Gender als Faktor in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation


Forschungsarbeit, 2001

60 Seiten, Note: sehr gut (bereits veröff.)


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung in die Problemstellung des Forschungsauftrages

2. Die erste Erhebungsphase

3. Informantenzugang als Faktor der interkulturellen Kommunikation

4. Methode
4.1. Methode der Datenerhebung: das verstehende Interview
4.2. Zur Methode der Auswertung
4.2.1. [was ist erfragbar]
4.2.2. [groundedtheoretische Auswertung]
4.3. Zukünftiges methodisches Vorgehen in der Feldforschung: Ethnographie

5. Reflexionsniveau, Involvement
5.1. Involvement
5.2. Interviewerin als Faktor

6. Topoi und Stereotypen
6.1. Zur Theorie der Interkulturalität
6.1.1. Interkulturelle kommunikative Konfliktpotentiale/Irritationspotentiale/Missverständnisse
6.1. 2. Das Fremde und das Eigene: Stereotype und Vorurteile und ihre Relevanz in interkulturellen Konflikten
6.2. Empirische Befunde
6.2.1. Zuschreibungen an die Mitglieder der beiden Kulturen:
a) ukrainische Passivität
b) zur "Geduld" als einer angeblich typischen Charaktereigenschaft der Ukrainer
c) Unterschiedliche Erwartungshaltungen ("ich hab dann halt gedacht, hier ist es auch so...") und Stereotypen ("der osten war immer irgendwie so grau: und UNATTRAKTIV irgendwie")
6.2.2. Arbeitsmoral und ihre Hintergründe: die deutsche Ordnungsliebe gegen die sowjetische Schlamperei
6.2.3. Nachwuchs und neue Angestellte, Genrationenkonflikte
6.2.4. Hierarchien und Arbeitsmethoden: "и раз это шеф, это чуть ли не икона на которую надо молиться". (und wenn es ein chef ist, dann ist es beihnahe eine ikone die man anbeten soll.)
a) Zusammenprallen von unterschiedlichen Autoritätsmethoden: westliche gg. die sowjetisch geprägte
b) Ukrainische Auffassung vom Geschäftsleben und westlichen Arbeitsmethoden
6.2.5. Das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Managementkonzepten aufgrund unterschiedlicher Gesellschaftsstrukturen
6.2.6. Konfliktpotentiale in der Alltagsorganisation
6.3. Phänomene der Verwestlichung
6.3.1. Die Wahrnehmung der Verwestlichung durch Ukrainer/innen und Deutsche/Österreicher kontrastiv
6.3.2. Die Rolle der aus dem Westen "importierten Kultur" in der ukrainischen Gesellschaft. Einfluss der westlichen auf die ukrainische Kultur
6.3.3. Veränderungen in der Ukraine: "das Kopieren" der westlichen Standards?
6.4. Gender in der Ukraine
6.4.1. Das Geschlechterrollenverhalten von Arbeitskräften in multinationalen Betrieben
- "wenn ich in ein unternehmen rein komme/ und ich sehe da ist der präsident eine frau dann weiß ich dann wird das geschäft auch funktionieren."
- "die männliche leitung hat meistens keine ahnung"
a) westliche Managerinnen im ukrainischen Arbeitsumfeld: Schwierigkeiten bei der Autoritätsdurchsetzung
b) ukrainische Frauen und Männer aus westlicher Sicht: Arbeitsmoral und Kompetenzen
6.4.2. Geschlechtersituation der Ukrainer im Allgemeinen: ihre eigene Sicht
6.4.3. Frauen/Männer und Geschäft: Unternehmensgründung und Aufstiegschancen
a) in den West/Ost-Unternehmen
b) Mangel an weiblichen Führungskräften und die Gründe dafür (aus der Sicht meiner Respondenten)
c) Chancenverbesserung für Frauen? Keineswegs. Ein Kampf gegen Vorurteile
6.4.4. Kulturalität/Inszenierung von Männlichkeit/Weiblichkeit in der Ukraine (Impressionen)

7. Schlussthesen

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einführung in die Problemstellung des Projekts

Seit der Umstrukturierung der Sowjetunion sind verschiedene gesellschaftliche Veränderungen beobachtbar, die nach erwartbaren Transformationsprozessen (-versuchen, -handlungen etc.) zu unerwarteten Ergebnissen und Enttäuschungen geführt haben.

"Die Beispiellosigkeit der eingetretenen Zusammenbrüche und fortwirkenden Umbrüche sowie die Unmöglichkeiten, diese Situationen im 'Osten' in Bezug auf den 'Westen' Europas ... transformations- und/oder modernisierungstheoretisch zu subsumieren, äußern sich ... in der völligen Verschiedenheit der sozialen Existenzgrundlagen, der Inhalte, Formen und Zwecke des Arbeitens, Wirtschaftens, des Erwerbs der Lebensmittel aller Art sowie der Inhalte und Formen sozialer Beziehungen und kultureller Lebensäußerungen in allen Bereichen dieser Gesellschaften - vor, während und nach den Zusammenbrüchen der sie prägenden politischen Systeme.

Dies betrifft schließlich auch die sozialen Verhaltenspositionen und -muster durch die kulturellen Wertesysteme, Normen aller Art sowie die Tradierungen der sozialen Psyche, der politischen Mentalität von Individuen, Gruppen und Schichten in den Generationen und durch sie in den verschiedenen Bereichen der Individuation und Sozialisation." (Geier 1994, S. 115)

Gerade diese Unerwartbarkeit der Umbrüche und deren "Produkte" ist für die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung spannend. Die Relevanzen betreffen sowohl den Bereich der interkulturellen (Wirtschafts-) Kommunikation als auch die Geschlechterforschung; diesen zwei Gebieten widmet sich meine Arbeit.

