Das Konstrukt bikulturelle Identität wurde in einer Feldstudie in Berlin-Kreuzberg an sechs Personen mit einem Mixed-Method-Design erforscht. Ziel der Studie war es, Kompatibilitätswahrnehmungen von bikulturellen Identitäten (Benet-Martínez & Haritatos, 2005) auf Abhängigkeit von sozialer und lokaler Bindung zu untersuchen sowie zentrale Aspekte der erlebten bikulturellen Identität in Kreuzberg zusammenzufassen. Qualitative Daten wurden mit Photovoice (Wang & Burris, 1997) erfasst. In dieser Studie waren zentrale Identitätsaspekte positiv und negativ erlebte, alltägliche Diversität in der Community und ein von Offenheit geprägtes Sozialklima. Dies war mit dem Erleben zahlreicher Identifizierungsmöglichkeiten, hoher sozialer und lokaler Identifizierung und dem Erlernen von Resilienz verbunden. Dekategorisierung und schwache ethnische Identifizierung war positiv mit affektiver Kompatibilität verbunden. Starke personale und nicht unbedingt ethnische Identifizierung war positiv mit kognitiver Kompatibilität verbunden, Identifizierung mit der übergeordneten Gesellschaft war hier zum Großteil nicht einflussreich. Implikationen ergeben sich u.a. für die Stadtraumplanung und Institutionen. Multikulturelle Symbole im öffentlichen Raum, Diversitätstrainings auf institutioneller Ebene und vermehrte Anerkennung der Leistungen von Ausländern durch Politik und Medien könnten für Respekt gegenüber Diversität
förderlich sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Identifizierung und Identitätsstabilität
1.1.1 Selbstkonzept und Selbstkomplexität
1.2 Personale und soziale Identifizierung sowie soziale Identitätskomplexität
1.2.1 Ethnische Identifizierung
1.2.1.1 Bicultural Identity Integration
1.2.2 Identifizierung mit einer Community
1.2.3 Lokale Identifizierung und Ortsbindung
1.3 Qualitative Forschung
1.3.1 Photovoice
1.4 Zentrale Fragestellungen
2 Methode
2.1 Erhebungsinstrumente
2.1.1 Qualitative Daten: Photovoice
2.1.2 Quantitative Daten
2.1.2.1 Bicultural Identity Integration Scale
2.1.2.2 Personal Dimensions of Difference Scale
2.2 Stichprobenkonstruktion
2.3 Setting
2.3.1 Berlin-Kreuzberg
2.4 Durchführung der Studie
2.5 Auswertung
3 Ergebnisse und Befunde
3.1 Stichprobe
3.2 Evaluierung von Photovoice als Datenerhebungsmethode
3.2.1 Analyse der Einzelpräsentationen der Photos in den Fokusgruppen
3.2.2 Analyse der freien Gesprächssequenzen während der Fokusgruppendiskussionen
3.3 Personale versus soziale Identität und Gruppenbindung aus BII-Perspektive
3.4 Privater und öffentlicher lokaler Raum und Bindung an Kreuzberg
3.5 Erlebte Inhalte von Identität und Lokalität
3.5.1 Mikrosystem
3.5.2 Mesosystem
3.5.3 Makrosystem
3.6 Direkt erlebte Diversität in der Community
4 Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Studie erforscht das Konstrukt der bikulturellen Identität bei Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin-Kreuzberg mittels eines Mixed-Method-Designs. Das primäre Ziel ist es, wahrgenommene Kompatibilitäten bikultureller Identitäten in Abhängigkeit von lokaler und sozialer Bindung zu untersuchen sowie zentrale Identitätsaspekte im Kontext des urbanen Raums zu explorieren.
- Bikulturelle Identitätsintegration (BII)
- Soziale und personale Identifizierung
- Einfluss von Ortsbindung und sozialem Raum
- Erlebte Diversität in der Community
- Methodische Evaluation von Photovoice
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Analyse der Einzelpräsentationen der Photos in den Fokusgruppen.
War unklar, ob sich die Teilnehmenden ausschließlich auf ihre bikulturelle Identität bezogen, so erfolgte die Einschätzung danach, als hätten sie sich darauf bezogen. Pro Teilnehmer zusätzlich genannte Identitätsaspekte wurden aufgeführt und positivierend (+1) bzw. negativierend (-1) für die entsprechende Komponente gewertet, alle Wertungen wurden aufsummiert. Danach wurde Harmonie bzw. Blendedness wie folgt eingestuft: Ab zwei positiven Wertungen wurde eine Komponente als hoch eingestuft und entsprach einem BIIS-1-Wert von > 3.66, ein mittlerer Wertungsbereich entsprach 0-1 und dem BIIS-1-Wertungsbereich 2.34 - 3.65. Die Einstufung als niedrig entsprach allen Negativ-Wertungen und einem BIIS-1-Wert von < 2.33 (Grenzwerte-Berechnung siehe Seite 23).
