Die Motive des verlorenen Sohnes und des Wahnsinns in Gert Hofmanns "Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Das Motiv des verlorenen Sohnes: Der Titel
2.1.1. Ankunft und die „ausbleibende“ Begrüßung
2.1.2. „Ich bin nicht würdig, unter dem Dach meines Vaters zu wohnen“
2.1.3. „Lasst uns essen und fröhlich sein“ – die Bedeutung der Festlichkeit und der Einkleidung beim Hofmann und in der Bibel
2.1.4. Die „gestörte“ Harmonie
2.2. Vater – Sohn – Konflikt
2.2.1. Das Motiv des Sumpfes
2.2.2. Die „allmächtige“ Vater – Gott – Gestalt
2.3. Das Motiv des Wahnsinns

3. Erzählstruktur der Novelle

4. Schlusswort

5. Bibliographie

1.Einleitung

„Mein Gott, so etwas – das kannst du natürlich nicht – aber so etwas in dieser Art, das möchtest du doch auch mal schreiben“[1], sagt der Schriftsteller Gert Hofmann im Interview mit Ralph Schock im Jahr 1992 über seine Begeisterung, die er beim Lesen von Büchners Novelle „Lenz“ empfindet. Er hat viele Vorgänger, die den Stoff oft bearbeitet haben. Aber dieser Gedanke, „so etwas wie […], so etwas in dieser Art“ prägen seinen Willen und 1981 entsteht seine Novelle, 146 Jahre nach Büchner, die er „Die Rückkehr des verlorenen J.M. R. Lenz nach Riga“ nennt. Diese Novelle erscheint in einem Band unter dem Titel „Gespräch über Balzacs Pferd.“ Der Band enthält vier Künstlernovellen: Zunächst über Lenz, Casanova, Balzac und Robert Walser. Hofmanns Novelle reiht sich ein in eine ganze Reihe von Texten, die sich des Schicksals des tragischen Dichters des Sturm und Drang annehmen, basiert vor allem auf Büchners Novelle,[2] wie auch auf Oberlins Tagebücher.

„Hofmann konkretisiert Büchners „So lebte er hin“, indem er den Dichter mit seinem Vater konfrontiert. […] Er konzentriert das Geschehen auf einen einzigen Tag, den 23. Juli 1779“[3], als der Sohn nach langer Abwesenheit zu seinem Vater zurückkehrt, der gerade zum Generalsuperintendenten ernannt wird und zum zweiten Mal verheiratet in ein neues Haus zieht, das seiner hohen Stellung in der Gesellschaft entspricht.

Die Aufgabe dieser Arbeit ist eine eingehende Analyse der Novelle von Hofmann unter dem stark dominierenden Motiv des Vergleiches mit dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Bereits der Titel der modernen Novelle assoziiert die Nähe zum biblischen Stoff, dort geht es um den verlorenen Lenz. Doch Hofmanns Blickwinkel verkehrt die biblische Aussage: Nicht die Freude über das heimgekehrte Schaf steht im Mittelpunkt, sondern die Entrüstung über den Unerwünschten und seine Ausweisung aus dem elterlichen Haus. Die Darstellung der grotesken Verkehrung der biblischen Geschichte und der dadurch entstandene Konflikt zwischen Vater und Sohn führen zum Ausbruch des von Anfang an vorhandenen latenten und alles beherrschenden Wahnsinns.[4]

Im letzten Teil der Arbeit soll auf die besondere Erzählstruktur und Stil der Novelle eingegangen werden: Beide unterstützen Hand in Hand das groteske Bild der biblischen Parabel und machen den Ausbruch des Wahnsinns plausibel.

2. Hauptteil

2.1. Das Motiv des verlorenen Sohnes: Der Titel

Das Motiv des biblischen Gleichnisses vom verlorenen Sohn spielt im Werk des historischen Lenz eine wichtige Rolle. Labisch weist in seiner Abhandlung auf die Wichtigkeit des biblischen Motivs im Gesamtwerk des Dichters hin. Auch beweist er anhand von Briefen, dass Lenz sich mit der biblischen Figur identifiziert hat.

Gert Hofmann greift dieses Motiv, wie bereits in der Einleitung gesagt wurde, in seiner Novelle „Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga“ auf. Er stellt die ganze Novelle als Groteske zur Bibel, als ein grauenerregender Widerspruch dar, der im Vergleich mit der Bibel ein erschreckendes Ende hat.

Alle Anspielungen auf das christliche Gleichnis zeigen sich bei Hofmann in „merkwürdiger Verzerrung“[5], die alle in den folgenden Kapiteln noch genauer untersucht werden.

