Turnierentlohnung und Anstrengung der Sportler - Golf und andere Beispiele


Seminararbeit, 2004

21 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Anreiztheorie und das Prinzipal-Agent Modell
2.2 Basiswerk der Turniertheorie von Lazear/Rosen (1981)
2.3 Erkenntnisse aus den bisherigen Überlegungen
2.3.1 Direkte Anwendung auf den Sport
2.3.2 Weiterentwicklungen der klassischen Turniertheorie
2.3.3 Grenzen der Anwendbarkeit der Turniertheorie

3. EVIDENZ AUS DEM SPORT
3.1 Das Beispiel Golf
3.1.1 Aufbau und Hypothesen
3.1.2 Empirische Analyse
3.1.3 Kritische Würdigung
3.2 Zusätzliche Erkenntnisse aus dem Marathon Sport
3.2.1 Aufbau und Hypothesen
3.2.2 Empirische Analyse
3.2.3 Kritische Würdigung
3.3 Zusätzliche Erkenntnisse aus dem Autorennsport
3.3.1 Aufbau und Hypothesen
3.3.2 Empirische Analyse
3.3.3 Kritische Würdigung

4. SCHLUSSFOLGERUNG

1. Einleitung

Inwiefern das Entlohnungssystem von Arbeitskräften eine Auswirkung auf deren Produktivi- tät hat, war schon oft Gegenstand von empirischen Untersuchungen. Lazear (2000) beispiels- weise dokumentiert den Unterschied der Produktivität der Arbeitskräfte vor und nach dem Übergang von Stundenlöhnen zu Stücklöhnen und stellt eine signifikante Zunahme der Pro- duktivität fest.1 Der Turnierentlohnung als Spezialform der Leistungsentlohnung hingegen, wurde bislang deutlich weniger Gewicht verliehen. Die vorliegende Arbeit befasst sich denn auch genau mit dieser Form der Entlohnung und untersucht die Wirkung der gesetzten Anrei- ze auf die Anstrengung der Turnierteilnehmer. Dabei bietet sich der Sport als Untersuchungs- gebiet an, weil Daten über die Anreize für die Teilnehmer (Preisverteilung) vorhanden sind und unter gewissen Bedingungen die Anstrengung über den erzielten Output (Rang) messbar ist.2 Zudem existieren gute Angaben über individuelle Attribute der einzelnen Arbeitnehmer (Sportler), die Gehälter sind recht transparent und die gesamte Karriere der Sportler kann vollständig verfolgt werden.3 Da diese Statistiken auch durchgehend detaillierter und genauer sind als typische mikroökonomische Daten, erachte ich es als sinnvoll, verschiedene Analysen aus dem Sport miteinander zu vergleichen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Turnierent- lohnung auf ihre Anreizwirkungen hin zu untersuchen und im besten Fall allgemeingültige Erkenntnisse zu erhalten.

In einem ersten Schritt soll der theoretische Hintergrund der Anreiz-& Turniertheorie ver- ständlich gemacht werden (Abschnitt 1). Im Gegensatz zu fixen Gehältern (Input abhängig) oder konventionellen Stücklöhnen (Output abhängig) zeichnet sich die Turnierentlohnung durch einige Merkmale aus, die unter bestimmten Voraussetzungen zu effizienteren Ergebnis- sen führen können. So entschädigen Turniere den Teilnehmer aufgrund seiner relativen Leis- tung gegenüber seinen Mitstreitern und nicht aufgrund seines absolut erzielten Resultats, was vor allem dann vorteilhaft ist, wenn der absolute Output nicht oder nur unter grossem Auf- wand messbar ist oder der Zufall eine wichtige Rolle spielt. Die Turnierentlohnung setzt im- plizit voraus, dass die gesamte Preissumme zu Beginn festgelegt wird, dass die einzelnen Preisgelder unabhängig vom Leistungsniveau ausbezahlt werden und dass damit Anreize zur Mehranstrengung geschaffen werden.4

Empirische Studien aus den Sportarten Golf, Marathon und Autorennen sollen in einem wei- teren Schritt das theoretische Modell statistisch prüfen und weitere Erkenntnisse liefern (Ab- schnitt 3). Beispielhaft sei an dieser Stelle der Veranstalter eines Golfturniers erwähnt, der gemäss Hypothese über die Variation der Faktoren Gesamtpreissumme und Gehaltsspreizung eine optimale Anstrengung der Teilnehmer begünstigen oder im besten Fall gar erzwingen kann.5 Dieser Abschnitt hat auch zur Aufgabe, die gestellten Hypothesen auf ihre Zielerrei- chung hin zu durchleuchten und die Methoden und Befunde kritisch zu betrachten.

