Der Surrealismus war „[…] dès le départ, […] incontestablement une affaire d’hommes“. Dennoch ließe sich der Surrealismus ohne Frauen nicht denken. Schon Guillaume Apollinaires Drama "Les mamelles de Teirésias" von 1917, dessen Untertitel "drame surréaliste" der Bewegung ihren Namen geben sollte, stellte eine Frau in den Mittelpunkt des Geschehens: Das Stück zeigt einen männlichen Frauentyp, der die Gesellschaft in eine Krise zu stürzen drohte. Die Surrealisten waren fasziniert von der Frau als „irrationale[m] Geschöpf“, „das sich jedweder objektiven Messung und gesicherten Erkenntnis“ entzog. Ihre Heldinnen waren Leinwandstars wie Irma Vep (aus der Stummfilmserie Les Vampires von Louis Feuillades), aber auch „moderne Frauen aus der Sensationspresse“ wie die Vatermörderin Violette Nozières oder die Anarchistin Germaine Berton, die im Januar 1923 den Royalisten Marius Plateau erschossen hatte. Doch wie nahmen die Surrealisten die Frau wahr? Welche Bedeutung kam ihr in der Programmatik der Bewegung zu und welche Frauenrollen resultierten aus dieser Wahrnehmung? Diesen Fragen soll im Folgenden anhand der Erzählung "Nadja" von André Breton nachgegangen werden. Sie gilt in ihrer sprachlichen und inhaltlichen Komplexität als eines der gelungensten und anspruchsvollsten Umsetzungen der ideologischen und ästhetischen Forderungen des Surrealismus.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Surrealismus – eine männliche Bewegung
2 Programmatisches und methodisches Konzept des Surrealismus
3 Nadja als exemplarische Erzählung des Surrealismus
4 Frauenbilder in Nadja
4.1 Nadja als Endpunkt einer surrealistischen Hinweiskette
4.2 Nadja als amour fou
4.3 Nadja als Muse und Seherin
4.4 Nadja als Kind-Frau
4.5 Nadja als Femme fatale
5 Nadja als finales Zeichen
6 Die Frau als Projektionsfläche
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Wahrnehmung von Frauen innerhalb des männlich dominierten Surrealismus am Beispiel von André Bretons Werk Nadja. Dabei steht insbesondere die Frage im Fokus, wie sich die surrealistische Programmatik in Bezug auf Geschlechterrollen in der Erzählweise, dem inhaltlichen Aufbau und der Charakterisierung der Protagonistin widerspiegelt.
- Analyse des surrealistischen Konzepts von Männlichkeit und Weiblichkeit.
- Untersuchung der Erzählstruktur von Nadja im Kontext surrealistischer Literaturtheorien.
- Dekonstruktion der verschiedenen Frauenrollen (Muse, Seherin, Femme fatale, Kind-Frau).
- Kritische Betrachtung von Bretons Blick auf die Frau als Projektionsfläche und „Andere“.
- Hinterfragung des Ideals der amour fou in der realen Begegnung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Nadja als Endpunkt einer surrealistischen Hinweiskette
Nadja ist zwar die Frau, die den meisten Raum in Bretons Erzählung einnimmt, doch ist sie nicht die einzige. Bereits im Prolog berichtet Breton von zahlreichen Begegnungen mit Frauen, seien sie geträumt oder real, deren Auftreten sich immer mehr verdichtet, je näher die Begegnung mit Nadja rückt. Diese Begegnungen lassen sich in drei Kategorien einteilen: Frauen, denen Breton unter dem Zeichen der Poesie begegnet, solche die er bewundert und begehrt und solche, die ihn verstören und in Angst versetzen.53 Zu den poetischen Begegnungen zählt der Besuch einer unbekannten Frau, die von ihm ein noch nicht erschienenes Exemplar der Zeitschrift Littérature erbittet. Er kann sie kaum noch beschreiben: „une femme dont l’âge approximatif et les traits aujourd’hui m’échappent. En deuil, je crois.“54 Das eigentliche Ziel ihres Besuchs ist jedoch, Breton jemanden zu empfehlen, „qui voudrait se lancer dans la littérature“55 – Benjamin Péret, der bald zu Bretons Mitstreitern zählen sollte.
