Werner Sombart und der Moderne Kapitalismus

Ein Sonderfall der Historischen Schule der Nationalökonomie


Seminararbeit, 2014
42 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie
1.1 Werner Sombart (1863-1941) und Gustav Schmoller (1838-1917)
1.2 Max Weber (1864-1920) und der Werturteilsstreit
1.3 Sombarts Werk in Grundzügen

2. Der Moderne Kapitalismus von Sombart
2.1 Zur ersten Auflage
2.2 Zur zweiten Auflage
2.3 Zur Breitenwirkung

3. Exkurs: Soziologie vs. Nationalökonomie

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In den Jahren 1888 bis 1938 hat Werner Sombart als Nationalökonom und Soziologe publiziert, wobei seine Wandlung vom „Marxisten“ zum „Reaktionär“ keine Einzelerscheinung war; er stellt aber ein extremes Beispiel für den Wandel des deutschen Bürgertums vom politischen Liberalismus über dem

Nationalkonservatismus zum Nationalsozialismus dar. Zwischen der Prophezeiung wohlgemeinter Fachkollegen, sein Werk werde Generationen überdauern, und des eigenen Pessimismus, sein Leben und Werk wären verfehlt, pendeln „Selbst- und Fremdeinschätzung eines Mannes, der über Jahrzehnte hin die sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Diskussion in Deutschland angeregt und mitgeprägt hat und der auch im Ausland Reputation und Resonanz gewinnen konnte, die lange Zeit die Anerkennung von Max Weber und anderen Sozialwissenschaftlern in den Schatten stellten“1. Sombart folgte sowohl dem theoretischen als auch historischen Bemühen der Jüngeren Historischen Schule, indem er die Erscheinungsformen des modernen Kapitalismus und auch des Sozialismus historisch-systematisch auf ihre Entstehungs- und Entwicklungszusammenhänge hin als „Marxist“, später als „Idealist“ und als ein Fachwissenschaftler untersuchte, dem es mehr um Anregungen als um solide Antworten ging. Aufgrund der Mannigfaltigkeit seines Werkes entstand ein sehr differenzierter zeitgenössischer Diskurs in Fachkreisen über seine Thesen und diese Diskussion stellt eines der bedeutendsten Elemente seiner Wirkungsgeschichte dar. „Sombarts Einfluß spiegelt sich in umfangreichem Maße in den direkten Reaktionen der Zeitgenossen in Rezensionen oder ausführlicheren Besprechungen seines Werkes wider.“2

Dieser literarische Diskurs um sein Schaffen zeigt, welche intensiv diskutierte Stellung er innerhalb der fachwissenschaftlichen Kreise inne hatte und konnte immerhin mit seinem Hauptwerk Der Moderne Kapitalismus einen wissenschaftlichen Durchbruch erzielen. Im nicht-fachwissenschaftlich ausgerichteten, gebildeten Publikum war die Resonanz hingegen meist positiv und verdeutlichte die große Breitenwirkung seiner Veröffentlichungen. Des Weiteren nahm die Bedeutung seiner Arbeiten für die Forschung schon zu Lebzeiten ab, da er Einzelgänger und nicht Hauptvertreter einer nennenswerten Schule oder Disziplin war und dadurch die wissenschaftliche Ablehnung seines Werkes mit seiner akademischen Isolierung einherging. Sein Hauptwerk Der Moderne Kapitalismus findet noch heute Resonanz und die wissenschaftlichen Einflüsse, welche die Entwicklung dieses Werkes und seine Überarbeitungen bestimmten, stammen zu einem beträchtlichen Teil auch von diesem zeitgenössischen Diskurs, der offen und umfangreich geführt wurde. Sombart hat sich von all diesen Diskussionen stark beeinflussen lassen, in denen er selbst begreiflicherweise stark mitwirkte, um sein Schaffen gegen Missverständnisse zu verteidigen.3