Der letzte Teil fasst die Erkenntnisse zusammen und lässt Raum, um die behandelten Studien auf Parallelen zur Anwendbarkeit ausserhalb des Sports zu untersuchen (Abschnitt 4).

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Anreiztheorie und das Prinzipal-Agent Modell

Die zentrale Frage der Anreiztheorie ist, wie man jemanden dazu bringen kann, genau das für sich zu tun, was man will. Bei vollständiger Beobachtbarkeit der Anstrengung wird sich der Angesprochene solange mehr bemühen, bis sein Grenznutzen gleich seinen Grenzkosten ist. Sobald die Information aber unvollständig ist, wird dies nicht mehr der Fall sein und wir se- hen uns mit einer neuen Ausgangslage, einer Prinzipal-Agent Konstellation, konfrontiert.6 Auf der einen Seite sagt dieses Prinzipal-Agent Modell aus, dass wenn der Agent den Output nicht vollständig über seine Anstrengung steuern kann, er nicht das gesamte Risiko alleine zu tragen bereit ist. Auf der anderen Seite ist der Prinzipal im Ungewissen über den Input des Agenten und möchte seinen Teil des Risikos vermindern. Um solche Situationen zu modellie- ren, treffen wir drei wesentliche Annahmen:7

1. Der Agent ist anstrengungsscheu; solange er aufgrund seines Inputs bezahlt wird, mi- nimiert er seine Anstrengung.
2. Der Agent ist risikoscheu; beispielsweise will er auch bei einem Nulloutput entschä- digt werden, da er sich ansonsten gegen für ihn unkontrollierbare Einflüsse nicht absi- chern könnte.
3. Die Vertragsparteien können die Entschädigung nicht aufgrund der Anstrengung fest- legen, da diese nur unter enormen Überwachungskosten oder gar nicht messbar ist.

In diesem Sinne kann ein sportliches Turnier oftmals als eine Prinzipal-Agent Situation inter- pretiert werden, indem der Veranstalter (Prinzipal) vom Sportler (Agent) eine maximale An- strengung verlangt, ohne die Bemühung des Sportlers exakt messen zu können. Die asymmet- rische Information besteht demnach darin, dass der Veranstalter eines Turniers nur unvoll- ständig über die Leistungsbereitschaft des Athleten informiert ist, diesen aber mittels Anrei- zen zur maximalen Leistungsfähigkeit treiben möchte.8 Gelingt dies, dann wurde die Informa- tionsrente des Agenten - und infolgedessen das Risiko des Prinzipals - bedeutend reduziert.9 Typischerweise kommt man nach solchen Analysen zum Schluss, dass eine stärkere Bindung der Entlohnung an den Output zwar die Motivation des Sportlers erhöht, ihn aber einem höhe- ren Risiko aussetzt. Diese Ineffizienz erhöht sich umso mehr, je grösser die unkontrollierbaren Einflüsse sind.10

2.2 Basiswerk der Turniertheorie von Lazear/Rosen (1981)

Mit dem Paper „Rank-Order Tournaments as Optimum Labor Contracts“ (1981), veröffent- licht im Journal of Political Economy, legten die beiden Ökonomen Edward P. Lazear und Sherwin Rosen den Grundstein zur Turniertheorie. Dabei analysieren sie Lohnsysteme, wel- che aufgrund des individuellen Rangs und nicht entsprechend der Höhe des absoluten Outputs vergüten, was unter anderem unkontrollierbare Einflüsse neutralisiert. Die Theorie basiert zwar auf Erfahrungen in Organisationen, kann aber gut auf sportliche Wettbewerbe wie Golf, Marathon oder Autorennen angewendet werden, da gerade diese ranggeordnet sind. Infolge- dessen werden hier die wichtigsten Punkte des Papers von Lazear/Rosen (1981) zusammenge- fasst:

- Vorzugsweise werden Arbeiter gemäss ihrer Grenzproduktivität entlohnt, womit in der Gegenwart günstiger und verlässlicher Leistungsüberwachung inputabhängige periodische Löhne am effizientesten sind und das Risiko vom Arbeitnehmer getragen wird. Da eine derartige Überwachung nicht immer möglich ist, drängen sich alternative Anreizsysteme auf, um Drückebergerei zu verhindern. Die Autoren vergleichen dabei klassische Stück- löhne mit der Turnierentlohnung, wobei entscheidend ist, ob die Effizienzgewinne auf- grund der outputorientierten Entlohnung die Verluste der Risikoteilung überwiegen mö- gen oder nicht. Ranggeordnete Entschädigungssysteme vermögen unter gewissen Bedin- gungen die Kosten der Outputmessung zu senken und die Risikoverteilung positiv zu be- einflussen.
- Obwohl Turniere und Stücklöhne durchaus unterschiedliche Einrichtungen zur Generie- rung von Anreizen sind, beweisen die beiden Autoren, dass unter der Annahme risiko- neutraler Arbeiter beide Systeme eine pareto-optimale Allokation erreichen. Im prakti- schen Einsatz wird man allerdings feststellen, dass die Kosten der Messung in den beiden Systemen wesentlich variieren können. Wenn es billiger ist, den Rang eines Teilnehmers zu messen (Ordinalskala) als dessen absoluten Output (Kardinalskala), so dominiert die Turnierentlohnung den Stücklohn. In diesem Fall werden die Löhne insofern Prämien äh- neln, als dass sie vom realisierten Grenzprodukt abweichen. Andererseits ist bei einfach beobachtbarem Output der Stücklohn zu bevorzugen, da ein zusätzlicher Vergleich mit anderen Teilnehmern hinfällig wird.
- Jedes Lohnsystem kann als Umformung von Produktivität in Einkommen betrachtet wer- den, wobei Stücklöhne linear und Turniere nichtlinear transformieren. Deshalb favorisie- ren risikoscheue Arbeiter das eine oder andere System, abhängig von der Nutzenfunktion des Arbeiters und dem Umfang des Zufalls.11
- Die bisherige Annahme der Homogenität der Arbeiter wird so geändert, dass sich nun Arbeiter mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Talent in einem Turnier gegenüberstehen. Bei asymmetrischer Information, d.h. wenn die ungleichen Eigenschaften der Mitstreiter nicht allen bekannt sind, können schwache Arbeiter nicht am Eintritt in eine Firma mit starken Arbeitern gehindert werden, was eine effiziente Lösung hemmt. Die guten Unter- nehmen werden infolge von adverse selection „verschmutzt“, weil jeder in der „höchsten Liga“ spielen möchte.
- Sind die Fähigkeiten der Mitstreiter im Feld hingegen allen bekannt, wird die Heterogeni- tät die Anreize zur Leistungsfähigkeit schmälern: schwache Arbeiter sind aufgrund ihrer determinierten geringeren Erfolgsaussichten zu weniger Effort bereit, was starke Arbeiter aufgrund weiter gestiegener Gewinnchancen ebenfalls zu geringerer Leistung veranlasst. Lazear/Rosen (1981) beweisen nun, dass durch die Variation der Gewinnverteilung eine Situation erreicht werden kann, in der alle Arbeitertypen effizient in einer Organisation arbeiten können.12 Ein solches handicapping scheme kann durchaus eine Bevorzugung der schwächeren Arbeiter beinhalten, indem diese im unwahrscheinlichen Fall eines Turnier- gewinns höhere Prämien erhalten, als dies für stärkere Mitstreiter der Fall wäre.

2.3 Erkenntnisse aus den bisherigen Überlegungen

2.3.1 Direkte Anwendung auf den Sport

Die Überlegungen von Lazear/Rosen (1981) lassen sich direkt in ein sportliches Turnier über- tragen: je höher die Veranstalter die Spreizung der Preisgelder ansetzen, umso mehr werden sich die Athleten unabhängig von der Höhe des Preisgeldes anstrengen. Was die Theorie je- doch nicht betont, ist der Teilnahme Effekt, der vom Niveau der Preise bestimmt wird. Da für die Teilnehmer die Kosten mit steigender Gehaltsspreizung zunehmen, verlangen sie einen entsprechenden Anstieg der Preisgeldsumme. Für sie gilt es, den Erwartungswert über die beiden Parameter Gehaltsspreizung und Höhe des Preisgeldes zu maximieren.13 Daneben hängt das Resultat eines Athleten nicht nur von seinen Fähigkeiten, sondern auch von zufälligen Komponenten (Wetterbedingungen, Beschaffenheit des Spielfelds) und i.i.d. Fehlertermen (pures Glück oder andere unkontrollierbare externe Einflüsse) ab.14 Ist der nicht reduzierbare Zufallsfaktor relativ gross (was im Sport anzunehmen ist), wird ein Sportler die relative der absoluten Entschädigung vorziehen, da er die Höhe des Outputs nicht vollständig mit seiner Anstrengung bestimmen kann.

