Soziale Arbeit: Geschichte und Herausforderungen


Akademische Arbeit, 2006
40 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Geschichte und Gegenwart der Sozialen Arbeit
1.1 Inhalte und Funktion der Sozialen Arbeit
1.2 Gesellschaftlicher Auftrag der Sozialen Arbeit

2 Professionalisierungsdebatte und Diskurs um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft
2.1 Soziale Arbeit als Profession
2.2 Bestrebungen um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft

3 Herausforderungen für die Soziale Arbeit

4 Soziale Arbeit als personenbezogene professionelle Dienstleistung

5 Veränderte gesellschaftliche, sozialpolitische und gesetzliche Rahmenbedingungen

Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Literatur)

1 Geschichte und Gegenwart der Sozialen Arbeit

In der gegenwärtigen Literatur werden die Termini Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Soziale Arbeit teilweise als Synonyme verwendet, als auch als unterschiedliche Richtungen verstanden (vgl. MERTON 1998, S. 17 ff.)

In der folgenden Arbeit werden unter dem Oberbegriff „Soziale Arbeit“ sowohl die Inhalte der Synonyme Sozialarbeit als auch Sozialpädagogik zusammengefasst. Da hier für den untersuchten Gegenstand eine Differenzierung irrelevant ist und die Lesbarkeit unnötig behindert

Während die Vertreter des Differenzansatzes von der Unterschiedlichkeit der Begriffe Sozialarbeit und Sozialpädagogik ausgehen (vgl. MERTON 1996, S. 17 f.) wird im Identitätsansatz der Standpunkt vertreten, dass trotz unterschiedlicher historischer Entwicklung eine aktuelle Unterscheidung zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht standhalten würde (vgl. MERTON 1996, S. 20).

Gemäß des Subsumptionsansatzes stellen Sozialarbeit und Sozialpädagogik Teilbereiche von Sozialer Arbeit dar. Nach Ansicht der Anhänger der Konvergenztheori e findet jedoch lediglich eine Annäherung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik statt (vgl. MÜHLUM 2001, S. 232).

Die Begrifflichkeiten Sozialarbeit und Sozialpädagogik haben gemeinsame historische Wurzeln, jedoch unterschiedliche Herkunftsstränge. Entwickelte sich die Sozialpädagogik einerseits aus der geisteswissenschaftlichen Pädagogik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so liegen die Ursprünge der Sozialarbeit hauptsächlich in der bürgerlichen Frauenbewegung derselben Zeit. Beide Bereiche fanden ihre historische Verknüpfung in der sozialpolitischen Entwicklung der Fürsorge des 19. und 20. Jahrhunderts.

In Deutschland entwickelte sich das so genannte „Armenwesen“ durch die staatliche Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts bis 1914 zur sozialen Fürsorge in ausgewählten Arbeitsbereichen wie z. B. Armenspeisung, Wohnungswesen, Gesundheitswesen, Erziehung als öffentliche Aufgabe, Zwangs- und Fürsorgeerziehung, Durchsetzung des Arbeitszwangs, Bekämpfung von Bettelei und Vagabundage sowie „Unterdrückung der Volksmehrung zur Jugendpflege“.

Zwischen dem 1. Weltkrieg und dem Ende der Weimarer Republik durchlief die Fürsorge einen Funktionswandel. Der in der Weimarer Republik konstituierte Wohlfahrtsstaat führte zunächst unter dem Druck der Inflationskrise (1918 - 1924) zu einer Expansion der Fürsorge. Diese Ausbauperiode währte jedoch nur kurz (1924 - 1928) und offenbarte eine erhebliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Fürsorge.

Mit der Weltwirtschaftskrise (1929 - 1932) setzt die Demontage des Wohlfahrtsstaates und damit zunächst die Stagnation in der Entwicklung der Sozialen Arbeit Deutschlands ein.

