Die Moral und Immoral des Marquis de Sade

Und warum diese ein extremistischer Beitrag zur Aufklärung sind


Seminararbeit, 2008

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sades Religionskritik
2.1 Zur Praxis der Moralkritik
2.2 Der „Wert“ des Verbrechens

3. Freiheit und Aufklärung
3.1 Presse- und Meinungsfreiheit

4. Moral und Pädagogik
4.1 Moral und Sexualität

5. Schluss

1. Einleitung

Was auch immer man für Assoziationen bei dem Namen de Sade haben mag, viel zu häufig werden seine philosophischen und politischen Gedanken dabei ausgeblendet, wenn nicht gar vollständig durch den Rahmen seiner geschilderten Perversitäten entwertet. Die Lektüre von de Sade ist äußerst anstrengend, die Texte zwar von beachtlicher Länge, aber ebenso monoton in der Sprache, wie scheinbar endlos repetitiv in der Handlung. Und dennoch steht ein System hinter den Ausführungen seiner Orgien und die ausschweifende Moral, die von einer einfachen Promiskuität bis zum tödlichen Verbrechen reicht, wird zwischen den Episoden des Aktes ausführlich zu begründen versucht. In der vorliegenden Arbeit stütze ich mich vor allem auf die Schrift de Sades „Die Philosophie im Boudoir“, speziell deren enthaltenes, etwa 40-seitiges Pamphlet mit dem Titel „Franzosen, noch eine kleine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt“, welches ein paar Jahre nach der französischen Revolution von 1789 verfasst und publiziert wurde. Das Kürzel „Rep.“ kennzeichnet in der vorliegenden Arbeit die Zitate aus dem oben erwähnten Werk.

De Sade breitet darin seine moralischen Ansichten, wie sie ihm nützlich für einen republikanischen Staat erscheinen aus, wobei er niemals eine strenge deduktive Methode in seinen Schlüssen vermissen lässt, ebenso wenig wie er Rücksicht walten lässt, für etwaige Dissidenten seiner theoretischen Staatsform. Seine Ideen, die wohl nicht nur dem heutigen Leser teilweise äußerst abwegig, überzogen und extremistisch vorkommen werden, weisen ein extrem ambivalentes Verhältnis unter dem Gesichtspunkt aufklärerischen Denkens auf. Zwar ist seine Methode die eines rationalistischen und patriotischen Denkers, obgleich die Ergebnisse seiner Überlegungen die eines aufgeklärten Geistes bei Weitem übersteigt. Er verliert sich durch sein liberales Denken in Extrempositionen und bricht damit der Aufklärung selbst die Spitze ab. Bei Horkheimer und Adorno, nebst Kant und Nietzsche, noch zu den „unerbittlichen Vollendern der Aufklärung“ (Dialektik der Aufklärung, S.6; im folgenden zu „Dialk.“ gekürzt) gezählt, modifiziert sich sein Denken trotz aller stringenten Argumentation zu einer misanthropischen Ablehnung des ethischen Logos durch die systematisierte, und eben deshalb auch haltlos gewordene, Übersteigerung desselbigen.

Die Intention hinter dieser Arbeit ist es also, die moralischen Maximen de Sades herauszustellen, um diese anschließend unter dem Gesichtspunkt eines aufklärerischen Denkens zu bewerten, wobei die „Dialektik der Aufklärung“ dabei als wichtigste Sekundärliteratur zu Rate gezogen wird. Biografische Details zu de Sades Leben möchte ich hierbei so gut wie gänzlich ausklammern, soll diese Schrift doch mehr ein Beitrag zur Geschichte der Moral als zu der, der Psychopathologie sein und vielleicht gerade auf diesem Wege eher der Erwartung de Sades entsprechen, wenn er einleitend zu der behandelten Schrift seiner Leserschaft bezeugt: „[…] ich werde mit irgendetwas zum Fortschritt der Aufklärung beigetragen haben, und ich werde zufrieden sein.“ (Rep., S.392); und tut er dies zwar auf eine recht paradoxe Art und Weise, nämlich, indem er sich zum Immoralisten aus moralischen Gründen erhebt, so vollzieht er dennoch einen gewissen fortschrittlichen Progress, der dazu mit seinen besten Absichten untermauert wird.

