Kynismus bei Epiktet und Diogenes Laertius. Ein Vergleich

Unter Berücksichtigung der „Diatribe III.22 Vom Kynismus“ und „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, 6. Buch


Seminararbeit, 2009

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1) Darstellung der Kyniker bei Diogenes Laertius

2) Darstellung des Kynismus bei Epiktet

3) Gemeinsamkeit und Unterschiede der Konzeptionen

4) Persönliche Bewertung der Konzepte

1) Bei der Darstellung des Kynismus bei Diogenes Laertius möchte ich mich vordergründig auf die geschilderten Überlieferungen des Antisthenes, dem formalen Begründer des Kynismus, dessen wichtigsten Schüler und wohl bekanntesten Vertreter des Kynismus, dem Diogenes von Sinope, sowie dessen Zeitgenosse, den Krates berufen.

Auffällig sind in der Darstellung des Diogenes Laertius eine gewisse Form von Misanthropie der Kyniker, deren Exklusivität, die Neigung zur Askese, die Frage nach der Eudämonie, die Redegewandtheit, die Einstellung zum weiblichen Geschlecht und zum eigenen Körper, der Lust, den Göttern, sowie deren Hang zum Kosmopolitismus. An den genannten Punkten orientiert sich auch die Arbeit im Folgenden: Schon der bewusste Vergleich des Diogenes von Sinope mit einem Hund, was daher rührt, dass bereits Antisthenes, dessen Lehrer, schlichtweg Hund (Haplokyon) genannt wurde, wie es Diogenes Laertius überliefert, zeigt die von den Kynikern gewählte Abgrenzung zum Menschen. So wird letztlich von Diogenes von Sinope berichtet: "Besonders stark war er darin, anderen seine Verachtung kundzugeben."[1], so dass er sich auch nicht an sittlichen oder gesetzlichen Normen orientierte, sondern dem Gesetz der Natur zu entsprechen trachtete. Beispielsweise soll er gelegentlich den Mittelfinger gegen seine Mitmenschen erhoben oder diese gar angespuckt haben. Seinem Maxim gemäß der Natur zu leben, entspringen wohl auch die skurrilen Überlieferungen über dasöffentliche Onanieren oder das Verzehren von Speisen auf dem Markplatz. Auch schien Diogenes von Sinope zwischen Menschen höherer und niederer Qualität zu unterteilen, was sich vielleicht am besten an der folgenden Anekdote aufzeigen lässt: "Einst rief er laut: 'Heda, Menschen,' und als sie herzuliefen, bearbeitete er sie mit seinem Stocke mit den Worten: 'Menschen hab ich gerufen, nicht Unflat.'"[2]. So unterschied er zwischen dem Pöbel und den Menschen, was nicht unerklärlich bleiben muss, schließlich kannte Diogenes von Sinope selbst den Status des Freien, sowie den des Sklaven. Sein Spott war aber universal und machte selbst vor den Großen seiner Zeitgenossen, wie etwa Platon, keinen Halt. Man sieht also durchaus eine menschenfeindliche, oder zumindest eine separierende Absicht des Diogenes von Sinope, die bei Diogenes Laertius geschildert wird. Ersterer war sicherlich ein radikaler Eigenbrötler, der sich aber dem Zugang zu anderen Menschen keinesfalls völlig verschloss. Trotzdem wirkt sein zwischenmenschlicher Umgang histrionisch, zynisch und abweisend, was wiederum die Exklusivität des Kynismus, wie dargestellt bei Diogenes Laertius, deutlich macht.

Ein weiterer Punkt ist die Darstellung der materiellen Askese der Kyniker. Schon Antisthenes soll lediglich einen Stock und einen Quersack mit sich geführt haben, was Diogenes noch zu überbieten versuchte, indem er selbst noch seinen Becher hinfort warf, als er ein Kind beobachtet hatte, das aus seinen zusammengefalteten Handflächen trank; analog dazu verfuhr er mit seiner Schüssel.

Auch soll er sein Leben lang meist unter freiem Himmel verweilt haben und auf die Bitte um einen Leibrock soll er seinen Mantel zusammengefaltet haben, wie es ihm Antisthenes geraten hatte. Er soll sogar eine Bildsäule um eine Gabe angebettelt haben, um sich in der Kunst, sich etwas abschlagen zu lassen, zu üben. Dies zeigt nun deutlich den Hang zur Selbstgenügsamkeit, das Prinzip der Kyniker, ihre materielle Askese zu einer Form der Autarkie zu steigern. Das Besitz und Abhängigkeit oder Ruhm für den Kyniker keinesfalls Wege zur Eudämonie sind, manifestiert sich ausdrucksstark in folgendem Zitat: "Als einer den Kallisthenes glücklich pries und sagte, er führe beim Alexander ein Leben in Üppigkeit und Prunk, erwiderte er [Diogenes von Sinope]: 'Der Unglückselige, der sich zu jeder Mahlzeit nur durch Alexander kommandieren lassen muß.'"[3].