Es lassen sich weitere Argumente für die Turnierentlohnung im Sport finden. Weil die Athle- ten im Gegensatz zu Arbeitern wahrscheinlich risikoneutral sind und die Entschädigung auf- grund der relativen Leistung erfolgt, verschwindet der trade-off zwischen effizienter Risikoal- lokation und Anreizentlohnung praktisch vollständig.15 Turniere vermögen also unkontrol- lierbare Risiken auf den Prinzipal zu verschieben, ohne dabei die Anreize der Agenten zu vermindern.16

In Gewissen Fällen relativer Performance scheinen diese Anreize gar übertriebene Formen anzunehmen, wie beim Betrachten der Dopingproblematik im Sport deutlich wird. Dies ist eine Form des Mogelns, welche nur deshalb angewandt wird, weil Anreize zur persönlichen physischen Leistungssteigerung bestehen. Man muss besser sein als die anderen. Ein solches Verhalten mag für den einzelnen Athleten kurzfristig produktiv sein, gesellschaftlich aber auf jeden Fall kontraproduktiv.17 Präventive Massnahmen (z.B. Aufklärung über Gesundheits- schäden) könnten einen ersten Schritt gegen die überhöhten Anreize darstellen.

2.3.2 Weiterentwicklungen der klassischen Turniertheorie

Die Rolle des Prinzipals wurde von Carmichael (1983) aktiver interpretiert. Er geht von ei- nem kooperativen Verhalten beider Akteure aus, wobei nicht nur der Agent (wie bisher), son- dern auch der Prinzipal eine optimale Entgeltstruktur festlegt. Dies im Wissen, dass nach Ver- tragsabschluss sowohl der Prinzipal (Schaffung von guten Arbeitsbedingungen und Voraus- setzungen) als auch der Agent (Einsatz) ihre Anstrengungen so optimieren, dass sie ein ma- ximales Einkommen erhalten. Mogeln ist also explizit erlaubt, denn am Ende zählt einzig das relative Resultat. Dies trägt gemäss Carmichael aktiv dazu bei, dass die kurz-& langfristigen

[...]


1 Vgl. Lazear, 2000, 1346ff.

2 Vgl. Ehrenberg/Bognanno, 1990, 75S.

3 Vgl. Kahn, 2000, 75.

4 Vgl. Lazear/Rosen, 1981, 841ff.

5 Vgl. Ehrenberg/Bognanno, 1990, 74Sff.

6 Vgl. Varian, 1999, 653ff.

7 Vgl. Baron/Kreps, 1999, 247ff.

8 Vgl. Frick, 1998, 116.

9 Vgl. Frick, 2003, 2.

10 Vgl. Baron/Kreps, 1999, 277f.

11 Eigene Ergänzung: Ist die Rolle des Zufalls gross, so bevorzugen Sportler die relative Entlohnung, da der blosse Vergleich mit anderen Teilnehmern (Rang) den Einfluss des Zufalls relativiert.

12 Frick (2003, 5) nennt dafür zwei konkrete Beispiele: Erhöhung der Spannweite zwischen Sieger-& Verliererpreisen oder schiefe Gewichtung der Preise zugunsten der besten Ränge.

13 Vgl. Maloney/Terkun, 2002, 2.

14 Vgl. Frick, 2003, 3.

15 Vgl. Frick, 2003, 6.

16 Vgl. Carmichael, 1983, 52.

17 Vgl. Frick, 2003, 6.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Turnierentlohnung und Anstrengung der Sportler - Golf und andere Beispiele
Hochschule
Universität Basel  (Wirtschaftswissenschaftliches Zentrum Uni Basel)
Veranstaltung
Personal- & Sportökonomie
Note
2.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V28033
ISBN (eBook)
9783638299282
ISBN (Buch)
9783638806220
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
NOTE war eine 4.7: entspricht einer 2.3 in Deutschland!
Schlagworte
Turnierentlohnung, Anstrengung, Sportler, Golf, Beispiele, Personal-, Sportökonomie
Arbeit zitieren
lic. rer. pol. Yves Grüninger (Autor), 2004, Turnierentlohnung und Anstrengung der Sportler - Golf und andere Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28033

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