Intergenerationelle Einkommensmobilität und Meritokratie in der Schweiz

Leben wir in einer meritokratischen Gesellschaft?


Bachelorarbeit, 2014
31 Seiten, Note: 5.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Konzept der intergenerationellen Mobilität
2.2 Einflussfaktoren intergenerationeller Einkommenstransmission
2.3 Messansätze zur Schätzung intergenerationeller Einkommensmobilität
2.3.1 Das Modell von Becker und Tomes
2.3.2 Schwierigkeiten bei der Schätzung

3 Empirische Evidenz
3.1 Gesammelte empirische Ergebnisse
3.2 Die intergenerationelle Einkommensmobilität in der Schweiz
3.3 Fazit

4 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

Die letzten Volksabstimmungen (z.B. Mindestlohn-, 1:12- und Abzocker-Initiative) zeigen die enorme Bedeutung von Gleichheit und Gerechtigkeit für Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Vor allem die Forderung nach Chancengleichheit ist in der Schweizeri- schen Gesellschaft stark verankert. Aber ob in der Schweiz tatsächlich allen Individuen die gleichen Startchancen gewährleistet werden, ist fraglich. In der vorliegenden Bachelorarbeit wird dieser Tatbestand untersucht. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob wir in einer meri- tokratischen Gesellschaft leben. Das heisst, in einer Gesellschaft, in welcher der Erfolg des Einzelnen durch individuelle Fähigkeiten und Leistungen zustande kommt, und nicht im Zu- sammenhang mit leistungsfremden Faktoren wie der sozialen Herkunft, dem Geschlecht oder der ethnischen Zugehörigkeit steht. Anhand des Konzepts der intergenerationellen Einkom- mensmobilität wird in dieser Arbeit aus einer ökonomischen Sicht gezeigt, dass in der Schweiz trotz einem sehr gut ausgelegten öffentlichen Bildungssystem, nicht alle sozialen Gruppen gleich mobil sind bzw. denselben Startchancen gegenüberstehen. Aufgrund empiri- scher Befunde wird geschlussfolgert, dass gewisse leistungsfremde Einflussfaktoren stets von Relevanz sind bei der Determinierung des ökonomischen Erfolgs eines Individuums, was nicht mit dem Konzept einer perfekten Meritokratie vereinbar ist

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei meinem zuständigen Professor und Betreuer Prof. Dr. George Sheldon für die Unterstützung und sein Feedback bedanken

1 Einleitung

Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr plädiert in einem Interview mit der Pendlerzeitung „20 Minuten“ für eine effiziente und gerechte Gesellschaft und kommt zum Schluss, dass wir in einer sogenannten meritokratischen Gesellschaft leben. In seinen eigenen Worten heisst dies, dass „man denen, die eine grosse Leistung erbringen, ein hohes Einkom- men zugesteht“ (Zaug, 2013).1 Fehr ist demnach der Meinung, dass der sozioökonomische Status eines Individuums lediglich von der selbst erbrachten Leistung und nicht von leistungs- fremden bzw. askriptiven Merkmalen, abhängig ist. Diese Aussage hat mich dazu inspiriert, mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit der Frage zu beschäftigen, ob ökonomische Eli- tepositionen der Schweizerischen Gesellschaft tatsächlich aufgrund ihrer Verdienste (intellek- tuellen Leistungen und Fähigkeiten) erworben werden oder ob diese auch von leistungsfrem- den Faktoren, wie der sozialen Herkunft, dem Geschlecht oder des ökonomischen Status der Vorfahren abhängig sind.2

Der Begriff „Meritokratie“ (lateinisch: meritum für „Verdienst“; griechisch: kratein für „herrschen“) wurde erstmals 1958 vom britischen Soziologen Michael Young verwendet, um eine zukünftige soziale Gesellschaft zu beschreiben, in der die soziale Position eines Men- schen ausschliesslich durch „Intelligenz (gemessen durch den Intelligenzquotienten, IQ) und Anstrengung („effort“) bestimmt ist“ (Becker und Hadjar, 2011, S. 39), und wonach soziale Ungleichheiten nicht per se als ungerecht angesehen werden, sondern legitimiert werden, so- lange sie das Ergebnis individueller Leistungsunterschiede sind (Hillmert, 2007). Eine Privi- legierung aufgrund sozialer Herkunft, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Migrationshin- tergrund oder anderen leistungsfremden Einflüssen, sind entsprechend der Vorstellung der idealen Meritokratie auszuschliessen. Indessen ist das entscheidende Grundprinzip einer meri- tokratischen Gesellschaft, die Gewährung totaler Chancengleichheit (nicht Ergebnisgleich- heit) im Bildungs- bzw. Leistungserwerb für alle Bürgerinnen und Bürger (Young, 1958).