Im Dritten Reich durchläuft die öffentliche Fürsorge, wie viele andere Bereiche eine Gleichschaltung mit dem nationalsozialistischen System. Die Fürsorge wurde für die nationalsozialistischen Ziele in Dienst genommen und betätigte sich als unrühmliche Erfüllungsgehilfin der Nationalen Volkswohlfahrt (NSV), indem sie sich funktionalisierend an der Volksgesundheitsideologie, der Erb- und Rassenpflege sowie den damit einher gehenden Mechanismus des Aussonderns, Ausgrenzens und Ausmerzens zur Verfügung stellte. „Sozialarbeit degenerierte zur unreflektierten Umsetzung nationalsozialistischen Gedankengutes und verlor die gerade in Ansätzen gewonnene Identität wieder.“ (STEINHOFF 1995, S. 37)

Nach der Kapitulation setzten die Alliierten 1947 die im Dritten Reich ausgesetzte Sozialgesetzgebung, inklusive einer Fürsorgerechtsvereinbarung, erneut in Kraft.

Dies war der Start eines Neubeginns der Fürsorge in Deutschland, die in der Folge durch verschiedene Einflüsse vor allem aus Amerika und anderen europäischen Wirtschaftsnationen beeinflusst wurde. Etwa 1960 differenzierte man deutlich zunehmend wieder zwischen den Bereichen Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Seit diesem Zeitpunkt spricht man in der einschlägigen Literatur von Sozialarbeit primär als verwaltungsmäßigen Gesetzesvollzug und von Sozialpädagogik als vorrangig erzieherische Betreuung. Mit Inkrafttreten des BSHG und Jugendwohlfahrtsgesetzes 1962 waren die bis heute bekannte Sozialarbeit und Sozialpädagogik mit allen wesentlichen Merkmalen aktuell herausgearbeitet (vgl. LANDWEHR/BARON 1983, S. 73 ff.).

Eine den aktuellen Diskussionsstand gut beschreibende Darstellung des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit liefert ERLER mit der folgenden Definition: „Soziale Arbeit ist ein sozialwissenschaftliches und praktisch-pädagogisches Instrument moderner Gesellschaften und damit Teil deren sozial-politisch-administrativen Handlungsapparats. Soziale Arbeit zielt dabei auf spezifische Problem- und Mangellagen von Personen, die weder durch die vorherrschende Art und Weise des Güter-, Arbeits- und Dienstleistungsmarktes ausgeglichen werden, noch von familiären oder ähnlichen privaten Formen.“ (ERLER, 2000, S. 13)

Aus dieser Definition wird deutlich, dass Soziale Arbeit ein Teil moderner Gesellschaften ist und sich an den vorgegebenen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen orientiert, bzw. dass ihr eine politische Dimension zukommt.

Analog auch das Verständnis von THIERSCH bezüglich der Beziehung von Staat und Sozialer Arbeit: „Dieser unserer Sozialstaat braucht Soziale Arbeit als Repräsentant sozialer Gerechtigkeit und umgekehrt braucht diese Soziale Arbeit den Staat, damit sie den Auftrag zur und die Rückdeckung in der Arbeit hat“ (THIERSCH 1999, S. 45).

Gerade in globalisierten und sich immer stärker ausdifferenzierenden Gesellschaften nimmt die Vielfalt der Risiken zu und Paradoxien werden schwerer lösbar. Resultierend übernehmen moderne Staaten, um ihre Existenz zu sichern, die Verpflichtung, Risiken der Bevölkerung abzusichern und so Exklusion zu vermeiden, andererseits beruht aber deren Entwicklung gerade auf einer Spezialisierung ihrer Teilbereiche, die Exklusion fördert. Dieser „Exklusionsdrift“ führe dazu, dass letztendlich kein anderes Funktionssystem als die Soziale Arbeit Betroffenen stellvertretend die Kommunikationsmöglichkeiten bieten kann, welche durch den Prozess der Exklusion verloren gegangen sind (vgl. KLEVE 1997 S. 49 ff.). Gleichzeitig stellt der Umgang mit der Begrenztheit von Ressourcen die Praxis Sozialer Arbeit vor neue Herausforderungen. Zunehmend muss Soziale Arbeit als professionelle Hilfe mit ehrenamtlichem Engagement, Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen konkurrieren und ihre fachlichen Kompetenzen und die Vorteile und Notwendigkeit einer professionellen Sozialen Arbeit darstellen