2.1.1. Ankunft und die „ausbleibende“ Begrüßung

Die Novelle fängt mit der Ankunft von J. M. R. Lenz in Riga an, wie der Titel deutet. Er kommt als wirtschaftlich ruinierte und geistig kranke Person an, der mit seinem schweren Leben völlig am Ende ist. Für die Überfahrt schuldet er zwei Matrosen das Geld. In Riga angekommen, begibt er sich ins „väterliche Haus.“[6] Der Vater wurde zum Generalsuperintendenten von Livland ernannt und ist gerade mit dem Umzug in das neue Haus und mit einer für den Abend geplanten Festlichkeit beschäftigt. Die Rückkehr des Sohnes erwartet er nicht. Lenz tritt zu ihm, „die wirren blonden Locken im Kindergesicht,[7] […] wirft sich ihm sofort zu Füssen.[...] Ich bin gekommen, […] um … Ihre Hände zu küssen. Um Ihnen zu sagen, nun bin ich … zurück! Der lahme Kranich, […] schaut sich um, wo er sein Fuß hinsetzen könnte. Und legt, da ihm der erstaunte Vater seine Hand zum Küssen nicht überlässt, seine Lippen blitzschnell auf die blankgewichsten Schnürstiefel des Vaters.“(7) Hofmann stellt hier eine grauenvolle Groteske dar. Lenz wirft sich „in demütiger Gebärde“[8] sofort zu Füßen des Vaters, die er danach auch noch küsst. Diese totale Unterwerfung wiederholt er noch mal und „wirft sich auf die Knie…[…] Lieber Vater, sagen Sie, haben Sie mich erkannt?“(8) Er versucht den Vater zum Sprechen zu bringen, bekommt aber keine Aufmerksamkeit. Der Vater ist unnahbar. Er will seinen Sohn nicht umarmen und auch nicht grüßen. Er empfindet seine Ankunft als Last.

Anders wird im Neuen Testament die Unterwerfung des verlorenen Sohnes dargestellt. Der Sohn hat gegenüber dem Vater Schuldgefühle. Dort heißt es: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! [...] Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn.“[9] Der Vater ist froh, den Sohn wiederzuhaben. Die Ankunft des Sohnes macht ihn glücklich.

Statt einer dargebotenen Hand erwischt Lenz den Fuß des Vaters, anstatt den Sohn fröhlich aufzunehmen, bleibt die Begrüßung aus, der Vater hat keine Worte für seinen Sohn. Im Gleichnis erkennt der Vater den Sohn von weitem, eilt zu ihm, damit er ihn begrüßen und ihn in die Arme schließen kann. Dagegen ist Hofmanns Lenz derjenige, der die ganze Zeit hinter dem Vater herläuft und ihn darum bittet, dass er ein Wort zu ihm sagt. Lenz erlebt eine große Enttäuschung, des Vaters Herz scheint nichts zu spüren, denn er behandelt den „schwierigen Sohn“ eiskalt. Er erniedrigt ihn mit einer totalen Ignoranz und empfindet kein Mitleid für ihn.

Hofmann stellt die beiden Väter gegeneinander und zeigt den Unterschied. Auf einer Seite einen liebenden und besorgten Vater und auf der anderen einen eiskalten, mächtigen und grausamen, der nicht einmal Bereitschaft zeigt, den „verlorenen“ Sohn zu grüßen.

2.1.2. „Ich bin nicht würdig, unter dem Dach meines Vaters zu wohnen“

Lenz, erschüttert und von der Kälte des Vaters enttäuscht, wird von dem Diener Lerse in dem fast ausgeleerten Gebäude eine Dachkammer zur Verfügung gestellt, damit er seine Sachen dort abstellen kann. Er lehnt das Angebot aber ab, weil er „noch nicht würdig sei, unter dem Dach seines Vaters zu wohnen.“(10) Auch diese Szene ist eine fast wortwörtliche Anspielung auf das biblische Gleichnis des verlorenen Sohnes: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“[10] Nach der Ablehnung der Dachkammer und „um seine Demut zu zeigen“(10) steigt Lenz im Pferdestall ab. Er ist ähnlich wie der verlorene Sohn in der Bibel, der nur ein Tagelöhner und ein Knecht seines Vaters sein will. Er hofft, dass der Vater ihm verzeihen kann; der Vater hört aber nicht zu, was er sagt; er hofft und kann kaum erwarten, dass der Sohn sich entfernt. Er muss weg, weil er von der Stadt zu der Festlichkeit erwartet wird. Aber der Sohn muss auch gehen; er kann ihn doch unmöglich der Gesellschaft vorstellen.

Auch Lenz’ Wille zur Einstellung in der Schule lässt uns auf das biblische Gleichnis denken. Er bittet den Vater um Hilfe. Der Vater hat einen guten Ruf und könnte seinen Sohn in der Schule als Lateinlehrer vorschlagen: „Ihre nächsten Schritte entscheiden über meine Zukunft“(14), worauf der Vater keine Antwort gibt und die Bitte seines Sohnes nicht unterstützt. Er hat schon lange über seine Zukunft entschieden. Für ihn ist Lenz ein Verlierer und er möchte ihn loswerden, wie der Bruder auch. Er hat ihn für immer verstoßen und denkt nicht einmal daran, ihn wieder als Sohn aufzunehmen. Lenz ist für ihn schon vor 11 Jahren gestorben, als er gegen die Regel des Vaters gehandelt und sich auf die lange Reise begeben hat.