Das meritokratische Prinzip kann anhand der meritokratischen Triade von Bildung, Be- ruf und Einkommen dargestellt werden (Abbildung 1). „Diese meritokratische Triade [...] stellt einen Mechanismus der leistungsgesellschaftlichen Statuszuteilung und Legitimation sozialer Ungleichheiten dar, der als typisch für „offene“, westliche Gesellschaften gelten kann.“ (Becker und Hadjar, 2006, S. 44). Solange der ökonomische Erfolg also Folge von Leistung ist, welche anhand von Bildung und Zertifikaten (Qualifikationen) gemessen wird, werden ungleich verteilte berufliche und ökonomische Positionen als legitimiert angesehen.

Abbildung 1: Meritokratische Triade: Legitime und illegitime Ressourcennutzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Becker und Hadjar, 2009, S. 43)

Um die bereits formulierte Fragestellung, ob wir in der Schweiz in einer meritokratischen Gesellschaft leben, also ob de facto allen Individuen - unabhängig von leistungsfremden Kriterien - den gleichen Startchancen gegenüberstehen, aus einer ökonomischen Perspektive zu beantworten, verwende ich das nahverwandte Konzept der intergenerationellen Einkommensmobilität. Dieses Konzept misst anhand ökonometrischer Methoden den Zusammenhang zwischen dem relativen ökonomischen Status der Elterngeneration und demjenigen der Kindergeneration und wird oft als Gradmesser für Chancengleichheit verwendet. Ist der Zusammenhang schwach, gilt eine Gesellschaft als sozial mobil, während eine hohe Korrelation auf eine sozial immobile Gesellschaft hinweist. Um den ökonomischen Status zu messen, verwenden Ökonomen dabei meist das Einkommen (Bauer, 2007).

Auf den ersten Blick scheint es intuitiv, dass eine solche „Leistungsgesellschaft“, wel- che totale Chancengleichheit sichert, eine vollkommen mobile Gesellschaft impliziert. In an- deren Worten, eine Gesellschaft, in welcher die soziale Position eines Einzelnen völlig unab- hängig ist vom Status seiner Vorfahren und lediglich durch seine natürlichen Leistungen und Fähigkeiten bestimmt wird. Im Verlauf meiner Analyse werde ich jedoch aufzeigen, dass die- se Voraussetzung in einer Meritokratie keinesfalls gegeben sein muss, sondern, dass ein meri- tokratisches System durchaus mit einer gewisser Immobilität bzw. Persistenz vereinbar ist.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Teile, wobei der erste Teil der Arbeit dazu dient, die wichtigsten theoretischen Grundlagen einzuführen. Im ersten Abschnitt wird zu- nächst das Konzept der intergenerationellen Mobilität vorgestellt und eine Abgrenzung vor- genommen. Im zweiten Abschnitt soll geklärt werden, welche Einflussfaktoren und Mecha- nismen die intergenerationelle Einkommensmobilität einer Gesellschaft determinieren. Im dritten Abschnitt wird dann der ökonomische Standardansatz zur Messung der intergeneratio- nellen Einkommensmobilität vorgestellt und dessen Schwierigkeiten aufgezeigt.

Im zweiten Teil der Arbeit werden zuerst gesammelte empirische Ergebnisse präsentiert, gefolgt von empirischen Befunden der intergenerationellen Einkommensmobilität in der Schweiz, anhand welcher im Anschluss in einem Fazit die Einstiegsfrage beantwortet wird. Eine Zusammenfassung und ein Ausblick schliessen die Arbeit ab.

2 Theoretische Grundlagen

Im Rahmen dieses Kapitels soll zunächst das theoretische Konzept der intergenerationellen Einkommensmobilität erläutert werden, um dann im empirischen Teil anhand dieses Konzepts zu analysieren, ob wir in einer meritokratischen Gesellschaft leben. Daran anschliessend werden die Hauptdeterminanten der intergenerationellen Einkommensmobilität zusammengetragen und der ökonomische Standardansatz zur Schätzung der intergenerationellen Einkommensmobilität vorgestellt, gefolgt von potenziellen Schätzproblemen.

