Vom Aufbau der Kriminalpolizei zur Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)


Bachelorarbeit, 2008

48 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Aufbau der Arbeit
1.2. Forschungsstand

2. Der sowjetische Sicherheitsapparat in der SBZ
2.1. Die Organisation der sowjetischen Sicherheitsdienste
2.2. Die Struktur des Sicherheitsapparates
2.3. Die Arbeit der tschekistischen Organe

3. Die Vorläufer des deutschen Ministeriums für Staatssicherheit in der SBZ
3.1. Der Aufbau der Polizei
3.2. Das Dezernat К 5 der Kriminalpolizei
3.2.1. Die Bildung einer politischen Polizei
3.2.2. Der Befehl Nr. 201 der SMAD
3.2.3. Die Mitarbeiter der K5
3.3. Die Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft

4. Das deutsche Ministerium für Staatssicherheit
4.1. Gründung und Aufbau des MfS
4.2. Repression und Entspannung - Die Ära Wollweber
4.3. Die Zusammenarbeit des MfS mit den sowjetischen Geheimdienstorganen
4.4. Die Mitarbeiter des MfS
4.5. Das Verhältnis zwischen MfS und SED

5. Zusammenfassung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1. Quellen
6.2. Internet
6.3. Literatur

1. Einleitung

Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 war Deutschland vom verbrecherischen Regime Adolf Hitlers befreit. Den Menschen in der Sowjetisch Besetzten Zone blieb jedoch nur wenig Zeit der Freude. Die Besatzer machten sich schleunigst daran, die Spuren des alten Systems auszulöschen und mithilfe deutscher Kommunisten ein neues totalitäres System zu installieren. Maßgeblichen Anteil an der Umsetzung dieses Vorhabens hatten die Geheimdienste, die unter verschiedenen Bezeichnungen und Dienstherren mit der Roten Armee nach Deutschland kamen. Sie verfolgten politische Gegner mit der gleichen Härte wie zuvor die Nationalsozialisten und galten bald als sehr berüchtigt.

Bereits kurz nach Ende des Krieges begann in der Sowjetisch Besetzten Zone der Aufbau einer deutschen politischen Polizei, die als Teil der Kriminalpolizei unter sowjetischer Kontrolle immer mehr repressive Aufgaben aber auch die anhaltende Entnazifizierung wahr nahm. Diese Entwicklung mündete schließlich in der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit im Februar 1950 und einer zunehmenden Unabhängigkeit von sowjetischen Stellen in den fünfziger Jahren.

Genau diese Genese geheimpolizeilicher Strukturen soll in der nun folgenden Arbeit dargelegt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen, inwieweit das sich konstituierende SED- Regime in diesen Prozess mit eingebunden war, wie es mittels der sowjetischen und der deutschen Geheimpolizei seine Stellung geltend machte und welchen Einfluss es innerhalb der Staatssicherheit und seinen Vorläufern ausübte. Weiterhin soll die Rolle der sowjetischen Organe in der SBZ und später der DDR bei diesem mehrere Jahre andauernden Aufbauvorgang hinterfragt werden.

1.1. Aufbau der Arbeit

Diese Arbeit setzt sich aus drei Teilen zusammen, die chronologisch die Aktivitäten zur Bildung geheimpolizeilicher Strukturen in der SBZ abdecken.

Der erste Teil behandelt die sowjetischen Geheimdienste in der Sowjetisch Besetzten Zone. Die sowjetischen Dienste sind unabdingbar mit dem Aufbau einer deutschen Geheimpolizei verbunden. Sie sicherten die Machtergreifung der SED und die Etablierung eines kommunistischen Systems nach sowjetischem Vorbild ab und schafften so die Rahmenbedingungen für einen deutschen Geheimdienst. Im Vordergrund steht dabei ihre Organisation nach Ende des Krieges, ihre Struktur und ihr Wirken in der SBZ.

Der zweite Komplex umfasst die Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit. Da die politische Polizei ein Teil der Kriminalpolizei war, soll zuerst die Bildung polizeilicher Strukturen untersucht werden. Daran schließt sich der Aufbau der Kriminalpolizei 5 mit ihren Mitarbeitern und ihrem Wirken an. Als direkten Vorläufer des Ministerium für Staatssicherheit gebührt in diesem zweiten Teil der Hauptverwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft ein eigenes Kapitel. Insgesamt gab es in der SBZ noch mehr geheimpolizeiliche Strukturen, beispielsweise der Abwehr-Apparat der SED oder der Informations- und Nachrichtendienst. Wegen der geringen Relevanz für den hier dargelegten Entwicklungsprozess, bleiben diesejedoch vollkommen unbeachtet.