1.1 Inhalte und Funktion der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit ist nach MÜHLUM zwischen den zentralen Funktionsbereichen des sozialen Sicherungssystems, nämlich dem Gesundheits-, Erziehungs- und Sanktionssystem verortet (vgl. MÜHLUM 1994, S. 51 f.). Sie bearbeitet, indem sie in den Handlungsfeldern „Sozialhilfe und Altenhilfe“, „Gesundheitshilfe und Rehabilitation“, „Jugendhilfe und Familienhilfe“ sowie „Straffälligenhilfe und Resozialisation“ tätig wird, ein intermediäres Aufgabenfeld an den Schnittstellen der folgenden Inhalts- bzw. Funktionsbereiche:

- Spezifische Steuerung von Sozialisationsprozessen
- Gesellschaftliche Reaktion bei den sich wandelnden Gegebenheiten
- Verwirklichung sozialer Aufgaben und zwischenmenschlicher Hilfe
- Menschliches Verhalten in der Umwelt
- Prozesse kommunikativer Sinnstiftung
- Vergesellschaftung der generativen Wiederherstellung menschlichen Arbeitsvermögens und der intergenerativen Sicherung und Erziehung der Nachkommenschaft
- Der Mensch, der auf die Solidarität angewiesen ist
- Spezifische Missstände und Beeinträchtigungen
- Soziale Probleme im engeren und weiteren Sinne sowie reflexive und tätige Antworten darauf (vgl. PUHL et al 1996, S. 170)

Dabei lassen sich mit der Raum- und Zeit-/Problemstruktur verschiedene Interventionsebenen von Sozialer Arbeit unterscheiden:

Raumstruktur:

- Mikrosozial (Person und Interaktion, individueller Fallbezug)
- Mesosozial (Gruppen und Institutionen im Gemeinwesen)
- Makrosozial (Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftlicher Wandel)

Zeit- und Problemstruktur:

- Prävention
- Intervention (bei akuten Problemen)
- Rehabilitation/Resozialisierung (bei längerfristigen Problemen)
- Begleitung/Versorgung (bei dauerhaften Problemen)

Nach MÜHLUM übernimmt Soziale Arbeit also über den konkret individuellen Fallbezug hinausgehend, vielmehr sozialräumliche, organisatorische und politische Aufgaben (vgl. MÜHLUM 1994, S. 54 ff.).

Dieses Verständnis von Sozialer Arbeit wird auch bei THIERSCH deutlich: „Soziale Arbeit verstehe ich als eine der Formen der Repräsentation sozialer Gerechtigkeit, als eine Repräsentation sozialer Gerechtigkeit mit spezifischen Aufgaben, also den Aufgaben einer Arbeit an gelingenderen Mustern von Alltagskompetenz und Lebensbewältigung, einer Arbeit im Medium vornehmlich von Interaktion, Kommunikation, und Management zur Organisation von Verhältnissen, einer Arbeit, die das Ziel hat, im Zeichen von sozialer Gerechtigkeit Ressourcen zu erschließen zur Hilfe zur Selbsthilfe, zum … Empowerment zu … Fähigkeiten und Verhältnissen, in denen Menschen sich als Subjekt ihres Lebens erfahren können.“ (THIERSCH 1999, S. 44 f.)

1.2 Gesellschaftlicher Auftrag der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit als institutionalisierte Hilfe und Unterstützung ist nicht autonom in ihrem Handeln. Sie kann nur dann umfassend erfasst und verstanden werden, wenn sie in der Wechselwirkung von individuellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bezügen wahrgenommen wird. Ihr Gestaltungsauftrag resultiert unter anderem aus dem Sozialstaatsgebot und der damit verbundenen Aufforderung zur Einmischung. Sie hat die Interessenvertretung ihrer Klienten bzw. deren Situation wahrzunehmen, worin zugleich auch ihre ethische Dimension (Prinzipien, Grundwerte) deutlich wird. Ihr sozialarbeiterischer Handlungsauftrag ist stets Ergebnis politischer Willens- und Entscheidungsprozesse, wobei sie über gewisse Ermessensspielräume in der Fallarbeit verfügt, so dass von einer Politikimmanenz (vgl. MÜLLER et al 1981) sozialarbeiterischen Handelns gesprochen werden kann.

