Welche Folgen hatte das Sprachgesetz 101 für die Sprache und die Gesellschaft in Québec?


Seminararbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Entwicklung der Sprachpolitik in der Provinz Québec
1.1 Anfänge der Frankophonie in der Provinz Québec
1.2 Die Sprachlandschaft 1960-1976 und das Sprachgesetz 22 – Sprache als politisches Konfliktpotential

2. Auswirkungen der „Charte de la langue francaise“ auf die französische Sprache in Québec
2.1 Warum ist das Sprachgesetz „Loi 101“ erlassen worden?
2.2. Was beinhaltet das Sprachgesetz 101?
2.3 Konsequenzen des Sprachgesetzes. Welche Auswirkungen hatte und hat das „Loi 101“ auf die französische Sprache in Québec bis heute?

Schlussteil

Einleitung

Da es in Deutschland nie Situationen gab, in denen der Gebrauch der deutschen Sprache in Frage gestellt wurde, scheint es aus deutscher Perspektive schwierig zu verstehen, dass Sprache ein großes politisches Konfliktpotential beinhalten kann. Beschäftigt man sich näher mit der Provinz Québec im Staat Kanada wird aber schnell deutlich, dass Sprache mehr als nur Mittel zur Kommunikation[1] und Werkzeug des Denkens und Handelns ist. Dies wird bereits ersichtlich, wenn man einige der verschiedenen Bezeichnungsweisen der Quebecer und deren Bezug auf den Sprachgebrauch des Französischen für ihre eigene Provinz zählt: „Québec, le Québec, la présence francophone en Amérique, Canada français“. Der Stellenwert der französischen Sprache als alleinige offizielle Sprache allerdings wird nicht von allen Bewohnern Quebecs ähnlich aufgefasst: für manche gilt sie als Alleinstellungsmerkmal schlechthin für die Provinz Quebec und unterscheidet sie allein dadurch von den anderen Provinzen Kanadas, in denen Englisch als Amtssprache gilt wie auch vom Rest Amerikas (etwa „la présence francophone en Amérique“). Für manch einen Quebecer wiederum ist sie mehr Mittel zum Zweck, für einen anderen Teil beinhaltet sie vor allem den kulturellen Bezugspunkt zur ehemaligen Kolonialmacht Frankreich („Canada français “) . Dass sich der Gebrauch des Französischen in Quebec durchgesetzt hat, ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer gezielten sprachpolitischen Steuerung, die keineswegs unumstritten war und großes politisches Konfliktpotential in sich barg und birgt. Als größter Einschnitt der sprachpolitischen Geschichte Quebecs kann die Verabschiedung des Sprachgesetzes 101 angesehen werden, das von der Parti québécois im Jahr 1976 erlassen wurde.[2] Ziel dieses Gesetzes war es, unmittelbar einen positiven Einfluss auf das Fortbestehen des Französischen im Vergleich zum Englischen zu erzielen, indem Französisch offiziell einzige Amtssprache in der Provinz Quebec wurde.[3]

Welche Konsequenzen dieses Sprachgesetz auf die sprachliche Realität und auf die Gesellschaft in der Provinz Quebec hatte und bis heute hat, soll die Leitfrage meiner Seminararbeit sein. Dafür ist es zunächst notwendig, die Entwicklung der Sprachpolitik in Quebec kurz zu erläutern und somit auf die Ursprünge der Frankophonie einzugehen (vgl. 1.1). Danach folgt die etwas detailliertere Erläuterung der sprachlichen Situation des Französischen in den unmittelbaren Jahren vor der Verabschiedung des Gesetzes 101, also der Jahre zwischen 1960 und 1976 (vgl. 1.2). Damit einhergehend werden die Gründe für das Erlassen des Gesetzes 101 und dessen zentrale Inhalte erläutert (vgl. 2.1). So können in einem abschließenden Schritt (vgl. 2.2) die unmittelbaren sowie langfristigen Auswirkungen und Konsequenzen des Gesetzes auf die sprachliche Landschaft Quebecs analysiert und herausgestellt werden.

