"Was ist das eigentlich genau, dieser Islam?" Die Antwort auf diese Frage wurde an manchem Stammtisch schnell gefunden: Demnach sei es etwa eine blutrünstige, unkultivierte Religion dieser unzivilisierten Völker östlicher Schurkenstaaten, gegen die sich der westliche Kulturverbund, angeführt vom amerikanischen Militär, bis heute im Kriegszustand befindet, obgleich im Englischen längst eine Unterscheidung zum traditionellen Krieg zwischen Staaten geschaffen wurde, indem in diesem konkreten Fall des Terrors aus dem Inneren vom public enemy die Rede ist.
Leider ist es bis zum heutigen Tage eben genau diese unaufgeklärte, pauschale Verurteilung des Islam als Kriegerreligion, die sich in manch einem Kopf festgesetzt hat und unter Umständen derart unreflektiert an die eigenen Kinder weitervermittelt wird. "So nah und doch so fern": Muslimische Mitmenschen bereichern die deutsche Bevölkerung nun bereits seit etwa fünfzig Jahren, doch scheinen sich die Fronten zwischen jenen ohne Migrationshintergrund und solchen, die muslimisch geprägten Ländern entstammen, eher zu verhärten denn aufzuweichen, und das ironischerweise in einer Zeit schwindender religiöser und konfessioneller Gebundenheit und zunehmender Privatisierung und Individualisierung des Glaubens.
Hier kann, soll und muss die Schule einsetzen. In die Verantwortung muss sich dabei in besonderem Maße der Religionsunterricht nehmen, wenngleich nicht erst seit den Anschlägen ohnehin eine wie auch immer geartete Islamkunde auf dem Programm steht. Doch dem Suchen des interreligiösen Dialogs muss ein breiterer Raum geboten werden, als es vielleicht früher der Fall war. Die Materie ist schlichtweg sensibler geworden. Speziell im Hochsauerlandkreis, der einen deutlich geringeren Anteil muslimischer Mitbürger und Einwanderer aufweist, als dies in den Ballungsgebieten des Bundeslands Nordrhein-Westfalen der Fall ist, ist die Lehrperson gefordert, Vorurteilen, die gegenüber dem Fremden erfahrungsgemäß zwangsläufig bei einigen entstehen, angemessen zu begegnen. Denn ob es tatsächlich in Anspielung auf den Landtagswahlkampf 2010 "pro NRW" ist, Minarette u.ä. zu verbieten, muss auch von einem Schüler oder einer Schülerin der siebten Klasse kritisch hinterfragt werden können. Die Schule muss es vorleben, auf andere zuzugehen, offen zu fragen, zu erkunden und zu erleben. Dabei kann eine Erfahrung mit allen Sinnen, die im Rahmen einer Exkursion in eine Moschee gemacht wird, nachhaltige Ergebnisse erzielen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Wahl des außerschulischen Lernorts
II.1. Der performative Ansatz und außerschulische Lernorte allgemein
II.2. Zur Bedeutung von Kulträumen
II.3. Die Moschee Fatih Camii in Meschede
III. Vorüberlegungen zur Organisation
III.1. Organisatorische Notwendigkeiten und rechtliche Grundlagen
III.2. Regeln für den Besuch der Moschee
IV. Einbindung in den Lernprozess
IV.1. Das Unterrichtsthema in den Richtlinien und Lehrplänen
IV.2. Zielperspektive und mögliche Inhalte der Unterrichtsreihe
IV.3. Zielperspektive des Besuchs der Moschee
V. Methodische Überlegungen: Eine Erkundung in 5 Phasen
VI. Reflexion
VII. Bezug der Arbeit zu Lehrerfunktionen
VIII. Quellenverzeichnis
IX. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit entwickelt ein fundiertes Konzept für eine Exkursion in die Fatih Camii Moschee in Meschede, um Schülern der siebten Klasse eine authentische Begegnung mit dem Islam zu ermöglichen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie ein solcher außerschulischer Lernort in den Religionsunterricht eingebunden werden kann, um religiöse Kompetenz zu fördern, Vorurteile abzubauen und den interreligiösen Dialog zu stärken.
- Methodische Planung und Strukturierung von Moschee-Exkursionen in fünf Phasen
- Rechtliche Rahmenbedingungen und organisatorische Voraussetzungen für Schulwanderungen
- Pädagogische Erschließung der Moschee als Kultraum und Ort gelebter Religion
- Abbau von Vorurteilen gegenüber dem Islam durch direkte Begegnung und Auseinandersetzung
- Didaktische Verbindung von Lehrplänen und praktischer Erfahrung am außerschulischen Lernort
Auszug aus dem Buch
II.3. Die Moschee Fatih Camii in Meschede
Bevor man eine Moschee mit einer Lerngruppe betritt, sollte allen klar sein, worum es sich dabei überhaupt konkret handelt. Sie ist weder Gotteshaus noch Opferstätte, sondern Versammlungsort der Gemeinde zum gemeinsamen Gebet. Sie ist Gebetsstätte und wird durch die Ausübung des Glaubens zum Ort religiöser Praxis, an dem sich Gläubige allein oder in Gemeinschaft zum Gebet und zur Meditation einfinden.
