Das Frauenbild im Nibelungenlied


Bachelorarbeit, 2013
40 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1 Einführung
0.2 Forschungsstand
0.3 Methodisches Vorgehen
0.4 Die Rechte der Frauen außerhalb der epischen Realität im frühen 13. Jahrhundert

1. Der Wandel der weiblichen Hauptcharaktere
1.1 Kriemhild: Das literarische Idealbild einer adligen Frau
1.2 Brünhild: Dämonisierung der nicht-höfischen Frau
1.3.1 Der Wandel Kriemhilds und Brünhilds bis Aventuire 14
1.3.1.1 Erläuterung Schaubild:
1.4 Kriemhild und Brünhild
1.5 Schaubild II.
1.5.1 Der Wandel Kriemhilds und Brünhilds bis Aventuire 39
1.5.1.1 Erläuterung Schaubild
1.6 Kriemhilds Rache

2. Motive
2.1 Das Motiv des herze leit (Herzensleid)
2.2 Motiv der êre (Ehre)
2.3 Motiv der triuwe (Treue)

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

0.1 Einführung

„Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still“

1.Timotheus 2, 12-14

Zugegebenermaßen stammt dieses Zitat nicht aus der Entstehungszeit des Nibelungenlieds, sondern ist sehr viel älter. Es entstammt dem Neuen Testament und wurde von dem Paulusjünger Timotheus verfasst. Trotz der mehr als 1000 Jahre, die zwischen Timotheus und dem Dichter bzw. den Dichtern des Nibelungenlieds liegen, scheint ihre Weltanschauung in Bezug auf die gesellschaftlich, rechtliche Stellung der Frau überraschend konform. „Die Frau sei still“, damit bezieht sich Timotheus zum einen auf das Verhalten der Frau, im Gottesdienst, aber darüber hinaus, auch in Beziehung auf ihren Platz innerhalb des Familiengefüges.[1] Diese Stelle der Bibel ist neben anderen bis in die heutige Zeit Motiv für den Ausschluss der Frauen aus den höheren katholischen Ämtern. Ganz nach biblischer Vorgabe, sahen auch die Gesetze des Mittelalters aus. Die Frau war dem Mann vollständig untergeordnet und hatte seinen Wünschen zu folgen. Dem Mann war sowohl im juristischen, als auch im kirchlichen Sinne, die Gewalt über die Frau gegeben.

Dies war die Ausgangslage für den Dichter, beziehungsweise die Dichter, die das Nibelungenlied niederschrieben. Vor diesem Hintergrund war es schon ein Extrem, dass Frauen, allem voran, Kriemhild, solch ausschlaggebende Rollen zugesprochen bekamen, wie das im Nibelungenlied der Fall ist.

Bis dato wurden in der Literatur Bilder von Rittern und hochwohlgeborenen Jungfrauen gezeichnet, die bis ins Utopische perfekt waren und die damalige Weltanschauung repräsentierten.[2]

Der Geschichtsverlauf wird hauptsächlich von den Frauen im Nibelungenlied vorangetrieben. Ihr Handeln führt die Katastrophe herbei und macht das Voranschreiten der Handlung erst möglich. Wenngleich die Szenen, wie der Frauenstreit oder Kriemhilds Rache, ein grausames, unmoralisches Frauenbild entwerfen, stellt sich doch die Frage, was Kriemhild dazu getrieben hat die Welt der Normen und Ideale zu verlassen und wie man die mächtige, nordische Brünhild, in eben dieses Weltbild hineinpressen konnte.

Dazu muss aber zunächst auf eine Frage eingegangen werden, über die sich die Nibelungenforscher bis heute nicht einigen können. Haben die Personen tatsächlich einen Charakter oder agieren sie nur wie Spielfiguren im Handlungsgefüge?

Viele Autoren, wie zum Beispiel Jan-Dirk Müller sehen bei Kriemhild keinen Wandel sondern einen abrupten Umbruch ihrer Handlungsstruktur. Seiner Meinung nach fehlt es allen „Figuren“ des Nibelungenlieds an Tiefe und somit an Charakter. Für ihn sind sie eher Schachfiguren, als Menschen.[3]

Dieser Meinung kann ich mich nicht anschließen. Die Charaktere sind sicher nicht völlig ausgereift, doch ist es, meiner Ansicht nach, Sache des Lesers beziehungsweise Hörers, diesen Umstand auszugleichen. Er muss den Figuren Leben geben und sich in das Geschehen hineindenken.

