Mensch und Musik und deren Relevanz für die Sozialarbeit


Diplomarbeit, 2004

79 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0. Einleitung

2.0 Historischer Abriss
2.1. Meilensteine der Musikgeschichte
2.1.1. Ursprünge der Musik
2.1.2. Naturklänge - Grundlage der Musik?
2.2. Heilkraft der Musik und ihre Nutzung im Laufe der Jahrhunderte
2.2.1. Heilungsrituale in Stammesgesellschaften
2.2.2. Puls und Musik
2.2.3. Musik zu Pestzeiten
2.2.4. Musik und Fieber
2.2.5. Heilkraft der Musik in der heutigen Zeit

3.0. Musik und Gehirn
3.1 Verarbeitung akustischer Signale
3.2. Vom Klangimpuls zur Musik
3.3. Musik und ihre Wirkung im Gehirn
3.3.1. Musikalische Reize und deren Einfluss auf die Hirnaktivität
3.3.2. Macht Musik intelligenter?

4.0. Musik und Gesellschaft
4.1. Musik als Spiegelbild einer Kultur
4.1.1. Funktion der Musik in Subkulturen
4.1.2. Musikgeschmack - ein Charaktermerkmal?
4.2 Musik, Manipulation und Medien
4.2.1. Manipulative Wirkung der Musik in Politik und Kirche
4.2.2. Manipulative Wirkung der Musik in den Medien
4.3. Musik in der postindustriellen Gesellschaft

5.0. Musik und Sozialkompetenz
5.1. Zum Begriff der sozialen Kompetenz
5.1.1. Genauere Betrachtung des sozial kompetenten Verhaltens
5.1.2. Soziale Kompetenz als berufliche Schlüsselqualifikation
5.2. Erlernen sozialer Kompetenz am Beispiel eines Trainingsprogrammes
5.3. Wirkungen der Musik auf das Verhalten
5.3.1. Wirkungen der Musik und ihre Bedeutung für die Sozialkompetenz
5.3.2. Forschungsergebnisse zur Fragestellung: Macht Musik sozial kompetenter?

6.0. Musikangebote in der Sozialarbeit
6.1. Musik im Kindergarten
6.1.1. Musik als Ausdrucksmöglichkeit von Stimmungen und Gefühlen
6.1.2. "Schmetterling im Gewitter" - In Klanggeschichten Natur erleben
6.2. Musik in der Jugendarbeit
6.2.1. Musikalische Angebote in der offenen Jugendarbeit
6.2.2. Projekt "Thealimuta"
6.3. Musik mit geistig behinderten Menschen
6.3.1. Das Instrumentarium
6.3.2. Rhythmisch- melodische Spiele

7.0 Exkurs: Musiktherapie
7.1. Geschichte der Musiktherapie
7.2. Anwendungsgebiete und Methoden
7.2.1. Funktionelle Musik
7.2.2. Rezeptive Musiktherapie
7.2.3. Aktive Musiktherapie
7.3. Beispiele aus der musiktherapeutischen Praxis
7.3.1. Musiktherapie mit einem verhaltensauffälligem Kind
7.3.2. Musiktherapie mit Drogenabhängigen
7.3.3. Musiktherapie mit alten Menschen

8.0. Fazit

9.0 Literaturverzeichnis
Bücher
Zeitschriften
Internetadressen
Weiterführende Literatur

1.0. Einleitung

Seit meinem sechzehnten Lebensjahr beschäftige ich mich intensiv mit Musik. Ich habe in verschiedenen Formationen aktiv musiziert und Musikunterricht erteilt und praktiziere beides auch heute noch. Oftmals konnte ich feststellen, dass die Musik Stimmungen und Verhalten der Menschen positiv beeinflusst.

Während meiner Studienzeit setzte ich mich unter anderem mit Verhaltensweisen, die zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben befähigen, auseinander. Ich glaubte zu erkennen, dass eben diese bestimmten Verhaltensweisen auch beim Musizieren gefordert und dadurch gefördert werden. Im Rahmen meiner Arbeit werde ich diese Vermutung auf wissenschaftlicher Ebene bestätigen.

