Das Thema Jugendgewalt auf die Geschlechter bezogen betrachtet, wirft zunächst Assoziationen des Mädchens als Opfer und des Jungen als Täter hervor. Mädchen gelten als schwach und nicht wehrfähig, während Jungen Fähigkeiten wie Stärke und Mut zugesprochen werden. So werden Jungen von der gängigen Fachliteratur als extrovertiert und Mädchen als introvertiert charakterisiert . Doch gibt es auch Mädchen, welche aggressives Verhalten zeigen, sie schließen körperlich gewalttätige Handlungsstrategien vermehrt in ihr Verhaltensrepertoire ein. Auf dieses Phänomen wird in der letzten Zeit häufiger durch die Medien eingegangen. Das Thema wird gerne überzogen geschildert und die Mädchen als unnormal und unweiblich hingestellt.
Gewalthandlungen von Mädchen und jungen Frauen weichen von dem gesellschaftlichen Bild ihrer Geschlechterrolle ab. Ihnen werden mitfühlendere Fähigkeiten als dem männlichen Geschlecht zugesprochen. So gelten sie als häuslich, sozial engagiert, friedfertig und mütterlich. Anders als Jungen wird es ihnen abgesprochen, sich allzu laut und stürmisch zu benehmen. Reagieren sie in manchen Situationen aggressiv, wird dieses Verhalten als unnatürlich und männlich aufgefasst.
Jugendgewalt ist männlich dominiert. Die Polizeiliche Kriminalstatistik gab für das Jahr 2007 an, dass 87% der jugendlichen Tatverdächtigen im Bereich Gewaltkriminalität dem männlichen Geschlecht angehörten. Durch dieses ungleiche Zahlenverhältnis fallen männliche Gewalttäter stärker auf als weibliche. Jugendgewalt wird also eher als ein Problem der männlichen denn der weiblichen Jugend gesehen. Dadurch treten die weiblichen Täterinnen leicht in den Hintergrund und ihre Motive, Hintergründe und Anlässe, aus denen heraus sie aggressiv reagieren, sind unbekannt.
Doch um die Vielfalt gewaltbereiter Mädchen und jungen Frauen zu erfassen und zu verstehen, bedarf es einer ausführlichen Forschungsreihe und Diskussion, ähnlich der auf männlichem Gebiet. Denn die Hintergründe und Motive ebenso wie die Folgen und Auswirkungen von erfahrener und selbst erteilter Gewalt sind im Geschlechterverhältnis gesehen nicht homogen. Jugendliche nutzen Gewalt in unterschiedlichen Situationen aus unterschiedlichen Gründen zu unterschiedlichen Zwecken. Diese gilt es aufzudecken und zu verstehen, vor allem wenn es in der sozialpädagogischen Arbeit darum geht, diesen Jugendlichen neue Perspektiven zu ermöglichen und ein Leben ohne Gewalt zu öffnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Theoretische Einrahmung