Insbesondere wegen der sich gewandelten Rahmenbedingungen in Politik, Gesellschaft und Ökonomie kommt der Sozialen Arbeit über ihre mediatorische (vermittelnde), kompensatorische (ausgleichende), protektive (schützende) und motivatorische (verhaltensbeeinflussende) Funktion (vgl. LÜSSI 1995, S. 119 ff.) hinausgehend die Rolle politischer Anwaltschaft zu, die an dieser Stelle überblicksartig zusammengefasst werden sollen:

Aufklärungsfunktion:

- Einblicke in prekäre Lebenssituationen geben
- Handlungs- und Reformbedarf signalisieren
- Sicherung der aufgeklärten Beteiligung der Öffentlichkeit
- Skandalierung

Politikberatende Funktion:

- Erarbeitung von Problemlösungsvorschlägen
- Konzepte, Modellprojekte

Evaluationsfunktion:

- Nahtstelle politischer Implementation von Gesetzen etc.
- Dokumentation von Unzulänglichkeiten, Nebenfolgen, Ineffizienzen

Aktivierende Funktion:

- Sicherung von Partizipation
- Empowerment (vgl. Soziale Arbeit ein politisches Mandat)

2 Professionalisierungsdebatte und Diskurs um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft

Seit Ende der 60er Jahre gibt es eine anhaltende Debatte über die Professionalisierung Sozialer Arbeit, wobei unter Professionalisierung ein Vorgang bezeichnet wird, „in dem Berufsgruppen sich an Merkmale derjenigen Berufe annähern, die im amerikanischen und englischen Sprachgebrauch ´professions´ genannt werden. Diese haben sich zum Teil in der Vergangenheit durch ein besonders hohes Maß an Ausbildungshöhe, Ansehen und Einfluss ausgezeichnet“ (OTTO/UTERMANN 1971, S. 14).

Aktuell lassen sich zwei unterschiedliche Richtungen differenzieren, die sich gegenseitig bedingen. Einerseits wird eine Professionswerdung der Sozialen Arbeit gefordert, andererseits beziehen sich die Bestrebungen auf eine Anerkennung als eigenständige Sozialarbeitswissenschaft. Nach Professionskriterien aus indikationstheoretischer Sicht „ ... ist die wissenschaftliche Ausbildung und damit eine eigenständige Disziplin eine unverzichtbare Voraussetzung professioneller Anerkennung. Umgekehrt haben Wissenschaftsdisziplinen – jedenfalls solche vom Status einer Handlungswissenschaft – ausnahmslos eine Profession als Praxisäquivalent“ (PFAFFENBERGER 2004, S. 241).

In diesem Zusammenhang verweist MERTON auf die Notwendigkeit einer präzisen analytischen Unterscheidung zwischen Profession und Disziplin.

Disziplin ist einerseits das in lehrbare Form gebrachte Wissen, andererseits ein Sozialsystem, das heißt die Kommunikationsgemeinschaft von Spezialisten, die auf die gemeinsame disziplin-konstituierende Problemstellung verpflichtet sind (vgl. STICHWEH 1994, S. 281).

Professionen hingegen sind keine Wissenssysteme sondern Handlungssysteme (vgl. STICHWEH 1994, S. 368), die systemtheoretisch auf Kommunikationen im Verhältnis der System-Umwelt-Differenz abstellen und sich am Referenzkriterium „Wirksamkeit“ orientieren (vgl. MERTON 1996, S. 85), um die es in der Praxis Sozialer Arbeit gehen muss.