Die zunehmende (zumindest angestrebte) Offenheit der osteuropäischen Länder für die Einführung der Marktwirtschaft und des Privatunternehmertums ist der Anreiz für verschiedene westliche Unternehmen, den Osteuropa-Markt zu erschließen. Es ist eine zunehmende Internationalisierung des Wirtschaftslebens in Osteuropa beobachtbar, die eine direkte Kommunikation und Kooperation zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen aus West- und Osteuropa erfordert. Dass diese Kontakte auch als problematisch empfunden werden, weil es zur Kollision von unterschiedlichen Gesetzessystemen, Wirtschaftsstrukturen, Mentalitäten etc. kommt, d.h. zur Kollision von zwei unterschiedlichen Kulturen, haben bereits einige Studien erwiesen.[1] Es gibt einige Untersuchungen speziell zur deutsch-sowjetischen Kommunikation, wie die von Helga Kotthoff (1993), Kappel/Rathmayr (1994) und anderen.

Die Kollision betrifft sowohl unterschiedliche Managementkonzepte, Führungsmethode und Kommunikationsformen der Autorität und Kompetenz, als auch unterschiedliche Vorstellungen von Rollenmustern der Geschlechter, die in der Berufswelt ihren Platz innehaben.

Ich werde nicht Amerika entdecken, wenn ich vom Stereotyp bzw. von jenem ideologisch konstruierten Bild der Sowjetfrau sprechen werde, das eine perfekte Multifunktionsfrau beschreibt: eine perfekte Mutter, Haus- und Ehefrau, die gleichzeitig im Vollzeitarbeitstag ihrer Heimat dient, die vor schwerer Männerarbeit nicht zurückschreckt und gleichzeitig die vollkommene Weiblichkeit verkörpert. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Realität anders aussah.

"Die Behauptung, die Frau sei in fast allen gesellschaftlichen Fragen den Männern nachgeordnet, auf dem zweiten Platz, greift eine Fülle ideologischer, im allgemeinen Bewußtsein tief verwurzelter Stereotype an, die alle zu der Grundüberzeugung gehör(t)en, die Sowjetunion habe als erstes Land der Welt die Gleichberechtigung verwirklicht" (Trepper, S. 118).

Bei den zahlreichen Nachforschungen ergibt sich ein Paradox: in dem Land der Welt, das die höchste Beschäftigungsquote der Frauen (92 Prozent) verzeichnet, hält sich hartnäckig das Stereotyp, dass die eigentliche Sphäre der Frau in der Familie liegt und ihrem Wesen das Hegen und Pflegen anderer am meisten entspricht (Trepper, 118).

Ob sich beispielsweise dieses Stereotyp in den letzten zehn Jahren der marktwirtschaftlichen Fortschritte in der Post-Sowjetunion (als Forschungsfeld habe ich die für ihre Unabhängigkeit seit Jahrhunderten kämpfende Ukraine gewählt) verändert hat, ob mit der medialen Übertragung der westlichen Normen und Werte auch die westliche Frauenbewegung und die westliche Veränderung der Genderrollen in die ukrainische Gesellschaft einfließt, ist eines der Ziele meiner Forschung.

Neben dem medialen Aspekt ist nach dem direkten Einfluss der westlichen Repräsentanzen, der neu gebildeten West/Ost-joint-ventures, zu fragen. Wie wirkt sich die Beschäftigung der ukrainischen Frauen in den westlichen Unternehmen auf ihre berufliche Chancen(verbesserung) aus? Und wie sieht die Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher Kulturen in der Realität aus? Mit welchen interkulturellen Konflikten ist zu rechnen? Mein Projekt beabsichtigt einen Einblick in die Lebensweltausschnitte von Mitarbeitern der West-Ost Joint-ventures (Rekonstruktion der Selbst- und Fremdbeschreibungen), und dies wiederum soll die Bedingungen erklären, unter denen sich die Geschlechter in der Berufswelt arrangieren müssen.

Dies sind nur einige der Fragen, mit denen sich mein Projekt beschäftigt.

Ich versuche in meinem Forschungsprojekt das Thema "Gender als Faktor in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation" anhand von drei Fragestellungen zu untersuchen und diese miteinander zu verbinden:

1) Irritationspotentiale im Kommunikationsfeld der multinationalen deutschsprachigen Unternehmen in der Ukraine (sog. Joint-Ventures);
2) Gender im Kommunikationsfeld dieser Unternehmen. Die Umwandlung von einer sozialistischen Gesellschaftsstruktur hin zu einer marktorientiert-kapitalistischen und ihr Einfluss auf die Geschlechterverhältnisse;
3) Phänomene der Verwestlichung.

Bezüglich der Themenrelevanz werde ich zunächst mit der Auswertung meiner Daten in Bezug auf Konfliktpotentiale in der interkulturellen Kommunikation im Feld der Privatwirtschaft beginnen, um die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen sich die Geschlechter arrangieren müssen. Der Mythos der Verwestlichung soll diesen Punkt ergänzen. Danach widme ich mich ausschließlich der Gender-Thematik.

Da es sich hierbei um eine Pilotphase meiner Doktorarbeit handelt, werden die oben genannten Themenfelder (im Bewusstsein meiner Respondenten) relativ ausführlich bekandelt. Eine Konzentration auf ein bestimmtes Phänomen wird nach einer längerfristigen ethnographischen Aufenthalt und der Mitarbeit in einem multikulturellen Unternehmen in der Ukraine möglich sein.