2.1 Das Konzept der intergenerationellen Mobilität

„Soziale Mobilität“ ist ein sehr umfangreiches Konzept, welches von vielen theoretischen Perspektiven betrachtet werden kann, weshalb eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes unabdingbar ist. Zu unterscheiden ist zunächst eine generationenübergreifende, sogenannte intergenerationelle, von einer intragenerationellen Mobilität, wobei sich letztere auf den Wechsel der sozialen Position oder Schichtzugehörigkeit (soziale Mobilität) eines Individuums im Lebenslauf bezieht (Berger, 2000, S.1).

In der vorliegenden Arbeit geht es um die erste Perspektive, die der intergenerationellen Mobilität. Der Begriff bezieht sich auf die Veränderung der Schichtzugehörigkeit eines Indi- viduums über Generationen hinweg bzw. auf die Durchlässigkeit einer Gesellschaft. In ande- ren Worten: auf das Ausmass mit welchem der soziale Status der Eltern auf die Kinder über- tragen wird. Dabei kann diese intergenerationelle Transmission (Übertragung) verschiedene Aspekte umfassen, wie z.B. die Transmission von Einkommen, Vermögen, Bildung oder Be- schäftigung. Ökonomen legen bei der Messung intergenerationeller Mobilität jedoch meist den Schwerpunkt auf die intergenerationelle Transmission von Einkommen oder Vermögen (ebd.). Da im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit der Untersuchungsgegenstand aus einer ökonomischen Perspektive analysiert werden sollte, werde ich mich in der folgenden Analyse primär auf die intergenerationelle Transmission von Einkommen beschränken.3 Die Rate der intergenerationellen Einkommensmobilität misst dann, inwiefern der relative ö ko- nomische Status von einer Generation auf die nächste übertragen wird. Diese Rate ermöglicht es, dynamische Prozesse, wie den relativen Auf- oder Abstieg von Familien oder anderen sozialen Gruppierungen innerhalb der Einkommensverteilung im Zeitverlauf zu erfassen, welche anhand von Ungleichverteilungsindikatoren, wie z.B. dem Gini-Koeffizienten4, nicht festgehalten werden können. Das Konzept der intergenerationellen Einkommensmobilität vermag es also die Natur der Einkommensungleichheit eines Landes näher zu beschreiben. Sind z.B. Kinder armer Eltern prädestiniert, in Zukunft tiefe Einkommen zu generieren, so ist die Einkommensungleichheit wahrscheinlich Folge rigider Strukturen unserer Gesellschaft. In diesem Fall wäre totale Chancengleichheit nicht gewährleistet. Wenn aber Kinder armer El- tern die Möglichkeit haben, aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit bei gleicher Einkommensun- gleichheit in eine höhere Einkommensklasse aufzusteigen, so sollte die Chancengleichheit in einem Land theoretisch nicht in Frage gestellt werden (Zürcher, 2007, S. 9).

Das Konzept der intergenerationellen Einkommensmobilität kann auch als Instrument für ökonomische Effizienz verwendet werden. Tiefe Mobilität kann eine Verschwendung in- dividueller Talente als Folge haben, da Individuen nicht an ihrer ökonomischen Leistung, sondern an ihrem ökonomischen Status gemessen werden, was folglich zu einer nicht- optimalen Allokation von Talenten und somit zu Ineffizienzen führen kann. „Aus ökonomi- scher Sicht ist es [daher] sinnvoll, dass die fähigsten und talentiertesten Personen innerhalb eines gegebenen Einkommensgefüges aufsteigen können und nicht durch ihre familiäre und soziale Herkunft oder sonstige Faktoren, die mit der Leistungsfähigkeit dieser Personen nichts zu tun haben, daran gehindert werden. Es geht hier darum, dass unter gegebenen Anreizkons- tellationen knappe Ressourcen (Talente) gesellschaftlich den gewinnerbringendsten Einsatz finden“ (ebd., S. 10).