Die Frage nach dem Glück wird in der Schilderung von Diogenes Laertius fast vollständig außen vorgelassen. Dieser fasst zwar zusammen, dass die Kyniker als „Endziel“ ein tugendhaftes Leben hinstellen[4], dieses aber noch nicht im selben Zug das Glück des Menschen impliziert, wie dies erst bei den Stoikern geschehen wird. Die Ähnlichkeit der beiden Schulen hatte aber auch schon Diogenes Laertius im Blick. Auch die Lust hat nach Antisthenes keinen Wert und es wird berichtet, dass er gesagt haben soll, dass er lieber verrückt sein wolle als der Lust zu unterliegen. Diogenes von Sinope baut dies noch weiter aus, indem er postuliert, dass die Feindschaft gegen die Lust selbst die höchste zu erfahrende Lust sei. Trotz aller negativen Forderungen, was man eben nicht tun soll, bleibt der Gehalt der Philosophie der Kyniker auf die Disziplin der Ethik beschränkt; von den Künsten und den anderen Wissenschaften halten sie sich fern. Letztlich bleibt betreffs des Glücks nur ein Ausspruch des Antisthenes, der "auf die Frage, was das Beseligendste unter Menschen sei, sagte […]: 'Im Glück zu sterben.'"[5]. Im Grunde ist also selbst das Glück im Leben unerheblich für die Kyniker, das Einzige was einen Wert hat, ist das tugendhafte Leben, welches sich aber keinesfalls auf den Vortrag oder das Disputieren beschränken darf, sondern ganz gegenteilig nur in der Anwendung, der tugendhaften Tat seinen Sinn erfährt.

Auffällig ist weiterhin die zur Kunstform aufgeworfene Redegewandtheit der Kyniker, die auch Diogenes Laertius zu schätzen weiß, was sich vielleicht am deutlichsten in den Schilderungen des Verkaufs des Diogenes von Sinope aufzeigen lässt. Hierbei ließ er nämlich ausrufen, ob einer dort wäre, der sich einen Herren kaufen wolle, wobei doch er als Sklave verkauft werden sollte. Auf scheinbar jede Frage haben sie eine aphoristische, auf den Punkt gebrachte Antwort, wenn diese auch teilweise etwas morbide und abweisend anmutet. Wie aber bereits dargestellt, ist die kynische Sekte bei Diogenes Laertius eine höchst exklusive, deren sich nur wenige einzelne und speziell geartete Individuen anschließen können. Ihr zynischer Hohn über ihre Mitmenschen scheint sie genau in diesem Status erhalten zu können und sowieso muss ihr extrem eigenartiges Verhalten, ihre fundamentale Antihaltung[6], eine äußerst befremdende Wirkung gehabt haben, gerade in der athenischen Polis, die sich eigentlich an Idealen der Einheit und Gemeinschaft orientierte. Auch der griechische Tugendbegriff der Arete (ἀρετή), lässt sich wohl kaum mit den Vorstellungen der Kynikern decken.

Ebenso ist der Bezug zum eigenen Körper bei Diogenes von Sinope markant und einer Schilderung wert. Die Schulung in der Tugend soll sowohl auf geistiger wie auf körperlicher Ebene stattfinden, allerdings nicht in dem Sinne, dass sich ein Mann durch übermäßigen Putz, hier übernimmt er wiederum den Standpunkt des Antisthenes, zum Weibe macht. Was er mit der „Pflege“ des Körpers meint, erinnert eher an die geflügelten Worte Nietzsches, nämlich dass dies, „was dich nicht umbringt, dich stärker macht“. Sowohl geistige wie auch körperliche Abhärtung ist es also, was Diogenes von Sinope als Essenz der Tugend sieht.

Auch sein Frauenbild ist, um zu untertreiben, etwas eigenartig geraten. So soll er, als er Frauen an einemölbaum aufgehangen sah, geäußert haben, dass doch alle Bäume solche Früchte tragen sollen. "Die stattlichen Hetären verglich er mit einer tödlichen Honigmischung."[7], was unscheinbar die Gefahr im Umgang mit den Frauen darstellen soll. Sowieso solle man sich im Leben entweder mit Verstand oder einer Schlinge ausrüsten, was die antiemotionale Haltung der Kyniker ausdrückt und sich als vielleicht erste Form der stoischen Apathie greifen lässt, denn, wie Diogenes von Sinope sagt, sind es Nichtsnutze, die ihren Begierden dienen und dass der Verzicht auf den Umgang mit den Hetären einen viel größeren Nutzen habe als die Vereinigung mit eben diesen. Eine Ausnahme zu diesem Standpunkt bildet hier sicherlich der Kyniker Krates, wohl ein Schüler des Diogenes von Sinope, der eine Ehe mit seiner philosophischen Anhängerin Hipparchia führte ohne die kynischen Ideale verwerfen zu müssen. Diogenes von Sinope hingegen bezeichnet die Liebe als eine Beschäftigung für Müßiggänger und dagegen die tugendfesten Männer als Ebenbilder der Götter. An dem letzten Punkt erkennt man auch den polytheistischen Glauben der Kyniker und dass der Vorwurf an sie, sie seien ungläubig und spotten den Göttern, nicht gerechtfertigt ist. Diogenes von Sinope weiß auch auf diesen Vorwurf geschickt zu kontern, indem er in einer Frage erwidert, dass er doch gar nicht ungläubig sein könnte, halte er doch sein Gegenüber selbst für einen Feind der Götter. Diogenes Laertius schreibt aber dazu, dass andere Autoren diesen Ausspruch dem Theodoros zuschreiben würden.