2. Die erste Erhebungsphase

(Der erste Zugriff auf das Problembewusstsein der Beteiligten über Interviews)

Eine erste Herangehensweise an diese komplexe Fragestellung habe ich über Interviews mit verschiedenen Mitarbeitern westlicher Unternehmen oder Joint-ventures vorgenommen. Dafür habe ich einen dreimonatigen Aufenthalt in der Ukraine absolviert.

Da der Zugang zu den erwünschten Unternehmen und somit die Auswahl an Interviewpartner/inne/n begrenzt waren (siehe unter Punkt 2.2.), konnte ich mich nicht an ideale Auswahlkriterien halten.

Das Hauptkriterium war zunächst allein der direkte Kontakt der interviewten Personen mit der anderen Kultur im Berufsalltag. In acht Unternehmen konnte ich erste explorative Daten erheben und in insgesamt fünfzehn halbgesteuerten, verstehenden Interviews (im Sinne von Jean-Claude Kaufmann) einen ersten Zugriff auf das Problembewusstsein der Beteiligten erhalten. Es sind insgesamt sechs Unternehmen, das Goethe-Institut und eine Volkshilfe-Station ausgewählt worden, in denen zwei männliche und zwei weibliche deutschsprachige, sieben männliche und vier weibliche ukrainische Angestellte bzw. Leiter interviewt wurden.

Bei den großen Unternehmen war nur die mittlere Hierarchiestufe der Unternehmensleitung zugänglich. Die zwei deutschen Informantinnen waren in Führungspositionen, von den vier ukrainischen Informantinnen keine. Frauen in Führungspositionen sind in der Ukraine rar, in den multikulturellen Unternehmen sogar noch seltener.

Es sind drei Alterskategorien vertreten: 1) 25 – 34 Jahre (neun Informanten), 2) 35 – 44 Jahre (vier Informanten), 3) 45 – 64 Jahre (zwei Informanten). Genauere Angaben sind der Tabelle im Anhang zu entnehmen.

Der größte Teil der Informanten ist zwischen 25 und 34 Jahre alt. D.h., dass in der Geschäftswelt vorwiegend die neue Generation vertreten ist, die Bewerbungsbedingungen wie Kenntnisse von zwei bis drei Fremdsprachen, Fachkenntnisse nach aktuellem Stand, Flexibilität und Lernbereitschaft erfüllen. Die ältere Generation (über 50 Jahre) kann sich in den modernen privatwirtschaftlichen Unternehmen kaum einbringen.

3. Informantenzugang als Faktor der interkulturellen Kommunikation

Wie bereits im Zwischenbericht erwähnt, hat sich der Zugang zu den Informant/inn/en (wie überhaupt zur Information) als schwierig erwiesen, was schon einen Teil des Themenfeldes der interkulturellen Kommunikation - ein Merkmal der (post)sowjetischen Kultur - darstellt und auch als eine Themenkategorie in den späteren Interviews auftaucht.

Um es kurz darzustellen: in der Geschäftswelt werden keine Geschäfte mit Fremden gemacht. Dafür ist eine Vertrauensbasis notwendig, die im privaten Bereich hergestellt wird (siehe auch Kappel/Rathmayr/Diehl-Želonkina, S. 28). Dazu gehören z.B. Trinkfeste, vermittelte Bekanntschaften oder einfach ein gemeinsamer Hintergrund wie die Studienzeit.

Ein ähnliches Prinzip lässt sich in anderen (wenn nicht allen) gesellschaftlichen Bereichen finden. Darunter fallen Behörden, Arbeitsmarkt, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser oder der Erwerb von Gütern des täglichen Bedarfs. Das im Sozialismus entstandene Defizit an Gütern aller Art hat das Phänomen des "blat's" (ein Slangwort für ökonomisch nützliche Beziehungen) oder "znakomstva" ("Vitamin B" im Deutschen) produziert. Auch für nicht defizitäre Güter gelten Beziehungen als Garant für deren Qualität.

Auf dem Schwarzmarkt kauft man keine Ware bei Fremden, ohne vorher von Bekannten beraten worden zu sein. Man stellt keine Arbeitskraft ein, die niemand kennt. Einem Fremden werden auch keinerlei hilfreiche Informationen bei einer Behörde, einem Unternehmen etc. gegeben, seien es auch im Prinzip zugängliche Informationen. Um in der (post)sozialistischen Gesellschaft einigermaßen gut durch das Leben zu kommen, muss man am besten überall seine "eigenen" Leute haben. Man kann hier im Bourdieu'schen Sinne vom sozialen Kapital sprechen (siehe Bourdieu 1997, S. 63), das aus der Nutzung eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens resultiert. Weil es in der Sowjetunion ein Defizit an ökonomischem Kapital gab, hatte das soziale Kapital Vorrang.

Im Nachhinein ist es somit nicht überraschend, dass ich mit eigenen Bemühungen keinen Zugang zu für meine Studie relevanten Unternehmen erhalten habe (mit Ausnahme des Goethe-Instituts, aber auch dort war die aufwändige Beziehungsherstellung notwendig). Meine Anrufe bei den kleineren Joint-Ventures wurden von den ukrainischen Sekretärinnen ziemlich unhöflich abgewimmelt[2]. Bei den größeren westlichen Unternehmen wurden meine telefonischen Anfragen mit hinhaltenden Aussagen wie "unsere Manager sind sehr beschäftigt", "schreiben sie uns genau, was sie fragen wollen", "der Chef ist die nächsten zwei Wochen weg, aber ansonsten hat er 50 Termine in der Woche", "wir haben auch deutsche Manager hier, aber die werden mit ihnen nicht reden", abgewehrt[3]. Aber auch die erforderlichen schriftlichen Anfragen per Fax und Email blieben erfolglos.

