Im Zusammenhang mit der deutschen Rokokodichtung stößt man in der Forschungsliteratur auf widersprüchliche Aussagen, wenn es darum geht, den Stil dieser Lyrik zwischen 1740 und 1780 zu beschreiben, um sie von anderen Epochen und deren stilistischen Tendenzen zu unterscheiden. Einerseits wird auf die Gemeinsamkeiten mit der Aufklärungsepoche, in welche die Rokokodichtung eingebettet ist, hingewiesen. Insbesondere die aufkommende „Gegnerschaft gegen den barocken Schwulst“, die vor allem von revolutionären Jungdeutschen geteilt wurde, die sich vom Altmodischen des Ancien Régime loslösen wollten, wird mehrfach betont. Auf der anderen Seite finden sich an Stelle des Begriffs „Rokoko“ Bezeichnungen wie „Nachsommer des Barock“ oder auch „Spät-“ und „Nachbarock“, die auf eine Nähe zur Lyrik des 17. Jahrhunderts schließen lassen. Alfred Anger begründet diese Widersprüchlichkeit damit, „daß es sich bei der deutschen Rokokodichtung um einen typischen Übergangsstil handelt, der vieles Alte bewahrt […], sich aber auch schon dem Neuen öffnet und es selber hervorbringt“, wodurch eine „Brücke zwischen Barock und Goethezeit“ geschaffen wird. Die vorliegende Arbeit soll an dieser Stelle anknüpfen und die Suche nach Verbindungen zwischen Barock- und Rokokodichtung in den Vordergrund stellen. Daher wird im Folgenden der Frage nachgegangen, welche Themen und Motive aus dem 17. Jahrhundert in der Rokokodichtung aufgegriffen werden und auf welche Weise sie womöglich in ihr weiterleben. Hierzu erfolgt eine nähere Betrachtung von Barock und Rokoko, die durch die Analyse zweier stellvertretender Gedichte gestützt wird, um schließlich einen Vergleich ihrer thematischen und motivischen Gemeinsamkeiten ziehen zu können. Bei den ausgewählten Werken handelt es sich zum einen um Martin Opitz´ "Ich empfinde fast ein Grauen" und zum anderen um "Das Gesellschaftliche" von Friedrich von Hagedorn.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Barockdichtung
2.1 Begriffsklärung
2.2 Zeitliche Einordnung
2.3 Historischer Hintergrund
2.4 Weltbild und zentrale Themen des Barock
2.5 Martin Opitz und die Reform der deutschen Dichtkunst
3. Analyse der Ode Ich empfinde fast ein Grauen von Martin Opitz
3.1 Entstehungskontext
3.2 Inhaltliche Betrachtung
3.3 Analyse der Form
3.4 Analyse der Sprache
4. Zwischenfazit
5. Rokokodichtung
5.1. Begriffsklärung
5.2 Zeitliche Einordnung
5.3 Historische Entwicklungen in der Aufklärungsepoche
5.4 Die Dichtung Friedrich von Hagedorns
6. Analyse zu Das Gesellschaftliche von Friedrich von Hagedorn
6.1 Inhaltliche Betrachtung
6.2 Analyse der Form
6.3 Analyse der Sprache
7. Vergleich der Themen und Motive der beiden Gedichte
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarischen Kontinuitäten zwischen der Barocklyrik des 17. Jahrhunderts und der Rokokodichtung des 18. Jahrhunderts. Anhand der vergleichenden Analyse der Gedichte "Ich empfinde fast ein Grauen" von Martin Opitz und "Das Gesellschaftliche" von Friedrich von Hagedorn wird der Frage nachgegangen, wie zentrale Motive – insbesondere das "Carpe diem" – in der Rokokolyrik transformiert wurden und ob sie trotz des Epochenwandels fortbestehen.
- Untersuchung der thematischen und motivischen Verbindungen zwischen Barock und Rokoko
- Analyse der Transformation des "Carpe diem"-Motivs im historischen Kontext
- Gegenüberstellung der unterschiedlichen Auffassungen von Lebensgenuss und Todesbewusstsein
- Untersuchung der formalen und sprachlichen Merkmale der Odendichtung beider Epochen
- Einordnung der Lyrik in das gesellschaftliche Umfeld von Barock und Aufklärung
Auszug aus dem Buch
3.2 Inhaltliche Betrachtung
Das lyrische Ich des Gedichts stellt in der ersten Strophe fest, zu viel seiner kostbaren Lebenszeit aufs Studieren verwendet zu haben. Es entschließt sich daher dazu, „seine Bücher endgültig über Bord“ zu werfen und sich dem Leben außerhalb des Studierzimmers zu widmen (MO, Vers 4: „Es ist Zeit hinaus zu schauen“). Wurden in dieser Strophe bereits das „Carpe diem“-Motiv und das dringende Bedürfnis des lyrischen Ichs, das grüblerische Dasein hinter sich zu lassen, dargelegt, so liefert die zweite Strophe die rationale Erklärung für dieses Verhalten: Das Studieren führe zu nichts als „Ungemach“ (MO, Vers 10), während das Leben ungenutzt an einem vorüberziehe, „[e]he wir es inne werden“ (MO, Vers 13). In der dritten Strophe fasst das lyrische Ich daher den Entschluss, „[a]lles Trauren, Leid und Klage“ (MO, Vers 20) auszublenden und stattdessen das Leben mit seinen Vorzügen zu genießen, bevor es sich dem Ende neigt. Es möchte den „beste[n] Trunck“ (MO, Vers 18), nämlich den Wein, aber auch andere Gaumenfreuden wie „Melonen“ genießen (MO, Vers 25). Die vierte Strophe stellt ein weiteres Plädoyer für das „Carpe diem“-Motiv dar, indem dazu aufgerufen wird, nicht zu sparsam zu leben, sondern das Leben zu genießen, solange man dazu in der Lage ist (MO, Vers 32: „Ich will weil ich kann mich letzen“). Die fünfte und letzte Strophe beschreibt das weitere Verständnis des lyrischen Ichs, wie das Leben zu nutzen sei: Die Zeit wird in Gesellschaft verbracht, wobei „gute Brüder“ (MO, Vers 33), „Music“ (MO, Vers 34) und „Wein“ (MO, Vers 38) eine wichtige Rolle spielen. Hier „sucht ein todesbewußter [sic!] und sich vor der unendlichen Einsamkeit grauender Mensch den erwärmenden und schließlich sinngebenden Kontakt mit seinen Mitmenschen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die forschungsgeschichtliche Debatte um die Stellung der Rokokodichtung als Übergangsstil und umreißt die Zielsetzung der vergleichenden Untersuchung.