Zuallererst soll durch den historischen Abriss ein möglichst großes Verständnis für die bedeutende Rolle der Musik erreicht werden. Zu wissen, dass es in der Anthropologie des Menschen keine Gesellschaft ohne Musik gab, dass Musik seit Jahrhunderten zu wissenschaftlichen Untersuchungen über ihre Wirkungen anregt und dass Musik ebenfalls seit Jahrhunderten zu heilenden Zwecken eingesetzt wurde, dürfte diesem Verständnis förderlich sein. Die neuesten Ergebnisse aus der Hirnforschung erklären, warum Musik eine solch bedeutende Rolle spielt. Gerade in den letzten Jahren konnte immer eindrücklicher bewiesen werden, dass Musik unser Gehirn besonders stark reizt. Äußerst interessant dabei ist, in welcher Form musikalische Impulse die Hirnaktivität anregen. Im Kapitel "Musik und Gehirn" wird detailliert darauf eingegangen. Da Musik in jeder Gesellschaft eine Rolle spielt, werde ich mich des Weiteren mit der Funktion der Musik in gesellschaftlichen Systemen beschäftigen. Welchen gesellschaftlichen Nutzen hat Musik? Und wenn Musik dem Funktionieren einer Gesellschaft tatsächlich dienlich ist, so muss herausgearbeitet werden, warum. In einer Gesellschaft treten nachweislich weniger Probleme auf, wenn möglichst viele Menschen die vorherrschenden Werte und Normen annehmen und auch danach handeln. Dazu benötigen sie ein Grundmaß an sozialer Kompetenz. Welche Fähigkeiten im einzelnen soziale Kompetenz ausmachen und inwieweit Musik die Entwicklung dieser Fähigkeiten beeinflusst, wird im Kapitel "Musik und Sozialkompetenz" beschrieben.

Einen Eindruck davon, wie vielfältig Musik in der Sozialarbeit eingesetzt werden kann, werden einige Beispiele aus der Kinder-, Jugend- und Behindertenarbeit vermitteln.

Bei der Anwendung von Musik in der Sozialarbeit sind musiktherapeutische Kenntnisse nützlich. Der Exkurs in die Musiktherapie soll nicht nur einen Einblick in die Arbeit eines Musiktherapeuten vermitteln, sondern auch das Wissen um die Wirkungskraft der Musik und ihre vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten vertiefen.

2.0. Historischer Abriss

Jede Kultur hat ihre Musik entwickelt. Beispiele hierfür sind die indonesische Gamelan-Musik, die doppelkehligen Gesänge aus Tuva oder die Kompositionen Johann Sebastian Bachs aus Deutschland.1

Musik rührt seit alters her die Menschen, stimmt traurig oder heiter. Schon immer scheint Musik eine Ausdrucksform menschlicher Kultur gewesen zu sein.

Deutsche Forscher entdeckten 1973 eine 35000 Jahre alte Flöte aus Schwanenknochen. Grifflochflöten, einfellige Trommeln, Xylophone, Maultrommeln und Panflöten wurden schon in der Jungsteinzeit gespielt. Aus der Bronze- und Eisenzeit stammen die ersten Zithern und Glocken. 3000 v. Chr. spielte der Mensch in Mesopotamien Harfe und Leier, 2000 v. Chr. benutzen die Ägypter Trompete und Laute.2

In vielen Mythen zur Entstehung der Welt spielt Musik eine entscheidende Rolle und seit Jahrtausenden glauben die Menschen an ihre heilenden Kräfte.

2.1. Meilensteine der Musikgeschichte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Der Spiegel, Heft Nr.31, 28.07.2003, (nachtäglich bearbeitet)

2.1.1. Ursprünge der Musik

"Nada Brahma" kommt aus dem Hinduismus und bedeutet: "Die Welt ist Klang". Musik wird als Ur-Vibration verstanden. Die ganze Existenz ist nach hinduistischem Glauben aus dieser Vibration hervorgegangen. Auch der westafrikanische Yehweh- Kult erklärt den Anfang aller Dinge durch Musik. Diesem Glauben nach war am Anfang der Ur-Laut hu (hu-dze-ngo). Der Anfang aus dem Nichts geht nach den meisten Mythen aus einem hörbaren Geschehen hervor. Vom Aushauchen wird erzählt, vom Singen, Sprechen, Rufen oder Donnern. Im alten Ägypten beispielsweise war Hathor die Göttin der Musik, des Tanzes, der Fruchtbarkeit, der Liebe und gleichzeitig weibliches Schöpfungsprinzip. Musik und Tanz sind auch nach altindischem Glauben göttlichen Ursprungs. Durch Musik, Gesang und Tanz nach geheiligten Regeln bleiben die kosmischen Kräfte und somit die Weltordnung erhalten. Die griechische Mythologie versteht Musik als Geschenk Apollons und der Musen an die Menschen. Musik hat nach Schriften des griechischen Dichters Hesiod um 700 v. Chr. ihren Sitz in der Seele des Menschen und bildet den Gegenpol zum Verstand. Der Ton gilt dabei als akustisches Naturgesetz.1

Fernab der mythischen Bedeutung, dass Musik schon vor dem Menschen existiert habe, hat der US-Musikforscher David Huron von der Ohio State University folgende Vermutung:

Der Mensch sei besonders stark auf soziale Beziehungen angewiesen und möchte sich einer Gruppe zugehörig fühlen. Musik, so Huron, sei wahrscheinlich entstanden, um den Zusammenhalt einer Gruppe zu fördern. Um seine Theorie zu untermauern, berichtet Huron von den noch heute am Amazonas lebenden brasilianischen Mekranoti-Indianern.

