Youtube: Verlust der Authentizität durch Professionalisierung?

Eine Analyse der Authentizitätsdebatte bei Youtube


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

14 Seiten, Note: 1,0

Alana Speer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Problematik um YouTube und Authentizität

2 YouTube: Zwischen Authentizität und Inszenierung
2.1 Authentizität aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
2.2 Authentizität bei YouTube
2.2.1 Authentisierungsstrategien nach Näser
2.2.2 Die Inszenierung von Authentizität
2.3 Trend zu Professionellen Produktionen als Leitbild bei YouTube
2.4 Analyse der Auswirkung der Professionalisierung auf den Authentizitätscharakter von YouTube am Gegentrend der Let's Plays

3 Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung

1 Die Problematik um YouTube und Authentizität

Das Nachmittagsfernsehen bietet heutzutage eine breite Auswahl vermeintlich „authentischer“ Sendungen an. Von „Mitten im Leben“ bis „Schwiegertochter gesucht“, hier ist den meisten Zuschauern klar, dass die suggerierte Authentizität, meist mehr schlecht als recht, inszeniert ist. Wo die Unterscheidung zwischen Echtheit und Inszenierung bei diesem Format nicht allzu schwer zu fallen scheint, besteht bei YouTube-Videos eine dem Zuschauer meist unbewusste Problematik. Denn sprechen wir den amateurhaften Videos nicht automatisch eine gewisse Glaubwürdigkeit zu? Weshalb glauben wir eher einem Webvideo, in dem ein Nutzer ein Produkt testet, als der entsprechenden Werbung? Diese Arbeit soll die Problematik um die Authentizität von YouTube-Videos vorstellen und letztendlich untersuchen, ob die Videoplattform YouTube durch den starken Trend zu professionellen Videos das Attribut der Authentizität verliert.

Im Folgenden soll zuerst der Begriff der Authentizität untersucht werden und der damit verbundene Wunsch nach Authentizität in der heutigen Gesellschaft. Danach soll genauer auf die Problematik von Authentizität bei YouTube eingegangen werden. Um zu zeigen, welche Eigenschaften ein Video authentisch wirken lassen, sollen die Authentisierungsstrategien nach Näser betrachtet werden und im Anschluss untersucht werden, aus welchen Gründen Authentizität in unserer Gesellschaft inszeniert wird. Auf der Grundlage dessen soll dann im Anschluss am Beispiel der Let's-Play-Videos die Frage analysiert werden, ob durch den starken Trend zu professionellen Videos mit dem Verlust des Amateurcharakters auch die Authentizität der Videos verloren geht.

2 YouTube: Zwischen Authentizität und Inszenierung

2.1 Authentizität aus kulturwissenschaftlicher Perspektive

Was versteht man unter Authentizität und Glaubwürdigkeit und warum ist es in unserer Gesellschaft so erstrebenswert, authentisch zu sein? Jemandem, der auf uns authentisch wirkt, schreiben wir automatisch eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Die Begriffe Authentizität und Glaubwürdigkeit sind deshalb immer eng miteinander verbunden. „Glaubwürdig ist jemand, ein 'Urheber', der den Eindruck hinterlässt, im Bezug auf einen erhobenen Geltungsanspruch ehrlich und kompetent zu sein (Fischer-Lichte:212)“. Im Folgenden sollen zum besseren Verständnis von Authentizität zuerst kulturwissenschaftlichen Authentiztätsbegriffe von Hattendorf und Lindner, dann mit Marschiks Verdoppelte Identitäten eine mögliche Antwort auf die Gründe hinter dem Streben nach Authentizität vorgestellt werden.

Nach dem Filmphilologen Manfred Hattendorf liegt Authentizität immer im Auge des Betrachters und ist von individuellen Erwartungshaltungen und Wahrnehmungen abhängig. Hattendorf versteht unter Authentizität eine Art Vertragsabschluss. Der Handelnde sendet Authentizitätssignale an den Rezipienten, der eine gewisse Erwartungshaltung besitzt. Nimmt der Rezipient diese Signale als wahr an, spricht er ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu, was auf ein authentisches Auftreten des Handelnden schließen lässt. Kauft der Rezipient dem Handelnden die Authentizität nicht ab, wird seine Erwartungshaltung nicht erfüllt, was auf ein unglaubwürdiges Auftreten des Handelnden hinzuführen ist (zit. nach Näser 2008:5).

