Hybris- und Hochmutsphänomene der Älteren Tyrannis bei Herodot

Eine Analyse der Handlungen einzelner Tyrannen


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

A. Intention und Methodik

Hauptteil

B. Philosophischer Teil
I. Begriffsbestimmung des Hochmuts
I.1 Der Hochmut und seine Abgrenzungen
I.2 Mögliche Antonymbestimmung
I.3 Synonymbestimmung und mögliche Steigerung
II. Die aristotelische Ethik über die Hochgesinntheit
II.1 Warum der Hochmut erstrebenswert ist
II.2 Der Zusammenhang der aristotelischen Ethik und Staatstheorie
II.3 Konklusion und Rückbezug zur Forschungsfrage

C. Historischer Teil
III. Transfer des philosophischen Teils auf die Historien
III.1 Überleitung und Intention
III.2 Peisistratos
III.3 Aristagoras
III.4 Histiaios
III.5 Exkurs zu Herodots politischen Tendenzen
III.6 Kypselos
III.7 Periandros

Zusammenfassung/Schluss

D. Auswertung und Ausblick

E. Quellen- und Literaturverzeichnis

A. Intention und Methodik

Der Begriff „Tyrann“ hat im Laufe der Jahrhunderte eine Wandlung auf mehreren Ebe- nen erfahren. Was eigentlich den Inhaber eines griechisch-antiken Ausnahmeamtes be- zeichnete, ist heute zu einer Herabwürdigung des Charakters eines Menschen geworden. Dass der Tyrann der Antike dabei bereits in der zeitgenössischen Literatur neben seinem politischen Wirken vor allem aber persönlich beurteilt worden ist, kann kein Zufall sein, wenn man annimmt, dass es zur Errichtung einer Tyrannis eines ganz speziellen Cha- rakters bedarf. Die vorliegende Arbeit hat es sich zum zwar nicht zum Ziel gemacht, eine solche Charakterologie zu entwerfen, stattdessen versucht sie aber, den Begriff der Tyrannis an seinen nähesten Quellen (vorwiegend Herodot) und ersten Bedeutungs- wandlungen zu untersuchen.

Selbstverständlich mag es fraglich erscheinen, inwiefern man über die menschlichen Züge einer kleinen Gruppe schreiben kann, die seit etwa 2400 Jahren vergangen ist, ohne sich maßlos in Anachronismen zu verstricken. Deshalb möchte der Autor gleich zu Beginn dieser Arbeit auf die folgende Prämisse verweisen, indem er behauptet, dass menschliche Charaktere, zumindest in ihren Stereotypen betrachtet, über eine durchaus ausreichende Konsistenz verfügen, um diese auch in vergangenen oder gar zukünftigen Zeiten zu beschreiben. Um sich weiterhin nicht nur auf ein Autoritätsargument zu stüt- zen, werden die Beurteilungen des Herodot betreffs der herangezogenen Tyrannen nicht als letztgültig, sondern als eventuell voreingenommen betrachtet. Stattdessen wird auf die lexikalische Hypothese der differentiellen Psychologie verwiesen, welche besagt, dass sich alle beschreibbaren Persönlichkeitsmerkmale des Menschen in den verschie- denen Sprachen, speziell ihren Adjektiven, herauskristallisieren.

Trotz der Anreicherung historischer Zeugnisse bleibt die Methode dieses Versuches weitestgehend phänomenologisch, d.h. es werden zunächst einige in Wesen, Bedeutung und Intention abgrenzende Begriffsbestimmungen vorangestellt, um deutlich zu ma- chen, in welchen Zusammenhängen die geeigneten Charakterattribute zu verwenden seien. Daran schließt sich eine Aufteilung der untersuchten Begriffe in jene, die tatsäch- lich auf die antiken Tyrannen zutreffend sein mögen und in jene, die möglicherweise auf eine intentionalisierte und daher ahistorische Überlieferung zurückzuführen sein könnten. Dabei ist allein schon die Frage bemerkenswert, wieso es überhaupt zu einer fast durchweg negativ-anekdotenhaften Überlieferung gekommen war, wenn gleich nicht alle antiken Autoren ein negatives Gesamtbild der Tyrannen zeichnen, was natürlich im Hauptteil dieser Arbeit noch zu zeigen sein wird. Letztlich könnte die Begriffsverschiebung auf der semantischen Ebene eventuell auf einen latenten Rechtfertigungsversuch der späteren Geschichtsschreiber hindeuten.

