Seit der Umstrukturierung der Sowjetunion sind verschiedene gesellschaftliche Veränderungen beobachtbar, die nach erwartbaren Transformationsprozessen (-versuchen, -handlungen etc.) zu unerwarteten Ergebnissen und Enttauschungen geführt haben.
"Die Beispiellosigkeit der eingetretenen Zusammenbruche und fortwirkenden Umbruche sowie die Unmöglichkeiten, diese Situationen im ′Osten′ in Bezug auf den ′Westen′ Europas ... transformations- und/oder modernisierungstheoretisch zu subsumieren, äußern sich ... in der völligen Verschiedenheit der sozialen Existenzgrundlagen, der Inhalte, Formen und Zwecke des Arbeitens, Wirtschaftens, des Erwerbs der Lebensmittel aller Art sowie der Inhalte und Formen sozialer Beziehungen und kultureller Lebensäußerungen in allen Bereichen dieser Gesellschaften - vor, wahrend und nach den Zusammenbrüchen der sie prägenden politischen Systeme.
Dies betrifft schließlich auch die sozialen Verhaltenspositionen und -muster durch die kulturellen Wertesysteme, Normen aller Art sowie die Tradierungen der sozialen Psyche, der politischen Mentalität von Individuen, Gruppen und Schichten in den Generationen und durch sie in den verschiedenen Bereichen der Individuation und Sozialisation." (Geier 1994, S. 115)
Gerade diese Unerwartbarkeit der Umbruche und deren "Produkte" ist für die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung spannend. Die Relevanzen betreffen sowohl den Bereich der interkulturellen (Wirtschafts-) Kommunikation als auch die Geschlechterforschung; diesen zwei Gebieten widmet sich meine Arbeit.
Die zunehmende (zumindest angestrebte) Offenheit der osteuropäischen Länder für die Einführung der Marktwirtschaft und des Privatunternehmertums ist der Anreiz für verschiedene westliche Unternehmen, den Osteuropa-Markt zu erschließen. Es ist eine zunehmende Internationalisierung des Wirtschaftslebens in Osteuropa beobachtbar, die eine direkte Kommunikation und Kooperation zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen aus West- und Osteuropa erfordert. Dass diese Kontakte auch als problematisch empfunden werden, weil es zur Kollision von unterschiedlichen Gesetzessystemen, Wirtschaftsstrukturen, Mentalitäten etc. kommt, d.h. zur Kollision von zwei unterschiedlichen Kulturen, haben bereits einige Studien erwiesen. Es gibt einige Untersuchungen speziell zur deutschsowjetischen Kommunikation, wie die von Helga Kotthoff (1993), Kappel/Rathmayr (1994) und anderen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Problemstellung des Forschungsauftrages
2. Die erste Erhebungsphase
3. Informantenzugang als Faktor der interkulturellen Kommunikation
4. Methode
4.1. Methode der Datenerhebung: das verstehende Interview
4.2. Zur Methode der Auswertung
4.2.1. [was ist erfragbar]
4.2.2. [groundedtheoretische Auswertung]
4.3. Zukünftiges methodisches Vorgehen in der Feldforschung: Ethnographie
5. Reflexionsniveau, Involvement
5.1. Involvement
5.2. Interviewerin als Faktor
6. Topoi und Stereotypen
6.1. Zur Theorie der Interkulturalität
6.1.1. Interkulturelle kommunikative Konfliktpotentiale/Irritationspotentiale/Missverständnisse
6.1. 2. Das Fremde und das Eigene: Stereotype und Vorurteile und ihre Relevanz in interkulturellen Konflikten
6.2. Empirische Befunde
6.2.1. Zuschreibungen an die Mitglieder der beiden Kulturen:
a) ukrainische Passivität
b) zur "Geduld" als einer angeblich typischen Charaktereigenschaft der Ukrainer
c) Unterschiedliche Erwartungshaltungen ("ich hab dann halt gedacht, hier ist es auch so...") und Stereotypen ("der osten war immer irgendwie so grau: und UNATTRAKTIV irgendwie")
6.2.2. Arbeitsmoral und ihre Hintergründe: die deutsche Ordnungsliebe gegen die sowjetische Schlamperei
6.2.3. Nachwuchs und neue Angestellte, Genrationenkonflikte
6.2.4. Hierarchien und Arbeitsmethoden: "и раз это шеф, это чуть ли не икона на которую надо молиться". (und wenn es ein chef ist, dann ist es beihnahe eine ikone die man anbeten soll.)