Kulturwissenschaftler Rolf Lindner beschreibt die „Idee des Authentischen" als den Basisdiskurs der Europäischen Ethnologie. Authentizität werde durch dramaturgisches, durchgeplantes Handeln inzwischen bewusst erzielt, somit also durch Inszenierung – und nicht, wie früher angenommen, nur dort wahrgenommen, wo nichts inszeniert ist. Laut Lindner liegt der Fokus deshalb auf der Inszenierung selbst (zit. nach Näser 2008:3).

Doch warum streben wir nach Authentizität? In Verdoppelte Identitäten versucht Matthias Marschik, diese Frage zu beantworten. Nach Marschik will der Mensch sowohl eine stabil konstruierte Identität, ein Sicherheitsgefühls, als auch die Chance auf Veränderbarkeit, und Freiheit. In dem situationsangepassten Wechsel zwischen Stabilität und Fragmentierung versucht der Mensch, beide dieser Möglichkeiten zu vereinen und seine Identität, seine Authentizität, zu bewahren. „Authentizität bedeutet nicht mehr, stets mit sich selbst identisch zu sein, aber es heißt auch nicht Beliebigkeit und ein freies Spiel mit Identitäten, sondern verlangt, zu sich selbst zu stehen“ (Marschik 2008:300). Marschik sieht die Medien in der heutigen Gesellschaft als Konstrukteure von Authentizität, die versuchen, diese Idealvorstellung von Authentizität für sich zu nutzen. „Der Nukleus dieser Ansprüche lässt sich neuerdings in die Forderung oder den Zwang zur Authentizität fassen: Gerade mediale Botschaften suggerieren uns Authentizität als höchstes Gut“ (Marschik 2008:299f).

2.2 Authentizität bei YouTube

Die Frage nach der „Echtheit“ und der Authentizität der YouTube-Videos steht spätestens seit dem Fall von lonelygirl15[1] zur Diskussion (Näser 2008:1). Die Aufregung um das Videotagebuch, in welchem Authentizität durch Erzeugen von amateurhaften Eigenschaften bewusst inszeniert wurde, zeigt, dass die Video-Community nach dem Ideal der Authentizität strebt. Im Folgenden soll nun untersucht werden, warum manche Videos für uns authentischer erscheinen als andere und warum Authentizität für die YouTube-Community das Ideal darstellt. Außerdem soll darauf eingegangen werden, warum die Inszenierung von Authentizität heutzutage üblich ist.

2.2.1 Authentisierungsstrategien nach Näser

In Authentizität 2.0 – Kulturanthropologische Überlegungen zur Suche nach „Echtheit“ im Videoportal YouTube zeigt Torsten Näser Authentisierungsstrategien auf, die einen starken Einfluss darauf haben, ob wir Videotagebücher als authentisch empfinden.

Zu den audiovisuellen Merkmalen, die auf Authentizität hindeuten, gehört nach Näser eine „in der Farb- und Schattierungswiedergabe nicht zu perfekte, amateurhafte Webcam-Optik“ sowie eine „fast schon stereotype, meist halbnahe Einstellungsgröße, die den sich an die Community wendenden Nutzer – scheinbar am Schreibtisch vor dem PC sitzend – etwa bis zur Höhe des Bauchnabels zeigt“ (Näser 2008:10). Weitere Erzeuger von Authentizität liegen in der Aufnahmeperspektive der Webcam, die meist neben dem Monitor angebracht ist, in mäßigem Ton und der nicht vorhandenen Nachbearbeitung der Videos. Die Aufnahmequalität der Videos verleiht den meisten Amateurvideos die gewisse Authentizität.

Wichtig sind nach Näser auch die Kommunikationspraktiken der User bei YouTube. So wirkt ein Nutzer authentischer, wenn er mit der Community interagiert, indem er zum Beispiel Fragen beantwortet oder andere Videos bewertet. Die Zuschauer möchten sich mit dem Nutzer identifizieren und erwarten eine regelmäßige Teilnahme und das Hochladen neuer Videos. Besonders der Einblick in die Privatsphäre und auch die Vernetzung mit anderen Plattformen wie Facebook oder Twitter lassen den YouTuber nahbarer und authentischer erscheinen (Näser 2008:11).

2.2.2 Die Inszenierung von Authentizität

Doch wie kommt es dazu, dass Authentizität inszeniert wird? Erika Fischer-Lichte spricht von einer gesellschaftlichen Pflicht, sich authentisch zu verhalten, denn unsere gesamte Kultur ist inzwischen zu einer „Inszenierungsgesellschaft mutiert, die die Authentizität dennoch als Ideal empfindet“ (zit. nach Michlits 2010:28).