TA_EP. TA brachte zuerst ein Photo ein, auf dem ein Bereich ihres WG-Zimmers mit Erinnerungs-Photos von Familie, Orten und Freunden sowie gemalten Bildern aus der Studienzeit in Deutschland und ein türkischer Teppich zu sehen waren. Den hohen emotionalen Wert eines türkischen Tisches hob sie durch ausführliche Schilderung besonders hervor und beschrieb durch diese Gesamtinszenierung in ihrem persönlichen Raum hohe Integration ethnischer (hohe Blendedness) und anderer Identitätsaspekte (hohe Blendedness). Deutlich wurde, dass sie harmonische interkulturelle Beziehungen erlebte (hohe Harmonie):
Ich wohne in einer WG mit einer Freundin zusammen, also ich bin mit ihr befreundet, seitdem ich mit ihr zusammen wohne. Kommt aus Mainz. Und das ist mein Zimmer, das ist eine Ecke in meinem Zimmer. Es zeigt meine Identität (…) Bilder von meiner Familie, von Orten, wo ich gewesen bin, Geschenke, von einem Mädchen, die ich jahrelang gebabysittet habe und der Teppich ist wirklich aus der Türkei, auch den Tisch habe ich in der Türkei gekauft und mit meinem Großvater (…) ausgesucht. Den Stuhl hab ich zum Diplom bekommen, die Bilder sind auch noch aus der Studienzeit, da sind Freunde, Familie drauf (.…) mit sowas bin ich auch aufgewachsen und deshalb wollte ich so einen Tisch auch selber wieder haben. (TA, 2014, S. 1-2)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Konzept bikultureller Identität ein, erläutert die Bedeutung von Migration und hybriden Identitäten und stellt das Forschungsdesign sowie die zentralen Fragestellungen vor.
2 Methode: Hier werden die eingesetzten Erhebungsinstrumente (Photovoice, BIIS-1, PDD) sowie das Setting in Berlin-Kreuzberg und der Ablauf der Studie detailliert beschrieben.
3 Ergebnisse und Befunde: Dieses Kapitel präsentiert die Stichprobe, evaluiert die Methode Photovoice und analysiert die Identitätsprozesse sowie die Bedeutung des sozialen Raums unter Berücksichtigung der qualitativen und quantitativen Daten.
4 Diskussion: Die Ergebnisse werden im Hinblick auf den Forschungsstand interpretiert, Limitationen werden kritisch beleuchtet und Implikationen für die Praxis abgeleitet.
Schlüsselwörter
Bikulturelle Identität, Hybridität, Identität-Kompatibilität, Mixed-Method, Ortsbindung, Photovoice, soziale Identifizierung, soziale Identitätskomplexität, ethnische Identifizierung, Akkulturation, Community, Berlin-Kreuzberg, Diversität, Resilienz, Selbstkonzept
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin-Kreuzberg ihre bikulturelle Identität im Alltag wahrnehmen und wie diese Identität mit ihrer Umgebung interagiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Integration dualer Identitäten, das Empfinden von Kompatibilität oder Konflikt, die Rolle des Wohnortes sowie die subjektive Bedeutung von Community und sozialer Bindung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung von Kompatibilitätswahrnehmungen bikultureller Identitäten und die Identifizierung zentraler Identitätsaspekte bei den Teilnehmenden in Kreuzberg.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein Mixed-Method-Design angewandt, das qualitative Photovoice-Erhebungen mit quantitativen Messungen durch standardisierte Skalen kombiniert hat.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Analyse der Photovoice-Ergebnisse, eine Auswertung der persönlichen Identitätsbeschreibungen sowie eine Untersuchung der Identität im Kontext des privaten und öffentlichen Raums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bikulturelle Identität, Hybridität, Photovoice, Identitäts-Kompatibilität, Ortsbindung und soziale Identifizierung.
Welche Bedeutung kommt der Methode Photovoice konkret zu?
Photovoice ermöglichte den Teilnehmenden, ihre Realität durch selbst gewählte Photos zu dokumentieren, was eine tiefere Exploration latenter Identitätsaspekte erlaubte, die durch rein quantitative Fragen nicht erfassbar wären.
Warum wurde Berlin-Kreuzberg als Setting gewählt?
Kreuzberg bietet durch seine historische Entwicklung, hohe Diversität und den Ruf als sozialer Brennpunkt sowie Szeneviertel ein komplexes Umfeld, das spezifische Herausforderungen und Ressourcen für Menschen mit Migrationshintergrund bereithält.
- Citar trabajo
- Andrea Frisch (Autor), 2014, Pictures of identity. Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin-Kreuzberg explorieren ihre Identität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282474