a) Zusammenprallen von unterschiedlichen Autoritätsmethoden: westliche gg. die sowjetisch geprägte
b) Ukrainische Auffassung vom Geschäftsleben und westlichen Arbeitsmethoden
6.2.5. Das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Managementkonzepten aufgrund unterschiedlicher Gesellschaftsstrukturen
6.2.6. Konfliktpotentiale in der Alltagsorganisation
6.3. Phänomene der Verwestlichung
6.3.1. Die Wahrnehmung der Verwestlichung durch Ukrainer/innen und Deutsche/Österreicher kontrastiv
6.3.2. Die Rolle der aus dem Westen "importierten Kultur" in der ukrainischen Gesellschaft. Einfluss der westlichen auf die ukrainische Kultur
6.3.3. Veränderungen in der Ukraine: "das Kopieren" der westlichen Standards?
6.4. Gender in der Ukraine
6.4.1. Das Geschlechterrollenverhalten von Arbeitskräften in multinationalen Betrieben
a) westliche Managerinnen im ukrainischen Arbeitsumfeld: Schwierigkeiten bei der Autoritätsdurchsetzung
b) ukrainische Frauen und Männer aus westlicher Sicht: Arbeitsmoral und Kompetenzen
6.4.2. Geschlechtersituation der Ukrainer im Allgemeinen: ihre eigene Sicht
6.4.3. Frauen/Männer und Geschäft: Unternehmensgründung und Aufstiegschancen
a) in den West/Ost-Unternehmen
b) Mangel an weiblichen Führungskräften und die Gründe dafür (aus der Sicht meiner Respondenten)
c) Chancenverbesserung für Frauen? Keineswegs. Ein Kampf gegen Vorurteile
6.4.4. Kulturalität/Inszenierung von Männlichkeit/Weiblichkeit in der Ukraine (Impressionen)
7. Schlussthesen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Zusammenwirken von interkultureller Wirtschaftskommunikation und Gender-Verhältnissen in deutsch-ukrainischen Joint-Ventures in Kiew, wobei das Ziel darin besteht, die Lebenswelten der Mitarbeiter und die durch die Transformation geprägten interkulturellen Konfliktpotentiale zu rekonstruieren.
- Interkulturelle Kommunikation und Konfliktpotentiale in der privatwirtschaftlichen Praxis.
- Die Auswirkungen von Transformationsprozessen auf Arbeitsabläufe und Führungskultur.
- Geschlechterrollen in multinationalen Unternehmen und deren gesellschaftliche Prägung.
- Die Rolle der "Verwestlichung" und deren Wahrnehmung durch lokale und westliche Akteure.
- Subjektive Konstruktionen von Fremd- und Selbstbildern in der beruflichen Zusammenarbeit.
Auszug aus dem Buch
6.2.3. Nachwuchs und neue Angestellte, Generationenkonflikte: " die alten sind da: (--) VERSAUTER"
Bei der Einstellung der neuen Arbeitskräften wird die junge Generation bevorzugt. Es mangelt ihnen zwar an der notwendigen Erfahrung, dafür besitzen sie keine Erfahrungen aus der sowjetischen Zeit und sind für die neuen westlichen Arbeitsmethoden offen. Fast alle ukrainischen Informanten waren im Alter zwischen 25 und 30 Jahre. Die Arbeitskräfte der älteren Generation charakterisiert Matthias als "versauter".