Vor dem Ersten Weltkrieg war Sombart auf wissenschaftlicher Ebene äußerst produktiv, da seinem Hauptwerk Der Moderne Kapitalismus seit dem Jahre 1902 mehrere andere Arbeiten folgten, welche die mentalen Aspekte bei der Genese dieses Werkes vertieften und eine sozialpsychologische Interpretation von der Entstehung des Kapitalismus lieferten. Die Vielfalt seiner Schriften trug nicht zur Verbesserung seiner wissenschaftlichen Reputation bei, dennoch blieben „diese Werke bis heute diskutierte und teilweise neu aufgelegte ernsthafte Analysen zur Entstehung des Kapitalismus, die allesamt schon unter dem Einfluß der von Max Weber in klassischer Gestalt formulierten idealtypischen Begriffsbildung standen“4. In der ab dem Jahre 1916 erschienen zweiten Auflage seines Hauptwerkes Der Moderne Kapitalismus behandelte Sombart in drei Doppelbänden die vorkapitalistischen (1916), frühkapitalistischen (1917) und hochkapitalistischen Wirtschaftsformen (1927). Er formulierte somit als erster die Begriffe Früh-, Hoch- sowie Spätkapitalismus und konnte sich mit dieser weit stärker historisch ausgerichteten Auflage im wissenschaftlichen Bereich durchsetzen. So wurde er in den 1920er Jahren zu einem der bedeutendsten Theoretiker und Historiker des Kapitalismus, obwohl er den Intentionen der Historischen Schule gefolgt war, indem er keine modelltheoretisch ausgerichtete Wirtschaftstheorie betreiben, sondern die Wirtschaftsgeschichte theoretisch aufarbeiten wollte. Im dritten Doppelband seines Werkes Der Moderne Kapitalismus behauptete Sombart, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem bereits in der nun letzten Phase, dem sog. Spätkapitalismus, angelangt sei und Frühformen der sozialistischen Gesellschaft zeige, welche auf die sozialistische Planwirtschaft der Zukunft hinweisen würden. Seine Ansichten fanden eine große Verbreitung im Bürgertum, das sich eine Überwindung des Kapitalismus in nichtsozialistischer Richtung erhoffte. Mit seinen Forderungen nach Reagrarisierung und einer nationalen Wirtschaftspolitik, deren Ziel die Autarkie der deutschen Wirtschaft sei, entsprach er keinesfalls den politischen Zielen des Nationalsozialismus, obwohl er nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahre 1933 diese offen vertreten hatte.5

Zu Beginn der 1930er Jahre hatte Sombart mit seiner Kapitalismustheorie endgültig eine breite öffentliche Anerkennung erfahren und einen gewissen Einfluss auch in vormals antisoziologisch eingestellten Historikerkreisen ausüben können, aber „gleichzeitig ein Einzelgänger geblieben war, dem es nie gelungen (…) war, eine breite Schülerschaft um sich zu sammeln, die seine zwischen Geschichtswissenschaft, Soziologie und Nationalökonomie angesiedelte Gesellschaftstheorie verfochten und verbreitert hätten“6. Mit Max Weber verband Sombart eine Freundschaft, die unter anderem durch Gemeinsamkeiten in den sozialpolitischen Überzeugungen und durch ihren antibürokratischen Standpunkt zusammengehalten wurde. Außerdem war er das am stärksten historisch denkende Gründungsmitglied der deutschen Soziologie und hat mehrmals in den Tagungen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vor und nach dem Ersten Weltkrieg Vorträge gehalten. Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet Sombart als Vertreter der These von der Werturteilsfreiheit zusehends ins Abseits, da sich die Vertreter einer nationalen Wirtschaftspolitik, die von der Nationalökonomie eine wertende Haltung erwarteten, durchsetzen konnten.7