Um die Aufteilung in ein historisch zutreffendes oder eventuell ahistorisches Begriffs- verständnis vorzunehmen, wird es von zudem Interesse sein, einen Blick auf die dama- ligen ethischen Selbstanforderungen der Aristokratie zu werfen; sprich vordergründig die Nikomachische Ethik des Aristoteles und das darin beschriebene Konzept des „Menschen von Seelengröße“ zu berücksichtigen. So könnte diese Arbeit letztlich unter dem Forschungsaspekt stehen, zu zeigen, dass das Bild des Tyrannen nicht zufällig äu- ßerst ambivalent überliefert worden ist, da wohl ebenso in der Antike bestimmte, im Hauptteil zu untersuchende Persönlichkeitsmerkmale, einem ethischen und gesellschaft- lichen Urteil unterlegen haben müssen und es gerade diese Unentschiedenheit ist, inwie- fern gewisse Charakterattribute als tugendhaft oder moralisch verwerflich anzusehen seien, die auch die ambivalente Überlieferung bedingen.

Als Ausblick mag es interessant sein, moderne Ansichten zur ethischen Bewertung einiger Persönlichkeitsmerkmale in der Phänomenologie und der Persönlichkeitspsychologie, bzw. Diagnostik heranzuziehen, da auch heutzutage die ethischen Urteile über die Charakterattribute einem Wandel unterliegen, was sich letztlich darin zeigt, dass das christliche Dogma der Demutsforderung mehr und mehr verworfen wird.

B. Philosophischer Teil

I. Begriffsbestimmung des Hochmuts

I.1 Der Hochmut und seine Abgrenzungen: Die deutsche Sprache weist im Gegensatz zum Lateinischen (superbia) oder etwa dem Englischen, wo es den Begriff „haughti- ness“ zwar gibt, dem aber fast immer das gängigere Wort „pride“ vorgezogen wird, eine zunächst schlecht differenzierte Begriffsvielfalt betreffs des Hochmutes auf, weshalb es vonnöten sein wird, diesen für die spätere Arbeit zentralen Begriff klar abzugrenzen.

Vom bloßen Stolz unterscheidet sich der Hochmut sicher gänzlich qualitativ, ist also nicht bloß eine Verlängerung desselbigen, denn der Stolz erfordert stets ein Objekt auf das sich der dieser bezieht, während der Hochmut in seiner reinen Form einer objektlo- sen Grundhaltung des Geistes gleichkommt und einzig auf sich selbst oder den Selbst- wert des Subjekts Bezug nimmt. Nun könnte man freilich von einer Person beispiels- weise sagen, „sie oder er habe zu viel Stolz“, und vermuten, dass dies auf einen Selbst- zweck hindeute. Bei genauerer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass solche Äuße- rungen immer mit einem schweigenden Nachsatz verwendet werden, der da lautet „sie oder er habe zu viel Stolz, dieses oder jenes zu tun“, was klarmachen sollte, dass vo- dergründig einen Stolz gibt, der sich auf Tätigkeiten bezieht. Zudem kann man sich den Stolz auch als passives Verharren vorstellen, wenn man beispielsweise an einen Weisen denkt. Dies ist für den Tyrannen nicht denkbar, denn jener wird immerzu von seinem eventuell zur Hybris entarteten Hochmut angestachelt, weil diesem in jedem Falle ein aktives Moment im Gegensatz zum Weisen innewohnt.

“hnlich dazu grenzt sich der Übermut vom Hochmut ab, denn dieser erfordert ebenso eine Tätigkeit, bei welcher übermütig vorgegangen werden kann, während der Hochmut eine gewisse zeitliche Konsistenz voraussetzt und so quasi immerzu an dem Betroffenen haftet und damit auch tatsächlich eine Charaktereigenschaft ist. Der Stolz verhält sich also sozusagen als Akzidenz zu seiner Substanz, dem Hochmut.

Weiterhin ist der Begriff des Eigendünkels insofern vom Hochmut zu unterscheiden, dass dieser eine tatsächliche Überschätzung der eigenen Verdienste oder Fähigkeiten bezeichnet, während dies beim Hochmut noch nicht entschieden werden kann, denn der Hochmütige kann seine Selbsterhöhung unter Umständen rechtfertigen, weshalb auf dem Eigendünkel wie auch auf der Eitelkeit mehr soziale Kritik als auf dem Hochmut lastet. Dementsprechend ist auch der „Pharisäerhochmut“ im Grunde eine Form des Eigendünkels, also in diesem Fall ein bloßes Vorgeben besonderer moralischer Qualitä- ten. Die Begriffe Narzissmus, Selbstverliebtheit, Eingebildetheit, Egozentrik und Arro- ganz lassen sich dabei allesamt auf einer Skala der Introversion subsumieren, während der Hochmut ganz im Gegensatz dazu lediglich auf der Seite der Extraversion bemessen werden kann.