2.2 Einflussfaktoren intergenerationeller Einkommenstransmission

Um anhand des Konzepts der intergenerationellen Einkommensmobilität zu beurteilen, ob wir in einer meritokratischen Gesellschaft leben, ist es zunächst unumgänglich die zugrunde lie- genden Faktoren und Mechanismen zu verstehen, welche den ökonomischen Status eines In- dividuums determinieren und die Ressourcen zu erfassen, welche von einer Generation auf die nächste übertragen werden.

Das Leben eines Individuums wird zum einen durch das Umfeld, in welchem es auf- wächst und zum anderen durch die Ressourcen, welche es von den Eltern erbt, geformt. Diese Ressourcen, welche von einer Generation auf die nächste übertragen werden, stellen wichtige Determinanten des ökonomischen Erfolges dar und umfassen ein breites Spektrum, welches von der genetischen Ausstattung der Eltern bis hin zur Haushaltsstruktur reicht (OECD, 2007, S. 13f.). Über welche Kanäle die „Vererbung“ dieser Ressourcen erfolgt und welche Auswirkung sie auf den Outcome zukünftiger Generationen haben, ist jedoch nicht eindeutig.5 Nebst der Notwendigkeit diese Faktoren zu kennen, ist es somit auch wichtig zu verstehen, wie dieser „Transmissionsprozess“ vor sich geht. Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass die intergenerationelle Transmission über drei verschiedene Kanäle erfolgt: Natur, Umfeld und elterliche Humankapitalinvestitionen (Clark, S. 126f.). Über jeden dieser Kanäle werden zahlreiche Faktoren von einer Generation auf die nächste transferiert. Tabelle 1 stellt die drei Transmissionsmechanismen in übersichtlicher Weise dar.

Der erste Kanal ist naturgesetzlich bestimmt und umfasst Ressourcen, welche in gewis- sem Ausmass über die DNA von den Eltern auf die Kinder übertragen werden. Das bedeutet, dass die Eltern im Gegensatz zum dritten Kanal, wo sie aktiv das zukünftige Einkommen ih- rer Kinder beeinflussen können (indem sie Investitionen tätigen), keinen direkten Einfluss darauf haben, welche Eigenschaften vererbt werden. Solche Ressourcen umfassen unter ande- rem kognitive-Fähigkeiten (IQ), Aussehen, Geschlecht, Verhalten, Rasse und genetisch be- dingte Krankheiten. Welcher Anteil des Zusammenhangs zwischen dem Einkommen der El- tern und ihrer Kinder genetisch vererbten Eigenschaften zuzuschreiben ist, ist zwar bis heute Gegenstand laufender empirischer Untersuchungen, jedoch gibt es bereits empirische Evi- denz, dass die Genetik einen Einfluss auf die Leistung eines Individuums hat. Um ein Beispiel zu nennen, behaupten Bowles und Gintis (2002a, 2002b), dass die Genetik zwar nur wenig zur Intelligenz beiträgt, sie aber einen starken Einfluss auf die ökonomische Position eines Individuums hat. Nimmt man demzufolge an, dass die Leistung eines Individuums teilweise genetisch bedingt ist, so impliziert dies, dass der ökonomische Status eines Kindes in gewis- sem Ausmass von der genetischen Ausstattung seiner Eltern abhängig ist und folglich immer eine gewisse Korrelation zwischen dem Status der Elter und Kinder bestehen wird.

Tabelle 1: Transmissionsmechanismen und Einflussfaktoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an OECD, 2007 S.12ff. und Clark, 2014, S. 126)