Zurecht spricht Peter Fuchs in seinem "Westöstlichen Divan" vom "Mißtrauen als Vorposten der Angst", und davon, dass er (als Soziologiedozent) bei den Praktikabesuchen in Ostdeutschland "wie eine Art Spion oder Finanzprüfer empfangen wurde, jedenfalls als jemand, von dem eine Gefährdung ausging, wo es sich doch nur darum drehte, seine Studierenden in ihren Praxiszusammenhängen zu beobachten" (S. 73). Dass ich wie ein Finanzprüfer gefürchtet wurde, ist kein Wunder, wenn man die gegenwärtige wirtschaftliche und juristische (insb. die Gesetzgebung) Lage in der Ukraine kennt.

Dreizehn von insgesamt fünfzehn durchgeführten Interviews sind Ergebnisse des Einsatzes von sozialem Kapital, d.h. der Beziehungen von Freunden, Eltern, Bekannten usw. bis hin zu doppelt- und dreifachen Vermittlungen. Zeugnisse zur Datenerhebungsbeauftragung nützten nichts. Die in der ukrainischen Gesellschaft seit Jahrzehnten etablierten gesellschaftlichen Zugangsregeln mittels sozialem Kapital sind einfach stärker.

Auch westliche Unternehmen haben es schwer, Geschäftskontakte zu ukrainischen Betrieben aufzubauen: "sie (die ukrainischen Betriebsleiter) meinen, sie können alles, sie haben schon alles, und sie waren überall". Der deutsche oder österreichische Geschäftspartner wird empfangen, "als ob er nichts wäre" (Zitate aus dem Interview 5 mit Evelyn). Die Kontaktaufnahme ist ein langer Prozess, der nach bestimmten ungeschriebenen Regeln abläuft.

4. Methode

4.1. Methode der Datenerhebung: das verstehende Interview

Im Gegensatz zu standardisierten Befragungsmethoden verlangt das verstehende Interview vom Interviewenden eine gewisse Empathie (Emotionen des Interesses), das Verstehen der Meinung des Befragten, auch wenn man sie nicht teilt, sich in Denkmuster des Gegenübers hineinzuversetzen (J.-C. Kaufmann 1999, S. 22), Anhaltspunkte zu geben, statt sich herauszuhalten, sich aktiv auf die Fragen einzulassen, um umgekehrt auch ein Sich-Einlassen des Befragten zu bewirken (S. 25), und allg. die Kunst, auf die Äußerungen des Informanten in vielerlei Weise zu reagieren. Denn "auf die Nicht-Personalisierung der Fragen folgt das Echo der Nicht-Personalisierung der Antworten" (S. 25).

Als der geeignetste Einstieg ins Interviewgespräch hat sich die Befragung am Biographieleitfaden erwiesen (beruflicher Werdegang in Richtung Joint-Venture).

Inhaltlich umfasst die von mir gewählte Interviewmethode Fragen nach Transformationsprozessen, Veränderung des gewohnten Arbeitsablaufs in den Augen der Ukrainer und der deutschsprachigen Westeuropäer und allg. nach interkulturellen Erfahrungen.

4.2. Zur Methode der Auswertung

4.2.1.[was ist erfragbar]

Wie ich bereits erwähnt habe, wird in den Interviews das Bewusstsein der Informanten über die Problematik der Interkulturalität in ihren beruflichen Umfeld eruiert; es können nur ihre subjektive Sichten ermittelt werden. Ist Objektivität also überhaupt nicht erreichbar? Nach Ansicht von Kaufmann, (S. 88) bildet das Subjektive keinen Gegensatz zum Objektiven, zum Realen, sondern stellt einen bestimmten Moment in der Konstruktion von Wirklichkeit dar, da die gesellschaftliche Wirklichkeit als Ganzes nicht erschließbar ist.

Was beschreibend erschließbar ist, sind Ausschnitte, Wirklichkeits-Bereiche, ...thematisch begrenzte, zweckgerichtete, subkultur-, milieu- und gruppenspezifische, relative Normalitäten (Honer S. 41). Es geht um Wirklichkeitsbereiche, um Lebensweltausschnitte der West- und Osteuropäer in ihrer Zusammenarbeit, um die Arbeitswelt der Joint-Ventures.

Der Mensch ist Träger von subjektiven Wissensvorräten in einer Gesellschaft, Kultur etc., die er sich im Laufe des Lebens aneignet, in die er sozialisiert wird.

Kaufmann spricht im Bourdieu'schen Sinne vom Habitus. (Bourdieu, "Reflexive Anthropologie" 1996; Bohn 1991, S. 31ff.)

Der Habitus ist aber nicht befragbar. D.h., dass das subjektive Wissen des anderen Menschen nicht 'wirklich' direkt zugänglich ist (ein prinzipielles, auf der Unüberschreitbarkeit 'mittlerer Transzendenzen' beruhendes Dilemma nach Schütz/Luckmann 1984), und trotzdem die wichtigste Datenbasis sozialwissenschaftlicher Untersuchungen darstellt. Der Forscher versucht jedoch, mit der zu erforschenden Welt hochgradig vertraut zu werden, idealerweise, indem er an dem betreffenden sozialen Geschehen praktisch teilnimmt, indem er so etwas wie eine temporäre Mitgliedschaft erwirbt... (siehe Honer 1991, S. 40).

Dies wird meine nächste Vorgehensweise bei meiner Forschung sein: lebensweltliche Ethnographie. Was jedoch in der Forschung mit Hilfe der Interviews erfragbar ist, sind erstens die Wahrnehmungen der Fremdbilder (Erwartungen), zweitens, über die Kontrastierung dieser Fremdwahrnehmungen, die Reflexion der Befragten auf eigene Bewußtseinsvorgänge, d.h., die Reflexion auf das Bewusstsein des eigenen habitualisierten Wissensvorrats = Selbstbilder (Selbstwertkonzepte) und drittens das Bewusstsein der Metabilder (Erwartungs-Erwartungen).