2. Barockdichtung: Dieses Kapitel erläutert den Epochenbegriff des Barock, seine historische Verankerung im 17. Jahrhundert sowie das prägende antithetische Weltbild mit den Motiven Memento mori und Carpe diem.
3. Analyse der Ode Ich empfinde fast ein Grauen von Martin Opitz: Es folgt eine detaillierte Interpretation des Gedichts hinsichtlich Entstehungsgeschichte, Inhalt, formaler Struktur und sprachlicher Gestaltung.
4. Zwischenfazit: Das Zwischenfazit synthetisiert die Erkenntnisse zur barocken Dichtung und zeigt die Verknüpfung von Lebenslust und Todesbewusstsein in Opitz' Ode auf.
5. Rokokodichtung: Das Kapitel definiert den Begriff Rokoko als Epoche oder Zeitstil und beschreibt dessen Einbettung in die Aufklärung sowie die Bedeutung Friedrich von Hagedorns.
6. Analyse zu Das Gesellschaftliche von Friedrich von Hagedorn: Es erfolgt eine tiefgehende Analyse von Hagedorns Gedicht, wobei Fokus auf der scherzhaft-leichten Gestaltung und dem neuen Lebensgefühl der Aufklärung liegt.
7. Vergleich der Themen und Motive der beiden Gedichte: Dieser Abschnitt stellt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden analysierten Gedichte gegenüber und zeigt den Wandel der Motivik auf.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Verbindungen zwischen Barock und Rokoko bei gleichzeitiger inhaltlicher Weiterentwicklung der Motive.
Schlüsselwörter
Barock, Rokoko, Lyrik, Martin Opitz, Friedrich von Hagedorn, Carpe diem, Memento mori, Aufklärung, Lebensgenuss, Anakreontik, Literaturgeschichte, Todesbewusstsein, Verssprache, Gesellschaftsdichtung, Dichtkunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die literarischen Bezüge zwischen dem Barock und dem Rokoko. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Themen und Motive aus dem 17. Jahrhundert in der Rokokolyrik des 18. Jahrhunderts wiederfinden und weiterentwickelt haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Leitmotive Carpe diem und Memento mori, die Bedeutung des Lebensgenusses, die Rolle von Geselligkeit, Musik und Wein sowie den Wandel des Welt- und Menschenbildes von der Epoche des Barocks zur Aufklärung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die Kontinuität und den Wandel lyrischer Motive nachzuweisen. Durch den Vergleich zweier repräsentativer Gedichte soll aufgezeigt werden, wie das gleiche Motiv in unterschiedlichen Zeitepochen eine abweichende Wirkung entfaltet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der vergleichenden Textanalyse. Sie kombiniert literaturhistorische Kontextualisierung mit einer detaillierten Analyse von Form, Sprache und Inhalt der beiden primären Gedichte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Epochenmerkmale von Barock und Rokoko sowie die detaillierte Analyse der Gedichte "Ich empfinde fast ein Grauen" (Opitz) und "Das Gesellschaftliche" (Hagedorn).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Barock, Rokoko, Carpe diem, Anakreontik, Lebensgenuss, Aufklärung, literarische Epochen und Motivgeschichte.
Welche Rolle spielt Martin Opitz im Kontext der Untersuchung?
Opitz dient als Vertreter der barocken Lyrik. Sein Werk verdeutlicht die antithetische Weltauffassung des 17. Jahrhunderts, in der die Lebenslust stets vom Bewusstsein der Vergänglichkeit überschattet bleibt.
Warum wird gerade Hagedorns Gedicht als Gegenstück gewählt?
Hagedorns Gedicht repräsentiert das Rokoko und die aufklärerische Weltsicht. Es zeigt, wie sich das Carpe-diem-Motiv von der Todesangst befreit und zu einer optimistischen, diesseitsorientierten Lebensmaxime wird.
- Citation du texte
- Lisa Kuhn (Auteur), 2013, Der Nachsommer des Barock, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282469