Der letzte große Teil schließlich umfasst die Vorgänge der Gründung und des Aufbaus des Ministeriums für Staatssicherheit. Hier findet sich ein chronologischer Abriss der Ereignisse bis zur Amtsübernahme Erich Mielkes. Ein Zeitraum der über den eigentlichen Aufbau des MfS hinausgeht, aber wegen organisatorischer und politischer Veränderungen in dieser Zeit berücksichtigt werden soll. Besondere Beachtung finden die Verhältnisse von der Staatssicherheit zur SED und zu den Angehörigen der sowjetischen Geheimdienste. Erneut behandelt werden auch die Mitarbeiter, die untrennbar mit dem Aufbau einer Institution verbunden sind.

1.2. Forschungsstand

Zu allen Teilbereichen des Themas erschienen mittlerweile in Vielzahl von Werken. Von besonderer Bedeutung für den Bereich der sowjetischen Sicherheitsdienste sind „Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950“, herausgegeben von Alexander von Plato, und „Die Anatomie der Parteizentrale“ vom Herausgeber Manfred Wilke. Beide bieten einen umfassenden Einblick in das Wirken der sowjetischen Geheimdienste mit Blick auf die Etablierung des kommunistischen Systems und die damit verbundene politische Verfolgung. Weiterhin ist das „SBZ-Handbuch“ zu nennen, welches den Aufbau deutscher Institutionen in der SBZ darlegt, jedoch in manchen Details bereits überholt ist. Ähnliches gilt für Norman Naimarks „Die Russen in Deutschland“, welches einen guten Überblick über den Aufbau allgemein- und geheimpolizeilicher Strukturen bietet, in einigen Punkten aber beispielsweise durch Jens Gieseke widerlegt ist. Der wies nach, dass der „Ausschuß zum Schutze des Volkseigentums“ wegen mangelnder direkter Verbindungen und personeller Verknüpfungen eben kein wirklicher Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit war, wie es bei Naimark und allgemein der Literatur der neunziger Jahre vertreten wird. Er widerlegt auch, dass die К 5 aus dem Entnazifizierungsbefehl Nr. 201 der SMAD heraus gegründet wurden. Gieseke veröffentlichte „Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit“, das eine detaillierte Geschichte des MfS und seines direkten Vorläufers unter Berücksichtigung der Personalentwicklung und der Mitarbeiter liefert. Im Kontext des Aufbaus bewaffneter Institutionen unter die auch die Staatssicherheit und ihre Vorläufer fallen, ist weiterhin „Im Dienste der Partei, Handbuch der bewaffneten Organe der DDR“, das von Torsten Diedrich, Hans Ehlert und Rüdiger Wenzke herausgegeben wurde, zu nennen.

Die Herausgeber von „Staatspartei und Staatssicherheit“, Siegfried Suckut und Walter Süß. widmen sich dem Verhältnis von MfS und SED. Sie hinterfragen wie der Führungsanspruch der Partei tatsächlich umgesetzt wurde und welche Rolle die Parteiorgane innerhalb des MfS spielten. Hier setzt auch Silke Schumanns „Parteierziehung in der Geheimpolizei“ an, welches die Rolle der Parteiorganisation im Ministerium für Staatssicherheit durchleuchtet.