Sein Hauptwerk Der Moderne Kapitalismus wird oft als umfassende Synthese der Forschungen der Historischen Schule verstanden. Als letzter wesentlicher Vertreter der Jüngeren Historischen Schule stand Sombart in der Tradition des theoretischen Historismus, eine Synthese zwischen historischem Empirismus und Volkswirtschaftstheorie. Sowohl in den zeitgenössischen als auch in den gegenwärtigen Fachkreisen wird sein Werk oft vernachlässigt, kritisiert und abgelehnt. Gründe für seine schlechte persönliche und wissenschaftliche Reputation gibt es mehrere: erstens die mehrmalige Änderung seiner grundlegenden Orientierungen, insbesondere sein scheinbarer Wechsel vom sozialen Reformer zum ultrakonservativen Kulturkritiker; zweitens seine nicht enden wollende Produktion neuer Hypothesen ohne hinreichender empirischer Grundlage wie z.B. die wissenschaftlichen Entstehungsursachen des Kapitalismus sowie seine mangelnde wissenschaftliche Rigorosität; drittens seine zeitweilige Unterstützung des Nationalsozialismus und viertens der sehr wichtige Aspekt der vorherrschenden Aversion unter den gegenwärtigen Sozialwissenschaftlern gegenüber seinen negativen Standpunkt zu Liberalismus und Kapitalismus. Daher wird sein Werk ziemlich vernachlässigt und teilweise abgelehnt; so existiert weder eine vollständige Bibliographie seiner Schriften noch eine publizierte englische Übersetzung seines Hauptwerkes Der Moderne Kapitalismus. Immerhin wird Sombart als Mitbegründer der ökonomischen Soziologie betrachtet, und für seinen anschaulichen Schreibstil, sein Universalwissen sowie für seine originellen und vielfältigen Hypothesen wird ihm nicht nur in den Sozialwissenschaften Aufmerksamkeit zuteil.8 Die charakteristische Hinwendung zur Soziologie ist ihm unter anderem mit Max Weber gemeinsam und er wurde durch die Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie sowie den deutschen Historismus geprägt. „Theorie und Geschichte, Empirie und Systematik haben im Werk des Wirtschafts- und Kulturhistorikers Sombart zu einer eigentümlichen und fruchtbaren Verbindung gefunden.“9

1. Die Jüngere Historische Schule der Nationalökonomie

Werner Sombart war im Urteil seiner zeitgenössischen Kollegen zwar ein populäres, aber politisch und wissenschaftlich äußerst häretisches Mitglied der Jüngeren Historischen Schule, die sich in den 1870er Jahren um Gustav Schmoller herum „als eine moderne Version des schon seit der ersten Jahrhunderthälfte virulenten Historismus in der Nationalökonomie gebildet“10 und ihren Fokus auf Sozialreform sowie historischer Analyse gerichtet hatte. Sombarts Hoffnungen, eine kleine Gruppe von Nationalökonomen innerhalb dieser Schule zu etablieren, die ausgehend vom Prinzip der Wertfreiheit wirtschaftliche Erscheinungen als einmalige „historische Individuen“ betrachten und mittels deduktiver Theoriebildung analysieren, d.h. auf eine nicht-empirische Theorie abzielen würde, gingen nicht in Erfüllung, da sowohl er selbst als auch die Brüder Max und Alfred Weber ihre eigenen Wege gingen und daher keiner einen bedeutenden politischen Einfluss gewann. Die Nationalökonomen der Jüngeren Historischen Schule lehnten die vermeintlich unhistorische Methode der klassischen Nationalökonomen ab, da sie meinten, dass die Nationalökonomie keine für mehr als nur eine bestimmte historische Wirtschaftsepoche gültige wissenschaftliche Gesetze aufstellen könnte.11

Den Grundüberzeugungen der Jüngeren Historischen Schule, das in jeder wirtschaftlichen Epoche eigene wirtschaftliche Gesetze gelten würden und die „Psychologie“ der wirtschaftenden Menscheneine andere sei, blieb Sombart zeitlebens treu, aber die Frage der Induktion veranlasste ihn, sich einer gesonderten Schule zuzurechnen. Mit geeigneteren Mitteln als Schmoller selbst versuchte er dessen Programm zu verwirklichen und insofern hat er eigentlich erst das Programm der Historischen Schule vollendet. Der Kritik von Schmoller gegenüber war er durchaus aufgeschlossen und seine Theorieentwicklung von 1902 bis 1927 ist im Sinne der philosophisch-soziologischen Grundsatzposition von Schmoller zu sehen. Der Unterschied zu ihm bestand in der methodologischen Vorgangsweise, nämlich dem deduktiv Theoretisierenden bzw. dem vermeintlich Unhistorischen.12 Hinsichtlich der Marx-Rezeption verringerten sich die Differenzen mit der antimaterialistischen Wende von Sombart zusehends und „beide trennte dann nur noch die Frage, ob Marxens Klassenkampfgedanke die ‚Reformfähigkeit der herrschenden Klasse‘ nicht zu gering erscheinen lasse, wie Schmoller meinte“13. Einzig die deduktive Methode trennte ihn von Schmollers Methode, aber nach dessen Kritik an dem theoretisch-deduktiven Charakter der ersten Auflage seines Werkes Der Moderne Kapitalismus hat Sombart seine Arbeitsweise nicht weiter radikalisiert, und die zweite Auflage ging in die von Schmoller vorgezeichnete historische Richtung.14