2.1 Soziale Arbeit als Profession

Die wesentlichen idealtypischen Merkmale, die eine Profession von einem Beruf unterscheiden und bereits in der Professionalisierungsdebatte der 60er Jahre herausgearbeitet und auf die Soziale Arbeit untersuchend angewendet wurden, sind:

- eine theoretisch fundierte Spezialausbildung als Voraussetzung und Grundlage, die einen Expertenstatus verleiht,
- die Verpflichtung der Professionsangehörigen auf einen bestimmten ethischen Berufskodex (code of ethics, code of conduct),
- die Organisation der Berufsangehörigen in einem Berufsverband, der Prüfungen und Berufszugänge maßgeblich (mit-)bestimmt und kontrolliert,
- die Ausübung der Berufstätigkeit im Dienste der Öffentlichkeit und des Gemeinwohls,
- die Verfügungsgewalt der Professionsangehörigen über gewisse Entscheidungskompetenzen und die Zuschreibung von Prestige und Fachautorität,
- die Verfügung über ein in der Regel überdurchschnittliches Einkommen (vgl. OTTO/UTERMANN 1971, S. 17).

Beruhend auf den herausgearbeiteten Merkmalen der klassischen Profession wurde in den 70er und 80er Jahren in Fachkreisen die Debatte darüber geführt, ob die Soziale Arbeit eine Profession sei, wobei ein Vergleich zeigt, dass die Soziale Arbeit nicht alle Merkmale einer klassischen Profession erfüllt. So wurde innerhalb der Diskussion darauf hingewiesen, dass die Soziale Arbeit zwar über einen Berufskodex verfügt, dieser aber nicht einklagbar und für die Berufsangehörigen verbindlich wäre. Ebenso gilt die Soziale Arbeit als abhängig von politischen Aufgaben- und Ressourcenzuweisungen und rechtlichen Vorgaben, die gesellschaftliche Zwecksetzungen des Helfens festlegen. Darüber hinaus bezieht sich Soziale Arbeit auf heterogene Bezugswissenschaften1 und hat erst ansatzweise eine einheitliche Grundlage ihres wissenschaftlichen Wissens entwickelt. Gleichzeitig verfügt sie nicht über jenes hohe Sozialprestige, welches den klassischen Professionen (z. B. Medizin, Jura) zugestanden wird.

Soziale Arbeit ist ein Beruf in einem komplexen und sehr heterogenen sozialen Arbeitsfeld, der auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen unterschiedlichster Bezugsdisziplinen beruht. Berufsangehörige handeln auf der Basis einer ausgewiesenen Fachlichkeit, die es aktuell allerdings nicht nur gilt zu behaupten, sondern die auch im beruflichen Alltag nachzuweisen ist. Dies erfordert neben methodischen Kompetenzen im Bereich der Evaluation eine Verständigung über gegebene und zu erreichende Qualitätsstandards der fachlichen Arbeit (vgl. SCHERR 2001, S. 24 ff.).

2.2 Bestrebungen um eine eigenständige Sozialarbeitswissenschaft

MÜHLUM begründet die Forderung nach einer eigenständigen Sozialarbeitswissenschaft folgendermaßen: „Sozialarbeit braucht auch hierzulande die volle wissenschaftliche Anerkennung, wenn sie die ihr zugedachte Rolle der Problembewältigung und Problemsteuerung unter den Bedingungen einer postindustriellen Gesellschaft ausfüllen soll.“ (MÜHLUM 2001, S. 239). Ähnlich plädiert auch SCHWARZE mit dem Argument, dass das Wissen der Bezugswissenschaften zwar relevant ist, allerdings nicht ausreichend ist, da es unter dem Fokus der jeweiligen Wissenschaft steht und die Belange Sozialer Arbeit nur unzureichend berücksichtigt. Vielmehr ist es wichtig, eine singuläre Wissenschaft als Grundlage von Entscheidungen zu entwickeln und mit anderen Disziplinen in einen selbstbewussten Austausch zu treten (vgl. SCHWARZE 2002, S. 71 f.).