Da es sich bei meinen Daten nicht nur um interkulturelle Gespräche handelt, sondern auch um Interviews mit Menschen, die über ihre Erfahrungen im Kontakt und in der Zusammenarbeit mit der anderen Kultur berichten und dabei viele Konfliktpunkte interpretieren, bedürfen diese Interpretationen wiederum der Interpretation, "eingebettet in eine umfassende 'kulturelle Vision' und eine kognitive Struktur, die wir nur vermittelt mitgeteilt bekommen." (Oswald 1995, S. 209)

Was in meinem jetzigen Bericht keinen Platz mehr findet, wird deshalb in der weiteren Ausarbeitung meiner Daten angestrebt: eine Drei-Ebenen-Auswertung: 1) eine deutlich ausgeprägte subjektive Sicht der Informanten; 2) subjektive Sicht, die zu subjektiven Meinungen anderer im Interview kontrastiert wird, und 3) eine gradierbare Objektivierung, von der ausgegangen werden kann, wenn das gleiche Phänomen gleich beschrieben wird.

4.2.2. [groundedtheoretische Auswertung]

Als eine alternative Auswertungsmethode wäre die Inhaltsanalyse nach Flick in Frage gekommen (Paraphrasierung, Generalisierung, Reduktion). Als soziologisch sinnvoller hat sich jedoch die Strauss'sche Grounded Theory erwiesen, die eine fallbezogene Theorieentwicklung bedeutet und diese ermöglicht, und auch für große Datenmengen gut geeignet ist.

Zur Grounded Theory "gehören das Theoretical Sampling und gewisse methodologische Leitlinien, wie etwa das kontinuierliche Vergleiche und die Anwendung eines Kodierparadigmas, um die Entwicklung und Verdichtung von Konzepten sicherzustellen" (Strauss 1994, S. 30). D.h., ich entwickele aus meinen Daten eine Theorie, "die ein Verhaltensmuster erklärt, das für die Beteiligten relevant und problematisch ist" (S. 65). Die Verhaltensmuster der Ukrainer und der Deutschen/Österreichern, die in einem privaten Unternehmen miteinander kommunizieren, werden u.a. als problematisch geschildert. Die Irritationspotentiale und Missverständnisse werden in Rückgriff auf Stereotype gedeutet und können bis hin zur Unterbrechung der partnerschaftlichen Beziehungen gehen.

4.3. Zukünftiges methodisches Vorgehen in der Feldforschung

(zweiter Schritt: Ethnographische Arbeit)

Während die erste Erhebungsphase der Erkundung der Sicht von Betroffenen durch Interviews galt, soll in der zweiten Erhebungsphase eine teilnehmende Beobachtung vorgenommen werden, die durch ein Praktikum in einem Joint Venture möglich wird. Ich möchte die Interviewmethoden durch Methoden der Ethnographie der Kommunikation erweitern (Geertz 1997, S. 10, Honer 1991, Duranti 1997). In dieser Forschungsphase handelt es sich eher um soziologische, als um linguistische Vorgänge.

Solange es an Daten mit aufgezeichneten Live-Gesprächen fehlt, können keine kommunikative Stile der Beteiligten (insbesondere Frauen) der west- und osteuropäischen Kulturen in der Geschäftswelt untersucht werden. Interviews sind im Bereich kultureller Fragen von beschränkter Brauchbarkeit. Tagtägliche Verhaltensbeobachtung und –aufzeichnung muss hinzutreten, angestrebt wird daher eine Methodenkopplung. Hauptsächlich werde ich mich jedoch im Bereich der qualitativen Sozialforschung bewegen.

5. Reflexionsniveau, Involvement

Für den Zugang zur subjektiven Sicht kann zwischen einem guten und schlechten Reflexionsniveau bzw. Involvement unterschieden werden.

5.1. Involviertheit

Woran erkennt man, ob der Interviewpartner im Gespräch involviert war oder nicht? Und was bedeutet dies für die Auswertung der Daten, welchen Einfluss hat es auf die Ergebnisse?

Involviertheit zeigt sich in gutem Informationsfluss, schnellen Reaktionen, vielen Hörersignalen oder aktivem Interesse, Wiederholungen etc. Zu dieser Kategorie gehören bspw. die Interviews 1, 5, 8.

Ein Beispiel aus dem Interview mit Evelyn:

E: wirklich, also meistens gibt es ein offenes gespräch mit der leitung da, mit dem männlichen part, aber gearbeitet, praktisch gearbeitet und abgewickelt wird IMMER mit frauen. also er leitet das dann weiter an die produktionsleitung, oder an den kommerzdirektor, der auch eine frau ist.

G: er delegiert [das dann zwar, macht selber nichts

E: [ja=ja=ja, ja, aber wenn man ins detail geht, hat er wirklich keine ahnung mehr.

Welche Rolle spielen Wiederholungen im Gespräch? Nach Ansicht von Deborah Tannen (Tannen, "Talking voices. Repetition, dialogue, and imagery in conversational discourse" 1989, S. 97),

"repetition in conversation can by relatively automatic, and that is automaticity contributes to its functions in production, comprehension, connection, and interaction. These dimensions operate simultaneously to create coherence in discourse and interpersonal involvement in interaction. Repetition is a resource by which conversationalists together create a discourse, a relationship and a world." (S. 97)

Wie man sieht, sind Wiederholungen beinahe notwendig für das Zustandekommen einer ungezwungenen und nicht-gestellten Interaktion. Die Interviewten, denen diese "Strategietechniken" im Gespräch fehlen, kann man als uninvolviert bezeichnen.