1. Entwicklung der Sprachpolitik in der Provinz Québec

1.1 Anfänge der Frankophonie in der Provinz Québec

Der Grundstein der Frankophonie in Kanada wurde mit der Kolonialisierung Frankreichs gesetzt: als „Nouvelle France“[4] war Kanada von 1534 bis 1763 Kolonie der Territorialmacht Frankreich und gehörte auch nach der Gründung des Staates Kanada im Jahr 1867 zum britischen Imperium.[5] Großbritannien zeigte sich fortan als einflussreichste Weltmacht und kontrollierte Nordamerika und Indien. Frankreich hingegen ging aus dem Konflikt sehr geschwächt hervor, so dass der Verlust der „Nouvelle-France“ teilweise als „größte Niederlage der französischen Welt“[6] bezeichnet wird, schlimmer als die Verluste Napoleons.[7] Die britische Eroberung stellt einen großen Bruch in der Geschichte des Französisch in Kanada dar, da danach die frankophonen Eliten das Land verließen. Artikel 4 des Pariser Vertrags von 1763 sprach den Bewohnern 18 Monate zu, um ihr Eigentum zu verkaufen, und das Land anschließend zu verlassen. Nach der Kapitulation von Quebec 1759 verließen 1200 Marineoffiziere die Kolonie, genauso wie Zivilbevölkerung und Kaufleute; nach der Kapitulation von Montreal im Jahr 1760 waren es sogar mehr als 2560 Soldaten und Offiziere, die den Weg nach Frankreich antraten.[8] Der französische Adel verließ Kanada ebenfalls, so dass von einer „Enthauptung“[9] der frankophonen Bevölkerung gesprochen werden kann. Zwischen 1754 und 1770 verließen mehr als 4000 in Kanada geborene oder angeheiratete Bewohner das Land – insgesamt ca. 5,7% der Gesamtbevölkerung.[10] Dies hing auch damit zusammen, dass die verbleibenden Bewohner mit dem Abschnitt 151 des Vertrages zur Kapitulation von Montreal zu britischen „Subjekten“ wurden: „le gouvernement britannique ne pourra exiger d’eux qu’une exacte neutralité. Ils deviennent sujets du Roi.“[11] Es blieb also die rurale Bevölkerung, die dem ehemaligen Mutterland Frankreich die Treue hielt und versuchte, die französische Kultur und deren Werte in Kanada zu bewahren. Trotz der britischen Besatzung beeinflusste das Englische das Französische nicht sehr stark, was auch als Grund dafür gesehen werden kann, dass im 19.Jahrhunderte viele Archaismen des Französischen in Kanada zu verorten waren.[12]

Es wird also ersichtlich, dass der Bruch der „Nouvelle-France“ in einen anglophonen und frankophonen Bevölkerungsteil mit den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien und deren Besatzung einhergeht. Der Einfluss Frankreichs als Land und der des Standardfranzösisch auf das „français quebecois“ aber endete nicht abrupt mit dem Jahr 1760, als Großbritannien die Kolonialmacht in Kanada wurde. Frankreich, das jahrelang Mutterland Kanadas gewesen war, fungierte noch lange Zeit als Bezugspunkt. Es ist wichtig, dass bis heute anhaltende Konflikte zwischen den Gemeinschaften der Frankophonen und Anglophonen immer auch in einem ideengeschichtlichen Kontext betrachtet werden müssen.[13]

1.2 Die Sprachlandschaft 1960-1976 und das Sprachgesetz 22 – Sprache als politisches Konfliktpotential

Ab 1960 stellte der frankophone Bevölkerungsanteil zum ersten Mal im 19.Jahrhundert die Relation des Sprachgebrauchs zwischen der französischen und englischen Sprache in Frage. Die englische Sprache hatte zu diesem Zeitpunkt in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens deutlich die Oberherrschaft, die von vielen Faktoren bedingt wurde.[14] Die frankophone Bevölkerung lebte also in einem zunehmend anglophonen Umfeld, da u.a. die Geschäftswelt in Montreal als Arbeitssprache das Englische verwandte. Auch die Bourgeoisie der anglophonen Montrealer Oberschicht nahm Einfluss darauf, dass das alltägliche Leben zunehmend anglophoner wurde, ebenso wie die Entwicklung der gesamtkanadischen Wirtschaft. Mit diesen Gründen einher ging der Vorteil für anglophone Sprecher, dass sie eher im administrativen und technischen Rahmen, dessen Grundlage Kommunikation ist, angestellt wurden, wohingegen die frankophone, zweisprachige Bevölkerung eher im einfachen Angestelltenverhältnis beschäftigt wurde, so dass von einer unidirektionalen Zweisprachigkeit gesprochen werden muss.[15]

