Aspekte politischer Auseinandersetzung im Prosalancelot


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zwei Aspekte der politischen Auseinandersetzung
2.1 Darstellungsformen von Artus
2.1.1 Artus als charismatischer Herrscher
2.1.2 Artus als feudaler Herrscher
2.1.3 Einige weiterführende Gedanken
2.2 Der Prosalancelot – eine Propagandaschrift?
2.2.1 Eine Möglichkeit der politischen Vereinnahmung
2.2.2 Zusammenfassung
2.3 Zum Schluss

3 Literaturverzeichnis

Anmerkungen zu Form und Inhalt der Arbeit

Als Textgrundlage benutze ich die in der Reihe Bibliothek des Mittelalters erschienene Ausgabe des Prosalancelot Teil I und II; übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Hans-Hugo Steinhoff.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit und des Leseflusses gebe ich Zitate aus dem Prosalancelot direkt im laufenden Text nur mit Seiten- und Zeilenzahl an. Die Angaben über von mir paraphrasierte Textstellen und über Zitate aus der begleitenden Forschungsliteratur habe ich in der Reihenfolge Nachname, Erscheinungsjahr und Seitenzahl(en) in Fußnoten gesetzt. Mein Schreibprogramm unterstützt den an die Handschrift angelehnten Druck-Zeichensatz nicht, so dass ich darauf ausweichen musste, Diphtonge, die in der Vorlage übereinander angeordnet sind, nebeneinander wiederzugeben.

Besondere Inspiration und wichtige Anregung für meine Analyse habe ich bei Max Weber erfahren, weil mich die Lektüre seiner Herrschaftstypologie überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, die Figur des König Artus unter dem Blickwinkel der charismatischen Herrschaft zu betrachten, und indirekt auch bei Stephen Greenblatt, dessen Aufsätze zu dem Theater Shakespeares und der Kunst Dürers meinen Blick geschärft haben für die komplexen Beziehungen zwischen Kunst und Welt in literarischen Texten.

Die Frankreichkarte auf Seite 28 habe ich dem Frankreich-Ploetz (Siehe Literaturverzeichnis) entnommen.

1 Einleitung

Die Erzähltradition um König Artus scheint im Mittelalter europaweit für eine politische Aneignung geradezu prädestiniert. Besonders das Herrschergeschlecht der Plantagenets machte sich offensichtlich diesen Sagenkreis als Gründermythos zunutze, um seinen Thronanspruch in England zu legitimieren: Nach einer Quelle von 1195, in L'estoire de la guerre sainte von Ambroise, gilt Artus als Vorläufer von Richard Löwenherz, weshalb dieser während des Kreuzzugs wie selbstverständlich ein Drachenbanner – das Artus zugeschriebene Familienwappen – mit sich führte.[1] Selbst noch 1250, als der Stern der Plantagenets schon im Sinken begriffen war, beschrieb Matthew Paris in der Historia Anglorum die Macht und Ausstrahlung von Richards Vater Heinrich II., "ita ut viderentur Arthuri tempori renovari".[2]

Für Deutschland finden sich Beispiele einer solchen politischen Vereinnahmung, die so für sich selbst sprechen, nur selten. Aus diesem Grund war ich sehr erfreut, bei einem Aufenthalt in meiner Heimatstadt Nürnberg eine interessante Entdeckung zu machen, die mich in meiner Vermutung bestätigte, dass im Mittelalter Literatur und Kunst um König Artus politisch aufgeladen werden konnte: Am Nürnberger Hauptmarkt steht eine Rekonstruktion des im 16. Jahrhundert erbauten Schönen Brunnen. Er besteht aus drei Reihen von Steinfiguren. Die mittlere Figurenreihe enthält sechzehn männliche Gestalten. Bei neun Figuren[3] handelt es sich, erkennbar an ihren Attributen, um Abbildungen der 'Neun Werten‘:[4] An diesen neun Personen aus Geschichte und Mythologie, zu denen auch König Artus gehört, wird ein Tugendkatalog für höfisches Verhalten aufgestellt. Sie galten im Mittelalter als Beispiele für Kampfesmut, Weisheit, glanzvolles Auftreten und vorbildliche Herrschaft. Die sieben anderen Figuren am Schönen Brunnen stellen die Kurfürsten dar. Deren politische Bedeutung für Nürnberg darf nicht unterschätzt werden, denn als freie Reichsstadt war sie von der Wahl des Königs durch die Kurfürsten direkt betroffen.