2. Der sowjetische Sicherheitsapparat in der SBZ

2.1. Die Organisation der sowjetischen Sicherheitsdienste

Mit dem Eindringen der Roten Armee im Januar 1945 gelangten auch verschiedene russische Geheimdienste auf deutsches Gebiet. Mit der Abwehr gegnerischer Spionage und dem Aufdecken von Verrätern innerhalb der Roten Armee war Smersch - ein russisches Akronym für „Tod den Spionen“ - unter der Leitung von Viktor Abakumov vertraut. Das Volkskommissariat für Staatssicherheit, kurz NKGB, unter Führung von Vsevolod Merkulov übernahm die Aufgabe der politischen Geheimpolizei innerhalb und außerhalb der UdSSR. Schließlich agierte daneben noch das Volkskommissariat für Inneres, das NKWD, an dessen Spitze Lavrentij Berija stand. In dessen Zuständigkeit fielen unter anderem die Kriegsgefangenenlager, die Straflager, sowie die sowjetische Miliz und die Grenztruppen. Das NKWD war zudem durch eigene Truppen in der Lage, eigenständige militärische Operationen größeren Maßstabs durchzuführen. Nur so konnte die Aufgabe, das eroberte Feindgebiet zu sichern und zu kontrollieren, erfüllt werden. Da das NKWD dabei jedoch Zugriff auf die Informations- und Agentennetzwerke von NKGB und Smersch benötigte, unterstanden die operativen Gruppen, kurz Opergruppen, der beiden Geheimdienste den aus Moskau entsandten Bevollmächtigten des NKWD.[1]

Die Opergruppen von Smersch und NKWD erhielten während des russischen Vormarsches, einer Direktive des Staatlichen Komitees der UdSSR für Verteidigung folgend, offiziell den Auftrag, „in dem vom Feind befreiten Gebieten die notwendigen tschekistischen[2] Maßnahmen durchzuführen, die faschistischen Diversanten und Terroristen auszurotten, die Agentur der deutschen Aufklärungs- und Sicherheitsorgane, die Mitglieder der faschistischen Organisationen und die Funktionäre des faschistischen Regimes aufzudecken und zu verhaften, die illegalen Funkstationen, Geheimdruckereien, Waffen und Munition zu konfiszieren“[3]. Als die Einheiten dieser Dienste die spätere SBZ betraten, hatten sie im Baltikum, dem von den Deutschen befreiten sowjetischen Gebiet und den angrenzenden osteuropäischen Staaten reichlich Erfahrungen mit der Installierung kommunistischer Regime und seinen entsprechenden Organen gesammelt. Im Bereich der SBZ führten die Bevollmächtigten des NKWD ab Januar 1945, neben den genannten tschekistischen Maßnahmen wie der Verhaftung feindlicher Elemente, eine weitere große Operation durch: die Mobilisierung der arbeitstauglichen deutschen Bevölkerung zur Zwangsarbeit in der UdSSR. Die Verhafteten und zur Zwangsarbeit Rekrutierten wurden zu Tausenden in Lager im Inneren der UdSSR verbracht, wo ansässige Organe von NKGB und NKWD ermittelten und über ihr weiteres Schicksal zu entscheiden hatten. Stalin setzte diese Praxis jedoch kurz vor Kriegsende aus. Die Zwangsarbeiter und Verhafteten sollten fortan auf deutschem Gebiet in verschiedenen Lagern untergebracht werden. Ein entsprechender Befehl mit der vorläufigen Standortverteilung der Lager erging bereits am 10. Mai 1945. Mit dieser Maßnahme ging auch eine Neu-Strukturierung des NKWD in der SBZ einher, da von nun an die Aufklärungsarbeit in den Lagern von den NKWD-Organen vor Ort angeleitet und durchgeführt wurde. Weiterhin hatten sich mit Ende des Krieges die äußeren Rahmenbedingungen für die geheimdienstliche Tätigkeit geändert.[4]

Im Sommer 1945 arbeiteten die verschiedenen sowjetischen Sicherheitsdienste noch nebeneinander im besetzten deutschen Gebiet. Sie nahmen größtenteils ähnliche Aufgaben wahr und konkurrierten um die Vormachtstellung bei der Erfüllung der von Stalin erteilten Aufgabe, die besetzten Gebiete von feindlichen Elementen zu säubern. Woran es fehlte, war ein zentrale Leitung und Koordinierung der Tätigkeit der betroffenen Sicherheitsorgane. Als erster Schritt in diese Richtung ist die Auflösung der Fronten, also der russischen Großverbände ähnlich den deutschen Heeresgruppen, im Juni 1945 zu sehen. Gleichzeitig beauftragte Stalin I. A. Serov mit der allgemeinen Leitung und der Kontrolle der operativen Tätigkeit von NKGB, NKWD und Smersch. Zuvor wurde der zur 1. Belorussischen Front gehörige Generaloberst Serov zum Stellvertreter für die Fragen der Zivilverwaltung beim Obersten Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) Marschall Schukov ernannt.[5]