2.1 Weibliche Jugend
2.1.1 Gibt es „die weibliche Jugend“?
2.1.2 Weibliche Identitätsentwicklung
2.1.3 Weibliche Sozialisation
2.2 Begriffsklärungen: Gewalt und Aggression
2.2.1 Gewalt, vorhandene Arten und Formen
2.2.2 Aggression, vorhandene Arten und Formen
2.2.3 Jugendgewalt ist überwiegend Jungengewalt
3. Welche Funktionen kann das Ausüben von Gewalt haben?
3.1 Aus psychologischer Perspektive
3.1.1 Aggression als Triebhandlung
3.1.2 Aggressionen zum Frustrationsabbau
3.1.3 Gewaltverhalten als gelerntes Verhalten
3.2 Aus soziologischer Perspektive
3.2.1 Gewalt als Gruppenstruktur
3.2.2 Gewalt als Mittel gegen Verunsicherung
3.2.3 Gewaltanwendung durch Rollenzuschreibung
3.3 Sozialisatorische Erklärungsansätze
3.3.1 Familie als primäre Sozialisationsinstanz
3.3.2 Schule als sekundäre Sozialisationsinstanz
3.3.3 Freunde als sekundäre Sozialisationsinstanz
3.3.4 Medien als sekundäre Sozialisationsinstanz
3.3.5 Vielfältige Differenzierungen des Sozialisationsprozesses
3.4 Zwischenergebnis
4. Aktuelle Forschungssituation
4.1 Ein Forschungsüberblick
4.1.1 Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik
4.1.2 Darstellung der aktuellen Forschungssituation
4.2 Ausgewählte Forschungsprojekte
4.2.1 Das Forschungsprojekt „Biographien gewalttätiger Jugendlicher“
4.2.2 Mädchen in gewaltbereiten Jugendgruppen
4.2.3 Psychoanalytischer Diskurs
5. Geschlechtsspezifische Darstellung der Gewaltanwendung
5.1 Gewaltperzeption von weiblichen Jugendlichen
5.2 Besteht ein Unterschied zu „männlicher Gewalt“?
5.3 Gewaltbereitschaft von Mädchen im Kontext ihrer Geschlechterrolle
5.3.1 Doppelte Normabweichung gewaltbereiter Mädchen
5.3.2 Weibliche Gewaltanwendung – ein Ausdruck moderner Emanzipation?
6 Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hintergründe, Motive und Funktionen von Gewaltbereitschaft bei Mädchen und jungen Frauen, um das weitgehend ignorierte Phänomen der weiblichen Jugendgewalt aus psychologischer, soziologischer und sozialisatorischer Sicht zu analysieren und ein tieferes Verständnis für die Motive sowie die Rolle der Geschlechteridentität zu entwickeln.
- Analyse theoretischer Erklärungsmodelle für weibliches Gewaltverhalten.
- Untersuchung der Bedeutung der Geschlechterrolle und moderner Emanzipationsprozesse.
- Einfluss von Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Freunde, Medien).
- Vergleich der Ergebnisse aktueller Forschungsprojekte zur weiblichen Jugendgewalt.
- Diskussion über die Relevanz der pädagogischen Arbeit mit gewaltbereiten Mädchen.
Auszug aus dem Buch
3.1.3 Gewaltverhalten als gelerntes Verhalten
Nach der sozial-kognitiven Lerntheorie von Bandura und Selg (1972) erlernt ein Kind mögliche Verhaltensweisen durch das Beobachten von Modellen, hiermit sind in erster Linie die Eltern oder andere Bezugspersonen gemeint (vgl. Zeltner 1993, S. 78f.). Hier wahrgenommene Verhaltenweisen oder Handlungsmöglichkeiten werden in das eigene Verhaltensrepertoire übernommen und gegebenenfalls angewandt. Die Anwendung ist abhängig von der notwendigen motorischen Fähigkeit zur Ausführung der Handlung sowie einer ausreichenden Motivation (vgl. Micus 2002, S. 47). So muss für das Individuum die Nützlichkeit seiner aggressiven Handlung erkennbar sein. Diese kann bestehen in einer Belohnung, zum Beispiel durch das Erreichen von Aufmerksamkeit oder Anerkennung, oder der Durchsetzung eigener Ziele (zum Beispiel einer Vermögensbeschaffung).
Ob es zu einer Verwendung der möglichen Verhaltensweise kommt, hängt wesentlich von der Erwünschtheit des Verhaltens in der jeweiligen Situation ab (ders, S. 48). Diese wird bestimmt durch an der Konstellation beteiligte Personen. Untersuchungen belegen, dass Versuchspersonen sich wesentlich aggressiver verhalten, wenn eine ebenfalls aggressive Person im Versuchsraum ist, als wenn eine aggressionsarme Person zugegen ist. Weiterhin hängt eine Verwendung der beobachteten Verhaltensweisen essentiell von individuellen Einflüssen wie Normen, Erfahrungen oder Hemmungen ab (vgl. Minarek 2004, S. 24).