Obwohl Sombart mehrmals in seinem Leben die politischen Fronten gewechselt hat, vom Sozialisten wandelte er sich zum gesellschaftspolitischen Reaktionär, war er niemals ein Liberaler. Seine wissenschaftliche Methode war antiindividualistisch und „ganzheitlich“, die der Grundströmung der deutschen Sozialwissenschaft entsprach, welche ebenso ganzheitlich dachte. „So zeigt das sozialpolitische Engagement von Werner Sombart mindestens ebensosehr wie der enge wissenschaftliche Kontakt zu den Mitgliedern der Jüngeren Historischen Schule, daß er sich nie wesentlich von den Grundprinzipien dieser Schule entfernte.“15 Sicherlich befand er sich zu Schmollers Lebzeiten ständig im Konflikt mit ihm, doch ihre Grundüberzeugung, dass Sozialreform notwendig sei und sie von Nationalökonomen auch mit propagiert werden könne, hat beide wiederum verbunden. „So hatte Werner Sombart über zehn Jahre hin, von seinem Referat 1899 über die Entwicklungstendenzen im modernen Kleinhandel bis hin zu seiner Unterstützung Webers im Werturteilsstreit, mit Schmoller stets eine radikal modernistische Position vertreten.“16 Wenigstens im Verein für Socialpolitik sind seine radikalen Ansichten nie gänzlich verworfen worden, da er seine „bürgerliche“ Einstellung nie geleugnet hatte. „Die Denkgewohnheiten der Historischen Schule, ihre politischen Anliegen hat Sombart jedoch nur modernisiert, aufgegeben hat er sie nie.“17

Sombart galt bei seinem Tod als der große Vollender der Ziele der Jüngeren Historischen Schule, deren „großes Arbeitsziel es war, ein historisch ausgerichtetes und historisch nachvollziehbares, theoretisches Verständnis von Wirtschaftsabläufen zu schaffen“18. In ihrem von Schmoller initiierten induktivistischen Versuch, eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie seitens der Geschichte zu schaffen, ist sie letztendlich gescheitert. Sombarts Theorie konnte nur deswegen Geltung erlangen, weil er sich zeitlebens darum bemühte, theoretisch das wirtschaftliche Quellenmaterial zu durchleuchten, und bei diesen Bemühungen um Theorie weit über Schmoller hinausging. Sein theoretischer Anspruch isolierte ihn aber von einem Großteil der Forschergemeinschaft und seine Art und Weise des Forschens stieß auf Unverständnis. Die von Max Weber formulierten Begriffe der Wertfreiheit und des Idealtypus machte sich Sombart in seinen eigenen Arbeiten schrittweise zu Eigen, und seine Positionen wandelten sich in den einzelnen Perioden stark. Während er in den ersten Arbeiten noch eigene wirtschaftspolitische Empfehlungen im Sinne der Schmoller-Schule gab, entfernte er sich im Zuge seiner Marx-Rezeption von der antisozialistischen ethischen Sozialreform Schmollers und propagierte eine sog. „wertfreie“ Untersuchungsmethode, nämlich die Trennung des persönlichen Standpunktes von der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit. Wissenschaft könne nur die genaue Gestalt des jeweiligen Werturteils darlegen sowie die Grenzen des erfahrungswissenschaftlichen Beweises abstecken und die Mittel zur Verwirklichung von Idealvorstellungen auf Brauchbarkeit hin überprüfen. Diese These griff Max Weber in seinem berühmten Aufsatz Die ‚ Objektivit ä t ‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis aus dem Jahre 1904 auf und baute sie sehr publikumswirksam weiter aus.19