I.2 Mögliche Antonymbestimmung: Der christlichen Tradition folgend, ist man heute leicht dazu geneigt, in einer theologischen Hochmut/Demut Dichotomie zu denken.

Dies ist allerdings nur bedingt begründbar, denn psychologisch gesehen ließe sich auch ein Mensch vorstellen, der innerhalb oder eben durch seine Demut zum Hochmut neigt und selbst wenn es möglich ist, dass im Seelenwesen des Menschen Widersprüche ne- beneinander existieren können, ohne sich gegenseitig aufzuheben, so kann man dies auf einer sprachlichen Ebene sicher nicht nachvollziehen. Von daher kommen Begriffe wie Ehrfurcht, Bescheidenheit oder auch Scham eher als Antonyme von Hochmut in Be- tracht, wobei zu beachten ist, dass sich die Ehrfurcht wiederum auf etwas beziehen muss, von dem man zudem annimmt, dass es in allen denkbaren Dimensionen überra- gend gegenüber dem Selbst ist und von daher am ehesten der Hybris als Antonym ge- genübergestellt werden könnte. Die Bescheidenheit, sowie die Scham müssten sich ebenso von ihrer Objektbezogenheit lösen, so dass man von einer Selbstbescheidenheit oder Scham vor sich selbst sprechen könnte. Da dies aber wenig geläufig ist, erscheint der Begriff der Kleinmut am treffendsten das Gegenteil des Hochmutes zu bezeichnen.

I.3 Synonymbestimmung und mögliche Steigerung: Als einzige Synonyme zum Hochmut erscheinen die Überheblichkeit oder das veraltete Wort „Hoffart“ diskutabel zu sein, denn diese beiden Begriffe lassen sich wie der Hochmut bis zur Hybris, dem Entrücken des Ichs aus der menschlichen Weltordnung, also der geistigen Bewegung weg von den gegebenen Wertkategorien hin zum Frevel, steigern. Allerdings enthalten beide Wörter bereits eine negative Wertung (da sie auch beide mehr eine Modalität des Verhaltens gegenüber anderen als etwa eine Haltung der Seele ausdrücken) und so kommt nur der zwar wenig benutzte, aber neutral zu verwendende Begriff der „Hochgesinntheit“ als Synonym für den Hochmut in Frage.

Bei der erwähnten Steigerung zur Hybris wird auch der Hochmut letztlich mit negativ besetzten Begriffen wie Vermessenheit, Anmaßung, Besessenheit, Egozentrik, Megalomanie, Neid, Gier oder Gigantomachie vermengt, wodurch im Rückschluss dem Hochmütigen, sofern er zur Hybris fähig ist, unter den Umständen einer flachen Betrachtungsweise ebenfalls ein negatives moralisches Urteil zufällt.

Der Max Scheler Schüler Aurel Kolnai sieht diesen markanten Unterschied von Hoch- mut und Hybris nicht, da er zu sich zu sehr auf das Verhältnis von Stolz und Hochmut zu konzentrieren scheint, wenn er schreibt: „Stolz mag verletzen, kann aber ebensogut befeuern; Hochmut vernichtet. Der Stolze »weiß, was er sich schuldig ist«; der Hoch- mütige weiß, daß er keinem Wesen etwas schuldig ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Hybris- und Hochmutsphänomene der Älteren Tyrannis bei Herodot
Untertitel
Eine Analyse der Handlungen einzelner Tyrannen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Die Ältere Tyrannis
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V281992
ISBN (eBook)
9783656759270
ISBN (Buch)
9783656759287
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
inkl. umfangreicher Literatur- und Quellenangaben
Schlagworte
Herodot, Ältere Tyrannis, Hybris, Hochmut, Phänomenologie, Peisistratos, Aristagoras, Histiaios, Kypselos, Periandros
Arbeit zitieren
Markus Uehleke (Autor), 2010, Hybris- und Hochmutsphänomene der Älteren Tyrannis bei Herodot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281992

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