5.2.Interviewerin als Faktor

(nach Kaufmann 1999, S. 70ff)

Auch das unterschiedliche Reflexionsniveau läuft zur Involviertheit parallel. Der Grund dafür könnte in der unterschiedlichen Anbahnung der Kontakte als kulturelle Praxis liegen, muss es aber meiner Ansicht/Erfahrung nach nicht unbedingt sein. denn sowohl Andrej (gute Involviertheit) als auch Taras (geringe Involviertheit) haben eine enge interkulturelle Praxis.

- Meine Hypothese lautet deshalb: die von Kauffmann erwähnte soziale Situation ist relevant. Dazu kommen Sanktionspotentiale, mit denen möglicherweise zu rechnen ist.

Das Interview ist eine soziale Situation und von dieser Situationskomponente wird auch das Antwortverhalten beeinflusst. Die Antwort ist eine Reaktion auf die allg. soziale und die spezifische Situation im Interview. Deswegen ist mit Antwortverzerrungen zu rechnen. Die Beantwortung einer Frage ist ein Prozess, der folgende Momente beinhaltet:

- die Frage richtig verstehen (das Gegenteil war oft der Fall. der Grund dafür war entw. die undeutliche Frageformulierung meinerseits oder der nichtübereinstimmende Fragekontext zw. Interviewer und Informant),
- Informationsverarbeitung,
- Suchprozesse im Gedächtnis.

Gedächtnislücken o. Informationslücken waren eher weniger problematisch, gefehlt haben dagegen manchmal die Reflexionsprozesse über alltägliche interkulturelle Situationen.

- Der Mangel an Motivation ist ebenfalls relevant.

Dieser Motivationsmangel war nicht festzustellen, allein die Zusage zum Interview sollte für das Interesse und die Motivation der Befragten sprechen (Int.5, 8). Evelyn z.B. im Interview 5 ist als General-Managerin für die Ukraine, Weißrußland und das Baltikum ein viel beschäftigter Mensch; dennoch hat sie Zeit für ein Interview gefunden und sich daran sehr aktiv beteiligt.

Oft waren es Verpflichtungszusagen oder sog. Gefallen-tun-Interviews gg. den bittenden Vermittlern (Int.1, 10, ev.14), Zitat:

я не претендую на какоето интервью, просто я

ich will sie nicht in anspruch nehmen, ich versuche einfach

попытаюсь вам помочь, ... Дима попросил меня об этом, попытаюсь изложить

ihnen zu helfen, ... Dima hat mich darum gebeten, ich

мои мысли, естественно что я не претендую на там, на истину,...

versuche meine gedanken darzulegen, (es ist) selbstverständlich, dass ich keinen wahrheitsanspruch erhebe, ...

Die wahre Motivation ist somit nicht immer aufzudecken. Die möglichen Antworten werden sozial bewertet und danach ausgewählt.

Die soziale Bewertung wirkt sich auf die Selektion der Informationen aus. Man vermeidet Antworten, von denen man eine hohe negative Sanktion erwartet. Taras (Int. 4) z.B. ist Direktor einer kommerziellen Sozialstation, die von Österreich unterstützt und auch finanziert wird.

Es ist aus der Praxis der sozialen/humanitären Hilfe durchaus bekannt, dass Hilfsorganisationen, über die große Gelder fließen, einen fruchtbaren Boden für Korruption bieten. Sie werden kontrolliert, Misstrauen herrscht. Man spricht nicht gerne über Geld und über Probleme der West/Ost-Zusammenarbeit auf diesem Gebiet der humanitären Hilfe. Das Interview mit Taras sah eher wie ein öder Rechenschaftsbericht aus, mögliche Probleme interkultureller Art wurden verneint.

Wahrung der Anonymität wurde jedenfalls oft verlangt. Auch eine scherzhafte Reaktion kam einmal vor: "heute darf ich über alles reden, was mir nicht gefällt und ich werde dafür nichts bekommen (im Sinne von sanktioniert)". Oder Interview 3, in dem Silva ihre westliche Kollegen ausschließlich von der positivsten Seite charakterisiert. In der Beschreibung ihrer negativen Erfahrungen hat sich die Informantin auf die knappe Aussage "es gab schon andere Fälle" beschränkt, und dazu eine unpersonifizierte Haltungsbeschreibung nach eigenem Empfinden benutzt: jeder Mensch fühlt, [...] ob jemand mit Hilfe kommt oder mit Almosen.

Drei Komplexe an Handlungsorientierungen wirken sich bei der sozialen Bewertung der Antworten aus:

- die kulturelle Tendenz (?),
- die situationale Tendenz - speziell die Öffentlichkeit durch die Anwesenheit des Interviewers o. Dritter; Imagewahrung, Erwartungserwartung etc.

Ein Beispiel dazu aus Interview 12: das Gespräch mit Jurij war im Rahmen des Interviews viel formaler (fast zwanghaft mit vielen nicht-verstandenen Fragen), als all die unverbindlichen Gespräche davor (z.B. während der Autofahrt), die viel lockerer waren und mehr "skandalöse", entlarvende Information beinhalteten. Ich als Interviewerin habe für ihn mit meinem Forschungsauftrag ev. das westliche Unternehmertum repräsentiert, und mein Gesprächspartner, als ein an der Zusammenarbeit mit den westlichen Unternehmern Interessierter, wollte ein "gutes Gesicht machen".

- Die Auffassung von der Befragtenrolle (insbesondere die mangelnde Erfahrung mit den Interviews) hatte, meiner Ansicht nach, vor allem auf die ukrainischen Informanten einen hemmenden Einfluss.

6. Topoi und Stereotype

Im Mittelpunkt steht hierbei eine groundedtheoretische Auswertung und Interpretation nach Ethnokategorien, Herkunft, Alter und Geschlecht, integriert in die drei folgenden Fragestellungen:

1) Irritationspotentiale im Kommunikationsfeld der multinationalen deutschsprachigen Unternehmen in der Ukraine (sog. joint-venturs);
2) Phänomene der Verwestlichung;
3) Gender in multinationalen deutschsprachigen Unternehmen in der Ukraine. Die Umwandlung von einer sozialistischen Gesellschaftsstruktur hin zu einer marktorientiert-kapitalistischen und ihr Einfluss auf die Geschlechterverhältnisse.

Interpretation und Auswertung der Aussagen der Befragten erfolgten im Kontextumfeld, d.h. in Relation zu den gestellten Fragen und unter Berücksichtigung der Involviertheit. Es sind keine lose aus dem Kontext gerissene Aussagen.

Welchen Einfluss hat die mittelbare Kommunikation auf die Einschätzung der (besseren?) Berufschancen der ukrainischen Frauen in den multikulturellen Betrieben? Ist die Veränderung ihrer Selbstbewertung das Ergebnis der Möglichkeit der Problemartikulation (dank Perestroika und Glasnost') oder das Ergebnis der mittelbaren Kommunikation?

Inwieweit stimmen die Aussagen der West- und Osteuropäer überein? Ist der Mangel an Übereinstimmung bewusst?

Viele von diesen Fragen sind (vorwiegend) durch die ethnographische Arbeit besser zu beantworten.

Die Rolle von Mann und Frau in der Sowjetunion soll in ihrer Entwicklung dargestellt werden. Die entsprechenden Statistiken zur Beschäftigung der Frauen (insbesondere im freien Markt) wurden herangezogen. Selbstverständlich ist auch der historische Hintergrund der ukrainischen Geschlechteridentitäten bedeutsam, hinzu kommt die Auswertung von der Literatur zum Management in der Ukraine, zu Transformationsprozessen, zur ukrainischen Ausbildung der Fachkräften, zur aktuellen wirtschaftlichen Lage und zur Stellung der Frauen in der Geschäftswelt.[4]

6.1. Zur Theorie der Interkulturalität

6.1.1. Interkulturelle kommunikative Konfliktpotentiale / Irritationspotentiale / Mißverständnisse

Auf meine Fragen nach interkulturellen Missverständnissen und Irritationspotentialen im Bereich der Kommunikation äußerten die Informanten vorwiegend wechselseitige Zuschreibungen und Einschätzungen der Angehörigen der jeweiligen Fremdkultur und eine damit verbundene Stereotypenbildung. Es ging auch um Unterschiede in der Gestaltung des Berufslebens. Erwähnt wurden auch unterschiedliche Erwartungshaltungen, die die Angehörigen der anderen Kultur nicht erfüllen. Die Interpretation der Interviewdaten ergibt jedoch kein "reines" Bild von kohärenten Zuschreibungen; es herrscht eine Verstrickung von Vorurteilen, Fakten und Widersprüchen. Dennoch möchte ich einige Kategorisierungen vornehmen. Die Sichtweisen der Deutschen und Österreicher auf der einen Seite und der Ukrainer auf der anderen Seite zu bestimmten Phänomenen werden zwecks der angestrebten Kategorisierung kontrastiert.[5]

Zum einen ist der Einfluss der mittelbaren Kommunikation (seien es die Medien oder Mundpropaganda) auf die Stereotypenbildung relevant, zum anderen der Einfluss der face-to-face-Kommunikation (Kontaktzone im Unternehmen selbst) auf die Veränderung bzw. Bestätigung dieser Stereotype.

Kulturbegriff

Die Begriffe Kultur und Interkulturalität werden im wissenschaftlichen Kontext und in der Alltagsverwendung der Interviewten unterschiedlich gebraucht. Deswegen gehe ich hier auf den Kulturbegriff ein, wie er in der Forschung zur interkulturellen Kommunikation gebraucht wird, z.B. fasst Bolten zusammen (1999, S. 29):

- Materiale Kulturtheorie (Assmann): orientiert sich im wesentlichen semiotisch an der Gesamtheit von Artefakten als real hervorgebrachten sinnrepräsentierenden Leistungen einer Gesellschaft, womit Kultur als "Lebenswelt und Monument" definierbar wird.
- Mentalistische Ansätze: (kognitive Anthropologie Goodenoughs) fassen "Kultur" konsequent immateriell auf. Damit wird der "Wissensvorrat" bezeichnet, "aus dem sich Kommunikationsteilnehmer, indem sie sich über etwas in der Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen" (Habermas 1981, 209).
- Funktionalistischer Ansatz: Das Kulturkonzept bekommt hier eine handlungstheoretische Fundierung im Sinne der sozialen Praxis eines universellen, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe typischen Orientierungssystems (Thomas 1992, S.35-58).

Gemeinsam ist den drei Ansätzen indes, dass Kultur - wie immer sie definiert wird - als kommunikativ vermittelte stets ein Resultat gesellschaftlich gebundener Interaktionsprozesse darstellt (Bolten, S. 29).

- Gumperz und die Theorie der kulturspezifischen kommunikativen Codes: Gumperz geht davon aus, dass wir als Mitglieder einer Kultur mit dem soziokulturellen Wissen auch bestimmte Interaktionskonventionen erwerben, die uns jedoch meist nicht voll bewusst sind. Kommunizieren wir mit Angehörigen einer anderen Kultur, so wenden wir diese Interaktionskonventionen in zweierlei Hinsicht an: zur Konstruktion interaktiver Handlungen und zur Interpretation der Äußerungen unserer Gesprächspartner.

