Derek Jarman lieferte mit seiner Biographie über den italienischen Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio 1986 einen Spielfilm, der heute einerseits als Klassiker über Homosexualität und künstlerisches Vorzeigemodell der britischen Filmgeschichte gilt, aber andererseits wegen seiner Tendenz zur Selbstinszenierung gerügt wird.
Derek Jarman (1942-1994) studierte von 1960 bis 1963 am King's College in London Geschichte, Englisch und Kunstgeschichte. Von 1963 bis 1967 war er an der Slade School of Art, wo er sich mit Malerei, Bühnenbild und auch Film-Design beschäftigte. Mit Ende der 70er Jahre fing er an, auch eigene Filme zu drehen. Jarman war offen homosexuell und beklagte oft, wegen seiner Sexualität und später auch seiner HIV-Infektion als Künstler nicht beachtet und diskriminiert zu werden. 1994 starb er an den Folgen von Aids. In den mehr als 20 Jahren seiner künstlerischen Arbeit entstanden laut Scherer und Vogt mehr als ein Dutzend Langfilme, rund 50 Kurz- und Experimentalfilme, mehrere Bücher und zum Großteil unbekannte Bilder. Themen seiner künstlerischen Arbeit sind die Verbindung von Homosexualität und Kunst, der Film als Prozess statt als Produkt, Improvisation und die Verwendung einer filmischen Traumsprache. Besonders in seinen Filmen spiegelt sich Jarmans Grundsatz, Kunst sei ein untrennbarer Teil des Lebens, wieder (Jarman 1996; Scherer/ Vogt 1996).
Dieser Grundsatz lässt sich auch in seinem Film Caravaggio (1986) finden und eröffnet eine spannende Auseinandersetzung mit Biographik, Film und Kunst. So stellen sich Fragen wie: Wie setzt sich der Spielfilm mit Künstlerbiographie auseinander? Wie setzt der Spielfilm den Künstler und sein Werk ins Bild? Welches Künstlerbild vermittelt der Spielfilm und mit welchen Mitteln? Dabei ist Jarmans Einsatz von Tableaux vivants in Caravaggio besonders auffällig.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlegendes
2.1 Künstlermythen
2.2 Caravaggio: Entstehung einer schwarzen Legende
2.3 Das Tableau vivant
3 Derek Jarmans Caravaggio (1986)
3.1 Jarmans Tableaux vivants
3.2 Christliche Symbolik und kunsthistorische Referenzen
4 Vor-Bild? Nach-Bild?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Spielfilm Caravaggio (1986) von Derek Jarman unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung von Tableaux vivants und deren Funktion für die Darstellung von Künstlerbiographien und Kunstgeschichte im Medium Film. Ziel ist es zu ergründen, wie Jarman durch die Transformation von Gemälden in lebende Filmbilder konventionelle Künstlermythen reflektiert und das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Lebensgeschichte neu auslotet.
- Künstlermythen und die historische Konstruktion der "schwarzen Legende" Caravaggios
- Das Konzept des Tableau vivant und seine filmische Adaption
- Anachronismen und kunsthistorische Referenzen als narrative Mittel in Jarmans Film
- Die Verschmelzung von christlicher Symbolik mit der Identität des Regisseurs
- Der Film als multimedialer Hypertext, der Grenzen zwischen Malerei und Film sprengt
Auszug aus dem Buch
3.1 Jarmans Tableaux vivants
Zum einen zeigt er Caravaggios Arbeitsweise und damit die Bilder im Entstehungsprozess (s. Abb. 1). Besonders das Rätsel der Entstehung des Bildes spielt in der geschichtlichen Überlieferung und der Biographik eine große Rolle, sodass sich dort Motive finden, die versuchen, die Entstehung der Werke durch einen lebensnahen Vergleich zu erfassen und eine unmittelbar Verbindung zwischen Kunstwerk und Künstler herzustellen (Kris/ Kurz 1934). Hier wird ersichtlich, dass sich der biographische Spielfilm auch dieser Motive bedient. Ein solches Vorgehen zeigt ein Alleinstellungsmerkmal des Films, den Zuschauern hautnah das Schaffen des Künstlers vor Augen zu führen und damit einen Anspruch auf Originalität zu erheben: auf die Echtheit der Kunstwerke und damit auch auf die Echtheit der Lebensdarstellung des Künstlers. Diesen Anspruch auf Originalität sabotiert Jarman allerdings, in dem er keine scheinbaren Originalwerke Caravaggios präsentiert, sondern seine Werke zu moderner Malerei entfremdet Damit erhebt Jarman nicht den Anspruch, die einzig wahre Geschichte Caravaggios zu erzählen, sondern macht deutlich, dass es sich bei diesem Film um Jarmans eigene Interpretation Caravaggios handelt.
