Im Kontext einer Globalisierung, die sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene einen Einfluss auf die strukturelle Entwicklung von Beziehungen übt, hat der Erwerb von ‚Interkultureller Kompetenz‘ in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten eine besondere Bedeutung erfahren. Dieser wird inzwischen der Rang einer allgemeinen Schlüsselkompetenz zugesprochen. Ebenso vielfältig und uneinheitlich wie sich die Landschaft der Erwachsenenbildung und Bildungsträger in verschiedenen Staaten gestaltet, verhält es sich mit der Vielfalt des Umgangs mit dem Bedürfnis nach der Steigerung der eigenen interkulturellen Kompetenz. Hier zeigt sich deutlich die Schwierigkeit des internationalen Vergleichs. Vorausgehend soll ein grober Überblick der Diskussion um den wissenschaftlichen Umgang mit interkultureller Bildung und Pädagogik dazu dienen, einen differenzierten Blick auf die Thematik zu entwickeln. Sowohl der wissenschaftliche Blick auf das Zusammenleben verschiedener Kulturen als auch die öffentliche Diskussion unterliegt einem ständigen Wandel bzw. einer ständigen Weiterentwicklung. Diese soll in der vorliegenden Arbeit zunächst im Ansatz bezüglich des Diskurses in Deutschland sowie international nachvollzogen werden. Ergänzt wird dies durch eine kritische Diskussion der Begrifflichkeit und des Themenkomplexes ‚Kultur‘. Schließlich soll ein Einblick in die Thematik ‚Interkulturelle Kompetenz‘ helfen, die sehr verschiedenen Ansätze und Herangehensweisen in Deutschland (stellvertretend für die mitteleuropäischen Staaten) und Indien, welche im zweiten Teil der Arbeit beleuchtet werden, besser einordnen zu können. Schließlich soll versucht werden die beiden Herangehensweisen anhand von Richtlinien, die vom Rat der Europäischen Union verabschiedet wurden, zu vergleichen.
Inhaltsverzeichnis
I. Von der Schwierigkeit eines internationalen Vergleichs von Strategien für den Erwerb ‚Interkultureller Kompetenz‘
II. Der pädagogische Kontext - die Interkulturelle Pädagogik und ihre Weiterentwicklung
1. Die Problematik um den Begriff Kultur
2. Die ‚Interkulturelle Kompetenz‘ – ein umstrittenes Feld
III. Internationaler Vergleich der Herangehensweise an den Erwerb ‚Interkultureller Kompetenz‘
1. Die Debatte um ‚Interkulturelle Kompetenz‘ in Mitteleuropa. Das Beispiel Deutschland
2. Die indische Sicht auf ‚Interkulturelle Kompetenz‘
3. Verschiedene Herangehensweisen. Ein Abgleich
IV. Fazit
V. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und praktischen Herangehensweisen an den Erwerb interkultureller Kompetenz im internationalen Vergleich. Das primäre Ziel ist es, die stark differenzierte mitteleuropäische Debatte, insbesondere am Beispiel Deutschlands, mit einer ganzheitlich geprägten indischen Perspektive zu konfrontieren und deren unterschiedliche Zielsetzungen kritisch einzuordnen.
- Kritische Analyse des Kulturbegriffs und dessen Instrumentalisierung
- Diskurs um die Definition und Einordnung interkultureller Kompetenz
- Gegenüberstellung deutscher bzw. mitteleuropäischer Konzepte mit indischen Ansätzen
- Vergleich der Praxisausrichtung anhand offizieller Richtlinien und gesellschaftlicher Realität
- Reflexion über die Ökonomisierung und den Bildungsmarkt für interkulturelle Trainings
Auszug aus dem Buch
II.1 Die Problematik um den Begriff Kultur
Kultur ist schon jeher ein unklarer und schwammiger Begriff, da er im Laufe seiner Geschichte immer wieder von verschiedenen Seiten zur Bestimmung unterschiedlichster Phänomene herangezogen wurde. Selbst wenn man sich auf den Zusammenschluss von Menschen zu einer Kultur und somit auf „die Gesamtheit der kollektiven Deutungsmuster einer Lebenswelt“ beschränkt, wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen selbstgewählten Zustand, sondern um eine Zuschreibung und eine Konstruktion handelt. Wenn nun von Kultur und vor allem von kultureller Differenz die Sprache ist, muss beachtet werden, dass pädagogische Ansätze, die mit einem naiven Verständnis von ‚kultureller Differenz‘ operieren, zunächst als machtvolle Praxen verstanden werden müssen, die die Handlungs- und Selbstverständnismöglichkeiten von Menschen einschränken. Mecheril et al. (2010) bezeichnen diese Einschränkung durch den Gebrauch des Kulturbegriffs als „Kulturalisierung“.