Dem Stellvertreter der SMAD unterstanden zum Zeitpunkt der Übernahme seiner neuen Funktion circa 800 Mitarbeiter des NKWD, NKGB und Smersch, sowie wie 10 Regimenter mit etwa 15.000 Mann der Truppen des NKWD. Das Nebeneinander dieser verschiedenen Dienste dauerte bis zum Herbst 1946 an. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Truppen und die operativen Einheiten des NKWD, welches durch die Umwandlung eines Volkskommissariats in ein Ministeriumjetzt MWD hieß, und der Spionageabwehr Smersch in das Ministerium für Staatssicherheit MGB eingegliedert. Dieses ging als Ministerium aus dem Volkskommissariat für Staatssicherheit NKGB hervor. Das MGB mit seinen 399 Mitarbeitern gehörte nun nicht länger der allgemeinen Besatzungsverwaltung, also der SMAD, an. Serov kehrte nach Moskau zurück und dem MWD, dessen Mitarbeiterstamm zum Zeitpunkt der Umstrukturierung auf 2230 angewachsen war, blieben vornehmlich verwaltende Aufgaben in der SMAD. Durch die Unterstellung der Internierungslager und den darin aufgebauten Antifa­Schulen, in denen kommunistische Kader ausgebildet wurden, unter das MWD im Jahr 1946 verfestigte sich der Einfluss der sowjetischen Sicherheitsorgane auf die Personalpolitik in der SBZ. Die Leitung des neuen eigenständigen Apparates des sowjetischen Ministeriums für Staatssicherheit übernahm Generaloberst Nikolai K. Kowaltschuk. Da im MGB zwischen formaler und operativer Organisationsstruktur unterscheiden wird, ist davon auszugehen, dass Offiziere des MGB auch in leitenden Positionen der SMAD vertreten waren. Dementsprechend blieb Kowaltschuk, trotz formaler Trennung von MGB und SMAD, weiterhin konspirativ in die reguläre Struktur der Truppen und der SMAD integriert.[6] Auf die Tätigkeit des Sicherheitsapparates hatte die administrative Entflechtung kaum Einfluss. Jedoch waren Dienstweg und Meldestrukturen der Opergruppen nun nicht länger von der SMAD sowie von politischen als auch militärischen Führungsinstanzen abhängig. Angeblich vernetzte das MGB sämtliche Dienstellen über Standleitungen telefonisch mit seiner Berliner Zentrale. Ab Sommer 1947 kontrollierte es das komplette sowjetische System geheimer Nachrichtenverbindungen, in der SBZ zudem von Beginn an sämtliche Telekommunikation, das heißt neben der Allgemeinen auch die vom Amtsnetz unabhängige behördliche und polizeiliche Kommunikation und die Briefpost. Die Abwehraufgaben des MGB umfassten letztlich alle in der SBZ befindlichen Personen, also die deutsche Bevölkerung, die russischen Truppen und sämtliches russisches Personal. Letztere überwachte die militärische Abwehr Smersch, die ab 1946 formell unter der Bezeichnung 3. Hauptverwaltung dem MGB untergeordnet wurde. Das Exekutiv-Organ des MGB waren die Inneren Truppen des früheren NKWD. Sie übernahmen polizeiliche Aufgaben, wie die Sicherung sowjetischer Einrichtungen, der Truppen und anfangs auch der innerdeutschen Demarkationslinie. Es gab also kaum einen Bereich, den die Tätigkeiten des MGB nicht abdeckten.[7]

2.2. Die Struktur des Sicherheitsapparates

Das Hauptquartier des Sicherheitsapparates befand sich nach Kriegsende erst in Potsdam, wurde dann jedoch nach dessen Umstrukturierung nach Berlin-Karlshorst verlegt. In seiner horizontalen Organisationsstruktur entstanden in den Ländern beziehungsweise Provinzen und im sowjetisch besetzten Teil Berlin die „operativen Sektoren“, kurz Opersektoren. Zur personellen Besetzung der Sektoren gibt es unterschiedliche Angaben. Sie schwanken zwischen 30 und 90 Offizieren, 20 bis 25 Dolmetschern und etwa 150 bis 250 Soldaten der Inneren Truppen des MWD.[8] Mit Ausnahme Thüringens hatten die Opersektoren ihren Dienstsitz in den jeweiligen Landes- oder Provinzhauptstädten. Formell arbeiteten die Sektoren bei denjeweiligen Verwaltung der örtlichen sowjetischen Administration, sie waren jedoch unabhängig. Dort leiteten sie die Tätigkeit ihrer unterstellten Bezirks- und Kreisopergruppen sowie der Opergruppen der größeren Städte und der Internierungslager der SBZ. Jeder Opersektor gliederte sich ein einzelne Abteilungen. Zu den wichtigsten gehörten die operative Abteilung, die Untersuchungsabteilung inklusive der Untersuchungsgefängnisse und die Abteilung für Spionageabwehr. Mit Gründung der DDR und der damit verbundenen Abschaffung der Länder und Einführung der Bezirke, wurden auch die Opersektoren abgeschafft und in 14 Bezirksopersektoren umgewandelt.[9]

