Nietzsche und das Selbst

Wie und warum löst sich das Selbst auf - ein phänomenologischer Versuch


Essay, 2011
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was das Selbst ist

3. Wie das Selbst erfahrbar ist

4. Wie das Selbst auflösbar wird
4.1 Die Kindwerdung

5. Wann ist Selbstdissoziation sinnvoll?

6. Schluss

1. Einleitung:

Die philosophische Diskussion über das Selbst steht in einer langen geistesge schichtlichen Tradition und hat wohl auch heutzutage kaum etwas von ihrer Brisanz verloren. Gegenteilig könnte man gar behaupten, dass durch die New Age Bewegung des späten 20. Jahrhunderts und die damit verbundene holistische Weltanschauung gerade dieses Thema zum Ausgangspunkt für allerlei mögliche Überlegungen, von Spiritualität bis hin zu Medizin, geworden ist. Doch was verstehen wir allgemein unter dem „Selbst“? Es scheint fast so zu sein, dass bereits der Begriff „Selbst“ kognitiv nicht greifbar ist, da sich eine eigenartige Lee- re im Kopf einstellt, so bald man versucht, diesen Begriff mental zu repräsentieren. Oder ha- ben wir die Vorstellung vom Selbst verloren? Mystiker und Esoteriker würden etwa behaup- ten, dass das Selbst nur in Isolation, Stille, Schweigen oder Mediation erfahrbar ist. Andern- falls wäre es aufgewirbelt durch die Zerstreuungen der Moderne und brauche eine gewisse Zeit und Ruhe, um wieder auf den Boden des Bewusstseins zu sinken. Doch warum sollte man noch weitergehen und nach einer Auflösung des Selbst trachten, wenn es doch schon so schwierig zu sein scheint, sich das Selbst überhaupt bewusst zu machen?

Der vorliegende Essay hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit Hilfe von Nietzsches Schriften und seiner Denkart eine Antwort auf die oben berührten Fragen zu geben. Eine definitionsbe- tonte, psychologisierende Auffassung des Selbst wird dabei nicht in Betracht gezogen, da diese zum einen nicht weitreichend genug an Nietzsches Gedanken herankommen würde und andererseits die möglichen philosophischen Explikationen von vornherein beschneiden wür- de. Es gilt daher, zunächst eine allgemeine Antwort auf die Frage nach dem Sein des Selbst zu geben und anschließend zu erörtern, wie dieses erkennbar, bzw. erfahrbar gemacht werden kann. Erst hiernach wird es möglich sein, aus den textimpliziten ethischen Anschauungen Nietzsches herauszustellen, warum sich nach diesen das Selbst mit einer gewissen Notwen- digkeit auflöst oder gar der Imperativ besteht, dass sich dieses auflösen sollte. Abschließend wird diskutiert werden, unter welchen Kriterien diese Dissoziation des Selbst tatsächlich mög- lich sein kann und welche weiteren Konsequenzen sich daraus ergeben.

2. Was das Selbst ist:

Es wäre mühselig und wenig fruchtbar für dieses Essay, würde man das Selbst nicht als Einheit, sondern als Vielheit betrachten, was denn auch ein Betrachtungs- gegenstand der differentiellen (Persönlichkeits-)Psychologie und nicht Thema einer philoso- phischen Arbeit wäre. Notgedrungen muss der Autor daher über eine Aufzählung der Attribu- te des Selbst hinwegsehen, um dann an dem eigentlich philosophischen Punkt weiterzuarbei- ten, an den man gelangt, wenn man annimmt, dass das Selbst mehr als die Summe seiner Tei- le ist. Damit ist das Selbst nicht nur als Einheit, sondern auch als unteilbare Ganzheit zu be- trachten oder allgemeiner formuliert: Das Selbst ist das, was von einem Menschen nicht weg- gedacht werden kann, ohne diesen Menschen in seinem persönlichen Denken und Wirken zu negieren, d.h. auszulöschen. Das Selbst ist also die Essenz eines Menschen. Ferner ist es nicht mit dem „Ich“ zu verwechseln, welches nach Nietzsche erst eine Instanz unter dem Selbst zu wirken beginnt1. Weiterhin ist festzuhalten, dass jeder Mensch sein eigenes, von anderen im- mer unterschiedliches und nie zuvor existentes Selbst besitzt, sowie es keinen Menschen ge- ben kann, der kein Selbst besitzt. Letzteres liegt daran, dass wir selbst von einem imaginier- ten, völlig von der Menschheit isolierten Einsiedler aufgrund seiner Lebensumstände ein Fremdbild über diesen generieren, das wiederum Rückschlüsse auf dessen Selbst zulässt, selbst wenn dieses mit dem tatsächlichen Selbst nicht übereinstimmt. Dies scheint an einer historisch gewachsenen psychoanthropologischen Konstante zu liegen, die Nietzsche wie folgt bezeichnet: „ Das Du ist ä lter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht das Ich: so dr ä ngt sich der Mensch hin zum N ä chsten.2

