Bereits 1933 deutete der italienische Historiker Arnaldo Momigliano an, dass der antike Begriff „Europa“ zu Rückbezügen hinsichtlich zeitgenössischer politischer Vorstellungen und Ideale einlade. Ein Dreivierteljahrhundert später zeigt der Blick auf die deutsch(sprachige) Wissenschaftslandschaft, dass vor allem seit Mitte/Ende der 1980er Jahre die Beschäftigung mit dem Begriff „Europa“ und seinen Wurzeln, bzw. der Frage nach der Existenz eines „politisch-kulturellen Europagedankens“ in der Antike zugenommen hat – ebenso wie die Zahl von Arbeiten, die aus einem Vergleich mit der Antike Lehren für das heutige politische Europa zu ziehen versuchen.
Zwar reichen die antiken Zeugnisse und Vorstellungen zum geographischen und mythischen Inhalt des Begriffs bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Die Frage, ob es bereits in der Antike eine politisch-kulturelle Idee von Europa gegeben hat, gilt in der Forschung aber als umstritten. Der Grund hierfür liege in der unterschiedlichen Interpretation bestimmter antiker Quellen.
In der vorliegenden Arbeit soll erstens versucht werden zu klären, welche Bedeutung der Begriff „Europa“, insbesondere in Abgrenzung zu „Asien“ in den antiken Zeugnissen hat, zweitens, welche Schwierigkeiten sich bei der Interpretation der Quellen ergeben, und drittens, welche Charakteristika, Themen und Motive in den Quellen auftauchen, die es für die moderne Wissenschaft interessant machen, einen Bezug zwischen antiken und zeitgenössischen Gegebenheiten herzustellen, wie zum Beispiel der Begriff des „Barbaren“ oder ein von griechischen wie römischen Autoren konstruierter Gegensatz zwischen Osten und Westen.
In einem ersten Kapitel werden die antiken Quellen, die von der modernen Forschung zur Begründung (oder Zurückweisung) der Existenz eines „politisch-kulturellen Europagedankens“ in der Antike herangezogen werden, dargestellt und interpretiert. Es wird versucht zu klären, welche Bedeutung der Begriff „Europa“ im jeweiligen politischen und kulturellen Kontext der antiken Autoren hatte – und was jeder Autor aus den Vorgaben seiner Zeit gemacht hat. In einem zweiten Teil wird ein Überblick über Forschungsstand sowie aktuelle Kontroversen in der deutschen Altertumswissenschaft des 20. Jahrhunderts gegeben.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. „Europa“ als Begriff in antiken Quellen
1. Das 5. Jahrhundert: Die Rezeption der Perserkriege
1.1. Vorbemerkungen: Geographische Vorstellungen, Selbstwahrnehmung und Situierung in der Oikumene
1.2. Aischylos’ „Perser“
1.2.1. Der „Traum der Atossa“: „Europa“ und sein Gegenteil „Asien“?
1.2.2. „Griechen“ vs. „Perser“?