Ehrismann meint dazu „Der Erzähler gibt genügend Hinweise, um die Gegensätze zusammenzufügen, er baut etwa auch Zeiträume für Entwicklungsmöglichkeiten ein“[4].

0.2 Forschungsstand

Das Nibelungenlied steht bereits seit 1810 im Augenmerk der Forschung.[5]

In den letzten 200 Jahren, wurde sich quasi ununterbrochen mit dem Werk beschäftigt und kaum eine Fragestellung blieb ungeklärt. Noch heute wird geforscht und diskutiert.

Um einen Überblick über diese Forschung zu erlangen, bietet sich Werner Hoffmans Werk „Das Nibelungenlied“ von 1992 an.

Otfried Ehrismann beschäftigte sich in seinem Werk „Epoche-Werk-Wirkung“ neben anderem auch mit dem Menschenbild im Nibelungenlied, der Charaktertheorie und der Rollentheorie. Er stellt die unterschiedlichen Ansichten gegenüber und kommentiert sie.[6]

Werner Schröder ist einer der Verfechter der Charaktertheorie, er sieht Kriemhild nicht als „[…] bloße Figur mit umschlagender Seinsweise“[7].

Helmut de Boor dagegen spricht sich klar gegen die Charaktertheorie und für die Figurentheorie aus.[8]

Auch Ursula Schulze bietet mit ihrem Werk „Das Nibelungenlied“ einen guten Gesamtüberblick. Speziell beschäftigt sie sich auch mit der Höfisierung und den unhöfischen Grundzügen des Nibelungenlieds und geht dabei besonders auf Kriemhild als höfische Dame und spätere Rächerin und auf Brünhild als amazonenhafte Königin ein.[9]

Als einer der wichtigsten Vertreter, der modernen Forschung, gilt Jan-Dirk Müller, der in seinem Werk „Spielregeln für den Untergang“ mit einer spezifisch sozialgeschichtlichen Deutung an das Nibelungenlied herantritt.

0.3 Methodisches Vorgehen

Da diese Arbeit das Frauenbild des Nibelungenlieds untersucht, ist es zunächst wichtig, historisch anzureißen, welche Stellung die Frau in der Gesellschaft des 13. Jahrhunderts innehatte. Dazu wird vor allem der Sachsenspiegel herangezogen.

Dieser ist das „[…]älteste Rechtsbuch und die älteste umfassende Gesellschaftsquelle in deutscher Sprache“.[10]

Datiert wurde der Sachsenspiegel auf 1215-1235[11], damit ist er in etwa so alt, wie die Handschrift B des Nibelungenlieds, die dem zweiten Viertel des 13.Jahrunderts zugesprochen wird[12].

Verfasser der Rechtsschrift war Eike Repgow, der unter anderem das damalige Erb- und Familienrecht thematisierte.[13]

Der Hauptteil der Arbeit besteht aus einer interpretativen Beschreibung der jungen Kriemhild, sowie der jungen Brünhild, ihrem gemeinsamen Agieren, sowie einer Untersuchung von Kriemhilds Rache und dem dazuführenden Motivationskonstrukt.

Methodisch wird nach dem sozialgeschichtlichen Ansatz vorgegangen, da die „[…] gesellschaftlichen Bedingungen und Bezüge im Zentrum der Überlegungen stehen“.[14]

Hinterfragt werden sollen besonders die gesellschaftlichen Bedingungen der Entstehungszeit, der Verständnishorizont des historischen Publikums und die gesellschaftliche Rolle des Textes in der damaligen Zeit. Hierzu wird der persönliche Wandel Kriemhilds, beziehungsweise. Brünhilds nachvollzogen und in den Konsens der höfischen Wahrnehmung eingeordnet.

Zwei Schaubilder sollen den Wandel in Bezug auf höfisches Verhalten veranschaulichen. Gegenüber stehen sich zunächst das Bild der höfisch angepassten Kriemhild und das der archaischen Brünhild.

In den Schaubildern sind die Frauen jeweils als Graph dargestellt. Diese Graphen verlaufen nicht linear, sondern sollen auch kleinste Schwankungen, beziehungsweise Veränderungen im Verhaltensmuster abbilden.