Diese Indianer sind Jäger und Sammler. Musik ist fester Bestandteil ihres Alltags. Jeden Morgen und Abend singen die Frauen ein bis zwei Stunden, die Männer sogar schon morgens ab halb fünf. Über ihren Gesang definieren sich die Mekranoti als Gruppe.

Insbesondere die Männer, meint Huron, signalisieren durch ihr Singen Wachheit, Aufmerksamkeit und Verteidigungsbereitschaft.1

Charles Darwin sprach 1871 von einer Art der Umwerbung, ähnlich des bei Vögeln zu beobachtenden Paarungsverhaltens. Zu diesem Zweck hätten die Menschen, bevor sie der Sprache mächtig waren, die Musik möglicherweise eingesetzt. Dieser Vermutung schließt sich der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer an. Seiner Meinung nach ist die Musik Folge der sexuellen Selektion. Durch Musik wollte der Mann die Frau beeindrucken. Demnach wäre Musik ein Ausdrucksmittel der Stärke und Gesundheit des Mannes. Dem allerdings widerspricht David Huron: Nach Spitzers Auffassung müssten Männer musikalischer sein als Frauen - wofür es aber keine Anhaltspunkte gibt.

Der japanische Evolutionsforscher Hajime Fukui meint, ebenso wie Huron, dass Musik aufgrund ihrer sozialen, gemeinschaftsfördernden Funktion entstanden sei. Die Gruppen, in denen der Urmensch lebte, wurden größer, sagt Fukui, dadurch seien spannungsabbauende Aktivitäten, wie zum Beispiel das Musizieren, willkommen gewesen.2

2.1.2. Naturklänge - Grundlage der Musik?

Musik, die sich in verschiedenen Kulturen entwickelt, kann äußerst unterschiedlich sein, doch scheinen alle Tonsysteme letztendlich denselben Naturgesetzen zu folgen. Dabei wird die Oktave als Grundlage verstanden. Die Oktave gehört, wie auch der bei uns übliche Dur-Dreiklang zu den Intervallen, die überall in der Natur vorkommen.1 Bäume, Steine und andere Dinge haben ihren Klang, der sich aus einem vorherrschenden Ton und den dazugehörigen Obertönen zusammensetzt. Diese Obertöne schwingen in bestimmten Intervallen zum Grundton mit, zum Beispiel im Oktavabstand und bestimmen die Färbung des Klangs. Sie sind dafür verantwortlich, ob ein Klang gefällt oder nicht. Manfred Spitzer meint, in der Musik sei durch schwingende Körper und durch die Beschaffenheit des Gehörs sehr viel festgelegt. Wahrscheinlich habe sich das Ohr den aus der Natur vertrauten Klängen angepasst.2 Die Musikwissenschaftlerin Susanne Binas vom Forschungsministerium Populäre Musik Berlin berichtet, dass Musik ihrem lokalen Hintergrund entsprechend umgedeutet wird. Dieselbe Musik kann deshalb sehr unter- schiedlich wahrgenommen werden. So interpretieren Inder rhythmische Strukturen und Melodien desselben Liedes anders als Europäer. In der indischen Musik wird eine Oktave in 22 Intervalle unterteilt, in unserem Musiksystem hat eine Oktave 12 Halbtonschritte. Darum erscheint die indische Musik mit ihren kleinen Tonabständen unseren Ohren so fremd. Die in einer bestimmten Region vorherrschenden Naturklänge könnten der Grund für die Entwicklung unterschiedlicher Tonsysteme sein.3 Nach Auffassung des Musikethnologen Raimund Vogels und seines Kollegen Reinhard Kopiez ist Musik keine universelle Sprache. Ihrer Meinung nach wird Musikempfinden kulturell erlernt. Natürlich gäbe es so in allen Kulturen die einfach strukturierten Kinderlieder und die Vorliebe eines Tempos von 120 Schlägen pro Minute - ein Rhythmus, der besonders zum Mitmachen anregt - doch "[...] gibt es keine natürliche, biologisch vorgefasste Präferenz, von der eine individuelle Kultur nicht abweichen könnte."4

Diese Auffassung schließt eine auf Naturklängen basierende Grundstruktur aller Tonsysteme nicht aus. Ein Tonsystem kann durchaus aus Naturklängen hervorgehen und sich dann individuell weiterentwickeln.