Die gleiche Szene ist im Neuen Testament, als der zurückgekommene Sohn den Vater um die Gnade bittet, bei ihm als Tagelöhner arbeiten zu dürfen: „...mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“[11] Der biblische Vater verzeiht seinem Sohn und lässt ihn nie als seinen Tagelöhner arbeiten. Im Gegenteil, er lässt seinen Sohn von seinen Knechten bedienen und feiert die Rückkehr des verlorenen Sohnes.

Auch das Verhältnis zum Bruder lässt an das biblische Gleichnis denken. Im neunten Kapitel erwähnt Lenz, wie der Bruder versuchte, ihn ins Tollhaus zu bringen. Sein Bruder wäre mit den dortigen Umständen (mit dem Gestank in den Zellen, Dunkelheit, mit den ausgeketteten Kranken, die in ihrem eigenen Schmutz dahinvegetieren und eine erbarmungslose, elendigliche Behandlung erfahren) einverstanden. Er will ihn nur loswerden. Lenz wird nur dadurch vom Tollhaus gerettet, da der Preis für den Bruder doch zu hoch ist, den er nicht bezahlen will. Er will aber eine Spende ausrufen und lässt eine Liste herumschicken, um Geld zu sammeln, weil Lenz „in den Turm gehöre und dass man an den lieben Herrn Jesus denken und Geld dafür geben soll.“ (32) Lenz wird noch einmal gerettet, weil nicht genügend Geld zusammenkommt.

In der Bibel ist der Ältere der Unzufriedene, der durch die Rückkehr seines Bruders nicht glücklich ist. Er ist böse und will nicht zum Fest kommen. Er wirft dem Vater vor: „Siehe, so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Gut mir Dirnen verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.“ Der Vater hört den Sohn und sagt ihm, dass er fröhlich sein soll, „denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.“[12] Der Vater steht in der Bibel zwischen den Brüdern und bringt sie auch zur Versöhnung. Er behandelt den „verlorenen“ Sohn mit besonderer Liebe und versöhnt den zornigen Bruder, damit wieder Harmonie in der Familie herrscht.

Der Vater in Hofmanns Novelle schickt den Bruder zu Lenz, der ihn im Tollhaus unterbringen soll. Er bevorzugt den anderen Sohn und macht kein Geheimnis daraus, dass ihm der wohlgeratene, einer bürgerlichen Existenz nachgehende Sohn lieber ist, als der herumvagabundierende Dichter, der es im Leben zu nichts brachte.

[...]


[1] Schede, Hans – Georg: Gert Hofmann. Werkmonographie. In: Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft. Band 289 – 1999. Verlag Königshausen und Neumann GmbH. Würzburg, 1999. S. 348

[2] Seit Beginn seiner Studienzeit in Strassburg, Herbst 1831, interessiert sich Büchner für den Lenz/Oberlin-Stoffkomplex. In Strassburg lernt er die Brüder Stoeber und deren Familien kennen, die ein umfangreiches gedrucktes und ungedrucktes Material von Oberlins-Bericht besitzen und mit all diesen wertvollen Stoffen Büchner versorgen. 1835 schreibt Büchner seine Novelle „Lenz“, die erst nach seinem Tod 1839 veröffentlicht wird.

[3] Winter, Hans – Gerd: J. M. R. Lenz. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung. Stuttgart, 1987. Bd. 233. S. 175

[4] An dieser Stelle soll eingefügt werden, dass die Lebensrealität des historischen Lenz’ zwar im Hintergrund als etwas bewusstes mitwirkt, doch nicht Gegenstand dieser Arbeit sein kann.

[5] Labisch, Thomas: Literatur als Gestaltung von Wirkungsgeschichte. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht (LWU) XX. Heft 1. 1987. S. 427

[6] Hofmann, Gert: Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga. In: Gert Hofmann: Gespräch über Balzacs Pferd. Vier Novellen. Resident Verlag. Salzburg, 1981. S. 7

(weitere Zitate aus dem Text beziehen sich auf diese Ausgabe und sind im Text eingeklammert)

[7] Die äußere Beschreibung von Lenz entspricht der Darstellung von Büchner, der wiederum vieles von Goethes Beschreibung von Lenz übernommen hat. Vgl.: Goethe: Dichtung und Wahrheit. 11. Buch, S. 495

[8] Labisch, Thomas: S. 427

[9] Das Neue Testament: Das Evangelium des Lukas 15:11 – 32

[10] Das Neue Testament: a.a.O.: 11 – 32

[11] Das Neue Testament: a.a.O.: 11 – 32

[12] Das Neue Testament: a.a.O.: 11 – 32

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Motive des verlorenen Sohnes und des Wahnsinns in Gert Hofmanns "Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Lenz, Büchner und ihre Bearbeiter
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V282616
ISBN (eBook)
9783656819752
ISBN (Buch)
9783656819769
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motive, sohnes, wahnsinns, gert, hofmanns, rückkehr, lenz, riga
Arbeit zitieren
Eka K.-G. (Autor), 2004, Die Motive des verlorenen Sohnes und des Wahnsinns in Gert Hofmanns "Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282616

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