Gleichzeitig orientiert sich Jarman damit aber auch an Caravaggios Arbeit, der selbst die Figuren seiner Werke in seine eigene Zeit versetzte, indem er sie beispielsweise mit zeitgenössischer Kleidung versah (Jarman 1986; Jarman 1996; Scherer/ Vogt 1996).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt Derek Jarmans Film Caravaggio vor, verortet ihn im Kontext der Künstlerbiographik und beschreibt die zentrale Fragestellung bezüglich der filmischen Inszenierung von Kunst und Leben.
2 Grundlegendes: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen zu Künstlermythen, die Entstehung der "schwarzen Legende" um Caravaggio und definiert das mediale Konzept des Tableau vivant.
3 Derek Jarmans Caravaggio (1986): Dieses Kapitel analysiert Jarmans spezifische Herangehensweise an die Biographie, seine Nutzung von Tableaux vivants und die Einbettung christlicher Symbole in eine moderne, anachronistische Bildsprache.
4 Vor-Bild? Nach-Bild?: Das abschließende Kapitel diskutiert die gewonnenen Erkenntnisse und beschreibt, wie Jarman durch die Verdopplung von Referenzen den Film als multimedialen Hypertext etabliert, der unsere Wahrnehmung von Kunst und Film nachhaltig verändert.
Schlüsselwörter
Derek Jarman, Caravaggio, Tableau vivant, Künstlerbiographie, Filmgeschichte, Künstlermythen, schwarze Legende, christliche Symbolik, Anachronismus, filmischer Intertext, Malerei, Bildwissen, visuelle Inszenierung, Kunstdiskurs, mediale Transformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Spielfilm Caravaggio (1986) des Regisseurs Derek Jarman und analysiert, wie dieser Filmemacher die Biografie des historischen Malers nutzt, um eine eigene künstlerische Vision zu erschaffen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die zentralen Felder sind die Verbindung von Film und bildender Kunst, die Rolle von Künstlermythen, die Bedeutung von Tableaux vivants im Film sowie die Art und Weise, wie historische Stoffe in einen modernen Kontext überführt werden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie ein Spielfilm mit Künstlerbiografien umgeht und durch welche filmischen Mittel – insbesondere durch den Einsatz von Tableaux vivants – eine Verbindung zwischen dem Werk des Künstlers und seinem Leben hergestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine film- und kunstwissenschaftliche Analyse angewandt, die den Film in den Kontext der Biografieforschung und der kunsthistorischen Rezeption Caravaggios stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Künstlermythen und der Definition des Tableau vivant sowie eine detaillierte Analyse der Filmszenen, die Caravaggios Gemälde durch lebende Bilder und anachronistische Elemente neu interpretieren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Tableau vivant, Künstlermythos, Anachronismus, Filmästhetik, Caravaggio, Derek Jarman und filmischer Hypertext beschreiben.
Inwiefern spielt die Sexualität Caravaggios eine Rolle in Jarmans Film?
Jarman nutzt die homosexuelle Identität Caravaggios, um ihn als Außenseiter und "Outlaw" zu stilisieren, was eine starke Parallele zu Jarmans eigener künstlerischer und persönlicher Haltung darstellt.
Warum nutzt Jarman Anachronismen wie Schreibmaschinen oder Motorräder?
Durch diese bewussten Stilbrüche erzeugt Jarman eine Spannung zwischen historischem Stoff und moderner Lebenswelt, die das Publikum dazu anregt, über die Zeitlosigkeit von künstlerischem Schaffen nachzudenken.
- Citar trabajo
- Veronika Mayer (Autor), 2011, "Caravaggio" von Derek Jarman. Der Künstler im Tableau vivant, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282126