Als letzter Punkt sei hier die Identifizierung der Kyniker mit dem Kosmopolit behandelt, als was sich Diogenes von Sinope auch wörtlich selbst bezeichnet. Auch Krates schließt sich diesem an, indem er auf die Frage Alexander des Großen, ob er seine Heimatstadt wieder aufgebaut zu wünschen sieht, entgegnet: „Wozu das? Denn wer weiß, bald wird wieder ein anderer Alexander kommen und sie zerstören.“[8]. Er hingegen sei Mitbürger des Diogenes, sein Vaterland die Ruhmesverachtung und die Armut. Heimatgefühl und Staatszugehörigkeit scheinen den Kynikern also nur Akzidenzen oder um es mit einem stoischen Begriff zu fassen: Adiaphorismen, zu sein, denen an sich kein Wert zukommt. Auch diese Haltung steht der Gesinnung der Bevölkerung eines klassischen Stadtstaates grundlegend entgegen, womit sich die Kyniker aber abzugrenzen, sowie zu immunisieren wissen. Der Gedanke des Kosmopolitismus trägt sich schließlich weiter bis in die jüngere Stoa, also bis zu Marc Aurel.

Zusammenfassen lässt sich die Darstellung der Kyniker bei Diogenes Laertius in den Worten des Diogenes von Sinope, wenn diesem der folgende Ausspruch zugesprochen wird: "Dem Schicksal […] stelle ich den Mut, dem Gesetz die Natur, der Leidenschaft die Vernunft entgegen."[9]. Nach Diogenes Laertius war es bereits Antisthenes, der neben dem Kynismus auch die geistige Grundlage für die Stoa legte. Aus dem oben genannten Zitat lassen sich schließlich auch die Begriffe der Autarkie und der Apathie herauslesen. Von einem philosophischen System kann man hingegen bei Kynikern noch nicht sprechen; formalisiert haben eben diese Ethik erst die Stoiker. Man sollte dabei aber im Hinterkopf behalten, dass auch der Gründer der stoischen Schule, Zenon, bei Krates gehört hatte.

2) Halten wir dieser Darstellung nun im folgenden die Beschreibung des Kynismus bei Epiktet entgegen. Hierbei möchte ich wie folgt vorgehen: Zunächst werde ich den Bezug zur Götterwelt in der Kynismuskonzeption des Epiktet darstellen; anschließend den Umgang mit den Mitmenschen schildern, danach die kynische Ansicht über die Askese, die Freiheit, über die Eudämonie, den Körper, die Lust und die Frau des Epiktet wiedergeben. Im Anschluss daran, werde ich die Meinung des Epiktet mit der Darstellung des Diogenes Laertius vergleichen und Gemeinsamkeiten, vor allem aber die grundlegenden Unterschiede herausstellen.

[...]


[1] Diogenes et al. 2008, S. 290

[2] Diogenes et al. 2008, S. 294

[3] Diogenes et al. 2008, S. 300

[4] Vgl. Diogenes et al. 2008, S. 330

[5] Diogenes et al. 2008, S. 281

[6] Vgl. Diogenes et al. 2008, S. 310

[7] Diogenes et al. 2008, S. 308

[8] Diogenes et al. 2008, S. 324

[9] Diogenes et al. 2008, S. 296

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Kynismus bei Epiktet und Diogenes Laertius. Ein Vergleich
Untertitel
Unter Berücksichtigung der „Diatribe III.22 Vom Kynismus“ und „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, 6. Buch
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Philosophie I)
Veranstaltung
Kynismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V281998
ISBN (eBook)
9783656759188
ISBN (Buch)
9783656759195
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kynismus, Diogenes, Epiktet, Ethik, Capelle, Misanthropie, Ataraxie, Apathie, Autarkie, Stoa, Philanthropie, Areté, Todesethik
Arbeit zitieren
Markus Uehleke (Autor), 2009, Kynismus bei Epiktet und Diogenes Laertius. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281998

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