Auswirkungen des Wohlfahrtsstaats auf geschlechtsspezifische Bildungschancen. Schweden und Deutschland im Vergleich


Ausarbeitung, 2013
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Individualisierung Ulrich Beck

III. Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten
1. Wohlfahrtsstaaten
2. Bildungsungleichheiten: Deutschland und Schweden

IV. Fazit

Quellenverzeichnis

I.Einleitung

Die Frauen gelten als die Gewinnerinnen der Bildungsexpansion, da sich ihre Bildungsbeteiligung und ihr Bildungsniveau stetig gesteigert haben. Allerdings gibt es enorme Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Staaten. Die folgende Analyse beschäftigt sich deshalb mit den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatstypen Deutschland und Schweden, der jeweiligen Stratifizierung des Bildungssystems und den sich daraus ergebenen geschlechtsspezifischen Bildungsungleichheiten. Es wird davon ausgegangen, dass der Wohlfahrtsstaatstypus und die Art der Startifizierung, Auswirkungen auf die geschlechtsspezifischen Bildungsungleichheiten haben.

Zunächst wird die Individualisierungsthese von Ulrich Beck, die als soziologische Grundlage dient, vorgestellt. Er geht von einem Bruch in der Moderne aus, bei dem sich eine dreifache Individualisierung vollzogen hat, von der die Frauen besonders profitierten. Die geschlechtsspezifischen Bildungschancen haben sich zu Gunsten der Frauen verändert. Weiterhin wird Becks kritische Meinung zu der Stellung des Wohlfahrtsstaates und zum deutschen Bildungssystem erläutert.

Darauf folgt dann eine Darstellung der Wohlfahrtsstaaten Deutschland und Schwedens, um die Unterschiede zu erläutern und dann im letzten Abschnitt explizit aufzuzeigen, welche Bedingungen zu ungleichen, geschlechtsspezifischen Bildungschancen führen.

II. Individualisierung Ulrich Beck

Ulrich Beck geht in seiner Individualisierungsthese davon aus, dass sich seit den 60er Jahren ein entscheidender Vorgang in der modernen Gesellschaft vollzieht. Er schildert in seinem Konzept die aktuelle Situation der Menschen in dem Gesellschaftsgefüge. Familien- und Geschlechterkonstellationen, Ordnungen der Gesellschaft, wie Schicht- und Klassenzugehörigkeit und die geschlechtstypische Erwerbsarbeit verlieren an Bedeutung. Zudem findet ein gesellschaftlicher Ordnungsverlust statt, da sich die individuellen Interessenlagen erweitern, und die Abhängigkeit von Institutionen erhöht sich. Es vollzieht sich ein Bruch, bei dem sich aus der klassischen Industriegesellschaft, in der ersten Moderne, eine neue Gesellschaft, die Risikogesellschaft, in der zweiten Moderne herauslöst. „Ähnlich wie im 19. Jahrhundert Modernisierung die ständisch verknöcherte Agrargesellschaft und das Strukturbild der Industriegesellschaft herausgeschält hat, löst Modernisierung heute die Konturen der Industriegesellschaft auf und in der Kontinuität der Moderne entsteht eine andere gesellschaftliche Gestalt“ (Hein 2013: 34 zit. Beck 1986: 14). Die Moderne modernisiert und restrukturiert sich und es vollzieht sich eine dreifache Individualisierung. Die erste Individualisierungsdimension ist die Freisetzung der Individuen aus vorgegebenen Sozialformen und Sozialbindungen. Das Individuum wird von Klassen und Schichten freigesetzt und institutionalisiert. Dieser Umbruch bedeutet allerdings nicht, dass sich soziale Ungleichheiten auflösen, viel mehr gibt es neue soziale Ungleichheiten, die im weiteren Verlauf genauer erläutert werden. Bei diesem Prozess ist die ambivalente Bedeutung des Wohlfahrtsstaates bedeutend, denn die institutionelle Individualisierung meint nichts anderes, „als dass es die Kategorien und Ressourcen des entwickelten Wohlfahrtsstaates sind, die Individualisierung „erzwingen“ (Beck 2010: 22).