Dass Hörgewohnheiten vermutlich kulturell geprägt sind, zeigt eine amerikanische Studie. Nur 60 % der Menschen aus einer fremden Kultur haben ein Kinderlied als solches erkannt. Die Menschen aus der dem Kinderlied zugehörigen Kultur erzielten eine Trefferquote von 80 %.1

Auch die Tatsache, dass selbst raffinierteste Melodien einem kulturfremden Ohr monoton erscheinen, lässt auf kulturspezifische Prägung schließen.2 Letztendlich aber kann man aufgrund der Tatsache, dass eine Vielzahl von Musikhörern gelernt hat, kulturfremde Musik zu hören, zu entschlüsseln und nach oftmals anfänglicher Befremdung als angenehm zu empfinden, eine gemeinsame, auf Naturgesetzen beruhende Grundlage vermuten.

2.2. Heilkraft der Musik und ihre Nutzung im Laufe der Jahrhunderte

Heilende Kräfte spricht man der Musik seit längst vergangenen Zeiten zu. Schon in der Bibel ist zu lesen, dass nach David gerufen wurde, damit er mit seinem Harfenspiel die Schwermut des Königs Saul lindere.3

Doch wurde Musik nicht nur eingesetzt, um trübe Stimmung aufzuhellen oder Krankheiten zu heilen. Viele Ärzte und Philosophen vertraten die Ansicht, der menschliche Körper sei musikalischen Strukturen und Ordnungen entsprechend aufgebaut. Dadurch wäre auch die große Wirkung der Musik auf den Menschen erklärbar. Der gesunde Körper wird gleichgesetzt mit harmonischer Musik. Bei Krankheit ist diese Harmonie gestört. In einer Spruch- und Zitatensammlung aus dem 17. Jahrhundert steht geschrieben:

"Ein gesunder Leib ist wie ein Musicalisch Instrument / so die Seiten verletzt werden / hat man lang daran zu stimmen / biß sie wieder zur Harmoni komen."

Ebenfalls ist zu lesen:

"Kranckheit ist nichts anders / alß ein zerrüttung der Natürlichen Ordnung des Leibs. Die Harmony der Seiten wird zerstört / und man hat offt lang daran zu stimmen / biß man sie wieder zur Consonans bringt."1

Der Vergleich zwischen Mensch und Musik ist deutlich geprägt von Pythagoras und Platons Vorstellungen. Nach der Auffassung des Pythagoras bestimmten Zahlen alles Räumliche, alle Formen, die Laufbahnen der Planeten, alles Lebendige und sogar die Einheit von Leib und Seele des Menschen. Pythagoras entdeckte die Zahlen als Grundlage der Musik. Er fand heraus, dass die musikalischen Hauptintervalle in ganzzahligem Schwingungsverhältnis zueinander stehen.

Nicht nur der Musik, auch dem menschlichen Körper wurden Zahlen zugeordnet. Durch den griechischen Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.)2 er- langte zum Beispiel das Vierer-Schema größere Beachtung. Vier Körpersäfte, vier Elemente, vier Hauptorgane, vier Himmelsrichtungen, um nur einige Vierergruppierungen zu nennen, wurden miteinander auf vielfältigste Weise kombiniert und bildeten Jahrhunderte lang die Grundlage ärztlicher Theorie und Praxis. Die auf Zahlenverhältnissen begründete Ordnung sowohl des menschlichen Körpers als auch der Musik ließ eine Wesensverwandtschaft von Mensch und Musik vermuten.3

Nicht nur den Körper, selbst das Innere der Seele stellte man sich als streng musikalische Ordnung vor. Krankheit wurde als Störung dieser Zahlen-Ordnung angesehen und mit zahlenmäßig-harmonischer Musik glaubte man eine gesundheitliche Störung beseitigen zu können.4

Die folgenden Beispiele vermitteln ein Bild von der Verwendung der Musik als heilende Kraft.