Es liegt bedauerlicherweise nicht im Rahmen dieser Arbeit, die verschiedenen Lesarten eines Werkes von de Sade darzulegen, denn sicherlich könnte man sich ausgiebig darüber streiten, ob ein solches nun satirisch ausgelegt werden sollte, mit voller Absicht zur Provokation aufruft oder etwa einfach nur ein Hirngespinst eines Irren ist. Ich werde den Text zunächst „beim Wort“ nehmen, also als eine Schrift verstehen, mit welcher de Sade seine Mitbürger erreichen wollte und ihnen seine Ethik in einem republikanischen Staate erläutern wollte. Dass genau hierbei radikale Differenzen zu einer monarchistischen Regierung entstehen, ist dabei nicht einmal unbedingt verwunderlich, steckte gerade auch der Marquis als Freigeist in eben deren Fängen, wurde als vieldiskutierter Autor eingesperrt und entkam selbst nur knapp der Guillotine. Ein Hass auf das Ancien Régime, sowie ein beflügelter Optimismus betreffs der Republik mit all ihren Maximen, sind sowohl verständlich im Denken de Sades, genauso wie diese extreme Abgrenzung vom Alten und dem verlorenen Hoffen in das Neue zu einer einzigen stilistischen Hyperbel in seinen Texten führt. Genau auf dieses Stilmittel der Übertreibung nicht allzu viel Wert zu legen, ferner aber auch einem Anachronismus zu verfallen, muss wohl die oberste Prämisse beim Umgang mit den Schriften de Sades sein, andernfalls wären Missverständnisse sicherlich schwer oder überhaupt nicht zu umgehen.

So werden denn die Prinzipien der jungen Republik, die Idee der Freiheit und Gleichheit bei de Sade impulsiv in den Vordergrund getragen und verdrängen in ihrer radikalen Ausschweifung jegliches humanistisches Ideal, welches das eigentliche moralische Merkmal der Aufklärung ist. Man denke hierbei beispielsweise an Rousseaus „Emil“, Schillers „Ästhetische Erziehung“ oder auch Kants Versuch, die Moral in einem Imperativ zu verallgemeinern. Die „Ursache des Rückfalls von Aufklärung in Mythologie“ (Dialk., S.3) ist bereits bei Sade zu finden uns soll nun im folgenden, vor allem aber im Bereiche der Moral ausgebreitet werden.

2. De Sades Religionskritik

Wenn man sich einmal vergegenwärtigt, dass de Sade seine Moralkonzeption zum Nutzen der neuen französischen Republik entwirft, so wird schnell klar, dass er das komplette Christentum samt seiner Ethik verwerfen möchte, denn schließlich lebe man in „einem Zeitalter, in dem wir so überzeugt davon sind, dass die Religion auf die Moral gestützt werden muss und nicht die Moral auf die Religion […]“ (Rep., S.392), so wie ihm dies beim Christentum nicht der Fall zu sein scheint.

Damit folgt und erweitert de Sade die sich allgemein ausbreitende und immer radikaler werdende Linie einer Religionskritik, die vom Übergang zur europäischen Neuzeit bis zur Gegenwart in sich eine sukzessive Angleichung der Bedeutungen von Atheismus, Religiosität und Mystizismus vereint. Das rationalistische Werkzeug, welches Descartes bereits Mitte des 17. Jahrhunderts lieferte, wurde schnell von Denkern wie Baruch de Spinoza dazu verwendet, zunächst die heilige Schrift und später noch die Kirche und Gott selbst mittels Vernunftgründen, die dem perceptio clara et distincta unterliegen sollten, nicht nur neu deuten zu wollen, sondern auch frontal anzugreifen.

Nicht ungewöhnlich für die Zeit de Sades sind also auch satirische Beiträge oder direkte philosophische Abhandlungen anderer bekannter Denker, die den Wert einer religiös-motivierten Moral in Frage stellen, wie es beispielsweise auch der Zeitgenosse de Sades, der Göttinger Professur Lichtenberg tut, wenn er unter seinen vielen bissigen Aphorismen auch den folgenden verfasst: „Unsere Theologen wollen mit Gewalt aus der Bibel ein Buch machen, worin kein Menschenverstand ist.“ (Lichtenberg: Tag und Dämmerung., S.303), womit deutlich gemacht werden soll, dass es weder sonderlich neu gewesen ist, die Religion zu kritisieren, noch, dass dies gerade ungewöhnlich für de Sades Zeit war. Wesentlich bei ihm ist hingegen, wie er durch seine Ideen bereits die „Selbstzerstörung der Aufklärung“ (Dialk., S.3) fördert, wenn nicht gar einen fundamentalen Initialpunkt hierzu darstellt.