Die Bezirksopergruppen arbeiteten bei den Bezirkskommandanturen der SMAD. Ihre Anzahl veränderte sich mit der Änderung der Gliederung der Länder und Provinzen der SBZ. 1946 gab es insgesamt 18 Bezirksopergruppen, die die Arbeit der Kreisopergruppen in ihren Bezirken anleitete. Die Kreisopergruppen waren die kleinsten und untersten Einheiten des sowjetischen Sicherheitsapparates in der SBZ. Sie waren für die Durchführung der örtlichen operativen Arbeit verantwortlich. Wie bei den Bezirksopergruppen schwankte auch ihre Anzahl und war abhängig von der Zahl der Kreise im Bezirk. 1946 gab es 170 solcher Kreisopergruppen in der SBZ. Sie bestanden zumeist aus wenigen Leuten: dem Leiter der Gruppe, dem operativen Oberbevollmächtigten, 1 bis 2 Dolmetschern und dem Fahrer.[10] Zu den Aufgaben des MGB vor Ort zählte vor allem die Aufklärung und Beobachtung sogenannter subversiver Elemente, politischer Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Schulen sowie die Überwachung des Personals der deutschen Polizei und Verwaltung. Zur Sicherstellung der Erfüllung dieser Aufgaben rekrutierte das MGB in der SBZ eine Vielzahl von Vertrauensleuten. Zum Jahresbeginn 1946 verfügte die sowjetische Geheimpolizei bereits über einen Pool von 2304 deutschen Spitzel, bis 1949 erhöhte sich diese Zahl nochmal auf 3084.[11]

Wie alle Elemente des sowjetischen Staatsapparates unterlagen auch sämtliche Einheiten des NKWD und später MGB einer politischen sprich parteilichen Kontrolle. Diese wurde durch das Netz der Parteiorganisationen sichergestellt. Deren Organisation glich der des Sicherheitsapparates. So bildeten die örtlichen bei den Kreismilitärkommandanturen angesiedelten Parteiorganisationen den Grundbaustein und waren den Parteiorganisationen der Bezirksopergruppen unterstellt. Die wiederum unterstanden den Parteibüros der Opersektoren in den Ländern oder Provinzen und hatten ihren Sitz bei den Bezirkskommandanturen der SMAD. Dem Prinzip folgend war die Parteiorganisation auf Länder- oder Provinzebene bei der entsprechenden Verwaltungsebene der SMAD angesiedelt. Die dort ansässigen Parteibüros bestanden aus jeweils 7 bis 9 gewählten Mitgliedern, denen ein hauptamtlicher Parteisekretär vorstand. Die Kontrolle der partei-politischen Arbeit gewährleistete die Politische Verwaltung der SMAD.[12]

Während das MGB ab 1946 komplett die operative Arbeit übernahm, war das MWD weiterhin für Internierungslager - auch Speziallager genannt - sowie für die Gefängnisse verantwortlich. Dafür gab es im besetzten deutschen Gebiet eine eigene Abteilung, die die Lager verwaltete und die Bewachung organisierte. Über das Schicksal der Verhafteten entschied weiterhin das MGB, hier lagen die Kompetenzen zur Verhaftung, Befragung und Entlassung von Verdächtigen. Im Sommer 1948 fand sich für die insgesamt 10 Speziallager und Gefängnisse in der SBZ ein neuer Dienstherr - die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager GULAG.[13]