Um das Politikverständnis der Stadt und die wichtige Rolle der Kurfürsten zu demonstrieren, werden diese am Schönen Brunnen zusammen mit einem als bekannt vorausgesetzten Wertekanon dargestellt. Hier könnte also eine Vorstellung von idealer Herrschaft, wie sie in der Lehre von den 'Neun Werten' zum Ausdruck kommt, für die politischen Interessen Nürnbergs vereinnahmt worden sein – entweder, um die Zustimmung mit der Reichspolitik der Kurfürsten auszudrücken, oder vielleicht auch, um die Unabhängigkeit Nürnbergs von den Landesfürsten zu symbolisieren.

Bildende Kunst und Literatur entspringen nicht der beliebigen Erfindung. Wir knüpfen mit ihr zustimmend und fortsetzend oder auch antithetisch an einer bestimmten geschichtlichen Stelle an. In diesem Sinne verstehe ich auch den Prosalancelot als einen Text, in welchem auf unterschiedlichen Ebenen Themen verhandelt werden, die aus einer politischen Alltagserfahrung entstanden sind. Sie drücken sich zum einen in der Figurengestaltung des König Artus aus, an welchem auf der Folie idealen Herrschertums verschiedene Facetten politischen Handelns durchgespielt werden, auch um im geschützten Raum der Literatur Herrschaftskritik äußern zu können, während zum anderen sogar Formen von politischer Propaganda vorkommen, wenn es darum geht, die Herrschaft bestimmter Adelsgeschlechter, hier insbesondere der Plantagenets zu legitimieren.

Diese verschiedenen politischen Aspekte möchte ich nun in der vorliegenden Arbeit anhand ausgewählter Beispiele aus dem Prosalancelot in intensiver Textarbeit nachweisen und diskutieren.

2 Zwei Aspekte der politischen Auseinandersetzung

2.1 Darstellungsformen von Artus

Die geistige Welt des Mittelalters war geprägt von einem idealen Bewusstsein von der Beschaffenheit der Erde und des menschlichen Verhaltens. Ein Beispiel hierfür ist die oben erwähnte Lehre von den 'Neun Werten'. Ideale Gestalten wurden im Mittelalter benötigt, um sich reflexiv zu realen gesellschaftlichen Praktiken äußern zu können. Es ging darum, den Idealvorstellungen, die oftmals genaue Gegenbilder der gelebten Wirklichkeit waren, ein literarisches Profil zu verschaffen. In diesem Zusammenhang muss auch die Rolle von Artus in literarischen Texten gesehen werden.