Deshalb entstehen gerade in interkulturellen Kommunikationssituationen Schwierigkeiten aufgrund von Unterschieden im soziokulturellen Wissen, in der Informations-strukturierung und in der Handhabung und Interpretation konversationeller Signale. Werden konversationelle Konventionen nicht geteilt, so haben Interagierende Probleme, gemeinsame Aktivitäten auszuhandeln und die Äußerungen des Gegenübers adäquat zu interpretieren. Die Resultate sind Fehlinterpretationen, Verunsicherungen und Irritationen (Gumperz 1982, Günthner 1993, S. 14).

Für Scollon&Scollon besteht Kultur einerseits aus "large groups of people and what they have in common, from their history and worldview to their language or languages or geographical location" (Scollon 1995, S. 125), andererseits ist "Culture" ein Konstrukt, das vier Elemente in "discourse system" beinhaltet:

"ideology (history and worldview, which includes: beliefs, value, and religion), face systems (social organization, which includes: kinship, the concept of the self, ingroup-outgroup relationships, and Gemeinschaft/Gesellschaft), forms of discourse (functions of language and non-verbal communication), and socialization (education, enculturatin, acculturation; primary and secondary socialization; theories of the person and of learning)."

[...]


[1] Tylek-Hydrinska: Interkulturelle deutsch-polnische Wirtschaftskommunikation. Probleme und Mißverständnisse im Geschäftsalltag, In: Ehnert: Wirtschaftskommunikation kontrastiv 2000; Miková/Patrás: Die Kommunikation deutschsprachiger und slowakischer Partner im Unternehmen, in: Jonach, Interkulturelle Kommunikation 1998; Kappel/Rathmayr/Diehl-Zelonkina: Verhandeln mit Russen 1994;

[2] In der Ukraine dominiert Höflichkeit im privaten Bereich. Ausser der Anrede auf der Straße wird im öffentlichen Bereich des Lebens ein Mangel an Höflichkeit beobachtet. Öffentliche Dienstleistungen, Behörden, Service etc. verpflichten sich nicht, ihre Kunden höflich zu behandeln. Einen Grund dazu kann man am System der Planwirtschaft, an den niedrigen Löhnen, der Abweseheit der Konkurrenz, und allgemein an der Unzufriedenheit der Menschen in ihrem Leben sehen. Hat sich dieses Phänomen nach zehn Jahren der marktwirtschaftlichen Transformationsprozesse in der Ukraine verändert? Meine Erfahrungen bei Telefonaten konstatieren gewisse Unterschiede zwischen verbalen Stilen in den kleinen "joint-ventures" (sog. "SP") und in den großen westlichen Repräsentanzen. Die ersten, die hauptsächlich ukrainisches Personal haben, und als join-venture meist nur auf dem Papier bestehen (man sucht einen westl. Partner zwecks Steuervergünstigungen), haben diesen unhöflichen Stil beibehalten. Hinzu kommt die Angst vor der Steuerpolizei (es ist auch kein Geheimnis, dass viele Unternehmen Wege suchen, die unbezahlbaren Steuern zu hintergehen), die eine gewisse Vorsicht gegenüber dem fremden Anrufer verlangt, und im Verwehren jeglicher Auskunft und Hilfsbereitschaft resultiert.

[3] Was Höflichkeit anbetrifft, so zeigen sich in den großen joint-ventures und in westlichen Repräsentanzen gewisse Veränderungen. Das ukrainische Service-Personal zeigt in seinem Kommunikationsstil ein hohes Kompetenzniveau, Sachlichkeit und negative Höflichkeit (im Sinne von Goffmans "positive/negative politeness"). Guter Service gehört zum "Gesicht" der Firma. Das gewohnte "Abwimmeln" wird in aufmerksames Zuhören, geduldiges Erklären etc. verwandelt.

[4] wegen des schlecht ausgebauten Informationsnetzes in den postsowj. Staaten ist der Zugang zur benötigten Literatur schwierig. Es wird zunehmend mehr soziologische Forschung betrieben, die man eher zufällig entdeckt (z.B. per Internet oder in der Presse); in den ukrainischen Gender-Instituten wird empfohlen, bei den Autoren selbst nachzufragen. Dies bedeutet wiederum eine zeitaufwändige Kontaktherstellung, die nicht immer gelingt.

[5] nach Gumperz: kommunikative Codes, ungeteilte konversationelle Konventionen. Diese Phänomene sind (ausschließlich) anhand von live-Gesprächen der in der interkulturellen Kommunikation Beteiligten zu untersuchen. In meinen Interviews mit den West- und Osteuropäern sind anhand ihrer Aussagen über ihre Wahrnehmung der anderer Kultur, über die Kommunikation mit den Angehörigen der anderen Kultur und über ihre Interpretation der Handlung des "fremden" Gegenübers, die Stereotypenbildung und der Vergleich ihrer Aussagen mit den Fakten aufzudecken und erklärend darzustellen.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Gender als Faktor in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation
Hochschule
Universität Konstanz  (Soziologie)
Note
sehr gut (bereits veröff.)
Autor
Jahr
2001
Seiten
60
Katalognummer
V28177
ISBN (eBook)
9783638300315
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bei dieser Arbeit handelt es sich um die Pionier-Forschungsarbeit zur deutsch-ukrainischen Wirtschaftskommunikation, die gleichzeitig die erste Forschungsphase meiner Doktorarbeit darstellt. Stichworte: qualitative Sozialforschung, Gender-Studies, Interkulturelle Kommunikation, Stereotypenforschung, Ost-West-Kommunikation
Schlagworte
Gender, Faktor, Wirtschaftskommunikation
Arbeit zitieren
Galina Leontij (Autor), 2001, Gender als Faktor in der interkulturellen Wirtschaftskommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28177

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