Die Augen bilden das Leitmotiv von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und werden „unter den Händen des Ich-Erzählers […] zum eigentlichen Subjekt der Erzählung, das für jede Handlungssequenz die Regie übernimmt.“ Mit ihnen spannt sich die Erzählung auf; von den „hellen Augen“ Claras bis zu Nathanaels „rollenden“ wird die Sandmann-Erzählung durch alltägliche und verfremdete Blicke, durch Perspektive und Brillen und durch projizierte Illusionen auf ihren Grundkonflikt gebracht, in dem das „ambivalente Verhältnis von imaginativ-phantastischer und alltäglicher Welt“ steht. Die Augen sind „Spiegel der inneren Welt“, ihr Verlust bedeutet Identitätsverlust, ihre Erhaltung Selbsterhaltung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich Nathanael, dessen „verzweifelter Kampf um Selbstbestimmung“ auch immer ein Kampf um sein Augenpaar ist.
Diese Hausarbeit spannt folgenden Untersuchungsbereich auf: Das Motiv der Augen soll in seiner Vielschichtigkeit gedeutet werden, um zu erkennen, welchen äußeren Zwängen, inneren Fiktionen und Trugbildern Nathanael während seiner Kindheit und der Olimpia-Episode unterlag. Als zentrale Aspekte werden dabei (a) das Ammenmärchen und die Transformation des Sandmanns als Ursache für seine Verlustangst der Augen, (b) das Perspektiv als Medium einer projektiven Welt-Konstruktion und (c) die daraus resultierende „Verzauberung“ Nathanaels durch den Automaten Olimpia zu analysieren sein, um abschließend aufzeigen zu können, dass die Vernichtung Olimpias sowohl die Prognose des Ammenmärchens erfüllt, als auch die Vernichtung Nathanaels darstellt und gleichzeitig die Figurentransformation des Sandmanns abschließt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zwischen dem Sandmann und Coppelius: Der Angriff auf die Augen
2.1. Das Ammenmärchen – Grundlage der Verlustangst
2.2. Die Transformation des Sandmanns
2.3. Der Angriff auf die Augen – Die Mechanisierung Nathanaels
3. Zwischen Mensch und Maschine: Das Perspektiv
3.1. Das Perspektiv – Ein Instrument der Vernunft?
3.2. Der Aufbau einer Illusion: Nathanaels „Verzauberung“
3.3. Ursachenforschung: Gründe für Nathanaels Unmündigkeit
3.4. Die Zerstörung einer Illusion: Die Vernichtung Olimpias
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Augenmotivs in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Das primäre Ziel ist es, die vielschichtigen äußeren Zwänge, inneren Fiktionen und Wahrnehmungstäuschungen zu deuten, denen die Figur Nathanael während seiner Kindheit und der Olimpia-Episode unterliegt, und dabei die Transformation von Selbst- in Fremdbestimmung zu analysieren.
- Die Rolle des Ammenmärchens als Ursprung der kindlichen Verlustangst.
- Die psychologische Transformation des Sandmanns in den Advokaten Coppelius.
- Das Perspektiv als Instrument der projektiven Weltkonstruktion und Vernunftkritik.
- Die narzisstische Komponente der Liebe Nathanaels zum Automaten Olimpia.
- Der Zusammenhang zwischen dem Verlust der Sehkraft und der Zerstörung des Subjekts.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Perspektiv - Ein Instrument der Vernunft?
Fernrohr, Fernglas: Gerät, das unter Verwendung von Linsen, Prismen und/oder Spiegeln entfernte Gegenstände unter einem vergrößerten Sehwinkel zeigt, sie also scheinbar näher rückt.