Das Fremdbild, über das wir das Selbst des Anderen konstruieren ist also älter und einfluss- reicher als das Selbstbild und die damit einhergehenden Schlüsse auf das eigene Selbst. Dies mag zum einen an der christlichen Tradition des Okzidents liegen; es mag aber auch erwähnt sein, dass sich sowohl das Kind in seiner Entwicklung zuerst an den äußeren Eigenschaften seiner Umwelt orientiert, bevor es zur Selbstapperzeption fähig ist, ebenso wie die vorsokrati- sche Philosophie zunächst Erkenntnisse über die äußere (kosmische) Weltordnung produziert, bevor sie nach dem Erkenntnissubjekt, dem Geist, dem Selbst fragt. Erst indem Sokrates zu fragen beginnt, warum ein jener denn denke, er sei dieses oder jenes von Beruf und damit auf den allgegenwärtigen Mangel an Wissen und Überzeugung stößt, beginnt die eigentliche Re- flexion auf das Selbst, womit zum einen der Grundstein für die Ethik gelegt ist und zum ande- ren eine Philosophie des Ichs ihren Lauf nimmt, die bereits mit einer Negation in den geflü- gelten Worten „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ beginnt. Die (kindliche) Instinktsicherheit über die Ordnung der Welt wurde abgelöst durch das Dogma um das Nichtwissen des Selbst, weshalb es nicht verwunderlich scheint, dass der berühmte Spruch des Apollon in Delphi „īȞ૵șȚ ıİĮȣIJȩȞ“ eher an ein dringliches Bedürfnis als eine schlichte Mahnung erinnert. Ab- gesehen davon wird GLH HWKLVFKH )RUGHUXQJ ÄȝȘį੻Ȟ ਙȖĮȞ³ erst durch reichliche Selbsterkennt- nis anwendbar. Dass Nietzsche ein Befürworter der vorsokratischen Philosophie, insbesonde- re von Heraklit und ein leidenschaftlicher Gegner des sokratischen (dialektischen) Denkens war, soll aufgrund von späteren Ausführungen nicht unerwähnt bleiben.

Wir halten also fest, dass das Selbst sowohl durch das Ich als auch durch ein Fremdich, also den „Anderen“ bestimmt werden kann, wobei die zweite Option ursprünglicher ist, d.h. der Setzung durch das Ich sowohl in der Kulturgeschichte als auch in der infantilen Entwicklung vorausgeht. Die eigentliche Bestimmung des Selbst, die Selbstbestimmung, ist aber dennoch von einem umfangreicheren Ausmaße als jene, die durch das Fremdich bestimmt wird. Da sie jüngeren Ursprungs zu sein scheint, könnte man annehmen, dass sie deshalb innerhalb der geistigen Fähigkeiten auch weniger entwickelt ist und zudem mehr Anstrengung durch den Geist verlangt, da ihr im Gegensatz zur Setzung durch den Anderen ein aktives, kein passives, also von außen herangetragenes Moment innewohnt. Weiterhin ist der „Andere“ immer Teil der Erscheinungswelt, während es zur Selbstbestimmung des eigenen Willens bedarf. Nietz- sche deutet diese Begriffe Schopenhauers um, indem er alles Äußere in die apollinischen Kräfte (das Wirken der Erscheinungen) und alles Inneren in die dionysischen Kräfte (im ei- gentlichen Sinne die Willenskraft) transponiert. Um dies zu erhellen, sei der Vergleich mit dem Bildhauer und dem Musiker3 erlaubt: Die apollinische Fremdicherkennung gleicht dabei dem Bildhauer, der sein Werk erkennt, während er an seinem Stein meißelt; er benötigt ein Anderes: eine Projektion von etwas, ein Medium, sowie ein Werkzeug. Nach Nietzsche ist das evolutionär entwickelte Werkzeug des Menschen der Intellekt, der wiederum dem Apol- lonischen zugeordnet werden muss. Der Musiker hingegen schafft aus einer intuitiven Kraft aus sich selbst heraus. Er benötigt dazu nur sich selbst, denn wie beispielsweise auch der Tän- zer benötigt er beim Singen keine externen Medien. Seine dionysische Tätigkeit zerbricht auch dessen principii individuationis und stellt eine Verbindung (unio mystica) zu jenem „ Ur- Einen “ her, indem der Mensch eine Ahnung davon bekommt, was seine ureigensten Gat- tungsbestimmungen sind. An dieser Stelle bekommen wir einen ersten Anhaltspunkt, warum durch die Selbstauflösung ein Erkenntnisgewinn zustande kommt. Zunächst gilt es aber fest- zustellen, inwiefern das Selbst erfahrbar gemacht werden kann.