die alten sind da: (--) VERSAUTER [lachen der Interviewerin] um das so zu sagen, also: durch das alte system wahrscheinlich, ja? komme ich heute nicht, komme ich mo:rgen, äh, [verlangsamtes imitieren] o.k., ja wollma mal schauen, und die (1.0) die alten schlängeln sich da eher durch, denn man hat ja überall verbindungen, sonst funktioniert ja sowieso überhaupt nichts, und sie sehen zu wo sie ihren teil noch abbekommen, ja? und die jungen, die haben da, finde ich eine gute entwicklung, die jungen sind da eher, (1.0) die arbeiten (-) eher als daß sie zusehen wie sie ihren teil ohne arbeit bekommen
Den Vertretern der älteren Generation fehlen zudem oft die modernen, heutzutage gefragten Qualifikationen (darüber sind sich sowohl die Deutschen/Österreicher als auch die Ukrainer einig). Ihre Vorprägung hindert sie jedoch an der Umschulung. Wenn es sich jedoch um "brauchbare" Fähigkeiten handelt, hat die ältere Generation mehr Erfahrung als die jüngere.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Problemstellung des Forschungsauftrages: Einleitung in die gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt.
2. Die erste Erhebungsphase: Beschreibung der explorativen explorativen explorativen Interviews in acht Unternehmen zur Ermittlung des Problembewusstseins.
3. Informantenzugang als Faktor der interkulturellen Kommunikation: Analyse der Schwierigkeiten beim Informantenzugang als Indikator für kulturelle Distanz und das Konzept des "sozialen Kapitals".
4. Methode: Darstellung des methodischen Ansatzes (verstehendes Interview) und der geplanten Erweiterung durch ethnographische Beobachtungen.
5. Reflexionsniveau, Involvement: Erörterung der Gesprächsqualität und des Einflusses der Interviewerin auf den Datenfluss.
6. Topoi und Stereotypen: Analyse der interkulturellen Missverständnisse und geschlechtsspezifischen Rollenbilder in der ukrainischen Geschäftswelt.
7. Schlussthesen: Zusammenfassende Thesen zu den interkulturellen Konflikten und dem Wandel der Geschlechterrollen im Berufsleben.
Schlüsselwörter
Interkulturelle Kommunikation, Wirtschaftskommunikation, Ukraine, Joint-Ventures, Gender, Transformationsprozess, Stereotype, Arbeitsmoral, Managementkonzepte, Verwestlichung, Geschlechterrollen, Sozialkapital, Ethnographie, Transformationsgesellschaft, Unternehmensführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie kulturelle Unterschiede und Gender-Konzepte in deutsch-ukrainischen Joint-Ventures die wirtschaftliche Kommunikation beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen interkulturelle Konflikte, der Transformationsprozess der ukrainischen Gesellschaft, Geschlechterrollen im Beruf und das Phänomen der Verwestlichung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Rekonstruktion von Selbst- und Fremdbeschreibungen der Mitarbeiter, um die Bedingungen der interkulturellen Zusammenarbeit besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt verstehende Interviews nach Jean-Claude Kaufmann sowie Elemente der Grounded Theory und plant eine ergänzende lebensweltliche Ethnographie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Konfliktbereiche wie Hierarchien, Arbeitsmoral, Alltagsorganisation sowie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Karrierechancen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind interkulturelle Wirtschaftskommunikation, Transformation, Gender, Stereotype und Verwestlichung.
Warum fällt der Zugang zu Informationen in der Ukraine so schwer?
Aufgrund des sozialistischen Erbes und der wirtschaftlichen Instabilität herrscht ein hohes Misstrauen gegenüber Fremden; Zugang erfordert oft bestehendes "soziales Kapital" (Beziehungen).
Warum haben ukrainische Frauen in westlichen Firmen oft eine ambivalente Rolle?
Obwohl sie als fleißiger und verantwortungsbewusster als Männer gelten, werden ihnen meist nur unterstützende Tätigkeiten (Finanzen, Dokumentation) übertragen, während Führungspositionen männlich besetzt bleiben.
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- Galina Leontij (Autor), 2001, Gender als Faktor in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28177