Verschiedenen Angaben zufolge waren in den Speziallagern von 1945 bis 1950 etwa 160.000 bis 190.000 Deutsche interniert, von denen 30.000 bis 40.000[14] wegen katastrophaler hygienischer Umstände und vor allem mangelnder Versorgung umgekommen sein sollen. Bis 1946 wurden die Internierten zumeist ohne Gerichtsbeschluss in den Lagern festgehalten. Lediglich schwere Fälle wie Kriegsverbrechen oder Sabotage kamen vor die sogenannten Troika oder Petka - Militärtribunale mit jeweils 3 oder 5 Richtern. Ab Februar 1948 setzten Lager-Entlassungen in großem Stil ein. Geschuldet war das vor allem der hohen Mortalität in den Lagern, die weit über dem sonstigen Durchschnitt in der SBZ lag. Die übrigen Internierten wurden zunächst auf drei Lager konzentriert und schließlich in weiten Teilen mit der Auflösung der Lager im Jahr 1950 in Gefängnisse verbracht. Nicht alle von den sowjetischen Militärtribunalen vor 1950 Verurteilten landeten zwangsläufig auch in den Lagern. MWD und MGB unterhielten von Kriegsende bis in die Mitte der Fünfziger hinein eigene Gefängnisse - die gefürchteten GPU-Keller.[15]

2.3. Die Arbeit der tschekistischen Organe

Unmittelbar nach Ende des Krieges war die „Säuberung“ der SBZ von „feindlichen Elementen“ die Hauptaufgabe der Organe des sowjetischen Sicherheitsapparates. Vorerst bedeutete die Arbeit der Tschekisten eine umfassende Entnazifizierung der SBZ. Zu deren Durchführung hatten sich laut Befehl Nr. 42 der SMAD „Alle ehemaligen Angehörigen der deutschen Armee im Range eines Leutnants [...] sowie ohne Ausnahme alle ehemaligen Angehörigen des SS und SA, Mitarbeiter der Gestapo und Mitglieder der NSDAP [...] bis zum 25. September 1945 einer Registrierung bei den Militärkommandanturen zu unterziehen.“[16]

Die meisten diesen Kreisen zugehörigen Personen wurden bei der Registrierung verhaftet und den Organen des NKWD überstellt. Das NKWD selbst hatte für die operative Arbeit seines Sicherheitsapparates den Kreis der „feindlichen Elemente“ um alle Angehörigen deutscher Geheimdienste, Mitglieder von Untergrundorganisationen wie den Werwölfen und des gesamten NS-Apparates erweitert. Allein bis zum 1. September verhafteten die operativen NKWD-Gruppen auf dieser Grundlage fast 70.000 Menschen[17] und steckten sie anschließend vielfach ohne Prüfung ihres Hintergrund für längere Zeit in die schon erwähnten Internierungslager. Als Verhaftungsgrund reichte bereits eine einfache Denunziation ohne wirkliche Beweise oder eine Ausbildung im Volkssturm, die als Vorbereitung auf Werwolf- Aktivitäten gewertet wurde, aus. Unterstützung erhielten die Opergruppen durch die operativen Maßnahmen der Inneren Truppen des NKWD/MGB. Sie durchkämmten periodisch das gesamte Gebiet der SBZ und nahmen verdächtige Personen fest. Weitere Aufgabe der Opergruppen und Truppen war die Bekämpfung der Kriminalität seitens der Deutschen und auch der Russen. Zudem existierte eine spezielle Opergruppe bei der Sächsischen Bergbauverwaltung, die später in die sowjetische Aktiengesellschaft „Wismut“ umgewandelt wurde. Die Opergruppe sicherte hier den durch Zwangsarbeiter unter unsäglichen Bedingungen stattfindenden Abbau von Uran für das sowjetische Atomprogramm ab.[18]

