Die Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bernstein’schen Thesen

3. Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre
3.1 Sprachbarrierentheorie, Defizithypothese, Kodetheorie?
3.2 Soziale Schicht und Sprechverhalten
3.3 Sprechverhalten und Kognition
3.4 Restringierter und elaborierter Kode
3.5 Methodisches Vorgehen

4. Rezeptionskontext und Folgen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Monographien

Sammelbände

Zeitschriften

„Die Kritk an Bernstein [] setzte sofort und heftig ein. Kaum ein Punkt der Theorie blieb unwidersprochen[1].“

- Heinrich Löffler

1. Einleitung

Setzt man sich heute mit den Thesen des englischen Pädagogen auseinander, so trifft man in der Fachliteratur auf eine weitgehend einhellige Meinung: die Theorie Bernsteins wird als überholt und fachlich unausgereift dargestellt, wobei hier häufig der Vergleich zu den durch William Labov vertretenen, angeblich nachvollziehbareren und realistischeren Hypothesen gezogen wird. Diese Ansicht wird auch durch das eingangs angeführte Zitat Heinrich Löfflers widergespiegelt, die gleichzeitig den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet. Ich möchte mich im nun Folgenden innerhalb dieses Themenfeldes darauf fokussieren, den Ursprung dieser eben genannten kritischen Haltung gegenüber Bernsteins Arbeiten für den deutschsprachigen Rezeptionsraum zu untersuchen, weshalb eine Reihe soziolinguistischer Fachliteratur, welche in den 1970er-Jahren verfasst und in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland veröffentlich wurde, die Grundlage meiner Untersuchung sein wird. Auch wenn sich einige deutsche Autoren bereits vor 1970 auf Bernstein bezogen, so geschah dies in der Regel lediglich in Form einer Wiedergabe beziehungsweise Übersetzung seiner Texte. Ab 1970 begann jedoch eine aktive Auseinandersetzung mit Bernsteins Hypothesen[2], weshalb dieser Zeitraum für das Untersuchungsmaterial gewählt wurde. Hierbei soll konkret der Leitfrage nachgegangen werden, inwiefern diese frühen Rezeptionen eine negative oder positive Bewertung der Bernstein´schen Theorie enthalten und auf welche Teilaspekte sich diese jeweils bezieht.

Um diese Frage erörtern zu können, ist es allerdings zunächst notwendig, die Thesen Bernsteins anhand der Originaltexte zumindest in ihren Grundzügen darzulegen, da dies für das Verständnis der restlichen Arbeit unerlässlich sein wird. Im Anschluss daran folgt die Erörterung der soziolinguistischen Literatur im Hinblick auf diejenigen Abschnitte, die sich Bernstein und seinen Thesen widmen. Hier wird das Augenmerk auf Äußerungen der Autoren bezüglich der Benennung der Studien Bernsteins, des Zusammenhangs von sozialen Schichten, Sprechverhalten und Kognition, des restringierten und elaborierten Kodes sowie der methodischen Vorgehensweise. Die daraus resultierenden Erkenntnisse werden daraufhin in Hinblick auf den gesellschaftspolitischen Kontext des Rezeptionszeitraumes beleuchtet, um die Forschungsfrage letztlich in einem Fazit differenziert beantworten zu können.

2. Die Bernstein’schen Thesen

Der Begriff „ Thesen “ wird an dieser Stelle bewusst in der Pluralform verwendet, da sich die Annahmen Bernsteins eben kaum in einem Satz zusammenfassen lassen, sondern als ein Mosaik einzelner, sich ergänzender und teilweise sogar widersprüchlicher Teilthesen auftreten. Dieser Umstand lässt sich auch durch die zeitliche Spanne von gut fünfzehn Jahren erklären, innerhalb derer der Forscher insgesamt dreißig Aufsätze und Werke zur Thematik rund um den Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft veröffentlichte[3]. Er selbst verfolgte dabei eine soziologisch orientierte und praktische Intention, da er nach einen Ansatz zur Lösung gesellschaftlicher Chancenungleichheit suchte[4].