2.2.1. Heilungsrituale in Stammesgesellschaften

Die Heilkraft der Musik spielte in den afrikanischen, indianischen und slawischen Stammesgesellschaften schon immer eine zentrale Rolle. Schamanen oder Medizinmänner, zumeist unter der Wirkung berauschender Substanzen, singen und tanzen, um Kranke zu heilen. Ein Heilungsritual des ostafrikanischen Stammes Digo dauert beispielsweise eine ganze Woche. Nach Vorstellung der Digo schweben Geister durch die Luft. Manche Menschen werden von ihnen befallen und dadurch krank.

Nachdem sich der Medizinmann über mehrere Tage ein Bild von der Krankheitsgeschichte eines Patienten gemacht hat, befragt er ein Orakel, von welchem er die Namen der krankmachenden Geister erfahren möchte. Sobald das Orakel dem Medizinmann diese Namen offenbart hat, beginnt das Herbeilocken der Geister. Dies geschieht mit Trommeln, Rasseln, Amuletten und Geisttüchern. Jeder Geist hat dabei seinen speziellen Rhythmus.

Wenn dann der gerufene Geist anwesend ist, wird der Patient durch stundenlangen, gleichförmigen, im Tempo ansteigenden Tanz in Ekstase versetzt. Dabei beträgt das anfängliche Tempo - übereinstimmend mit unserem Herzschlag - 72 Schläge pro Minute und steigert sich auf doppelte Geschwindigkeit. Der Geist wird unter Beschimpfungen aller Stammesmitglieder ausgetrieben. Dann beendet der Medizinmann den ekstatischen Zustand seines Patienten, indem er ihn massiert und in einen monotonen Gesang übergeht. Der Trommelrhythmus verlangsamt sich wieder auf 72 Schläge pro Minute. Der Patient gilt jetzt als geheilt, wird aber noch in einer weiteren Ritualphase vor Rückfall geschützt und letztendlich in die Stammesgemeinschaft reintegriert.

Die vielen Heilerfolge dieser Rituale lassen sich größtenteils auf den intensiven Einsatz aller Stammesmitglieder zurückführen. Deutlich erkennbar wird an diesem Beispiel, wie sehr die Musik das Heilungsritual trägt und das Gemeinschaftsgefühl, das dem Kranken die zur Gesundung nötige Geborgenheit vermittelt, fördert.1

2.2.2. Puls und Musik

Schon 300 v. Chr. hat sich der Arzt Herophilos aus Alexandria mit der Verbindung von Puls und Musik beschäftigt. Dabei ging es ihm um zahlenbedingte Gesetzmäßigkeiten des Pulsschlags. Er bemerkte ein bestimmtes Auf und Nieder im Pulsschlag und erarbeitete entsprechende musikalisch-metrische Modelle. Nach diesen Modellen glaubte er, gesunde und kranke Pulse kennzeichnen und unterscheiden zu können. Die Pulslehre des Herophilos fand über zwei Jahrtausende viel Beachtung, aber auch Ablehnung. Der griechische Arzt Galen (129 - 199 n. Chr.) bemängelte, dass den bemerkenswerten Erkenntnissen des Herophilos über Pulsrhythmen keine Krankheitsprognose folgen würde.1

Im Laufe der Jahrhunderte wurden weitere Pulslehren entwickelt, die sich im Wesentlichen mit der Musik im Puls, nicht aber mit der Wirkung der Musik auf den Puls beschäftigten.2

Erst im 18. Jahrhundert wird eine solche Wirkung häufiger vermutet. 1745 stellte der Mediziner Ernst Anton Nicolai ein Aufrichten der Haare beim Hören von Musik fest. Das Herz, so bemerkte er, würde schneller schlagen, der Atem langsamer und tiefer werden. Auch würde der ganze Mensch, meinte Christoph Wilhelm Hufeland im Jahre 1796, Ton und Takt der ge-hörten Musik annehmen und der Puls würde entsprechend lebhafter oder ruhiger werden.3

Der italienische Arzt Luigi Desbout beobachtete 1784 ein fieberndes Mädchen, dessen Puls- und Atemfrequenz sich während eines Konzertes genau dem Takt der Musik anpasste. Weitere Aussagen von Ärzten und Musikern bestätigten diese Beobachtungen und ließen eine direkte Wirkung von Musik auf den Puls vermuten. So glaubte man, einen geschwächten Puls durch Musik stärken zu können.4

2.2.3. Musik zu Pestzeiten

Zu Pestzeiten schrieben einige Ärzte, dass Angst und Traurigkeit zur Ausbreitung der Seuche beitragen würden, Fröhlichkeit dagegen vor Ansteckung schützen könne. Eine Wiener Pestschrift von 1510 empfiehlt die Vermeidung von Zorn, Traurigkeit, Furcht und anstrengenden Gedanken, insbesondere über Pest, Krankheit und Tod. Durch solcherlei Affekte würde der Körper geschwächt werden. Stattdessen solle man auf Medikamente und Gottes Hilfe hoffen und maßvolle Freude anstreben, zum Beispiel durch wohlklingende Lieder, Harfen- oder Lautenspiel.1 1626 beschreibt der Danziger Arzt Joachim Olhafius, warum seiner Meinung nach ängstliche Menschen häufiger von der Pest angesteckt würden als fröhliche. Dabei verwendet er den Begriff "spiritus". Unter Spiritus wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein ein feiner Stoff verstanden, der mit der Atmung aufgenommen wird, sich im gesamten Organismus verteilt und zwischen Körper, Seele und Geist vermittelt.2 Die "spiritus" würde sich nach Olhafius Auffassung bei guter Stimmung über den ganzen Körper verteilen. Ebenso würde der Peststoff bei guter Stimmung gleichmäßig im Körper verteilt werden, gelänge nur teilweise zum Herzen und würde von den anderen Organen entschärft werden. Angst dagegen würde die "spiritus" zum Herzen drängen und den Peststoff unverteilt mit sich führen, wodurch die Gefahr der Pesterkrankung erhöht sei. Musik sorge dafür, "daß die spiritus richtig in Umlauf gesetzt und richtig über den ganzen Körper verteilt werden, damit sie nicht in großer Menge in Erregung gebracht und den ansteckenden Peststoff zum Herzen mitnehmen."3

2.2.4. Musik und Fieber

Jahrhundertel ang glaubte man, neben anderen magischen Praktiken, Fieber durch Zaubergesänge vertreiben zu können. Die Auffassung arabischer Ärzte stützte sich jedoch nicht auf Magie. Ab dem frühen 10. Jahrhundert vertraten sie vielmehr die Meinung, angenehme musikalische Klänge würden die Seele des Kranken erfreuen und stärken.

Somit trüge Musik zur Auflösung der schädlichen, Fieber auslösenden Stoffe bei. Trotz aller Umstrittenheit dieses Nutzens wurde die Überzeugung der arabischen Ärzte weitgehend geteilt.1 Über das durch Kummer und Sorgen entstehende Eintagsfieber schreibt 1184 der armenische Arzt Mechithar:

"Die Behandlung bestehe darin, daß man mittels Spiel und Scherz und allerlei Kurzweil Heiterkeit hervorrufe und zerstreue. Und soviel wiemöglich soll (der) Patient des Sängers und des Saitenspiels und süßer Weisen Klängen lauschen und sich mit allen Dingen beschäftigen, die innere Fröhlichkeit herbeischaffen."2

Um die Wende zum 19. Jahrhundert hin waren viele Ärzte von der therapeutischen Wirkung der Musik gegen Fieber überzeugt. Doch die Wirkung wurde nicht überschätzt. Man sah zwar in der Musik ein wertvolles Hilfsmittel, glaubte aber nicht, allein durch Klänge Fieber heilen zu können.3

2.2.5. Heilkraft der Musik in der heutigen Zeit

Mittlerweile steht fest, dass durch angenehm empfundene Musik die Stresshormone Adrenalin und Kortisol abgebaut werden, die Ausschüttung von Endorphinen, den körpereigenen Opiaten, wird dagegen angeregt. Diese Forschungsergebnisse beweisen, was der Mensch im Grunde schon immer wusste: Musik, die man mag, steigert das Wohlbefinden. Wegen ihrer Stress, Angst und Schmerz reduzierenden Wirkung wird Musik schon seit einiger Zeit bei medizinischen Eingriffen eingesetzt. Es konnte sogar bewiesen werden, dass weniger Beruhigungsmittel benötigt werden, wenn vor Operationen oder während Lokalanästhesien eine vom Patienten ausgewählte Musik gespielt wird. 1987 entdeckten japanische Forscher einen deutlich niedrigeren Stresshormonspiegel bei Zahnarztpatienten, die während ihrer Behandlung Musik hörten. Verglichen wurde mit einer Kontrollgruppe, die keine Musik hörte.4

In einer Schmerztherapie, berichtet der Musikmediziner Ralph Spintge, konnten mit einem speziell komponierten Musikprogramm über 120000 Patienten erfolgreich behandelt werden.

Auch bei der Behandlung von Depressionen, Phobien und Essstörungen wird Musik mittlerweile eingesetzt. Man nutzt hier die angstlösende Wirkung. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass ein langsamer Takt von etwa 60 bis 70 Schlägen pro Minute dem Herzschlag des ruhenden Körpers entspricht. Langsame Musik eignet sich also zur Ruhefindung.

Insgesamt wirkt das Hören von Musik, so die Musiktherapeutin Ute Rentmeister, hauptsächlich entspannend und richtet die Aufmerksamkeit nach innen. Die aktive Musiktherapie, in welcher der Patient selbst musiziert, dient eher der Kontaktaufnahme.1

Die Heilkraft der Musik lässt sich an zahlreichen Beispielen von biblischer bis zur heutigen Zeit festmachen. Die Möglichkeiten werden recht unter- schiedlich genutzt, Ziel aber ist immer, sagt der Psychologe und Musiktherapeut Hans- Helmut DeckerVoigt, den Gemütszustand des Hörenden zu beeinflussen.2

3.0. Musik und Gehirn

Die linke Hirnhälfte, so lautet eine häufig vertretene Meinung unter Hirnforschern, ist zuständig für sprachliche und analytische Begabung. Offenbar machen die Fähigkeiten der linken Hirnhälfte den Unterschied zwischen Mensch und Tier aus. Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurde angenommen, die linke Hirnhälfte wäre die wichtigere, die rechte Hemisphäre leiste lediglich Mitarbeit, besäße sogar Areale ohne bestimmte Funktion. Nach neuesten Erkenntnissen aber arbeitet die rechte Hirnhälfte durchaus selbständig.3

Karl Zille vom Forschungszentrum Jülich und Dean Falk von der Staatsuniversität Florida konnten beobachten, dass sich gerade die rechte Hemisphäre, im Gegensatz zur linken im Laufe der Evolution stärker verändert hat. Diese Veränderung scheint vor allem den Spracherwerb begünstigt zu haben. Die Erkenntnisse entstammen einem Vergleich der Gehirnabdrücke von Menschen und Zwergschimpansen. Zille entdeckte im menschlichen Gehirn fünf Strukturveränderungen, die eine deutliche Unterscheidung zum Affenhirn möglich machten. Drei dieser Veränderungen befinden sich auf der rechten Hemisphäre. Die rechte Hirnhälfte lenkt vor allem räumliche Fähigkeiten, Gefühle, Musik und Sprachmelodie. Die Veränderungen der rechten Hemisphäre könnten die Sprachentwicklung unserer Vorfahren möglich gemacht haben, meint Falk. Auch liegt, im Hinblick darauf, dass die ersten Sprachäußerungen wahrscheinlich gefühlsbetonte Laute waren, die Vermutung nahe, Musikalität habe die Entwicklung von Sprache und Gehirn vorangetrieben.1 Der Umstand, dass der Mensch Hunderte von Melodien, jedoch nicht annähernd so viele Texte in seinem Gehirn zu speichern vermag, bekräftigt die Vermutung Falks.2 Musik, so der Neurologe und Musikphysiologe Eckart Altenmüller aus Hannover, ist der stärkste Reiz für neuronale Umstrukturierung.3

3.1. Verarbeitung akustischer Signale

Das Gehör des Menschen ist ständig empfangsbereit. Der Mensch kann wegsehen, aber nicht weghören. Schon das ungeborene Kind hört die Atmung und den rhythmischen Herzschlag seiner Mutter. Das Ohr ist auch unser Wecksinn. Akustische Signale können in Sekundenschnelle als Warnsignal interpretiert werden und unseren Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Das Gehörsystem als unser empfindlichstes Sinnesorgan reagiert zum Beispiel auf Reizimpulse, die rund zehnmillionenmal feiner sind als Berührungsreize.4

Das Gehör ist also entscheidend sensibler als der Tastsinn. Auch werden beim Hören eher als beim Sehen Gefühle wahrgenommen, denn das Gehör ist, im Gegensatz zum Auge, direkt mit dem Gefühlszentrum des Gehirns verbunden.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: John Beaulieu, Heilen mit Musik und Klang, Heinrich Hugendubel Verlag, München 1989, S.14

Das menschliche Ohr nimmt besonders gut Sprech- und Singfrequenzen wahr. In diesem Bereich liegt der zentrale Anteil unseres Musikempfindens.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: GEO, a.a.O., S.67 (nachträglich bearbeitet)

3.2. Vom Klangimpuls zur Musik

Man könnte meinen, Musik sei lediglich ein Bündel physikalischer Reize, die durch das Gehör im Gehirn landen. Doch die eigentliche Verarbeitung dieser Impulse zu dem, was wir letztendlich als Musik hören, geschieht im Gehirn. Das akustische Signal gelangt über den Hörnerv in den Hirnstamm. Einige Signale landen im limbischen System, wo auch Gefühle verarbeitet werden. Bereiche, die beim Sex oder Genuss von Schokolade angeregt werden, können ebenfalls durch Musik stimuliert werden.