Das Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, stellt den zweiten Kanal dar. Dieses wird durch eine Grosszahl verschiedener Aspekte und Beziehungen bestimmt. Dabei spielen zum einen das soziale Umfeld und zum anderen makroökonomische Zusammenhänge und die institutionelle Landschaft (z.B. Progression eines politischen Systems) eines Landes eine grosse Rolle. Bei- spielsweise hat Wirtschaftswachstum (als Folge zunehmender Produktivität) einen grossen Effekt auf die intergenerationelle Mobilität, da es einen fundamentalen Einfluss auf die Löhne und den Lebensstandard der Bürgerinnen und Bürger eines Landes hat. Wirtschaftswachstum führt folglich zu steigender Wohlfahrt der Kinder unterster Einkommensschichten, ohne dass es dabei zu einem sozialen Aufstieg kommen muss (OECD, 2007, S. 13). Ebenso können so- ziale Indikatoren, wie ethnische Zugehörigkeit, Migrationshintergrund, Religion und soziales Netzwerk eines Individuums oder die Haushaltsstruktur (z.B. Anzahl Kinder, Familienhierar- chie, Bildung und Vermögen der Eltern) und Nachbarschaft, einen enormen Einfluss auf die intergenerationelle Einkommensmobilität haben. Dabei wird in der Literatur meist suggeriert, dass elterliche Bildung und Vermögen den grössten Beitrag zur intergenerationellen Trans- mission von Einkommen leisten. Gebildete und vermögende Eltern scheinen mit höherer Wahrscheinlichkeit Kinder mit hohen Einkommen zu haben als weniger vermögende Eltern (Bowles und Gintis, 2002a, 2002b; Blanden, 2005).

Der dritte und letzte Kanal umfasst elterliche Investitionen in das Humankapital (Bil- dung), Gesundheit und Ernährung der Kinder und ist umso einflussreicher, je höher die Ren- diten dieser Investitionen sind. Dabei investieren Eltern in der Theorie so, dass deren eigener Nutzen maximiert wird. Sind beispielweise Bildungsrenditen einer Gesellschaft hoch, so wer- den Eltern mehr Geld in die Ausbildung ihrer Kinder stecken und daher das zukünftige Ein- kommen ihrer Kinder stark beeinflussen. Herrschen jedoch unvollständige Kapitalmärkte vor, kann dies dazu führen, dass „Arme“ nicht optimal investieren, da sie Kreditbeschränkungen gegenüberstehen und folglich nicht genügend Geld aufnehmen können (Becker und Tomes, 1986).6 Je stärker der Einfluss des dritten Kanales ist, umso stärker ist der Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Eltern und der Kinder (OECD, 2007, S. 16; Clark, S. 127f.).

Um die Frage zu beantworten, ob in unserem Gesellschaftssystem der ökonomische Erfolg des Einzelnen auf seine individuellen Leistungen und Fähigkeiten zurückzuführen ist, ist es in einem nächsten Schritt wichtig, die in Tabelle 1 aufgelisteten Einflussfaktoren in sogenannte leistungsrelevant e und leistungsfremde Faktoren einzuteilen, da wir herausfinden möchten, welcher Teil des Zusammenhangs zwischen dem Einkommen zweier Generationen leistungsfremden Faktoren zuzuschreiben ist und somit nicht mit dem Prinzip der Meritokratie übereinstimmt (Tabelle 2). Während leistungsrelevante Ressourcen (z.B. kognitive Fähigkeiten) gemäss der Grundidee der Meritokratie soziale Ungleichheiten legitimieren, stellen leistungsfremde bzw. askriptive Einflussfaktoren (z.B. soziale Herkunft oder Geschlecht) eine Form von Diskriminierung dar und sind daher illegitim.

Tabelle 2: Leistungsrelevante und leistungsfremde Einflussfaktoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung anhand Tabelle 17 )

Anhand dieser Unterteilung kann gezeigt werden, dass perfekte Chancengleichheit keine per- fekt mobile Gesellschaft unterstellt, wenn man davon ausgeht, dass gewisse Faktoren angebo- ren bzw. zugeschrieben sind. Roemer (2004) meint, dass Chancengleichheit kombiniert mit perfekter Mobilität implizieren würde, dass nicht nur soziale und kulturelle Einflussfaktoren, sondern auch die Genetik keinen Einfluss auf den ökonomischen Status eines Individuums haben dürfte. Somit ist eine intergenerationelle Einkommenskorrelation von Null praktisch undenkbar, da diese einen Eingriff in die menschliche Natur erfordern würde. Ist nämlich die intergenerationelle Einkommenskorrelation lediglich durch leistungsrelevanten Faktoren be- stimmt, auch wenn diese von den Vorfahren abhängen, dann ist die soziale Ungleichheit gemäss dem Konzept der Meritokratie legitimiert. Überwiegt der Teil, welcher von leistungsfremden Faktoren geprägt ist, kann es sein, dass Diskriminierung vorliegt. Wenn z.B. die Rasse bei der Determinierung des ökonomischen Status eine Rolle spielt, so kann daraus geschlossen werden, dass die Korrelation zwischen dem Einkommen zweier Generationen Folge leistungsfremder Faktoren ist. Dies würde bedeuten, dass totale Chancengleichheit nicht gegeben ist und folglich keine Leistungsgesellschaft vorliegen würde.