Bernsteins grundlegende Annahme besteht dabei darin, dass das Sprachverhalten eines Menschen in direkter Abhängigkeit zu dessen sozialen Beziehungen entwickelt wird und durch diese determiniert wird[5]. Mit sozialen Beziehungen meint Bernstein dabei im Wesentlichen familiäre Strukturen, wobei diese wiederum durch ihre Klassenzugehörigkeit determiniert werden. Der Gedanke wird weitergeführt, indem das Sprechverhalten als Teil der Erziehung identifiziert wird, wodurch sich die soziokulturelle Determination des jeweiligen familiären Umfeldes auf das sprachliche Verhalten des von ihm beeinflussten Individuums überträgt[6]. Der wohl bekannteste Teil der Bernstein’schen Theorie ist derjenige, welcher sich mit den beiden Ausprägungen schichtenspezifischen Sprachverhaltens auseinandersetzt. In seinen frühen Werken werden diese als public und formal language, später als restricted und elaborated code bezeichnet[7]. Gemäß der von Bernstein angenommenen Zweischichtigkeit der englischen Gesellschaft, ordnet er der working class den restringierten, der middle class hingegen den elaborierten Kode zu[8]. Im Zuge seiner Untersuchungen stellt der Pädagoge eine Reihe von kontrastierenden Kriterien zusammen, anhand derer sich die Kodes unterscheiden lassen. So zeichnet sich die elaborierte Sprechweise beispielsweise durch komplexe Satzstrukturen, häufige Verwendungen von Konjunktionen, eine hohe Zahl an Adverbien und Adjektiven sowie wenige Personalpronomina aus. Der restringierte Kode weist hingegen weniger komplexe Satzstrukturen, eine geringe Anzahl an Adverbien und Adjektiven und eine erhöhte Anzahl an Personalpronomina aus[9] – um exemplarisch nur einige Merkmale zu nennen. Seine Ansicht, dass zwischen dem elaborierten beziehungsweise restringierten Sprechverhalten und der Sozialstruktur ein Abhängigkeit besteht, begründet Bernstein damit, dass ersteres die statusorientierte Organisation der Arbeiterklasse, zweiteres hingegen die personenorientierte Organisation der Mittelschicht abbildet. Somit reproduzieren beide Kodes die Rollensysteme und Wertvorstellungen, aus denen sie entstammen[10]. Oevermann (1970) bezeichnet diesen Vorgang treffenderweise als „ negativen Rückkopplungsprozess [11] “. Von 1961 an versuchte Bernstein zudem, die Unterscheidung der beiden Kodes durch ein einziges gemeinsames Kriterium zu ermöglichen, wodurch er die syntaktische und lexikalische Vorhersagbarkeit als übergreifende Variable herausarbeitete[12]. Demzufolge hält er das Sprechverhalten der Mittelschicht für weniger vorhersagbar als das der Unterschicht. Im Anschluss an die Formulierung dieser sprachlichen Kodes erörtert Bernstein eine Reihe weiterer Forschungsfragen, wie beispielsweise die nach potentiellen Folgen derartiger sprachlicher Diskrepanzen. Bezüglich des Zusammenhangs zur Kognition stellt er zum Beispiel fest, dass sich der elaborierte Kode positiv, der restringierte jedoch negativ auf die kognitive Entwicklung eines Kindes auswirkt. Die Wirkung des restringierten Kodes bestünde darin, dass sich mit diesem keine komplexen gedanklichen Muster ausdrücken ließen, was zu einem kognitiven Defizit führen kann[13]. Dabei hält er allerdings ebenso fest, dass die Fähigkeit, den jeweiligen Kode zu beherrschen, nicht von der Intelligenz des jeweiligen Individuums, sondern vielmehr von dessen Sozialisation abhängt[14]. Gesellschaftlich gesehen fördern unterschiedliche Kodes eine bereits in der Schule beginnende und das gesamte Berufs- und Privatleben beeinflussende Chancenungleichheit zu Ungunsten der unteren Schichten, so eine weitere Hypothese Basil Bernsteins[15]. Sozialerfolg wird dadurch als direkte Konsequenz aus dem Grad der Wohlorganisiertheit der Sprachverwendung dargestellt[16]. Dieser Umstand liegt nach Bernstein darin begründet, dass der elaborierte Kode im gesellschaftlichen Konsens als wertvoller empfunden wird; er selbst teilt diese Meinung aus sprachwissenschaftlicher Sicht jedoch keineswegs[17]. Nachdem die Grundpfeiler der Bernstein’schen Theorie dargelegt wurden, kann nun dazu übergangen werden, die Rezeption derselben für den bundesdeutschen Teil Deutschlands im Verlauf der 1970er-Jahre übergegangen werden.

3. Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre

3.1 Sprachbarrierentheorie, Defizithypothese, Kodetheorie?

Sicherlich ist unter den genannten Termini der der Defizithypothese der geläufigste, sofern man sich auf die Studien des englischen Wissenschaftlers bezieht. Doch die Originaltexte weisen keinerlei Bezeichnung für die Thesen, welche Bernstein in seinen Arbeiten beschreibt, auf. Daher ist der deutsche Begriff auf keine konkrete Äußerung des Urhebers zurückzuführen, vielmehr wird er zu einem Teil der Rezeptionsgeschichte, infolge derer die Erkenntnisse Bernsteins zur Defizithypothese ernannt wurden. Auch der Großteil der im Zuge dieser Arbeit untersuchten Werke folgt dieser Benennung, so zum Beispiel Ammon (1973), Schlieben-Lange (1973) und Dittmar (1973). Auch Ammon/Simon (1975) übernehmen den Begriff, äußern sich diesbezüglich allerdings kritisch; denn sie beschuldigen die Anhänger der Differenzhypothese diese blasse und keineswegs aussagekräftige Bezeichnung „ auf verächtliche Weise [18] “ zu gebrauchen[19]. Abgesehen davon halten sie ihn für ungeeignet, weil damit nichts über die Entstehungsbedingungen der restringierten Sprache der unteren sozialen Schichten ausgesagt wird, wobei als Verbesserungsvorschläge Begriffe wie Auspowerungs- oder Exploitationshypothese vorgetragen werden[20]. So nachvollziehbar die Begründung auch sein mag, durchsetzen konnte sich offenbar keiner dieser Vorschläge. Die meisten anderen Rezipienten reflektieren die Verwendung des Begriffs allerdings kaum, sondern erklären ihn schlicht mit der vermeintlichen Annahme, die für die Unterschicht charakteristischen sprachlichen Merkmale seien laut Bernstein Mangelerscheinungen, also Defizite[21]. Der Ausdruck Kodetheorie bezieht sich hingegen auf beide Sprachformen, ohne eine der beiden als sprachwissenschaftlich gesehen bedeutsamer oder interessanter darzustellen. Zudem bringt sie eine gewisse Neutralität zum Ausdruck, weshalb sie ausschließlich in nicht stark wertenden Auseinandersetzungen mit Bernsteins Thesen aufzufinden ist[22]. Bühler (1973) spricht von einer Sprachbarrierentheorie, da er es als Bernsteins größten Verdienst ansieht, schichtenspezifische Sprachkodes innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion thematisiert zu haben[23]. Doch er begründet diese Wahl auch aus der Theorie Bernsteins selbst heraus, denn Bühlers Meinung nach ist die Erkenntnis, dass ein Sprachkode eine Art Schlüssel für den Zugang zu verschiedensten sozialen Systemen darstelle, hierbei besonders entscheidend. Beherrsche man diesen Kode allerdings nicht, so errichtet sich eine für das jeweilige Individuum unumgängliche soziale und gesellschaftliche Sprachbarriere[24]. Mattheier, der sich ausschließlich mit der Entstehungsgeschichte dieses Begriffs befasst, merkt an, dass Bernstein selbst diesen Begriff, genauer gesagt das englische Pendant language barrier, nie benutzt hat[25]. Stattdessen tauchen bei ihm in diesem Kontext limitation oder restriction auf, die inhaltlich allerdings durchaus als sinnverwandt mit dem Begriff der Sprachbarriere angesehen werden können[26].