Der Kreis der Personen, die durch sowjetische Geheimdienste verhaftet und interniert wurden, erweiterte sich im Laufe der Nachkriegszeit. Der Fokus ging weg von der Entnazifizierung, zumal diese am 26. Februar 1948 durch den SMAD-Befehl Nr. 35[19] offiziell für beendet erklärt wurde. Vielmehr traf es immer mehr Deutsche, die nach Ansicht des NKWD/MGB der radikalen politischen Umgestaltung der SBZ hinderlich sein konnten. Dazu zählten Staatsbeamte, Richter, Anwälte, Lehrer, Journalisten, Ärzte, Wissenschaftler, Intellektuelle, Unternehmer und Großbauern, die häufig ohne nationalsozialistischen Hintergrund interniert wurden. Als „bürgerliche Elite“, eben als Klassenfeind, den es auszuschalten galt, waren sie im Interesse der Umwälzung von Herrschaft und Gesellschaft zu isolieren. Mit Gründung der SED betraf die Verfolgung durch die sowjetische Staatssicherheit auch vermehrt politisch Andersdenkende, zumeist Sozialdemokraten und Liberale. Hier zeigt sich, dass die Geheimdienste insbesondere mit ihrer Lagerpraxis keineswegs nur Interesse an einer Eliminierung der Überreste des NS-Systems hatten. Vielmehr zeigt sich durch die „prophylaktische“ Internierung von Nicht-Kommunisten, dass die „Säuberung“ von „feindlichen Elementen“ von Anfang an eine auch eine allgemeine politische Säuberung der SBZ war.[20]

Unbedingte Voraussetzung für die erfolgreiche operative Arbeit der Geheimdienste war der Aufbau eines weitverzweigten Agenten- und Spitzelnetzes. Die sowjetische Staatssicherheit, die bereits über weitreichende Erfahrung auf diesem Gebiet verfügte, warb in der SBZ eine Vielzahl von „Vertrauensleuten“ in allen größeren Betrieben, Behörden, in Parteien und damit auch in der SED, den Gewerkschaften und Kirchen sowie dem sowjetischen SMAD-Personal und den Besatzungstruppen. Die Deutschen, in gewisser Hinsicht in Sachen Denunziation und Bespitzelung bereits vorgebildet, waren oftmals erpressbar und konnten unter Androhung einer Verhaftung oder dem Versprechen der Haftentlassung zur Zusammenarbeit überzeugt werden. Für die Schulung der Angeworbenen gab es spezielle Ausbildungsstätten. Der Ausbau der Agentennetzes begann sofort nach Beendigung der Kampfhandlungen, so verfügte das NKWD bereits Ende Mai 1945 über 246 geworbene deutsche Agenten, deren Anzahl sich 6 Monate später bereits verzehnfacht hatte. Letztlich entwickelte sich der Spitzelapparat zu einem der wichtigsten und wirksamsten Mittel sowjetischer Geheimdienste bei der Überwachung gesellschaftlicher und politischer Prozesse. So blieb in der Lebenswelt der Deutschen, der Verwaltung und Politik kein Bereich, der nicht in irgendeiner Weise observiert und damit auch kontrolliert wurde.[21] 3. Die Vorläufer des deutschen Ministerium für Staatssicherheit in der SBZ 3.1. Der Aufbau der Polizei Aus Sicht der Sowjets gehörte ab Mai 1945 die Reorganisation der Polizei zu den wichtigsten Verwaltungsaufgaben. Für die deutschen Kommunisten wie Walter Ulbricht war es ein entscheidender erster Schritt zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung, die Polizei wieder einsatzbereit zu machen. Gerade wegen dieser Dringlichkeit bestand die Polizei in den ersten Monaten der sowjetischen Besatzung keineswegs nur aus linientreuen Kommunisten. So gehörte ein beträchtlicher Teil der Polizisten, die bereits Erfahrung mit Polizeiarbeit hatten, der SPD an. Viele Polizisten waren ehemalige Wehrmachtsangehörige, im Dezember 1948 stellten sie etwa 73 Prozent[22] der Beschäftigten bei der Polizei. Vereinzelt gelang es auch ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, und ehemaligen SS- und SA-Leuten in die Polizei einzutreten. Deutsche Kommunisten klagten später, dass „Hunderte Faschisten, Kriminelle und unwürdige Elemente Eingang in die Polizei gefunden“[23] hätten. Im Land Mecklenburg traf das auf 57 Personen zu, in den restlichen Ländern gab es ähnliche Zahlen.[24]

[...]


[1] Petrov, Nikita: Die Apparate des NKVD/MVD und des MGB in Deutschland (1945-1953). Eine historische Skizze. In: Plato, Alexander von (Hrsg.): Sowjetische Straflager in Deutschland 1945 bis 1950. Band 1. StudienundBerichte. Berlin 1998. S. 143 f.

[2] „tschekistisch“ steht, in Anlehnung an die kommunistische Geheimpolizei Tscheka, für geheimdienstlich.

