie Faust. Sie wird sowohl mit dem Namen Margarete als auch Gretchen betitelt. Ihr Leben ist stark geprägt von den Normen der Gesellschaft und der Kirche. Die Religion spielt für sie eine wichtige Rolle. Sie zeichnet sich aus durch fehlende Reflexion und absolute Akzeptanz der gesellschaftlich determinierten Glaubensregeln. Koblik bezeichnet Margaretes Kirchenglauben weiterhin als naiv und dogmatisch.14 Deutlich wird dies durch folgendes Zitat: „Das ist nicht recht, man muss dran glauben“15, sagt sie zu Faust als dieser ihr auf die Frage nach seinem Glauben ausweicht. Margarete wohnt alleine mit ihrer Mutter zusammen, da ihre Schwester und ihr Vater gestorben sind. Ihr Bruder ist Soldat und vertritt als einziger Mann in der Familie die Rolle des Hausvaters. Ihre kleine Schwester hat sie zum großen Teil aufgezogen.

Sie lebt in einer klein-bürgerlichen Welt ohne viel Luxus, wie zum Beispiel eine Magd, und erfüllt viele Aufgaben zuhause:

„Muss kochen, fegen, stricken und nähen und laufen früh und spät; und meine Mutter ist in allen Stücken so akkurat“16

Der letzte Teil des oben erwähnten Zitates zeigt die hohen Ansprüche Margaretes Mutter an ihre Tochter auf. Obwohl sie ohne großen Luxus aufwächst und diesen nicht daher kennt, sehnt sie sich dennoch nach materiellen Dingen. Dies wird deutlich an folgenden Textausschnitten:

„Nach Golde drängt, Am Golde hängt Doch Alles. Ach wir Armen!“17 und „Wenn nur die Ohrring' meine wären! Man sieht doch gleich ganz anders drein.“18

Des Weiteren sehnt sich Margerete unterbewusst nach unendlicher Treue und Liebe, welche selbst über den Tod hinaus noch anhält. Dies wird deutlich durch das Gedicht „Der König in Thule“, welches sie singt nachdem sie Faust das erste Mal begegnet ist und das eben diese Werte behandelt.19

Bevor sie auf Faust trifft, verkörpert sie die Begriffe Unschuld und Tugend, welche in der bürgerlichen Gesellschaft geschätzt werden. Dies wird schon nach der ersten

Begegnung von Magarete und Faust von Mephisto festgestellt und im späteren

Verlauf von ihrem Bruder Valentin erläutert.

Umriss der Gretchen-Tragödie

Margarete tritt zum ersten Mal in Erscheinung als sie Faust, nach seinem Besuch der Hexenküche, auf der Straße trifft. Er beginnt ihr Avancen zu machen, jedoch wehrt sie diese bestimmt ab. Im späteren Verlauf macht sie sich dennoch Gedanken über die Begegnung. Im Folgenden findet sie ein Schmuckkästchen, welches für sie von Mephisto, als Geschenk von Faust, in ihrem Zimmer plaziert wurde. Faust unterlässt keine Mühe das Herz des Mädchens zu erobern. Nach einer Weile willigt Margarete ein, die Nacht mit Faust zu verbringen und ihrer Mutter ein Schlafmittel für diese Zeit zu geben. Margarete endet schwanger und ihre Mutter stirbt an den Folgen der Arznei. Die soziale Isolation beginnt für sie. „Ich komm' gar wenig unter die Leute.“20

Bei einem Aufeinandertreffen mit ihrem Bruder verurteilt dieser sie stark und wird schließlich von Faust, auf Mephistos Drängen hin, getötet. Als Faust die Stadt verlässt, bleibt Margarete zurück und wird im späteren Verlauf der Tragödie wegen Kindsmordes verhaftet und verurteilt. Als Faust versucht sie zu befreien, weigert sie sich ihm zu folgen und übergibt sich dem „Gericht Gottes“.21

Sexualmoral in Margaretes Welt

Gesellschaftliche Sexualmoral

Schon bei der ersten Begegnung von Faust und Margarete wird deutlich, dass die Sexualmoral der Gesellschaft repressiv und von klaren, moralischen Vorstellungen determiniert ist.

Faust sieht Margarete auf der Straße und bietet dieser sein „ Arm und Geleit“ an.22 Weiterhin spricht er sie als schönes Fräulein an. Diese Anrede gilt zu der Zeit als „Ehrenname unverheuratheter adeliger Frauenzimmer“23 und ist somit nicht die korrekte Betitelung für eine bürgerliche wie Margarete. Es entspricht also nicht den üblichen Umgangsformen innerhalb der Gesellschaft und ist wohl auf die Veränderung von Fausts Aussehen und Verhalten zurückzuführen, welche von Mephisto beeinflusst wurden.24 Als sie bei der zweiten Begegnung mit Faust auf diesen Vorfall zu sprechen kommt wird offensichtlich, dass es sich hierbei um keine den Konventionen entsprechende Begegnung handelt. Sie sagt:

„Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn;

Es konnte niemand von mir übels sagen. Ach, dacht' ich, hat er in deinem Betragen, Was freches, unanständiges gesehn?“25

Hier wird die Disposition der ersten Gesprächsführung Fausts prägnant sichtbar. Sie widerspricht den Konventionen und wird in Margaretes Welt als amoralisch angesehen.

[...]


1 http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/sexualitaet/sexstudie-so-liebt-deutschland_aid_334047.html

2 Vgl. http://naturalnumbersgame.wordpress.com/2013/07/06/durex-studie-anzahl-sexualpartner/ 3 http://www.faz.net/aktuell/politik/umfrage-des-vatikans-katholiken-hadern-mit-sexualmoral-der- kirche-12783198.html

4 Vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/umfrage-des-vatikans-katholiken-hadern-mit-sexualmoral-der- kirche-12783198.html

5 Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 196

6 http://literaturatlas.de/~la25/kindsmord.html

7 Ulrich Gaier: Goethes Faust Dichtungen Ein Kommentar S. 173

8 Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 196 2

9 Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 194

10 Kirsten Peters: Der Kindsmord als schöne Kunst betrachtet S. 118

11 Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 192

12 Ulrich Gaier: Goethes Faust Dichtungen Ein Kommentar S. 176

13 http://www.erzbistum-muenchen.de/Pfarrei/Page001194.aspx 3

14 Helmut Kobligk: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas S.84

15 S.148, Z. 3422

16 S.133 Z. 3111 ff.

17 S.119 Z. 2882 ff.

18 S. 119 Z. 2797 ff.

19 Vgl. Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 295 4

20 S.154 Z.3545

21 S. 199 Z. 4605

22 S.112 Z. 2606

23 Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 289 zitiert nach: Adelung 2,271; entsprechend Frauenzimmer-Lexikon 1715,578

24 Vgl. Albrecht Schöne: Johann Wolfgang Goethe Faust Kommentare S. 289

25 S. 135 3169

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Sexualmoral in Gretchens Welt. Einflüsse der Gesellschaft in Goethes "Faust"
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Goethes Faust I und II
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V280096
ISBN (eBook)
9783656740803
ISBN (Buch)
9783656740674
Dateigröße
1012 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sexualmoral, gretchens, welt, einflüsse, gesellschaft, goethes, faust
Arbeit zitieren
Annika Wichmann (Autor), 2014, Die Sexualmoral in Gretchens Welt. Einflüsse der Gesellschaft in Goethes "Faust", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280096

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