3 Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Knapper werdende finanzielle Mittel zwingen zu einem Überdenken der fachlichen Angebote und der organisatorischen Strukturen. Soziale Arbeit gerät durch die Geldgeber und Öffentlichkeit unter einen verstärkten Legitimationsdruck bezüglich ihrer Wirkungsweise und Notwendigkeit. Träger und Einrichtungen Sozialer Arbeit sind gefordert, mit knapper werdenden Mitteln ihre Leistungen immer effektiver erbringen zu müssen. Dieser sich gegenwärtig vollziehenden Ökonomisierung der Gesellschaft und den damit verbundenen wirtschaftlichen Erfordernissen kann sich die Soziale Arbeit nicht entziehen. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, eine starke Fachlichkeit entgegensetzen zu können, um nicht von den betriebswirtschaftlichen Belangen, auf der Grundlage politischer Entscheidungen oder falsch geführter Kosten-Argumente, überfahren zu werden und wie in vielen Bereichen als Opfer der Sparzwänge und Kürzungen das Feld räumen zu müssen. Soziale Arbeit muss sich gesellschaftlich durch ihren Stand als Profession und eigenständige Wissenschaft behaupten, wenn sie die ihr zukommende Funktion politischer Anwaltschaft erfolgreich wahrnehmen möchte. Dazu ist es wichtig, dass sie sich deutlich macht, was sie wirklich leisten kann, wo ihre Grenzen der Wirksamkeit liegen und zugleich die Fähigkeit erlangt, ihre gesellschaftsstabilisierende Funktion mit wissenschaftlich abgesicherten Methoden nachweisen zu können.

„Für die Soziale Arbeit bzw. die sozialen Dienste und Einrichtungen ist der Aufbau einer „humanwirtschaftlichen“ Position wichtig, welche vertritt, wie auf der Innenseite des Austausches von Gütern und Geld von Menschen gewirtschaftet wird, und was sie dabei individuell und gesellschaftlich erstreben und erreichen (können).“ (WENDT 2000, S. 59)

In der ökonomischen Darlegung ihrer Wohlfahrtsproduktion liegt eine mögliche Gegenstrategie zu einer fremdbestimmten Ökonomisierung, bei der die Soziale Arbeit zunehmend entmündigt wird. Gleichzeitig ist die Ökonomik Sozialer Arbeit auch für die gegenwärtig geführte Professionalisierungsdebatte von Bedeutung, indem sie zur wissenschafts-theoretischen Fundierung der Sozialen Arbeit beiträgt. Nur mit dem Verständnis wirtschaftspolitischer Zusammenhänge und der Kenntnis über Grundlagen wirtschaftlichen Denkens und unternehmerischen Handelns wird es der Sozialen Arbeit gelingen können, ihrem sozialen Auftrag gerecht zu werden, ihren gesamtgesellschaftlichen Nutzen nachvollziehbar darzustellen, ihren Anspruch auf Teile des Sozialproduktes ökonomisch zu legitimieren und Einsparungen vor dem Hintergrund falsch geführter Kosten-Argumente aufzudecken, welche zugleich Grundbedingungen für die Herausbildung einer professionellen Identität bzw. einer eigenständigen Sozialarbeitswissenschaft darstellen.

Denn gerade das gegenwärtig geringe gesellschaftliche Interesse an der Etablierung einer Sozialarbeitswissenschaft lässt sich gemäß ENGELKE damit begründen, dass diese Disziplin nach Macht, Besitz und Privilegien und somit nach der sozialen Wirklichkeit einer Gesellschaft, konkret nach der Verteilung von sozioökonomischen Ressourcen fragt (vgl. ENGELKE 1996, S. 67 f.).

[...]


1 Zu den Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit zählen u. a.: Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Geschichte, Ökonomie, Soziologie, Ethik, Recht, Pädagogik, Psychologie, Medizin, Biologie (vgl. ENGELKE 2003, S. 337).

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit: Geschichte und Herausforderungen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V282264
ISBN (eBook)
9783656765936
ISBN (Buch)
9783668139404
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Überblick, Geschichte, Gegenwart, aktuell, Herausforderungen, Rahmenbedingungen, Sozialarbeit, Professionalisierung
Arbeit zitieren
Klaus Bäcker (Autor), 2006, Soziale Arbeit: Geschichte und Herausforderungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282264

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Arbeit: Geschichte und Herausforderungen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden