Die Figur des Narren in Sebastian Brants "Narrenschiff"


Seminararbeit, 2003

30 Seiten, Note: 5.5 (CH)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Narr im späten Mittelalter
2.1 Der theologische Narr
2.2 Der pathologische Narr
2.3 Der Hofnarr
2.4 Der Fastnachtsnarr
2.5 Der moralisch-didaktische Narr
2.6 Die Narreninsignien
2.6.1 Narrenkappe und Eselsohren
2.6.2 Schellen und Schnabelschuhe
2.6.3 Kolben, Marotte und Spiegel
2.6.4 Fuchsschwanz und Hahnenkamm
2.6.5 Gläserne Kugel oder Blase

3. Der Narr in Sebastian Brants „Narrenschiff“

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Als im Jahr 1494 Sebastian Brant das „Narrenschiff“ veröffentlichte, war die weitere Erfolgsgeschichte des Werkes wohl kaum absehbar. Noch im Erscheinungsjahr wurden in Nürnberg, Reutlingen und Augsburg Nachdrucke publiziert. Ganz Oberdeutschland sei binnen kurzer Zeit mit Nachdrucken nur so übersät gewesen, schreibt Hans-Joachim Mähl in seinem Nachwort zur Reclam-Ausgabe.[1] Bis 1509 erlebt das Werk fünf weitere Originalausgaben in Basel. Überarbeitungen ins Niederdeutsche folgten ebenso wie eine lateinische Bearbeitung von Jacob Locher (unter dem Titel „Stultifera Navis“) im Jahr 1497, und dies machte das Werk auch in Gelehrtenkreisen im Ausland bekannt. Ausführlicher lässt sich die Erfolgs- und Wirkungsgeschichte bei Mähl nachlesen.

Nicht wenig zum Erfolg beigetragen haben dürften die Holzschnitte. Brant hat als einer der ersten in der Verwendung von Holzschnitten die Möglichkeiten zur Popularisierung von lehrhaften Schriften erkannt.

Ein weiterer Grund dürfte in der Verwendung der Figur des Narren liegen. Narren existierten im realen Leben ebenso wie als fiktionale Figuren. Narren waren im mittelalterlichen Leben bekannt – erwähnt seien nur die Hofnarren und Fastnachtsnarren. Brant hat die Figur des Narren also nicht neu erfunden. Aber: Brant hat die Figur des Narren neu gedeutet, er begründete eine neue Literaturgattung mit eigenen Themen und Motiven – die Narrenliteratur. „Ohne Zweifel müssen damals gemeinsame, übergreifende Ideen latent gewesen sein, die sich auf verschiedensten Ebenen immer wieder in der Gestalt des Narren verdichteten“, meint etwa Mezger[2], und Könneker[3] spricht davon, dass Brant mit der Narrenthematik an den Geist der Zeit gerührt habe und dasjenige, was die Gemüter im Innersten bewegt habe und was an neuen Möglichkeiten des Selbstverständnisses sich abzuzeichnen begann, im einprägsamen Bild und repräsentativen Symbol ausgesprochen habe.[4]

Mezger[5] konstatiert, dass es an der Wende zum 16. Jahrhundert nördlich der Alpen innert kürzester Zeit zu einer regelrechten Hochkonjunktur von Narrendarstellungen in Wort und Bild gekommen war. Grund dafür dürfte die Umbruch- und Aufbruchstimmung gewesen sein, die einen unaufhaltsamen und tiefgreifenden Wandel in allen Lebensbereichen andeutete. Neue Ideen – aus der Antike geschöpft oder durch den italienischen Humanismus vermittelt – liessen erste Zweifel an traditionellen Vorstellungen aufkommen. Bahnbrechende Erfindungen wie der Buchdruck beschleunigten die schnellere Verbreitung von Gedankengut. Erschüttert wurde das bisherige Weltbild durch Entdeckungen spanischer und portugiesischer Seefahrer und vor allem durch ökonomische Veränderungen. Viele Handwerker und Bauern verloren ihre wirtschaftliche Selbständigkeit und an sozialem Status, während eine Schicht von Händlern und Bankiers grosse Reichtümer häufte und an Einfluss gewann. So kam es auch, dass nicht mehr nur Geburt und Herkunft den sozialen Status des Einzelnen bestimmten, sondern auch der materielle Besitz. Zuvor war eine vertikale Mobilität der Gesellschaft fremd, das Gesellschaftsbild blieb jahrhundertelang statisch, und deshalb überrascht es auch nicht, dass sich der Einzelne weniger auf diesseitige Güter denn auf das ewige Heil konzentrierte, das er im Jenseits zu erreichen hoffte.

Das mittelalterliche Gesellschaftsgefüge bekam also Risse. Es lag nahe, den sozialen und geistigen Wandel als Auflösung der göttlichen Ordnung und seiner Wertmassstäbe zu deuten, und solch ein Prozess konnte nur durch die massenhafte Abwendung von Gott verursacht worden sein. Zur Erklärung dieser Erscheinungen bot es sich an, die Figur des Narren heranzuziehen bzw. auf eine um sich greifende Narrheit zu verweisen. Seit 1480 wurde der Narr zumindest nördlich der Alpen zu einer „wichtigen Symbolfigur für menschliche Unzulänglichkeit, Sündhaftigkeit und Verblendung“.[6] Philosophen und Theologen beklagten den fortschreitenden Verlust der Sapientia, immer eindringlicher wurden ihre Warnungen vor einem Umsichgreifen der Stultitia. In Wort und Bild erreichte die Narrenthematik eine regelrechte Hochkonjunktur. Kein Wunder, spricht man beim Narren heute von einem „Signum der Epoche“[7] für den Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit.[8]

Nun, der Frage, wie Brant die Figur des Narren neu bzw. umgedeutet hat, wo die Spezifik des Narren bei ihm liegt, dem soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Ich stelle also folgende zwei Thesen auf, die ich verifizieren möchte.

1. In Sebastian Brants „Narrenschiff“ ist eine Ausweitung des Narrenbegriffs feststellbar.

2. Narren sind bei Brant keine gesellschaftlichen Aussenseiter mehr. Narren finden sich in allen Gesellschaftsschichten, in allen Ständen.

2. Der Narr im späten Mittelalter

Das Spektrum des Narrenbegriffs war um 1500 recht weit. In einem ersten Schritt ist es deshalb nötig, aufzuzeigen, welche Erscheinungsformen von Narren – als konkrete Existenzen und als fiktionale Wesen – zur Zeit, als das „Narrenschiff“ publiziert wurde, existierten und damit den Personenkreis zu beschreiben, auf den der mittelalterliche Begriff des Narren angewandt wurde. Dazu gehört auch die Beschreibung der Merkmale, die Narren als solche auswiesen. Anschliessend können diese Narrenkonzeptionen mit jenen, die in Brants „Narrenschiff“ selbst vorkommen, verglichen werden, und aus dem Vergleich lässt sich dann das Spezifische der Narrenfiguren in Brants „Narrenschiff“ zeigen.

Es gibt zwei Gruppen von Menschen bzw. Figuren, die dem mittelalterlichen Ordogedanken widerstrebten – die Narren und die Kinder.[9] Wesentliche Parallelen zwischen Narren und Kindern liegen in ihrer geistigen Begrenztheit, wodurch es ihnen an der nötigen Einsicht in das Ordnungsgefüge der Welt und in den göttlichen Heilsplan mangelt. Im Gegensatz zum Narren hat das Kind aber die Aussicht, im Verlauf seines weiteren Lebens nicht nur an Alter, sondern vor allem an Weisheit zuzulegen. Damit kann es eines Tages einen Platz innerhalb des Ordnungsgefüges der Gesellschaft einnehmen – dem Narren dagegen bleibt dies versagt. Er bleibt lebenslänglich ein Narr.