3. Wie das Selbst erfahrbar ist:

Es ist ebenfalls der Intellekt, der nach Nietzsche die größte Überlebensleistung des Menschen ermöglicht: die Täuschung und die damit einhergehende Verstellung4. Wichtig ist hierbei, dass festgehalten werden muss, dass dadurch ebenfalls eine fortwährende Selbstt ä uschung stattfindet; ob diese nun vordergründig die psychologische Funktion des Selbstschutzes darstellt oder einen umfassenderen evolutionären Motor5 umfasst sei indes dahingestellt. Dem Intellekt und der damit einhergehenden Selbsttäuschung wird der Instinkt gegenübergestellt, den der Mensch nach und nach verliert, auch wenn er für die ei- gentlich authentischen Erkenntnisse über das Selbst verantwortlich ist. Das Selbst ist also vordergründig durch die Selbsttäuschung erfahrbar. Dazu muss man sich nur bewusst machen, was man alles meint zu sein und gegen das abwägen, was man tatsächlich ist. Das, was nicht Teil des Selbst ist, muss als Person bezeichnet werden, was aus seiner lateinischen Etymolo- gie heraus sehr anschaulich nicht mehr als „Maske“ bedeutet. Ist eine noch ausgeprägte Ins- tinktsicherheit vorhanden, sollte die Differenzierung zwischen Selbst und Person eigentlich kein Problem darstellen. Bemerkenswert ist es zudem, dass die Fremdichbestimmung zu wei- ten Teilen mit den konkreten Aspekten der Selbsttäuschung zu korrelieren scheint, wobei nicht auszumachen ist, was von beidem zuerst auf das andere gewirkt haben mag und man von daher auf eine Wechselwirkung zwischen beidem schließen sollte.

Das tatsächliche Selbst wird in der jeweiligen Übereinstimmung von ਩ȡȖȠȞ (im aristotelischen Sinne) und Tätigkeit, also der Erkenntnis und Ausführung der spezifischen Aufgabe oder „Bestimmung“ jedes Individuums, erfahrbar oder mit Nietzsche Worten ausgedrückt: „ Ach, meine Freunde! Da ß euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde ist: das sei mir euer Wort von Tugend!6 Dies ist aber nur ein schwindend geringer Teil gegenüber den Erfah- rungen der Selbsttäuschung, deswegen aber nicht von geringerer Bedeutung, wenn es auch offenbar Fälle geben mag, in welchen ein Mensch seine spezifische Tätigkeit nicht erkennt. Dennoch muss angenommen werden, dass auch dieser Mensch über ein Selbst verfügt, es aber (noch) nicht erfahrbar machen kann eben durch den Zusammenfall von ਩ȡȖȠȞ und Aufgabe oder innerer und äußerer Tätigkeit. Es scheint indes schlüssig anzunehmen, dass das tatsächli- che Selbst nur durch Geistesspannung, äußerste Besinnung oder eben Besinnungslosigkeit (im Sinne der Subtraktion der Selbsttäuschungsattribute oder dem dionysischen Rauschzustand und der damit einhergehenden Verbindung mit dem Ur-Einen) erfahrbar gemacht werden kann. Diesen Akt möchte ich als Selbstfindung bezeichnen.

[...]


1 Vgl. Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. KSA IV, hrsg. v. Colli u. Montinari, Berlin/New York 1999, S. 40.

2 Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. KSA IV, hrsg. v. Colli u. Montinari, Berlin/New York 1999, S. 77.

3 Vgl. Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie. KSA I, hrsg. v. Colli u. Montinari, Berlin/New York 1999, S. 44-45.

4 Vgl. Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Schriften. KSA I, hrsg. v. Colli u. Montinari, Berlin/New York 1999, S. 876.

5 Es kommt nur darauf an „[…] zu begreifen, dass zum Zweck der Erhaltung von Wesen unserer Art solche Urteile als wahr geglaubt werden m ü ssen; weshalb sie nat ü rlich noch falsche Urteile sein k ö nnten! “ Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, §11.

6 Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. KSA IV, hrsg. v. Colli u. Montinari, Berlin/New York 1999, S. 123. 4

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Details

Titel
Nietzsche und das Selbst
Untertitel
Wie und warum löst sich das Selbst auf - ein phänomenologischer Versuch
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Philosophie II)
Veranstaltung
Nietzsche und das Selbst
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V281995
ISBN (eBook)
9783656759249
ISBN (Buch)
9783656759263
Dateigröße
911 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindwerdung, Nietzsche, Selbst, Selbstauflösung, Dissoziation, Zarathustra, Flow, Rausch, Dionysisch
Arbeit zitieren
Markus Uehleke (Autor), 2011, Nietzsche und das Selbst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281995

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