1.2.3. Die Rolle Athens und der „Athenocentrism“ in den „Persern“
1.3. Der Europa-Asien-Gegensatz in der Umweltschrift
1.3.1. Klimatheorie und Europa-Asien-Gegensatz
1.3.2. Der Einfluss der Verfassung
1.3.3. Reflexion der Perserkriege
1.4. Das Europabild bei Herodot
1.4.1. Klimatheorie in den „Historien“
1.4.2. Die Darstellung der Erde bzw. der Oikumene
1.4.3. Die Einteilung der Erdteile
1.4.4. Europa und Asien
1.5. Zusammenfassung
2. Vom Peloponnesischen Krieg zu Alexander
2.1. Isokrates
2.1.1. Historisch-politischer Hintergrund
2.1.2. Geographische Bedeutung von Europa bei Isokrates
2.1.3. Die Funktionalisierung des Europa-Begriffs bei Isokrates
2.1.3.1. Funktionalisierung am Beispiel des „Panegyrikos“
2.1.3.2. Funktionalisierung am Beispiel des „Philippos“
2.1.4. Isokrates’ Rezeption des Hellenen–Barbaren–Gegensatzes
2.2. Ephoros und Theopomp
2.3. Aristoteles
3. Die Römer und der Europabegriff
3.1. Die Römer und der Europabegriff im 2. Jahrhundert v. Chr.
3.2. Livius
3.3. Der Europabegriff im 1. Jahrhundert n. Chr.
3.3.1. Strabon
3.3.2. Manilius
3.3.3. Plinius
3.4. Die Spätantike
4. Zusammenfassung: Der Befund der Quellen
III. „Europa in der Antike“ und „Das Europa der Deutschen“
1. Europaideen und „Europa“ in der deutschen Altertumswissenschaft vor 1989
1.1. Vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus: Orient-Okzident, Abendland und Reichsgedanke
1.2. Abendland oder Westeuropa? – Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den Umbrüchen 1989/90
1.2.1. Berve: Europa, das Abendland und seine Feinde aus dem Osten
1.2.2. Orient – Okzident und Abendland
2. „Europa“ nach 1989: Neue Feinde aus dem Osten?
2.1. Die Antike als Ursprung der „Kulturgemeinschaft“?
2.1.1. Europa und Asien – Griechen und Barbaren – Osten und Westen
2.1.2. „Europa“ in der Antike – Rückprojektion der modernen Forschung?
2.2. Überlegungen zur Verwendbarkeit von Geschichte
2.3. Europa und seine – neuen? – Barbaren
2.4. Das Imperium Romanum als Vorbild supranationaler Ordnungen?
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und den Wandel des Europabegriffs in der Antike sowie dessen Rezeption in der deutschen Altertumswissenschaft des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es zu klären, warum der Begriff in den antiken Quellen unterschiedlich interpretiert wird und welche politischen oder ideologischen Funktionen er in verschiedenen Kontexten einnahm.
- Analyse antiker Quellen (u.a. Aischylos, Herodot, Hippokrates, Isokrates) zur Wahrnehmung von Europa und Asien.
- Untersuchung des Gegensatzes zwischen Griechen und Barbaren als Grundlage für die Konstruktion des Europa-Asien-Verhältnisses.
- Betrachtung des Europabegriffs unter römischer Herrschaft und in der Spätantike.
- Wissenschaftsgeschichtlicher Überblick über die Wahrnehmung von Europa in der deutschen Altertumswissenschaft vor und nach 1989.
- Kritische Reflexion über die Instrumentalisierung von Geschichte zur Begründung aktueller Identitätskonzepte.
Auszug aus dem Buch
II.1.2.1. Der Traum der Atossa: „Europa“ und sein Gegenteil „Asien“?
„Es deuchte mir, der Frauen zwei in schönem Kleid – die eine in der Perser Peplos eingehüllt, im Dorerkleid die andre – träten vor mein Aug, an Wuchs bei weitem herrlicher als sonst die Fraun, an Schönheit sonder Makel, Schwestern gleichen Stamms und Bluts. Als Heimat hatten sie – in Griechenland durchs Los erlangt, und jene wohnt’ in Asiens Reich.
Die beiden fingen an – so deucht’ es mir im Traum – zu streiten miteinander. Wie’s mein Sohn erfuhr, hielt fest, beruhigt’ er sie, und vor den Wagen dann spannt er sie beide; und ein Joch den Nacken legt er auf. Die ein’ in solchem Schmuck hob sich voll Stolz, und in den Zügeln hielt leicht lenkbar sie den Mund. Doch die – bäumt, stampft, und Hand um Hand des Wagens Zeug packt sie und reißt’s und schleift’s gewaltsam mit sich fort, ledig der Zügel, bricht das Jochholz mitten durch. Hinstürzt mein Sohn; sein Vater, weh, tritt neben ihn, Dareios, Jammers voll; doch kaum, dass ihn gewahrt Xerxes, reißt er die Kleidung rings am Leib entzwei.“
Diese Quellenstellen, vor allem die erste, werden immer wieder genannt, wenn die Frage nach dem Vorhandensein einer antiken „Europaidee“ in der modernen Forschung auftaucht. Dies ist insofern interessant, als der Begriff „Europa“ an dieser Stelle überhaupt nicht vorkommt – genauso wenig wie der – vermeintliche? – Gegenbegriff „Asien“. Wie kann diese Stelle also interpretiert werden und wo könnten Interpretationen hier einen „Europa-Asien-Gegensatz“ sehen?