Der Mensch bekommt beispielsweise eine Gänsehaut oder weint. Auch die primäre Hörrinde im Großhirn wird von Klanginformationen erreicht. Hier sitzt die Schaltzentrale des Hörens. Die primäre Hörrinde ist umgeben von sekundären Hörarealen. Die linke Hirnhälfte ist in erster Linie für Rhythmus zuständig, die rechte Hirnhälfte verarbeitet Klangfarben und Tonhöhen.

Die sensorischen Areale in der Großhirnrinde lenken, gemeinsam mit den motorischen Arealen, die Bewegungen, die der Mensch beim Tanzen und Musizieren ausführt. Ebenfalls im Großhirn liegen Areale, die Planen und Verstehen von Musik möglich machen. Hier ist der Sitz des allgemeinen Musikwissens.

In darunter liegenden Bereichen verarbeitet der Mensch seinen privaten und kulturell geprägten Musikgeschmack. Hirnregionen der linken Seite treten stärker in Aktion, wenn die Musik gefällt. Wird die Musik nicht gemocht, wirkt sich das eher auf die rechte Hirnhälfte aus.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Der Spiegel, a.a.O., S.135 (nachträglich bearbeitet)

[...]


1 vgl. Der Spiegel, Heft Nr. 31, 28.07.2003, S. 130 ff vgl. ebenda, S. 130 ff

2 vgl. ebenda, S. 130 ff

1 vgl. Zur Anthropologie der Musik, www.uni-bamberg.de/ppp/ ethnomusikologie, S. 1 ff,

1 vgl. Der Spiegel, a.a.O., S. 139 f

2 vgl. ebenda, S. 139 f

1 Anmerkung d. Verf.: Als Intervall wird der Abstand eines Tones zu einem anderen bezeichnet

2 vgl. Der Spiegel, a.a.O., S. 134

3 vgl. ebenda, S. 134 f

4 vgl. GEO, Heft Nr.11, November 2003, S. 80

1 vgl. GEO, a.a.O., S. 82

2 vgl. ebenda, S .82

3 vgl. ebenda, S. 82

1 vgl. W.F. Kümmel: Musik und Medizin - ihre Wechselbeziehungen in Theorie und Praxis von 800 bis 1800,Verlag Karl Alber GmbH, Freiburg/München 1977, S. 89,

2 vgl. ebenda, S. 24

3 vgl. ebenda, S. 90

4 vgl. ebenda, S. 91 f

1 vgl. Hermann Rauhe, Reinhard Flender: Schlüssel zur Musik, Droehmersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1990, S. 173 ff

1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 23 ff

2 vgl. ebenda, S. 47 ff

3 vgl. ebenda, S. 60 ff

4 vgl. ebenda, S. 60 ff

1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 96

2 vgl. ebenda, S. 96

3 vgl. ebenda, S. 328

1 vgl. W.F. Kümmel, a.a.O., S. 313

2 vgl. ebenda, S. 316 f

3 vgl. ebenda, S. 320 f

4 vgl. Psychologie Heute, Heft Nr.3, März 2003, S. 54

1 vgl. Psychologie Heute, Heft Nr.3, März 2003, S. 54

2 vgl. Psychologie Heute, Heft Nr.6, Juni 1994, S. 71

3 vgl. Die Funktion des Geistes am Beispiel des Klavierspielers, home.t- online.de/home/Helmut Walther/klavier.htm, S. 10 f

1 vgl. Die Funktion des Geistes am Beispiel des Klavierspielers, a.a.O., S. 10 f

2 vgl. ebenda, S. 6

3 vgl. GEO, a.a.O., S. 68

4 vgl. Hermann Rauhe, Reinhard Flender, a.a.O., S. 11 f

1 vgl. Hermann Rauhe, Reinhard Flender, a.a.O., S. 11 f

1 vgl. GEO, a.a.O., S. 67

1 vgl. Der Spiegel, a.a.O., S. 135

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Mensch und Musik und deren Relevanz für die Sozialarbeit
Hochschule
Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Wolfenbüttel
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
79
Katalognummer
V28048
ISBN (eBook)
9783638299435
Dateigröße
989 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Musik, Relevanz, Sozialarbeit
Arbeit zitieren
Beate Zacher (Autor), 2004, Mensch und Musik und deren Relevanz für die Sozialarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28048

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