Wolfgang Welschs (2000) Kritik am klassischen Kulturbegriff bezieht sich auf dessen behauptete Homogenität und Einheitlichkeit, die ‚völkische‘ Fundierung von Kultur sowie die begriffsarchitektonisch für den Erhalt der Einheit der (eigenen) Kultur erforderliche Imagination des Außen und des Fremden, welcher eine Einteilung von eigen und fremd zugrunde liegt. In diesem Fall dient die ‚kulturelle Differenz‘ als Unterscheidungskriterium zwischen wir und den kulturell Differenten (die Anderen). Dabei kann es zur Etablierung und Legitimierung asymmetrischer Machtverhältnisse zwischen Mehrheiten und Minderheiten kommen. So findet bei der Betrachtung von Kultur häufig eine Beschränkung auf einen nationalen oder ethnischen Aspekt statt. Hierbei besteht die Gefahr der Entwicklung von Nationalisierungs- bzw. Rassismustendenzen. So bemerken Mecheril et al. (2010): „Sobald Kultur als unveränderliche, wesenhafte Eigenschaft von Menschen und im Zusammenhang größerer sozialer Einheiten(..) gedacht wird, liegt der Rede und dem Gebrauch von „Kultur“ ein Verständnis zugrunde, das äquivalent zu Rassekonstruktionen ist.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Von der Schwierigkeit eines internationalen Vergleichs von Strategien für den Erwerb ‚Interkultureller Kompetenz‘: Einführung in die wachsende Bedeutung interkultureller Schlüsselkompetenzen und die methodische Herausforderung, diese im globalen Kontext aufgrund ungleicher Bildungslandschaften zu vergleichen.
II. Der pädagogische Kontext - die Interkulturelle Pädagogik und ihre Weiterentwicklung: Beleuchtung der historischen Entwicklung der Interkulturellen Pädagogik als Reaktion auf Migrationsbewegungen und kritische Reflexion der Begrifflichkeiten „Kultur“ und „Interkulturelle Kompetenz“.
III. Internationaler Vergleich der Herangehensweise an den Erwerb ‚Interkultureller Kompetenz‘: Detaillierte Gegenüberstellung der theoretisch ausdifferenzierten mitteleuropäischen Debatte mit dem ganzheitlich-traditionell geprägten Modell in Indien.
IV. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass die mitteleuropäischen Konzepte stark von einer ökonomisierten Trainingslogik geprägt sind, während die indische Sichtweise eine natürlichere, lebensweltliche Integration aufzeigt, von der der „westliche Kontext“ profitieren könnte.
V. Literatur: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Internetpublikationen.
Schlüsselwörter
Interkulturelle Kompetenz, Kulturalisierung, Interkulturelle Pädagogik, Migrationspädagogik, Globalisierung, Kulturverständnis, Sozialtheorie, Indische Philosophie, Bildungsreform, Identitätsbildung, Differenzverhältnisse, Schlüsselkompetenz, TOPOI-Modell, Machtverhältnisse, Erwachsenenbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene Bildungssysteme und gesellschaftliche Kontexte den Erwerb „interkultureller Kompetenz“ definieren und fördern, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Vergleich zwischen Deutschland und Indien liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die erziehungswissenschaftliche Debatte um den Kulturbegriff, die Kritik an einer instrumentellen Kulturalisierung sowie die Einordnung interkultureller Bildung in globale Migrationsgesellschaften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die mitteleuropäische, oft akademisch und ökonomisch geprägte Herangehensweise an interkulturelle Kompetenz mit der indischen, ganzheitlich-religiösen Perspektive zu konfrontieren, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein theoretisch-vergleichender Ansatz gewählt, der Literaturanalysen sowie die Auseinandersetzung mit offiziellen Richtlinien (z. B. vom Europarat) mit qualitativen Fallbeispielen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die kritische Diskussion pädagogischer Ansätze, die Analyse der spezifisch deutschen Debatte sowie die Darstellung des indischen Modells und dessen Abgleich mit europäischen Standards.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Interkulturelle Kompetenz, Kulturalisierung, Migrationspädagogik und die soziokulturelle Differenz.
Inwiefern unterscheidet sich das indische Verständnis von dem deutschen?
Während in Deutschland Kompetenz oft als ein durch spezifische Trainings erlernbares, ökonomisch verwertbares Skillset betrachtet wird, ist es in Indien tief in einer traditionellen Lebensweise und einem ganzheitlichen Weltbild verankert.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Europarats?
Die Autorin sieht die Anforderungen des Europarats als detailliert und ausdifferenziert an, kritisiert jedoch, dass diese eher einem unerreichbaren Leitbild entsprechen und weit von der Lebensrealität des Einzelnen entfernt sind.
- Arbeit zitieren
- Lilian Leopold (Autor:in), 2013, Der Erwerb "interkultureller Kompetenzen" im internationalen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282346