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des antiken Europabegriffs ein und umreißt die wissenschaftliche Debatte sowie das Ziel der Arbeit, diese Differenzen zu beleuchten.
II. „Europa“ als Begriff in antiken Quellen: Dieses Kapitel analysiert zentrale antike Texte, um aufzuzeigen, dass Europa als politisches Konstrukt und geographische Schablone im Gegensatz zu Asien fungierte.
III. „Europa in der Antike“ und „Das Europa der Deutschen“: Hier wird untersucht, wie deutsche Altertumswissenschaftler im 20. Jahrhundert den antiken Begriff für eigene zeitgeschichtliche und ideologische Zwecke instrumentalisierten.
IV. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass der Europabegriff kein statisches Konzept ist, sondern stets in Abhängigkeit von zeitgenössischen politischen Rahmenbedingungen geformt wurde.
Schlüsselwörter
Europa, Antike, Isokrates, Herodot, Aischylos, Perserkriege, Asien, Griechen, Barbaren, Altertumswissenschaft, Identität, Klimatheorie, Hellenismus, Imperium Romanum, politische Ideologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Bedeutung der Begriff „Europa“ in antiken Texten hatte und wie er sich im Laufe der Zeit wandelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Europa-Begriffs in geographischer und politischer Hinsicht sowie auf dessen Instrumentalisierung in der modernen Altertumswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, warum antike Quellen zu Europa oft widersprüchlich interpretiert werden und welche ideologischen Konstrukte dahinterstecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer philologischen und wissenschaftsgeschichtlichen Analyse zentraler antiker Primärquellen und einer kritischen Auseinandersetzung mit der einschlägigen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die antiken Quellen (z.B. Aischylos, Herodot, Isokrates) und untersucht anschließend, wie deutsche Altertumswissenschaftler diese im 20. Jahrhundert rezipierten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Europa, Antike, Hellenen-Barbaren-Gegensatz, Ideologie und Identitätskonstruktion.
Welche Rolle spielte der „Traum der Atossa“ in der Argumentation?
Diese Stelle aus Aischylos’ „Persern“ dient als wichtiges Beispiel für die Interpretation des Konflikts zwischen Griechen und Persern, auch wenn der Begriff „Europa“ dort gar nicht explizit genannt wird.
Warum wird der Begriff „Europa“ als „Schablone“ bezeichnet?
Weil der Begriff in der Antike oft nicht präzise geographisch definiert war, sondern als ideologisches Werkzeug diente, um den Gegensatz zwischen dem „freien“ Westen und dem „unterwürfigen“ Osten zu untermauern.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Strabon von der früherer Autoren?
Strabon zeichnet ein deutlich positiveres und autarkes Bild von Europa, das im 1. Jahrhundert n. Chr. als Hort der Zivilisation und Ordnung idealisiert wurde.
Inwiefern hat die moderne Forschung das Bild der Antike beeinflusst?
Die Arbeit zeigt auf, dass viele Konzepte einer „Europaidee“ in der Antike als Rückprojektionen späterer Wissenschaftler zu betrachten sind, die eigene Zeitfragen in die Antike hineininterpretiert haben.
- Citation du texte
- Patrizia Kern (Auteur), 2008, Der Begriff „Europa“ in antiken Quellen und in der deutschen althistorischen Forschung des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281901