„[…] um alles wieder gut zu machen, beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv […]“ Das Taschenperspektiv, welches Nathanaels erwirbt, besitzt in der Alltagswelt einen Charakter der Vernunft: Durch wissenschaftlichen Fortschritt erzeugt, ermöglicht es die Vergrößerung – und damit die genauere Erkenntnis – von Objekten. Es ist somit ein durch Vernunft erzeugtes Hilfsmittel, welches weitere eigene Verstandesleistungen ermöglicht – zum Beispiel die Erforschung von Planeten in der Astronomie. Es ist eine „Konkretion der Naturbeherrschung“, die den Menschen eben von jener Natur weniger abhängig macht und sein Sehvermögen erweitert. Auch Nathanael erfährt dies: „Noch im Leben war ihm kein Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich dicht vor die Augen rückte.“
Doch der Benutzer des Perspektivs muss sich bewusst sein, dass eben jener Apparat nicht die Realität darstellt, sondern nur ein Abbild dieser erzeugt. Es ist durch das Perspektiv geschaffen und wirkt auf den Betrachter, das heißt, es ist ein fremder Einfluss auf ihn. Übernimmt nun das Subjekt diesen fremden Einfluss, ohne ihn auf seine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit hin zu überprüfen, wird das Subjekt fremdbestimmt. Dabei ist es gleichgültig ob das Medium die Realität auch tatsächlich verfälscht: Ein selbstbestimmtes Subjekt muss immer die Fähigkeit besitzen, alle äußeren Einflüsse zu kontrollieren – und gegebenenfalls auch abwehren zu können. Kann es dies nicht, stellt jede fremdbestimmte Einwirkung eine enorme Gefahr für die Autonomie – und damit die Freiheit – des Subjekts dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Bedeutung des Augenmotivs als Leitmotiv der Erzählung ein und legt den theoretischen Rahmen sowie die methodische Herangehensweise fest.
2. Zwischen dem Sandmann und Coppelius: Der Angriff auf die Augen: Dieses Kapitel analysiert die frühkindliche Prägung Nathanaels durch das Ammenmärchen und die folgenschwere Transformation der Sandmann-Figur in den realen Advokaten Coppelius.
3. Zwischen Mensch und Maschine: Das Perspektiv: Das Hauptkapitel untersucht das Perspektiv als zweischneidiges Instrument der Wahrnehmung, das Nathanaels „Verzauberung“ durch den Automaten Olimpia erst ermöglicht und seine Unmündigkeit begründet.
4. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht, dass das Scheitern Nathanaels in der logischen Konsequenz seiner Entwicklung vom Ammenmärchen über das Perspektiv bis zur Vernichtung Olimpias begründet liegt.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Der Sandmann, E.T.A. Hoffmann, Augenmotiv, Nathanael, Olimpia, Coppelius, Perspektiv, Unmündigkeit, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung, Romantik, Alchemie, Wahrnehmungstäuschung, Mechanisierung, Subjektkonsolidierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Deutung des Augenmotivs in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ als zentrales Symbol für die Krise der Identität und Selbstbehauptung des Protagonisten.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themenfelder sind die psychologische Wirkung von Kindheitstraumata, das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Wahn sowie die literarische Darstellung des Zusammenpralls von Mensch und Maschine.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie äußere Zwänge und die durch optische Instrumente vermittelte Wahrnehmung Nathanael in eine psychische Abhängigkeit führen, die letztlich in seiner Zerstörung mündet.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es wird eine systematisch-analytische Deutung angewandt, die durch Ansätze der Kritischen Theorie sowie Freuds Begrifflichkeiten zum „Unheimlichen“ gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der kindlichen Verlustangst, die Transformation des Sandmanns und die Untersuchung des Perspektivs als Medium einer projektiven, jedoch fremdbestimmten Weltkonstruktion.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Augenmotiv, Identitätsverlust, Perspektiv, Olimpia, Selbstbestimmung und Mechanisierung.
Warum ist die Figur Clara ein wichtiger Kontrast?
Clara repräsentiert die helle Ratio und Aufklärung; ihr Unverständnis für Nathanaels Wahn treibt ihn ironischerweise weiter in die Arme von Illusionen und in die Obsession für Olimpia.
Welche Rolle spielt das „Perspektiv“ für den Protagonisten?
Das Perspektiv fungiert als technisches Hilfsmittel, das Nathanael zwar eine genauere Wahrnehmung verspricht, ihn aber in Wahrheit verblendet und die Wahrnehmung der Realität durch eine subjektive, unheimliche Welt ersetzt.
Wie endet die Entwicklung Nathanaels laut der Arbeit?
Die Arbeit schlussfolgert, dass Nathanaels Versuch, sich durch die Liebe zu Olimpia als Künstler und Subjekt zu behaupten, an der zerstörerischen Natur dieses Projekts scheitert und in den Wahnsinn bzw. den Suizid führt.
- Arbeit zitieren
- Peter Starke (Autor:in), 2014, Der getrübte Blick - Aspekte einer Deutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282392