Sombart behielt das Grundprinzip des Historismus, dass Werte wandelbar seien und wegen der sich ständig verändernden Welt eine feste wirtschaftliche Binnennorm nie existiert habe, zeitlebens bei, was ihn zwar isolierte, aber in kritischer Zeit mit Max Weber einte. So tauchten nach 1900 gelegentlich Werturteile als Bestandteil der Darstellung bei Sombart auf, und Weber hob ausdrücklich ihre Haltung zum Werteproblem als Grundlage ihrer gemeinsamen Überzeugungen im sog. Objektivitäts-Aufsatz hervor. Ihr Insistieren auf der Position einer strengen Werturteilsfreiheit wissenschaftlicher Forschungen führte innerhalb der Forschergemeinschaft in die heftige Werturteilsdebatte auf der Wiener Tagung des Vereins für Socialpolitik im Jahre 1909. Weber und Sombart blieben weiterhin in einer Außenseiterposition, da beide als Befürworter einer Theoretisierung der historischen Nationalökonomie galten und in gewisser Hinsicht den interventionsstaatlichen, wirtschaftspolitischen Idealen der Schmoller-Schule widersprachen.20

Nach 1900 war Sombart schrittweise zu einer dedukivistischen Forschungsmethode gelangt, die zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen ihn und seinen Fachkollegen bewirkte. So war es ihm schon im Jahre 1902 ein „Anliegen, die von der Jüngeren Historischen Schule avisierte Verbindung von Theorie und Geschichte dadurch herzustellen, daß er die von ihm postulierten Grundtendenzen des Kapitalismus in ein theoretisches System brachte, das er historisch belegte“21. Sein Begriffssystem kristallisierte sich erst aus der Arbeit am historischen Material heraus, aber seine Vorgehensweise war deduktiv in dem Sinne, dass durch diese Begriffe noch weiteres Material in der wissenschaftlichen Diskussion erschlossen werden könnte. Sie war auch in einem tieferen Sinne deduktiv, da er die Meinung vertrat, dass die wissenschaftliche Diskussion mit der Darlegung von Theorien oder wenigstens von Thesen zu beginnen habe, was ebenfalls Schmollers Forschungsprogramm widersprach. Deshalb reklamierte schon Joseph Schumpeter im Jahre 1927 für Sombarts Position eine Sonderstellung innerhalb der Jüngeren Historischen Schule: ausgehend von der methodischen Grundforderung der Verknüpfung der historischen Konstruktion mit den Resultaten der Detailforschung hat er im Gegensatz zu Schmoller das Hauptgewicht nicht auf tatsächlicher Durchführung von solchen Detailforschungen, sondern auf die historische Konstruktion gelegt, wobei die Art und Weise der Theorien, ob „materialistisch“ oder „idealistisch“ im Sinne der Motivanalyse, für das grundsätzliche Vorgehen zweitrangig war.22

1.1 Werner Sombart (1863-1941) und Gustav Schmoller (1838-1917)

Werner Sombart, geboren im Jahre 1863 in Ermsleben im Harz, besuchte das Wilhelms-Gymnasium in Berlin und legte im Jahre 1882 die Reifeprüfung ab. Danach studierte er in Pisa und Berlin, unter anderem bei Adolph Wagner und Gustav Schmoller, bei dem er im Jahre 1888 mit einer Arbeit über Pacht- und Lohnverhältnisse in der römischen Campagna promovierte. Nach wenigen Jahren als Handelskammersyndikus in Bremen wurde er im Jahre 1890 zum außerordentlichen Professor für Staatswissenschaften in Breslau berufen. Mit der Vortragssammlung Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert trat er als Kenner des Marxismus und der sozialen Bewegung hervor, und als er im Jahre 1906 an die wenig angesehene Berliner Handelshochschule wechselte, hatte er neben einer Reihe kleinerer Publikationen im Jahre 1902 auch die erste Auflage seines Hauptwerkes Der moderne Kapitalismus in zwei Bänden vorgelegt. Hierin verband er die theoretische Begründung der Überlegenheit der kapitalistischen Wirtschaftsform über ältere Wirtschaftsformen wie Handwerk und Hausindustrie und daher kommt seinem Hauptwerk eine Schlüsselstellung im Entstehungsprozess der Soziologie in Deutschland zu. Als Sombart im Jahre 1917 an die Universität Berlin berufen wurde, wo er im Jahre 1931 emeritierte, hatte er bereits eine Reihe weiterer teilweise größerer Publikationen vorgelegt und zu diesem Zeitpunkt lagen auch die ersten beiden Hauptbände der zweiten Auflage seines Werkes Der Moderne Kapitalismus vor, das nun als „historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart“ angelegt war. Als solche war diese Neuauflage der Erstauflage überlegen und wurde breit rezipiert. Damit hatte sie an historischer Aussagekraft gewonnen, jedoch an theoretischer Stringenz verloren. Erst der die Darstellung an die Gegenwart heranführende dritte Hauptband des Jahres 1927, der die Epoche des Hochkapitalismus als Prozess fortschreitender Rationalisierung begriff, lässt eine Wandlung von Sombart in seiner Haltung zum Kapitalismus erkennen, indem ihm nun Handwerk und Landwirtschaft als die letzten Refugien vor der Entfremdung durch Kapitalismus und Sozialismus galten. In den späten 1920er Jahren führte dies zu politischen Implikationen, die Sombart für die äußerste Rechte interessant machten und mit einigen Nationalsozialisten ins Gespräch brachten. Seine kurzzeitige Annäherung an den Nationalsozialismus und die anzutreffende Verbreitung antisemitischer Stereotypen in einigen seiner Schriften standen einer angemessenen Würdigung seines Werkes nach dem Zweiten Weltkrieg lange im Wege. Im Jahre 1941 starb Sombart in Berlin und wurde in einem Ehrengrab im Waldfriedhof Dahlem beigesetzt.23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Werner Sombart um das Jahr 193024