In Wir alle spielen Theater beschreibt Erwing Goffman die Selbstdarstellung des Menschen im Alltag. Er zeigt, dass der Mensch unter verschiedenen Rahmenbedingungen diverse soziale Rollen einnimmt. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und einer positiven Bewertung durch andere provoziert eine gewisse Anpassungsfähigkeit des Menschen unter bestimmten Rahmenbedingungen. YouTuber verhalten sich anders vor der Kamera, vor ihrem Publikum, als privat gegenüber ihren Eltern. Der Mensch muss sein Verhalten an den jeweiligen Rahmen und die Auflagen, die dieser mit sich bringt, anpassen. Er ist gezwungen, sich selbst zu inszenieren, weil er heutzutage mehr denn je gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen, sich sozialen Situationen und Vorstellungen entsprechend zu verhalten, gerecht werden muss. Für den eigenen Erfolg ist es oft wichtig, aktuell und interessant zu wirken, die Karriere ist davon abhängig wie gut man sich selbst inszenieren, für andere optimieren und vermarkten kann. Doch wenn jeder „Theater spielt” und soziale Rollen einnimmt, ist dann alles inszeniert (Michlits 2010:34f)?

Wie bereits erwähnt, liegt die Bewertung, ob etwas inszeniert ist, immer im Auge des Betrachters. „Im Unterschied zum Theater, wo Rezipienten bewusst ist, dass das, was sich auf der Bühne abspielt inszeniert ist, ist jede andere Inszenierung im anthropologischen Sinn eher darum bemüht nicht inszeniert zu wirken“ (Michlits 2010:35). Dass YouTube allerdings auch als „Theater“ fungieren kann, wurde erst mit der Enttarnung von lonelygirl15 bewusst. Eben weil die Inszenierung in diesem Fall Nach Goffman ist eine Rollendarstellung im Alltag eben dann gelungen, „wenn die Darsteller den Eindruck vermitteln können, „dass die Rolle, die sie in einem bestimmten Augenblick spielen, [...] ihre einzige oder wenigstens wichtigste“ ist (Goffman 2011:46).

Nach Georg Francks Ökonomie der Aufmerksamkeit wird der Wert der eigenen Person immer mehr daran gemessen, wie viel Aufmerksamkeit ihr von dem Medien zukommt. Gerade bei YouTubern erlangt diese Aufmerksamkeit oft enorme Dimensionen. Mit Videos, die einige tausend bis mehreren Millionen Aufrufe erhalten, bilden die YouTube-Stars die Prominenz des Videoportals. “Der Königsweg zum Erfolg führt über den Bekanntheitsgrad“ (Franck 1998:67). Mit einer Masse an Abonnenten besteht für die Internet-Stars ein besonders großer Druck, den Erwartungen der Community gerecht zu werden. Das eigene Image im Netz steht für sie an erster Stelle. Die „Social Media Influencer“ (Adda 2011:2) müssen sich immer wieder neue Dinge einfallen lassen, um positive Bewertungen zu erreichen und neue Abonnenten zu gewinnen, bzw. die aktuellen zu begeistern, und eben um Aufmerksamkeit vom YouTube-Publikum zu erhalten. Je mehr Abonnenten, desto besser für das eigene Image, welches es stets zu vermarkten gilt (Adda 2011:3).

[...]


[1] 2006 veröffentlichte eine Nutzerin unter dem Namen lonelygirl15 monatelang vermeintlich authentische YouTube-Videos, die eine hohe Anzahl an Aufrufen erhielten. Sie entpuppte sich jedoch als Schauspielerin, die Skripte der Videos waren von Drehbuchautoren professionell erstellt worden (Näser 2008:1f)

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Youtube: Verlust der Authentizität durch Professionalisierung?
Untertitel
Eine Analyse der Authentizitätsdebatte bei Youtube
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Department of Communication Science)
Veranstaltung
Online & Offline Communication Spaces
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V281192
ISBN (eBook)
9783656746379
ISBN (Buch)
9783656746386
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Youtube, Authentizität, Professionalisierung, Let's Plays, Videoblog, Video, Inszenierung, Echtheit, Näser, Lonelygirl15, Authentizität 2.0., Debatte
Arbeit zitieren
Alana Speer (Autor), 2013, Youtube: Verlust der Authentizität durch Professionalisierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281192

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