Auch die Anglisierung der Immigranten ist ein wichtiges Element, das der englischen Sprache verhalf immer wichtiger zu werden: nach dem Zweiten Weltkrieg wählten die meisten Immigranten eher den Vorteil sich an die englische Sprache zu assimilieren als an die französische. Die Krise von Saint-Léonard im Jahr 1967 ist ein solches symbolisches Ereignis, das als Ergebnis die Forderung nach der französischen Sprache als erste Sprache im Bereich der Bildung hervorbrachte.[16] Nach einer Studie der Kommission zur Erfassung der Zweisprachigkeit waren die Gründe für die Wahl der anglophonen Schule ersichtlich: das Englische wurde als prestigeträchtigere und international kompatiblere Sprache angesehen, die Fortschritt nach Kanada und Montreal brachte. Diese Krise von Saint Léonard ist nur eines der Beispiele für die linguistischen Spannungen in der Gesellschaft Quebecs zu dieser Zeit, die die Politik nicht zu lösen vermochte.[17]

Diese „politische und ideologische“[18] Konjunktur, die viele Bereiche der Gesellschaft in Quebec penetrierte, resultierte dann in einer „stillen Revolution“[19] mit zahlreichen Manifestationen und der Gründung mehrerer unabhängiger, frankophoner Bewegungen, die es sich zum Ziel setzten, die französische Sprache zu schützen und auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Zum ersten Mal in der Geschichte Quebecs wurde die Unabhängigkeitsforderung der Provinz ernsthaft auf die politische Agenda aufgenommen. Auch die Gewerkschaften, die zuvor oftmals gegen die Regierung arbeiteten, spielten dabei eine große Rolle und wurden zu sozialen und teils radikalen Akteuren. Ebenfalls ab 1960 stieg die Anzahl von populären Gruppierungen mit sozialen, kulturellen und ökonomischen Forderungen stark an, so dass dieser Schwung an politischen und ideologischen Forderungen das politische Leben in Quebec stark veränderte.[20]

[...]


[1] Vgl. Lewandowski, Theodor (1985): Linguistisches Wörterbuch, 4.Auflage, Heidelberg.

[2] Vgl. Bourhis, Richard Y., Landry, Rodrigue (2002): La loi 101 et l’aménagement du paysage linguistique au Québec, in: Revue d’aménagement linguistique, S.107f.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Erfurt, Jürgen (2007): Frankophonie in Kanada – Kanada und die Frankophonie, in: Zeitschrift für Kanada-Studien, Nr.1/2007, S.13ff.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Leclerc, Jacques (2014): Le Régime Britannique, 1760-1840, Une majorité francaise menacée, online unter http://www.axl.cefan.ulaval.ca/francophonie/HISTfrQC_s2_Britannique.htm [23.02.2014].

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Erfurt, Jürgen (2007): Frankophonie in Kanada – Kanada und die Frankophonie, in: Zeitschrift für Kanada-Studien, Nr.1/2007, S.

[14] Vgl. Robert, Jean-Claude (2008): Lutte pour la primauté de français (1960-1976) La langue, enjeu politique du Québec, in: Plourde, Michel, Gourgeault, Pierre (2008): Le français au Québec, 400 ans d’histoire et de vie, S.301f.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Claveau, Jean-Charles (2005): La crise de Saint Léonard, in: Action nationale, S.228-235, online unter: http://bibnum2.banq.qc.ca/bna/actionnationale/src/1969/11/05/1969-11-05.pdf [23.02.14].

[17] Vgl. Robert, Jean-Claude (2008): Lutte pour la primauté de français (1960-1976) La langue, enjeu politique du Québec, in: Plourde, Michel, Gourgeault, Pierre (2008): Le français au Québec, 400 ans d’histoire et de vie, S.304f.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Welche Folgen hatte das Sprachgesetz 101 für die Sprache und die Gesellschaft in Québec?
Hochschule
Universität Trier
Note
1.7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V280994
ISBN (eBook)
9783656754725
ISBN (Buch)
9783656754732
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, folgen, sprachgesetz, sprache, gesellschaft, québec
Arbeit zitieren
Chantal Grede (Autor), 2014, Welche Folgen hatte das Sprachgesetz 101 für die Sprache und die Gesellschaft in Québec?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280994

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