Traditionell ist die Moschee auch eine "Lehrstätte", an der bisweilen auch Politik betrieben und Verfolgten Asyl gewährt wurde. In Deutschland erbaute Moscheen sind voneinander unabhängig, und es obliegt den Gläubigen, welcher Gemeinde sie sich anschließen. Hierzulande dient die Moschee oft auch als Bildungsstätte und Ort der religiösen Unterweisung (so auch die Moschee in Meschede), an dem z.B. Kurse zur Rezitation des Korans angeboten werden. Sie bietet jedoch auch Raum für Veranstaltungen mitunter profanerer Natur, neben Festen, Hochzeiten und Beschneidungen also etwa auch für Lebensmittelgeschäfte, Märkte, Jugendtreffs (z.B. Tischfußball, Billard, Fernsehen) und Ähnliches.
Im Mai 2008 öffnete eine solche Moschee in Meschede, die nun das Stadtbild mitprägt und mit welcher die Hoffnung verbunden wird, ein Stück islamische Geschichte für das Sauerland, oder anders herum, ein Stück sauerländische Geschichte für den Islam zu schreiben. Wie ich im Rahmen einer Lehrerfortbildung vor Ort etwa ein Jahr später jedoch vom dort tätigen Dialogbeauftragten des türkischen-islamischen Kulturvereins Dr. Ahmet Arslan erfuhr, blieb der große Ansturm von Neumitgliedern bislang aus und der Missbrauch der Moschee als Treffpunkt, an dem unter Jugendlichen lediglich der neueste Klatsch und Tratsch verbreitet wird, nimmt Überhand. Aus diesem Grund ist das Innere der Moschee leider auch mit etwa einem halben Dutzend türkischsprachigen Hinweisen plakatiert, die an das herrschende Handyverbot erinnern müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Wahrnehmung des Islams als Bedrohung nach den Ereignissen des 11. Septembers und postuliert die Notwendigkeit, dass Schule und Religionsunterricht durch interreligiösen Dialog und direkte Begegnungen Vorurteilen aktiv entgegentreten.
II. Die Wahl des außerschulischen Lernorts: Dieses Kapitel erläutert den performativen Ansatz im Religionsunterricht und definiert die Bedeutung von Kulträumen, bevor die spezifische Moschee Fatih Camii in Meschede als Exkursionsziel vorgestellt wird.
III. Vorüberlegungen zur Organisation: Hier werden die organisatorischen Notwendigkeiten, rechtlichen Rahmenbedingungen und Verhaltensregeln detailliert dargelegt, die für die Planung und Durchführung einer Exkursion mit einer Schulklasse essenziell sind.
IV. Einbindung in den Lernprozess: Dieses Kapitel verknüpft das Vorhaben mit den schulischen Richtlinien und Lehrplänen, definiert Lernziele der Unterrichtsreihe und begründet die Zielperspektive des Moscheebesuchs.
V. Methodische Überlegungen: Eine Erkundung in 5 Phasen: Es wird ein detaillierter methodischer Ablauf für die Exkursion präsentiert, der von der Vorbereitung im Klassenzimmer über die Erkundung vor Ort bis hin zur Nachbereitung und Reflexion reicht.
VI. Reflexion: Der Autor resümiert die Komplexität der Organisation und betont den hohen Wert der sinnlichen Erfahrung vor Ort als Mittel zur Öffnung neuer Eingangskanäle für das interreligiöse Lernen.
VII. Bezug der Arbeit zu Lehrerfunktionen: Das Kapitel ordnet die Arbeit in die Rahmenvorgaben für den Vorbereitungsdienst ein und verknüpft die Planung mit den pädagogischen Kernaufgaben Organisation, Erziehen, Unterrichten und Evaluieren.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, Moschee, Islam, Exkursion, interreligiöses Lernen, außerschulischer Lernort, Fatih Camii Meschede, Vorurteilsabbau, performativer Religionsunterricht, Kultraum, Schulpädagogik, interkultureller Dialog, Didaktik, Gebet, rituelle Reinheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit entwickelt ein praxisorientiertes Konzept für einen Moscheebesuch mit einer siebten Klasse, um interreligiöse Kompetenz zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die didaktische Planung, rechtliche Vorgaben für Exkursionen, die Bedeutung religiöser Räume und den Abbau von Vorurteilen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Lehrkräften im Hochsauerlandkreis ein strukturiertes Angebot zur Verfügung zu stellen, um die lokale Fatih Camii Moschee gewinnbringend mit Schülern zu erkunden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein fünfphasiges Erkundungskonzept angewandt, das an religionspädagogische Grundkonzepte wie die von Mendl und Rupp anlehnt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorbereitung der Organisation, die Einbettung in den Lernprozess sowie eine konkrete methodische Durchführung der Moschee-Exkursion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Religionsunterricht, Moschee-Exkursion, interreligiöses Lernen, Vorurteilsabbau und performativer Religionsunterricht.
Warum ist die Wahl der Fatih Camii in Meschede besonders?
Sie ist eine der wenigen Moscheen ihrer Bauart in der Region, bietet genügend Platz für Schulklassen und verfügt über informative Aushänge, die gezielt kritische Fragen zum Islam beantworten.
Wie geht die Arbeit mit dem Thema der Vorurteile um?
Das Konzept nutzt speziell die Aushänge im Obergeschoss der Moschee, die authentische muslimische Antworten auf kontroverse Themen wie Kopftuchpflicht oder Terrorismus bieten, um Vorurteile bei Schülern gezielt zu thematisieren.
- Arbeit zitieren
- Karsten Keuchler (Autor:in), 2011, "So nah und doch so fern". Eine Einführung in den Islam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280138