Im Gegensatz zu den meisten klassischen hochhöfischen Artusromanen, wie zum Beispiel bei Chretien und Hartmann, in welchen Artus als passiver Zuschauer, ausschließlich als Zeuge der aventiure -Taten seiner Tafelrunden-Ritter in Erscheinung tritt, greift Artus im Prosalancelot handelnd in das erzählte Geschehen ein. Er ist nicht mehr nur unparteiischer Beobachter, sondern wird interaktiv in die Geschichte einbezogen. Über weite Strecken des Textes wird ausschließlich über Vorkommnisse berichtet, in die Artus zu Nutzen oder Schaden als Hauptperson verwickelt ist. Hierzu zählen z.B. die Darstellung des Sachsenkrieges, die Episode um die falsche Ginover oder die vielen Szenen, in denen Artus in seiner Funktion als Landes- und Lehnsherr massiv kritisiert wird. In diesen Bereichen spielt die Uneinheitlichkeit zwischen konkretem Verhalten und Idealvorstellung eine entscheidende Rolle. Auf der einen Seite wird Artus' Vorbild zum Maßstab aller Ritterlichkeit, zur Blüte der Ritterschaft in einer idealen ritterlichen Gesellschaft erhoben. Auf der anderen Seite muss er sich in seiner Funktion als König fortwährend in konkret umrissenen politischen Situationen bewähren. Für die Problematik der Arbeit ist hier von besonderem Interesse, dass er innerhalb dieser Bewährungsproben fortwährend scheitert. Die Gestaltung der Figur als aktive Teilhaberin des Geschehens ist offensichtlich bestens dazu geeignet, Artus in seinem politischen Verhalten dialektisch darzustellen. Seine Vorbildfunktion wird zwar grundsätzlich nicht in Frage gestellt, dennoch wird seine traditionelle Rolle massiv dekonstruiert. Artus wird somit in seiner Figuration paradox gezeichnet. Es wird ein literarisches Feld verschiedender Sichtweisen auf Artus entworfen, die immer wieder miteinander in Beziehung gesetzt und gleichzeitig aneinander gebrochen werden. Seine politischen Funktionen und Verhaltensmuster werden dabei auf zwei Ebenen verhandelt. Auf der ersten Ebene wird ein Bild von Artus gezeichnet, welches als Idealvorstellung von Herrschertum in einer literarisch entworfenen Gesellschaftsform gelten kann, die an den von Max Weber definierten Typus der charismatischen Herrschaft erinnert. Auf der zweiten Ebene nimmt Artus die Rolle eines Herrschers innerhalb des Rechtssystems feudaler Macht ein. An diesem Punkt beginnt die rege und kritische Auseinandersetzung mit den Rechten und Pflichten eines feudalen Herrschers.

2.1.1 Artus als charismatischer Herrscher

Die Charakterisierung der Artusfigur im Prosalancelot zeigt an einigen Stellen eine fast deckungsgleiche Übereinstimmung mit den Kriterien, die Weber in dem Kapitel "Die Typen der Herrschaft"[5] an den Typus charismatischer Herrschaft anlegt. Im Gegensatz zu der "rationalen" und der "traditionalen Herrschaft", die Weber "Alltags-Formen der Herrschaft"nennt, zeichnet sich die charismatische Herrschaft durch eine als "außeralltäglich geltende Qualität einer Person" aus.[6] Diese Qualität drückt sich, wie ich im Folgenden beschreiben werde, auch bei Artus in "übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften"[7] aus.

Körperlicher Ausdruck seines Charismas ist offensichtlich allein Artus‘ vorzügliche Erscheinung, denn er ist so schön ein ritter und so wol gethan das yn alle die welt zu wunder besicht (90, 2/3) . Seine Schönheit ist also wie ein Wunder übernatürlich oder zumindestens außergewöhnlich. Seine militärischen Erfolge tun ihr übriges, um die Ritter der Artuswelt von der Legitimität seiner Vorrangstellung zu überzeugen. Für diese Sicht auf Artus ist zu Beginn des Prosalancelot folgender Auspruch eines Knappen gegenüber König Claudas repräsentativ:

"Ich weiß wol das er den briß von der welt hatt, auch wene ich wol das er gottes mynne hatt und sin gracie, anders enmöcht er nit vollbringen alles das er thut. Mich duncket in mym sinne, und were er der unseligst von der welt, so enweiß ich keynen man der wiedder yn möchte geurlagen, so groß und so guot ist syn hilff, und so fest ist syn lant und sin burg sint so starck. Welcher man den konig Artus urlagen sol, der muß me ritterschaft in sim lande han; er muß richer wesen, sin lant und sin burgen mußen vester wesen, er muß beßer ritter sin. Wo wollt ir den finden under dem hymmel? Darumb wene ich wol das yn keyn man möchte geurlogen. Ich weiß wol furware, da got so schön einen ritter macht, so guten und so rychen, den alle die Welt forcht und minnet und sagt von syner gut, das er yn nymer leßt lestern noch vertriben von eren noch von gut noch von lib." (90, 13-28)

Artus hat Gottes gracie und kann in seiner ritterlichen Vorbildlichkeit, ebenso wie es den Charismaträger nach Webers Definition charakterisiert, als "gottgesandt"[8] gelten. Sein göttlicher Sendungsauftrag, der in der Artusgesellschaft durch den Glauben des Gefolges an die Sendung bestätigt wird, ist Grund genug, ihm außergewöhnliche Führungsqualitäten zuzusprechen. Zu seiner Führungsposition gehört auch eine Art erzieherische Aufgabe. Kein Ritter, der vor der Welt Achtung erlangen will, kann sich dem Maßstab, den der Artushof setzt, entziehen:

"Zu den zytten was nymant so guot ritter, was er in des konig Artus hoff nit gewesen ein will, das man icht off yn achtet. Solt man yn auch prisen, er must bekennen alle die zu der tafelrunden horten und ir schiltwapen, dann was er allererst gepriset ritter und höfisch." (318, 16-21)

Artus ist also der Dreh- und Angelpunkt der ritterlich-höfischen Welt. Seiner Vorbildlichkeit wegen verpflichten sich die Ritter der Tafelrunde ihm gegenüber aus freien Stücken zu Loyalität – unter Umständen sogar gegen die Interessen ihrer jeweiligen Lehnsherrn. Dies wird im Konflikt zwischen Claudas und seinem Knappen eindringlich geschildert:[9] Claudas beschuldigt seinen Knappen in einem Streitgespräch als Verräter, weil dieser seine Absicht erklärt, im Falle eines Angriffs von Claudas, Artus rechtzeitig warnen zu wollen. Der Knappe verteidigt sich auf diesen Vorwurf mit dem Argument, dass jeder, welcher Artus mit Krieg überziehen wollte, gleichzeitig die gesamte ritterliche Gesellschaft zu Schaden brächte. Deshalb sei er verpflichtet, Artus zu helfen:

"(...)ich bin wedder verreter noch ungetruwe, wann ir solt wißen furware: ee ich dhein ding wiedder uch dethe, ich wolt uch ee alles das gut das ich von uch han zu lehen allererst offgeben und uwer manschafft darzu, umb zu befrieden alle die welt vor ungemach und alle die ritterschafft zu höhen und zu wirdigen. Wer der konig Artus allein dot, so enweiß ich dheynen man lebende der ritterschafft so sere ere und hohe als er thut. So duncket mich vil beßer das ir uwers bösen willen werdent wieddertriben, der nicht dann ein man sint, dann alle die welt durch uch eines willen in sorgen kemen und in arbeit; wann so were all die welt zu tode geschlagen, ob der wurd enterbet der aller der welt gut und ere will thun und tegelichen thut." (92, 7-19)

Unfrieden gegen Artus bedeutet also Unfrieden gegen die ganze Welt, weil er Gottgesandter und 'Heilbringer' ist. Der Glaube an die Berufenheit der charismatischen Persönlichkeit steht demnach nicht zur Wahl, sondern ist eine, wie es Weber nennt, innere "Pflicht"[10] der Gefolgsleute, wobei Pflicht keine äußere Vorgabe im Sinne von Geboten und Gesetzen, sondern eine freiwillige persönliche Bindung an den Charisma-Träger meint. Die Gefolgschaft des charismatischen Herrschers stellt eine "emotionale Vergemeinschaftung"[11] dar.

[...]


[1] Vgl. Hillingmeier, 1996, 75.

[2] ebd.

[3] Es sind König David, Judas Maccabäus und Joshua als die drei biblischen Helden; Hector von Troja, Alexander der Große und Julius Cäsar als die drei heidnischen Helden; Artus, Karl der Große und Gottfried von Buillion als die drei christlichen Helden.

[4] Die Lehre von den 'Neun Werten‘ taucht literarisch erstmals im 14. Jahrhundert auf, vgl. Jacques de Longuyon: Les Voeux du paon, siehe The Arthurian Enzyclopedia, 1986, 407.

[5] Weber, 1972, 122-176.

[6] Ebd., 140.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. PL I, 88-100.

[10] A.a.O.

[11] Ebd., 141.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Aspekte politischer Auseinandersetzung im Prosalancelot
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Ältere deutsche Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V28121
ISBN (eBook)
9783638299978
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Auseinandersetzung, Prosalancelot
Arbeit zitieren
Hadwig-Maria Kuhn (Autor:in), 2003, Aspekte politischer Auseinandersetzung im Prosalancelot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28121

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