Eine andere Begegnung verweist auf Rimbaud, der bereits auf den 15-jährigen Breton eine „pouvoir d’incantation“56 ausübte. Ein junges Mädchen, dem er auf einem Spaziergang in der Provinz im strömenden Regen begegnet, bittet ihn, ihm ihr bevorzugtes Gedicht zu rezitieren.57 Eine weitere Begegnung, die auch mit Rimbaud verknüpft ist, macht Breton kurz vor der Niederschrift, an einem Sonntag auf dem Flohmarkt von Saint-Quentin mit Fanny Beznos. Sie verkauft nicht nur surrealistische Objekte, sondern ist selbst eine Bewunderin der Surrealisten:
[t]rès cultivée, elle ne fait aucune difficulté à nous entretenir de ses goûts littéraires qui la portent vers Shelley, Nietzsche et Rimbaud. Spontanément, elle nous parle même des surréalistes, et du Paysan de Paris de Louis Aragon […] Dans tous ses propos passe une grande foi révolutionnaire. Très volontiers, elle me confie le poème d’elle qui j’avais entrevu et y joint quelques autres de non moindre intérêt.58
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Surrealismus – eine männliche Bewegung: Dieses Kapitel verortet den Surrealismus als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg und als eine von Männern dominierte künstlerische Avantgarde.
2 Programmatisches und methodisches Konzept des Surrealismus: Hier werden die surrealistischen Ansätze der Traumdeutung und des automatischen Schreibens erläutert, die von der Frau als „irrationale“ Inspirationsquelle profitieren sollten.
3 Nadja als exemplarische Erzählung des Surrealismus: Dieses Kapitel analysiert die Struktur des Romans, die sich zwischen philosophischer Sinnsuche und tagebuchartigen Aufzeichnungen bewegt.
4 Frauenbilder in Nadja: Der Hauptteil untersucht detailliert die verschiedenen, oft ambivalenten Rollen, die Nadja für Breton einnimmt.
5 Nadja als finales Zeichen: Dieses Kapitel thematisiert das Ende der Beziehung zu Nadja und Bretons Wendung hin zu einer neuen, als Ideal empfundenen Liebe.
6 Die Frau als Projektionsfläche: Hier wird zusammenfassend reflektiert, dass Nadja in Bretons Augen keine eigenständige Existenz besaß, sondern primär als Spiegel und Konstrukt männlicher Wünsche fungierte.
Schlüsselwörter
Surrealismus, André Breton, Nadja, Weiblichkeit, amour fou, Frauenbild, Projektionsfläche, Avantgarde, Muse, Seherin, Kind-Frau, Femme fatale, Schizophrenie, Identitätskonstruktion, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Werk „Nadja“ von André Breton Frauen als Projektionsfläche für surrealistische Männlichkeitskonzepte und Sehnsüchte instrumentalisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der Frau als Muse und Inspirationsquelle, das surrealistische Streben nach dem „Wunderbaren“, das Ideal der amour fou sowie die Identitätsfindung des männlichen Ich-Erzählers.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen Bretons idealisierter Wahrnehmung der Frau und der tatsächlichen, komplexen Realität der Figur Nadja aufzudecken und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit surrealistischen Manifesten und feministischen Ansätzen der Sekundärliteratur verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der spezifischen Frauenrollen (Muse, Seherin, Kind-Frau, Femme fatale), in denen Breton Nadja im Verlauf der Erzählung festzuschreiben versucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch die Begriffe Surrealismus, Identitätskonstruktion, amour fou und Geschlechterrollen charakterisieren.
Inwieweit spielt die Krankheit Nadjas eine Rolle für Breton?
Breton empfindet Nadjas fortschreitende Schizophrenie als zunehmend beunruhigend und befremdlich, da sie sich seiner Kontrolle und seinem poetischen Deutungsrahmen entzieht.
Warum endet die Beziehung zu Nadja laut der Analyse?
Die Beziehung scheitert, da Nadja sich nicht dauerhaft in die vom Erzähler definierten Rollen zwängen lässt und ihr Akt der Selbstbehauptung gegenüber einem Freier den männlichen Erwartungen an Verletzlichkeit widerspricht.
Welche Bedeutung hat die Figur des Richters in der Arbeit?
Die Figur des Richters dient als Ankerpunkt, um aufzuzeigen, dass Nadja eben nicht außerhalb der Realität steht, sondern sehr wohl den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Gesetz unterworfen ist.
Gibt es einen Kontrast zwischen Nadja und der „neuen“ Liebe (X)?
Ja, während Nadja für Breton ein Rätsel und eine „Schimäre“ bleibt, verkörpert die neue Liebe (X) für ihn Klarheit, Eindeutigkeit und eine harmonische Realität, die ohne das zerstörerische Potenzial von Nadja auskommt.
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- Franziska Täger (Autor), 2013, Frauenbilder des männlichen Surrealismus am Beispiel von André Bretons "Nadja", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280386