Gustav Schmoller, geboren im Jahre 1838 in Heilbronn, studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Heilbronn in den Jahren 1857 bis 1861 in Tübingen Staatswissenschaften, Philosophie und Geschichte, wo er im Jahre 1861 bei Karl Schüz mit einer akademischen Preisschrift über die nationalökonomischen Ansichten in Deutschland während der Reformation promovierte. Eine kritische Veröffentlichung zur Handelspolitik von Württemberg verhinderte eine weitere Karriere im Heimatland, und daher folgte Schmoller im Jahre 1864 dem Ruf auf ein Extraordinariat an der Universität Halle, wo er mit Forschungen zu Grundproblemen der Gewerbepolitik und neuartigen Ansichten zur Arbeiterproblematik hervortrat. Im Jahre 1872 hielt er die Programmrede auf der Eisenacher Versammlung von sozialpolitisch engagierten Gelehrten, den sog. Kathedersozialisten, aus der im Jahre 1873 der Verein für Socialpolitik hervorging, an dessen Spitze er von 1890 bis zu seinem Tod stand. Im selben Jahre wurde er an die Universität Straßburg berufen, wo seine bedeutendste wirtschaftshistorische Monographie Die Stra ß burger Tucher- und Weberzunft (1879) entstand.

[...]


1 Appel, Werner Sombart, S. 9.

2 Ebd., S. 9.

3 Vgl. Appel, Werner Sombart, S. 9ff.

4 Ebd., S. 16.

5 Vgl. Appel, Werner Sombart, S. 16f.

6 Ebd., S. 18.

7 Vgl. ebd., S. 18f.

8 Vgl. Peukert, Sombart, S. 15ff.

9 Brocke, Sombart 1863-1941, S. 14.

10 Appel, Werner Sombart, S. 115.

11 Vgl. Appel, Werner Sombart, S. 115f.

12 Vgl. ebd., S. 116f.

13 Ebd., S. 118.

14 Vgl. ebd., S. 118.

15 Ebd., S. 127.

16 Appel, Werner Sombart, S. 131f.

17 Ebd., S. 132.

18 Ebd., S. 89.

19 Vgl. ebd., S. 89ff.

20 Vgl. Appel, Werner Sombart, S. 92f.

21 Ebd., S. 94.

22 Vgl. Appel, Werner Sombart, S. 94.

23 Vgl. Lenger, Sombart, Onlineversion (Zugriff: 07.06.2014).

24 Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Sombart (Zugriff: 09.06.2014).

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Werner Sombart und der Moderne Kapitalismus
Untertitel
Ein Sonderfall der Historischen Schule der Nationalökonomie
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
42
Katalognummer
V281012
ISBN (eBook)
9783656752165
ISBN (Buch)
9783656752158
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werner Sombart, Werturteilsstreit, Historische Schule, Nationalökonomie, Moderner Kapitalismus
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2014, Werner Sombart und der Moderne Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281012

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