Anhand von empirischen Studien wurde der Unterschied in den aggressiven Verhaltensweisen zwischen den Geschlechtern zu erklären versucht (vgl. Micus 2002, S. 50). Während Jungen ein überdurchschnittlich hohes Nachahmen von zuvor beobachtetem aggressivem Verhalten zeigten, nutzen Mädchen ihr zuvor beobachtetes Verhaltensrepertoire erst nach ausdrücklicher Aufforderung mittels Belohnungsanreizen. Obwohl beide Geschlechter das gleiche Verhalten erlernt haben, nutzen sie ihr Wissen unterschiedlich. Die von Bandura daraus gezogene Schlussfolgerung lautet:
„Aggression ist bei Mädchen primär eine Frage der Ausführung des Verhaltens, nicht des Lernens.“ (Herv. i. Org., ders).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Einführende Darlegung der Relevanz des Themas, Abgrenzung vom gesellschaftlichen Klischee der friedfertigen Frau und Formulierung der zentralen Forschungsfrage.
2. Theoretische Einrahmung: Definition zentraler Begriffe wie Jugend, Geschlechterrolle und Sozialisation zur wissenschaftlichen Fundierung der Arbeit.
3. Welche Funktionen kann das Ausüben von Gewalt haben?: Detaillierte Analyse psychologischer, soziologischer und sozialisatorischer Theorien zur Entstehung und Funktionalität von Gewalt.
4. Aktuelle Forschungssituation: Auswertung von Statistiken und Darstellung relevanter Forschungsprojekte zu Biographien und Verhaltensweisen gewalttätiger Jugendlicher.
5. Geschlechtsspezifische Darstellung der Gewaltanwendung: Untersuchung der spezifischen Gewaltperzeption bei Mädchen, der Rolle der Geschlechteridentität und der Debatte um Emanzipation und Rollenbilder.
6 Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse: Synopse der Erkenntnisse über die Komplexität und Multikausalität weiblicher Gewaltbereitschaft.
7. Ausblick: Diskussion über notwendige Präventionskonzepte und die pädagogische Haltung gegenüber gewaltbereiten Mädchen.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, Weibliche Identitätsentwicklung, Geschlechterrolle, Sozialisation, Aggression, Gewaltbereitschaft, Doing Gender, Peergroup, Gewaltprävention, Modernisierung, Psychosoziale Entwicklung, Subkultur, Täterprofile, Mädchengewalt, Delinquenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Thematik der Gewaltbereitschaft bei Mädchen und jungen Frauen und untersucht, warum diese entgegen gesellschaftlicher Erwartungen Gewalt ausüben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Geschlechteridentität, die Einflüsse von Sozialisationsinstanzen (wie Familie, Schule und Freunde), der Umgang mit Konkurrenz und Verunsicherung sowie die Funktionen von Gewalt als Handlungsstrategie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Sinnhaftigkeit und Funktion von Gewalthandlungen für Mädchen und junge Frauen zu erfassen, um eine fundierte Grundlage für sozialpädagogische Ansätze zu schaffen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die aktuelle fachwissenschaftliche Studien, psychoanalytische Ansätze und soziologische Theorien analysiert und in den Kontext der weiblichen Lebenswelt stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einrahmung, eine umfassende Untersuchung der Funktionen von Gewalt aus psychologischer und soziologischer Sicht sowie eine Darstellung der aktuellen Forschungslage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Jugendgewalt, Geschlechterrolle, Identitätsentwicklung, Doing Gender, Sozialisation und Gewaltprävention charakterisiert.
Welche Bedeutung hat das "bad girl" Konzept für gewaltbereite Mädchen?
Das Konzept beschreibt einen Weiblichkeitsentwurf, in dem Gewaltbereitschaft als Ausdruck von Mut, Stärke und Durchsetzungsfähigkeit integriert wird, um sich gegen Abwertung zu wehren.
Warum wird in der Arbeit zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden?
Die Unterscheidung ist zentral, da Mädchen häufiger subtile psychische Gewaltformen nutzen, während Jungen eher zu direkter physischer Gewalt neigen, was die unterschiedlichen Wahrnehmungen von "echter" Gewalt erklärt.
- Citar trabajo
- Yvonne Zander (Autor), 2009, Zur Funktion von Gewalt. Gewalthandlungen als Beitrag zur Entwicklung und Ausdruck von Geschlechteridentität bei Mädchen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280817