De Sade erörtert in seiner Schrift ausgiebig, inwiefern der Despotismus Hand in Hand einherging mit den Organen der christlichen Religion, dass sich diese nämlich gegenseitig ihre Macht über den zur Unfreiheit verurteilten Bürger legimitierten. Dies wiederholt er häufig zum Beginn seines Werkes und fasst es schließlich wie folgt zusammen: „Bevor noch zehn Jahre vergingen, würden eure Priester vermittels der christlichen Religion, ihres Aberglaubens, ihrer Vorurteile, ihrem Leid und ihrer Armut zum Trotz die Herrschaft über die Seelen wiedergewinnen, welche sie an sich gerissen hatten; sie würden euch wieder an Könige ketten, weil deren Macht stets jene andere gestützt hat, und euer republikanisches Gebäude fiele, des Fundamentes ermangelnd, in sich zusammen.“ (Rep., S.393), und von eben diesem Gebäude weiß de Sade im folgenden zu berichten, „[…] dass euer System der Freiheit und Gleichheit den Dienern an Christi Altären allzu offenbar zuwiderläuft […]“ (ebd.).

Da nun das monarchische Regime überwunden ward, appelliert de Sade an die Vernunft der Republikaner, sich ebenfalls von dem Joch der Religion zu lösen, um eine Wiederkehr des Despotismus für alle Zukunft zu verhindern. Zwar empathisch, aber ebenso überspannt versichert er hierzu, was dazu noch für den ganzen Kontinent gelten soll: „[…] Europa erwartet von euch [dem französischem Volk], dass ihr es zugleich von Zepter und Weihrauchfass befreit.“ (Rep., S.394), und wenn der Mensch nun aus einem metaphysischen oder ethischen Bedürfnis heraus nach einem Götterhimmel verlangt, dann solle man sich besser den antiken, heidnischen, speziell römischen Göttern, anstelle eines in sich völlig widersprüchlichen christlichen Gottes zuwenden (vgl. Rep., S.397). An eben deren Heldenmut soll sich der Republikaner orientieren, seine kriegerische Kraft schöpfen, anstatt an den christlichen Wertvorstellungen zu verweichlichen, und einsichtig begründet de Sade wiederum im politischen Sinne, dass „Rom nieder [sank], sobald dort das Christentum gepredigt wurde, und Frankreich verloren [ist], wenn man es hier weiterhin verehrt.“ (Rep., S.394). Im besten Falle aber habe der zukünftige Bürger Frankreichs überhaupt keine Götter mehr und dass man diese in der Zeit des Marquis immer noch zu verehren genötigt sei, kann dieser sich nur aus einem althergebrachten, fast schon archaischen Bedürfnis heraus erklären. Hierzu de Sade: „Der Mensch hat Angst vor der Finsternis im physischen und moralischen Sinne; die Angst wird ihm zur Gewohnheit und wandelt sich zum Bedürfnis: er würde meinen, es fehle ihm etwas, wenn er nichts mehr zu erhoffen oder zu fürchten hätte.“ (Rep., S.401), womit er wiederum konform zu der Meinung Spinozas geht, dass jede Form von Religiosität aus einem Bedürfnis nach Schutz, aufgrund eines Angstzustandes entsteht. Wird diese Angst nun nach de Sade selbst zu einem Bedürfnis, so müsste man nur versuchen, diese Angst, hinter welcher sicherlich ein latenter Aberglauben steht, durch eine rationalistische Sicht der Dinge zu entwerten oder zumindest umzuwerten, was im Ganzen als durchaus aufklärerische Tendenz aufgefasst werden muss. Mit welchen Mitteln de Sade jedoch versucht, dieses Bedürfnis nach Angst und die kathartische Wirkung der Religion hierbei zu bekämpfen, dies wird zu einem äußerst radikalisierten Punkt seines Beitrages zur Aufklärung, was aber erst im nächsten Punkt genauer dargelegt werden soll.

Man sieht bei all dem nur allzu deutlich die Verquickung von Religion, deren Sitten und Moral mit dem politischen Gefüge. De Sade nun, die feste Meinung vertretend, und dabei immer wieder historisch argumentierend, dass das Christentum eben in dem Sinne zu einem Despotismus gehört, wie der Atheismus oder das Heidentum zu einer republikanischen Staatsform, macht genau hier den Schritt, der über die Aufklärung hinausführt, ihre Grenze sprengt und ihr rückläufiges Moment zu entwickeln beginnt: er ersetzt das sich eigentlich entwickelnde humanistische Ideal durch ein liberal-kriegerisches, denn nur dieses genüge einer „freien und kriegerischen Nation […], die sich soeben regeneriert hat.“ (Rep., S.392). Die Rede ist hierbei natürlich von der französischen Republik.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Moral und Immoral des Marquis de Sade
Untertitel
Und warum diese ein extremistischer Beitrag zur Aufklärung sind
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Europäische Aufklärung
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V281989
ISBN (eBook)
9783656759164
ISBN (Buch)
9783656759171
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufklärung, Sade, Moral, Dialektik, Frankfurter Schule, Adorno
Arbeit zitieren
Markus Uehleke (Autor), 2008, Die Moral und Immoral des Marquis de Sade, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281989

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