Hier noch zu erwähnen ist das dritte Frauenbild, das das Nibelungenlied zeichnet: Das der Ute, die in ihrer permanenten Passivität dem Ideal einer höfischen Frau des 13. Jahrhunderts entspricht.

Dieses wird allerdings in der Arbeit nicht weiter thematisiert, da kein Wandel an der Rolle der Ute zu verzeichnen ist.

Als Textgrundlage dient ausschließlich die Fassung B des Nibelungenlieds, da diese die am wenigsten geschönte Sicht auf die Frauen, insbesondere auf Kriemhild, wirft.

Alle Textbelege beziehen sich auf die Reclamausgabe „Das Nibelungenlied“ nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut Boor, ins Mittelhochdeutsche übersetzt von Siegfried Grosse.

Gegliedert ist die Arbeit nach strukturalistischem Vorbild, dem Handlungsverlauf folgend. Beschrieben werden ausschließlich die Textteile, die den Blick auf Kriemhild und Brünhild ermöglichen.

0.4 Die Rechte der Frauen außerhalb der epischen Realität im frühen 13. Jahrhundert

Eine Gleichstellung von Mann und Frau gab es in der mittelalterlichen Gesellschaft in keiner Weise. Rechtlich äußerte sich das schon so, dass die Frau um 1200 einen gesetzlichen, männlichen Vormund brauchte. Dieser wurde im Mittelhochdeutschen munt genannt, was übersetzt etwa „Hand, Schutz oder Vormundschaft“ bedeuten kann.[15]

Der munt hatte die Herrschaftsgewalt über das ihm unterstellte Mündel. Diese umschloss die Verwaltung und den Schutz des Vermögens des Mündels, die Ausführung oder Betreuung aller Rechtsgeschäfte, sowie die Vergabe der Heiratserlaubnis.[16]

Die Frau brauchte Zeit ihres Lebens einen munt, da sie zum einen nicht berechtigt war eine Waffe zu tragen[17], zum anderen, da sie vor Gericht als nicht selbstständig galt[18].

Zunächst hatte jedes Kind, unabhängig vom Geschlecht, einen Vormund, zumeist war das der Vater, oder der nächste männliche Verwandte. Der Junge wurde schließlich muntfrei, oder konnte freiwillig unter Vormundschaft bleiben.[19]

Die Zeit bis zur Volljährigkeit nannte man Altersvormundschaft.[20]

Bei ledigen, volljährigen, verwitweten oder geschiedenen Frauen folgte auf diese Vormundschaft, übergangslos, die Geschlechtsvormundschaft. Mit dem Eintritt in die Ehe erlosch diese und wurde durch eine eheliche Vormundschaft, durch den Gatten, ersetzt.[21]

Die Witwe wurde in der Regel Mündel des nächsten männlichen Verwandten aus der Familie ihres Mannes, wobei immer Ebenbürtigkeit des gesellschaftlichen Status Voraussetzung für eine Vormundschaft war.[22]

Die Frau selbst konnte niemals selbst zum munt werden, nicht mal der ihrer eigenen Kinder. Wobei es aber durchaus möglich war, dass ein zwölf jähriger Junge bereits die Vormundschaft über die Mutter und seine Geschwister übernehmen konnte.[23]

Frauen waren insgesamt zu dieser Zeit zwar nicht rechtlos, aber sie waren trotzdem nicht befähigt ihr Recht selbst zu erwirken.

Innerfamiliär besaß eine Mutter durchaus Autorität über Kinder oder die Angestellten, doch in der Hierarchie stand sie klar unter ihrem Mann, dem Oberhaupt der Familie. Die Entscheidungsgewalt lag ausschließlich bei diesem. Die einzige Einschränkung war das Schlüsselrecht, das traditionell der Frau unterlag. Damit fiel die Führung des Haushalts und die Fürsorge über die Kinder ihr zu.[24]

Eine gewisse Wertschätzung hatte die Frau aber auch aus alter germanischer Tradition, aufgrund ihrer biologischen Funktion, die Kinder zu gebären und somit die Sippe aufrecht zu erhalten.[25]

Trotzdem hatte der Mann das Züchtigungsrecht über seine Frau und Kinder inne.