[3] Filippovych, Dmitrij Nikolaevic; Kubina, Michael; Sacharov, Vladimir Vladimirovic: Tschekisten in Deutschland. Organisation, Aufgaben und Aspekte der sowjetischen Sicherheitsapparate in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (1945-1949). In: Wilke, Manfred (Hrsg.): Die Anatomie der Parteizentrale. Die KPD/SED auf dem Weg zur Macht. Berlin 1998. S. 296.

[4] Petrov: Apparate. In: Plato (Hrsg.): Speziallager. S. 144.

[5] Filippovych; Kubina; Sacharov: Tschekisten. In: Wilke (Hrsg.): Anatomie. S. 298.

[6] Foitzik, Jan: Der Sicherheitsapparat der sowjetischen Besatzungsverwaltung in der SBZ 1945-1949. In: Reif- Spirek, Peter; Ritscher, Bodo (Hrsg.): Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit „doppelter Vergangenheit“. Berlin 1999. S. 187 f.

[7] Foitzik: Sicherheitsapparat. In: Reif-Spirek; Ritscher (Hrsg.): Speziallager. S. 188.

[8] Vgl. Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD). In: Broszat, Martin; Weber, Hermann (Hrsg.): SBZ-Handbuch. München 1993. S. 29.

[9] Filippovych; Kubina; Sacharov: Tschekisten. In: Wilke (Hrsg.): Anatomie. S. 301.

[10] Ebd. S. 302.

[11] Foitzik, Jan: Organisationseinheiten und Kompetenzstruktur des Sicherheitsapparates der Sowjetischen MilitäradministrationinDeutschland (SMAD). In: Plato (Hrsg.): Speziallager. S. 131.

[12] Filippovych; Kubina; Sacharov: Tschekisten. In: Wilke (Hrsg.): Anatomie. S. 303.

[13] Petrov: Apparate. In: Plato (Hrsg.): Speziallager. S. 141 ff.

[14] Plato, Alexander von: Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950: Ergebnisse eines deutsch­russischenKooperationsprojektes. In: Reif-Spirek; Ritscher (Hrsg.): Speziallager. S. 141 f.

[15] Marquardt, Bernhard: Die Zusammenarbeit zwischen MfS und KGB. In Fricke, Karl-Wilhelm; Marquardt, Bernhard: DDR Staatssicherheit. Bochum 1995. S. 55 f.

[16] Fricke, Karl Wilhelm: „Kampf dem Klassenfeind“: Politische Verfolgung in der SBZ. In: Fischer, Alexander (Hrsg.): Studien zur Geschichte der SBZ/DDR. Berlin 1993. S. 182.

[17] Filippovych; Kubina; Sacharov: Tschekisten. In: Wilke (Hrsg.): Anatomie. S. 307.

[18] Ebd. S. 306 ff.

[19] Vgl. Befehl Nr. 35 der SMAD über die Auflösung der Entnazifizierungskommissionen vom 26. Februar 1948. In: Rößler, Ruth-Kristin (Hrsg.): Entnazifizierungspolitik der KPD/SED 1945-1948. Dokumente und Materialien. Goldbach 1994. S. 257.

[20] Fri>

[21] Filippovych; Kubina; Sacharov: Tschekisten. In: Wilke (Hrsg.): Anatomie. S. 310.

[22] Auszug aus der Personalstruktur der Polizei des Landes Mecklenburg, Stand: Ende Dezember 1948. In: Glaser, Günther (Hrsg.): „Reorganisation der Polizei“ oder getarnte Bewaffnung in der SBZ im Kalten Krieg? Dokumente und Materialien zur sicherheits- und militärpolitischen Weichenstellung in Ostdeutschland 1948/1949. Frankfurt am Main 1995. S. 262.

[23] Naimark, Norman M.: Die Russen in Deutschland. Berlin 1997. S. 448.

[24] Auszug aus der Personalstruktur der Polizei des Landes Mecklenburg, Stand: Ende Dezember 1948. In:

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Details

Titel
Vom Aufbau der Kriminalpolizei zur Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,6
Autor
Jahr
2008
Seiten
48
Katalognummer
V280660
ISBN (eBook)
9783656831440
ISBN (Buch)
9783656829232
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aufbau, kriminalpolizei, gründung
Arbeit zitieren
Martin Jürgen (Autor), 2008, Vom Aufbau der Kriminalpolizei zur Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280660

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