Zusammenfassend, um anhand des Konzepts der intergenerationellen Mobilität zu ana- lysieren, ob wir in einer meritokratischen Gesellschaft leben, ist es wichtig, „(i) die Ressour- cen, welche die Lebenschancen eines Individuums beeinflussen; (ii) die Kanäle über welche diese übertragen werden und (iii) die Implikationen dieser Transmissionen für das Individuum und die Gesellschaft als Ganzes zu identifizieren“ (OECD, 2007, S.14: Freie Übersetzung des Autors). Dementsprechend lässt sich sagen, dass solange die Mobilitätsrate Folge leistungsre- levanter Merkmale ist, dies mit den meritokratischen Prinzipien vereinbar ist.

2.3 Messansätze zur Schätzung intergenerationeller Einkommensmobilität

Mit dem Artikel „Regression Towards Mediocrity in Hereditary Stature“ (1986) lieferte Gal- ton als erster ein statistisches Modell zur Messung der intergenerationellen Transmission. Galton (1986) misst in seinem Artikel den Zusammenhang zwischen der Körpergrösse der Kinder und deren Eltern und kommt zum Schluss, dass eine sogenannte „regression towards mediocrity“ (Galton, 1886 plate IX, S. 546) oder auf Deutsch, Regression zur Mitte (bzw. Regressionseffekt) in den Körpergrössen besteht. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Abweichung der menschlichen Körpergrössen vom Mittelwert von Generation zu Generation geringer wird bis sich Körpergrössen langfristig ausgleichen. In ferner Zukunft würden also alle Menschen dieselbe, mittlere Körpergrösse aufweisen (Gigerenzer et al., 1989, S. 165). Dieses Phänomen, ist nicht nur auf die Körpergrössen beschränkt, sondern lässt sich auch gut mit ökonomischen Themen in Zusammenhang bringen. Beispielsweise kann Galtons Modell angewendet werden, um zu erklären, inwiefern der ökonomische Status einer Generation auf die nächste übertragen wird (Zimmermann, 1992, S. 409). Wird ein grosser Teil vererbt, so liegt geringe Regression zur Mitte vor, umgekehrt haben wir schnelle Regression zur Mitte.

[...]


1 Dass solch eine Thematik in einer Pendlerzeitung diskutiert wird, zeigt die grosse Bedeutung der Einkommensverteilung für die Schweizerische Gesellschaft.

2 Als ökonomische Elitepositionen werden hier obere Einkommensklassen bzw. Hochlohnempfänger definiert.

3 Im letzten Teil wird noch die Transmission von Bildung untersucht, da Bildung gemäss dem meritokratischen Prinzip als Leistungsindikator dient und somit von grosser Bedeutung ist.

4 Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Mass zur Darstellung der Einkommensverteilung (Gabler Wirtschafts- lexikon).

5 Beispielsweise können intergenerationelle Transmissionen privat oder öffentlich (z.B. private vs. staatlich finanzierte Bildung, Gesundheitssysteme), positiv oder negativ (z.B. Vererbung von Vermögen oder Werten vs. Übermittlung sozialer Diskriminierung oder mangelnder Gesundheit) erfolgen (OECD, 2007, S. 13f.).

6 Siehe diesbezüglich Abschnitt 2.3.1 „Modell von Becker und Tomes“.

7 Diese Unterteilung ist nicht eindeutig und wurde nach eigenem Ermessen vorgenommen.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Intergenerationelle Einkommensmobilität und Meritokratie in der Schweiz
Untertitel
Leben wir in einer meritokratischen Gesellschaft?
Hochschule
Universität Basel  (Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Arbeitsmarktökonomie
Note
5.7
Autor
Jahr
2014
Seiten
31
Katalognummer
V280667
ISBN (eBook)
9783656831457
ISBN (Buch)
9783656829263
Dateigröße
1246 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intergenerationelle, einkommensmobilität, meritokratie, schweiz, leben, gesellschaft
Arbeit zitieren
Dorin Heid (Autor), 2014, Intergenerationelle Einkommensmobilität und Meritokratie in der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280667

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