In Kapitel 5 von Brants „Narrenschiff“ findet sich eine Textstelle, welche die ähnlichen Positionen von Narr und Kind unterstreicht, wenn ein alter Narr von sich sagt:

Die Narrheit lässt mich nicht sein greis;

Ich bin sehr alt, doch ganz unweis,

Ein böses Kind von hundert Jahren,

Zeig dem die Schellen, der unerfahren,

Den Kindern geb ich Regiment[10]

Und schon im anschliessenden Kapitel 6 findet sich ein weiterer Beleg dafür, dass Brant im Kind ein närrisches Wesen gesehen hat.

Gerechte Straf bringt kein Geschrei,

Der Rute Zucht vertreibt ohn Schmerzen

Die Narrheit aus des Kindes Herzen.[11]

Was die Stellung des Narren in der mittelalterlichen Gesellschaft betrifft, kann man sagen, dass der Narr eine gesellschaftliche Randexistenz darstellte. Er steht ausserhalb der gesellschaftlichen Ordnung[12], für ihn gelten die herkömmlichen Grundsätze des Zusammenlebens nicht. Er wird von der Gesellschaft als andersartig wahrgenommen. Konstitutionell für ihn sind eine mangelnden Unterordnung unter die herrschenden Normen und Verhaltensmuster.[13] Doch welche Personen galten als Narren? Mezger gibt folgende Antwort.

Als Narren galten spätestens seit dem 15. Jahrhundert alle, die aufgrund abweichender Verhaltensformen – bedingt durch geistige Defekte, durch körperliche Anomalien, insbesondere aber durch Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Glauben – dem herrschenden Normsystem nicht entsprachen.[14]

Nicht zuletzt galt der Narr auch als personifiziertes Symbol irdischer Hinfälligkeit und Vergänglichkeit. Etwa seit 1450 standen Narr und Tod in engster Nachbarschaft zueinander, das zeigen nicht nur Abbildungen aus jener Zeit,[15] sondern auch die Totentänze, wobei die Hochkonjunktur der Totentanzidee im 15. Jahrhundert ziemlich genau in den Jahrzehnten abflaut, in denen die Narrenthematik aufkommt.[16] Und nicht zuletzt sei auf die Holzschnitte im „Narrenschiff“ hingewiesen, in denen der Tod dargestellt ist.[17]

Eine Vorbemerkung noch zu der nun folgenden Einteilung von verschiedenen Narrentypen. Die einzelnen Narrentypen lassen sich nicht immer klar voneinander getrennt. Hilfreich ist sie aber dennoch allemal.

[...]


[1] Vgl. Mähl, S. 461ff.

[2] Mezger (1991), S. 26.

[3] Vgl. Könneker (1966), S. 3.

[4] Über die Gründe des Erfolgs siehe Könneker (1966), S. 4.

[5] Vgl. Mezger (1991), S. 51.

[6] Mezger (1981), S. 24.

[7] Könneker (1966), S. 1.

[8] Mezger (1991), S. 53, verweist dabei auf den damaligen Hexenwahn, den er ebenso als „symptomatisch“ bezeichnet und als eine Bewältigungsform derselben Ängste interpretiert.

[9] Vgl. Mezger (1991), S. 31.

[10] Brant, S. 25.

[11] Brant, S. 28.

[12] Mezger (1991) meint sogar, er stehe ausserhalb jeglicher Ordnung, vgl. S. 26.

[13] Vgl. Geremek, S. 401.

[14] Mezger (1991), S. 38.

[15] Vgl. Mezger (1981), S. 29.

[16] Vgl. Foucault, S. 33ff.

[17] Vgl. Brant, S. 313 und S. 348.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Figur des Narren in Sebastian Brants "Narrenschiff"
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Schwank- und Narrenliteratur des Mittelalters
Note
5.5 (CH)
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V28052
ISBN (eBook)
9783638299466
ISBN (Buch)
9783640257003
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Entspricht Note 1,5 nach deutscher Bewertungsskala
Schlagworte
Figur, Narren, Sebastian, Brants, Narrenschiff, Seminar, Schwank-, Narrenliteratur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Philipp Zimmermann (Autor), 2003, Die Figur des Narren in Sebastian Brants "Narrenschiff", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28052

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