Die Dimension der Entzauberung meint den Stabilitätsverlust. Es findet nicht nur ein Herauslösen aus Klassen und Schichten, sondern auch aus Familienformen und Geschlechterverhältnissen statt. Für Beck ist eine Bedingung für die Entzauberung der Individuum die Angleichung der Bildungschancen von Männer und Frauen. Durch die Bildungsexpansion ab den 60er Jahren wird es für die Frauen möglich, ihre Bildung, der der Männer, anzugleichen. Die dritte Dimension ist die der Reintegration. Diese meint eine neue Art der sozialen Einbindung, die auch mit einer Überlappung im Lebenslauf verbunden ist. Frauen führen eine Doppelexistenz, die institutionell und familiär geprägt ist. Der Familienrhythmus ist abhängig von ihrem Bildungsrhythmus, da Bildungs- und Berufsregelungen im konservativen Wohlfahrtsstaat Deutschland direkt mit den Regelungen des sozialen Sicherungssystems verzahnt sind (vgl. Beck 2010: 22ff.; Weil 2010: 1; Hein 2013: 32-38).

Nach Beck kann festgehalten werden, dass der Wohlfahrtsstaat Individualisierung fordert, die Individuen aber auch einbindet und somit soziale Ungleichheiten erzeugt. Der nationale Wohlfahrtsstaat richtet seine Aufmerksamkeit nach innen und erkennt somit nicht die transnationalen und globalen Ungleichheiten. Die Soziologie hat sich bislang nicht mit den internationalen sozialen Ungleichheiten beschäftigt, sondern ihre Untersuchungen auf den Nationalstaat beschränkt, sodass nationale Ungleichheiten verfestigt werden. Im Zeitalter von Globalität und Transnationalität muss die Wissenschaft über die nationale Grenzen hinweg schauen, sodass Ungleichheiten im europäischen Raum erkannt werden (vgl. Beck; Poferl 2010: 13-14; Beck 2010: 22-23).

Beck sieht den Bologna Prozess[1] als gescheitert an, da der Slogan ‚Bildung für alle‘ nicht für alle zutrifft. Er geht eher von einer Bildungskatastrophe aus. Besonders im globalen Zeitalter der zweiten Moderne ist nach Beck die Ausrichtung am Humboldschen Bildungsbegriff wichtig, da dieser die Bildung des Individuums in den Mittelpunkt stellt und nicht die Ausbildung. Weiterhin kritisiert Beck, dass es nicht mehr zeitgemäß sei, die Universitäten an den Nationalstaat zu koppeln, denn Bildung muss Markt- und staatsfern sein. Freisetzung der Individuen bedeutet, die Entfaltung individueller Kreativität, Selbstbestimmung und Solidarität über Grenzen hinweg. Damit das losgelöste und doch wieder eingebundene Individuum die Unsicherheiten bewältigen kann, „brauchen sie eine sie zum Urteilen befähigende Bildung, die sie in die Lage versetzt, sich ihres Verstandes ohne Leistung anderer zu bedienen“ (Beck 2005: 98). Die Rahmenbedingungen der ersten Moderne zerfallen im Laufe des Individualisierungsprozesses, von dem besonders die Frauen profitieren. Damit verbunden ist, dass auch die Allmacht des Staates im Bildungswesen zerfällt. Es wird allerdings in der zweiten Moderne an den alten Vorstellungen und an falschen Bildungs- und Erkenntniswegen festgehalten. Es ist ein Perspektivwechsel im Bildungswesen notwendig, um die konstant bleibenden sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu verringern. „Eine sozial gerechte Bildungspolitik folgt daher der Devise: Wer soziale Sicherheit abbaut, muß Bildung ausbauen. Denn in Bildung zu investieren ist sozusagen die Sozialversicherung, die nach der Sozialversicherung kommt“ (Beck 2005: 101). Im Folgenden soll nun erläutert werden, warum das deutschen Bildungssystem im Vergleich zu Schweden, nach wie vor, geschlechtsspezifische Bildungsungleichheit zu Ungunsten der Frauen bewirkt (vgl. Beck 2005 ff.; Weil 2010: 2-4).

III. Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten

In diesem Abschnitt sollen geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten in Deutschland und Schweden erläutert werden. Die zwei Autoren Hadjar und Berger haben auf Basis analysierter Daten des ESS 2014 die Hochschulzugangschancen verschiedener europäischer Länder untersucht. Diese Chancen stellten sie in Verbindung mit dem jeweiligen wohlfahrtsstaatlichen System des Landes und der Stratifizierung im Bildungssystem. Auf Basis dieser Untersuchung soll im Folgenden erläutert werden, wie der Wohlfahrtsstaat in Deutschland und Schweden aufgebaut ist, wie das Bildungssystem stratifiziert ist und welchen Zusammenhang diese Faktoren mit den Bildungschancen einer Frau haben. Begonnen wird mit einer Darstellung der unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatstypen, da diese bereits Aufschluss über die Ungleichheiten geben. Danach folgt dann eine Analyse der Bildungsungleichheiten in den zwei Ländern.

1. Wohlfahrtsstaaten

„Verantwortung des Staates für die Sicherung eines Mindestmaßes an Wohlfahrt für seine Bürger“ (Esping-Anders 1998: 32), so lautet die gängige Definition des Wohlfahrtsstaates in den Lehrbüchern. Weiterhin kann man einen Wohlfahrtsstaat als einen Staat beschreiben, der eine Menge Maßnahmen der Fürsorge, Politiken und Programme anwendet, die der materiellen, sozialen und kulturellen Wohlfahrt der Bürger dienen. Der Wohlfahrtsstaat ist eine institutionalisierte Form der sozialen Sicherung und gewährleistet jedem Menschen ein Existenzminimum. Weiterhin hat der Wohlfahrtsstaat eine schützende Funktion im Bereich der grundlegenden Risiken, Alter, Gesundheit, Arbeitslosigkeit, Unfall und Pflege. Ebenso bekämpft der Wohlfahrtsstaat die soziale Ungleichheit in der nationalen Gesellschaft durch Einkommensumverteilung (vgl. Andersen/Woyke 2009: 627 bei: Onnen 2012: 5).

Es gibt verschiedene Wohlfahrtsstaatstypen, die sich erheblich in ihren Prinzipien und ihren Anordnungen zwischen Familie, Staat und Markt unterschieden. Neben dem liberalen, dem südeuropäischen und dem postsozialistischem Wohlfahrtsstaatstyp, die hier nicht weiter erläutert werden, da sie sich nicht auf die zwei zu untersuchenden Länder beziehen, gibt es den korporatistischen/konservativen Wohlfahrtsstaat und den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Deutschland ist ein korporatistisch/konservativer Wohlfahrtsstaat, in dem der Erhalt von Statusunterschieden vordringlich ist. In der Tradition waren Rechte an Klassen und Schichten gebunden, heute ist der Staat darauf ausgerichtet, trotz eines großen sozialen Sicherungssystems, soziale Ungleichheiten aufrecht zu erhalten. Dieses Modell bewirkt, dass es nur eine geringe Umverteilung von Steuern und Sozialleistungen gibt. Weiterhin hat die Kirche in diesem Wohlfahrtsstaatstyp Einfluss auf die Gesellschaft, sodass sich eine Verpflichtung an der Aufrechterhaltung der traditionellen Familienformen ergibt. Außerdem gilt das Subsidiaritätsprinzip, welches meint, dass der Staat erst dann eingreift, wenn sich die Individuen oder die Familie nicht selbst helfen können.

[...]


[1] Hochschulreformprozess seit 1999, der zum Ziel hat, international akzeptierte Abschlüsse zu schaffen, die Qualität von Studienangeboten zu verbessern und mehr Beschäftigungsfähigkeit zu vermitteln. An diesem Prozess sind 47 Staaten beteiligt, die EU Kommission und acht weitere Organisationen (vgl. http://www.bmbf.de/de/3336.php)

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Details

Titel
Auswirkungen des Wohlfahrtsstaats auf geschlechtsspezifische Bildungschancen. Schweden und Deutschland im Vergleich
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Veranstaltung
Soziale Ungleichheit aus internationaler Perspektive
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V282667
ISBN (eBook)
9783656820574
ISBN (Buch)
9783656838609
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, wohlfahrtsstaats, bildungschancen, schweden, deutschland, vergleich
Arbeit zitieren
Jennifer Hein (Autor), 2013, Auswirkungen des Wohlfahrtsstaats auf geschlechtsspezifische Bildungschancen. Schweden und Deutschland im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282667

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