Eine der wichtigsten Funktionen der Frau war neben der Sippenerhaltung auch die Sippenbindung. Durch Heirat wurde eine Verbindung zwischen zwei Familien erwirkt, was vor allem in adligen Kreisen die Hochzeit zum Politikum machte.[26]

1. Der Wandel der weiblichen Hauptcharaktere

1.1 Kriemhild: Das literarische Idealbild einer adligen Frau

Die erste Person, die im Nibelungenlied eingeführt wird, ist Kriemhild. Die erste Aventiure beginnt mit ihrer Beschreibung. Ihre Schönheit ist grenzenlos und soll jede andere Frau überstrahlen.

Wobei Jan-Dirk Müller darauf hinweist, dass Schönheit im Mittelalter nicht nur auf die äußere Erscheinung abzielte, sondern auch ihren gesellschaftlichen Status verdeutlichte.[27]

Daher ist davon auszugehen, dass Kriemhild nicht nur von schöner Gestalt, sondern auch sehr hoch geboren ist.

Edle Frauen, wie Kriemhild, machten die Attraktivität des Hofes aus, an dem sie lebten.[28]

Elsbet Kaiser bezeichnet daher adlige Frauen als „Freudenspenderinnen der Gesellschaft“.[29]

Zu Beginn ist Kriemhild ein junges Mädchen, das mit ihrer Mutter Ute und den Frauen ihres Gefolges, in einem abgegrenzten Teil des Hofes zu Worms lebt.

Sie ist das Mündel ihrer drei Brüder Gunther, Gernot und Giselher (5,6).

Die Attribute Kriemhilds entsprechen dem mittelalterlichen Ideal. Sie ist schön, edel und tugendhaft aber auch gehorsam und ihren Brüdern ergeben.[30]

An ihrem Wesen lassen sich durchaus Parallelen zur schönen Helena von Troja erkennen. Noch zu dieser Assoziation tragen die Vorausdeutungen im Text bei, die Kriemhild direkt und indirekt die Schuld am Untergang des Reiches der Burgunden zuweisen.

Ehrismann schreibt, dass die Sage um Helena durchaus beim historischen Publikum bekannt war.[31] Zu Anfang des Werkes lag sicher die Überzeugung nahe, dass Kriemhild nur aufgrund ihrer Schönheit und Weiblichkeit zum Untergang beigetragen haben könnte. Der tatsächliche Verlauf, muss für die Leser und Hörer des Werkes unvorstellbar gewesen sein. Dem literarischen Ideal entsprach ein Frauenbild, das Kriemhild zu Anfang aber durchaus erfüllte.

[...]


[1] Vgl.Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Die Bibel, S.1330.

[2] Vgl. Schulze (2006), S.11.

[3] Vgl. Müller (2009), S.102.

[4] Ehrismann (1987), S.224.

[5] De Boor, Nachwort S.980.

[6] Vgl. Ehrismann (1987), S. 214 ff.

[7] Schröder (1960/61), S.54.

[8] Vgl. De Boor (1966)

[9] Vgl. Schulze (2006)

[10] Der Sachsenspiegel, Vorwort Paul Kaller

[11] Vgl. Ebda

[12] Vgl. Schulze (1997), S.34 ff.

[13] Der Sachsenspiegel, Vorwort Paul Kaller

[14] Jeßing/Köhne (2007), S.319.

[15] Vgl. Rummel (1987), S.42.

[16] Vgl. Ebda., S.47.

[17] Vgl. Ssp. II, 71, §3.

[18] Vgl. Ssp. I, 46.

[19] Vgl. Rummel (1987), S.51,

[20] Vgl. Ebda. Wann genau die Volljährigkeit und somit die männliche Mündigkeit erreicht wurde, kann nicht genau bestimmt werden. Nicht ein Alter war ausschlaggebend, sondern körperliche Reifeprozesse.

[21] Vgl. Ebda, S.50 ff.

[22] Vgl. Ebda.

[23] Vgl. Ebda, S. 63, bzw. Ssp I, 23, §1.

[24] Vgl. Ebda, S.65.

[25] Vgl. Brandt (1997), S.160.

[26] Vgl. Rummel (1987), S. 68.

[27] Vgl. Müller (1998), S.227.

[28] Vgl. Ebda, S.400.

[29] Vgl. Kaiser (1977), S.1.

[30] Vgl. Brandt (1997), S.151.

[31] Vgl. Ehrismann (1987), S.104.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
40
Katalognummer
V280565
ISBN (eBook)
9783656746089
ISBN (Buch)
9783656746072
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Frauenbild, Kriemhild
Arbeit zitieren
Tosca Tantalo (Autor), 2013, Das Frauenbild im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280565

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