Auch wenn die Palette der im Verlauf der Rezeption verwendeten Termini mehr als nur den der Defizithypothese umfasst, so erklärt dessen auffällig häufige Verwendung in den 1970er-Jahren zum einen, warum er sich letztlich durchsetzen konnte, zum anderen wird deutlich, dass die Kernessenz der Bernstein’schen Theorie für die deutschen Wissenschaftler offenbar der Defizitgedanke war. Diese Vorstellung, derzufolge die Unterschichtssprache als unqualifiziert und beschränkt im Vergleich zur Mittelschichtssprache empfunden wird, wurde auf diese Weise direkt mit den Thesen Bernsteins verbunden.

[...]


[1] Löffler, Heinrich (2010): Germanistische Soziolinguistik. Berlin: Erich Schmidt Verlag.S.157.

[2] Vgl.: Mattheier, Klaus J. (1974): Sprache als Barriere. Bemerkungen zur Entstehung und zum Gebrauch des Begriffs „Sprachbarriere“. In: Deutsche Sprache. Zeitschrift für Theorie, Analyse und Dokumentation, 1974, 2/3. S.213-216.

[3] Vgl.: Mattheier: Sprache. S.213-216.

[4] Vgl.: Bernstein, Basil (1972): Studien zur sprachlichen Sozialisation. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann. S. 232- 235.

[5] Vgl.: Bernstein, Basil (1970): Soziale Struktur, Sozialisation und Sprachverhalten. Aufsätze 1958-1970. Amsterdam: Verlag de Munter.

[6] Vgl.: Bernstein: Struktur. S. 62-83.

[7] Vgl.: Bernstein: Struktur. S. 62-83.

[8] Vgl.: Bernstein: Struktur. S. 36.40.

[9] Vgl.: Bernstein: Struktur. S. 64-68.

[10] Vgl.: Bernstein: Struktur. S. 64-68.

[11] Oevermann, Ulrich (1970): Sprache und soziale Herkunft. Ein Beitrag zur Analyse schichtenspezifischer Sozialisationsprozesse und ihrer Bedeutung für den Schulerfolg. Berlin: Institut für Bildungsforschung der Max-Planck-Gesellschaft. S. 40.

[12] Vgl.: Bernstein: Kodes. S. 22.25.

[13] Vgl.: Bernstein: Studien. S. 256-259.

[14] Vgl.: Bernstein: Studien. S. 256-261.

[15] Vgl.: Bernstein: Studien. S. 259-261.

[16] Vgl.: Bernstein: Studien. S. 175-183.

[17] Vgl.: Bernstein: Studien. S. 108-114.

[18] Ammon, Ulrich; Simon, Gerd (1975): Neue Aspekte der Soziolinguistik. Weinheim/Basel: Beltz Verlag. S. 96.

[19] Vgl.: Ammon/Simon: Aspekte. S. 96-99.

[20] Vgl.: Ammon/Simon: Aspekte. S. 95-99.

[21] Vgl.: Dittmar, Norbert (1973): Soziolinguistik. Exemplarische und kritische Darstellung ihrer Theorie, Empirie und Anwendung. Frankfurt am Main: Athenäum Verlag GmbH. S. 58-65.

[22] Vgl.: Ammon, Ulrich (1973): Probleme der Soziolinguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. S. 46.

[23] Vgl.: Bühler, Hans (1972): Sprachbarrieren und Schulanfang. Eine pragmalinguistische Untersuchung des Sprechens von Sechs- bis Achtjährigen. Weinheim/Basel/Wien: Verlag Julius Beltz. S. 136-144.

[24] Vgl.: Bühler: Sprachbarrieren. S. 136-137.

[25] Vgl.: Mattheier: Sprache. S. 216.

[26] Vgl.: Mattheier: Sprache. S. 216.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V280688
ISBN (eBook)
9783656745105
ISBN (Buch)
9783656745082
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bernstein-hypothese, rezeption
Arbeit zitieren
Jara Marder (Autor), 2014, Die Bernstein-Rezeption in der BRD der 1970er-Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280688

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