Hat das Stil? Eine textstilistische Untersuchung der Berichterstattung zum Rücktritt Christian Wulffs in der BILD und der FAZ


Bachelorarbeit, 2014

56 Seiten, Note: 3,0

Franziska Schmidt (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Einleitung
2.1 Einführung in die Thematik
2.2 Textmerkmale nach Barbara Sandig
2.3BILDundFrankfurter Allgemeine Zeitung

3 Textstilistische Untersuchung der Beiträge derBILD
3.1 Kommentar
3.2 Bericht

4 Textstilistische Untersuchung der Beiträge derFAZ
4.1 Kommentar
4.2 Bericht

5 Zusammenfassung

6 Fazit und Ausblick

7 Quellenverzeichnis
7.1 Primärquellen
7.2 Sekundärquellen
7.3 Internetquellen

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang

1 Vorwort

Eine sinnvolle Verbindung der Inhalte meiner beiden Studienfächer Germanistik und Politikwissenschaft im Rahmen der Abschlussarbeit zu finden, schien mir anfangs nicht schwierig- hängen doch Sprache, Text und Politik sehr oft eng zusammen. Da meine Bachelorarbeit schwerpunktmäßig eine sprachwissenschaftliche Analyse werden sollte, war die Abgrenzung zur Thematik der Politischen Kommunikation dann aber doch nicht ganz einfach.

Letztlich entschied ich mich, aufgrund meines journalistischen Interesses, für die Analyse von Zeitungsartikeln, welche den Rücktritt von Christian Wulff thematisieren. Somit schaffte ich dann auch die inhaltliche Verbindung zur Politikwissenschaft.

An dieser Stelle möchte ich mich beim Erstgutachter meiner Arbeit, Dr. Jörg Wagner, bedanken, der mir mit Hinweisen und wertvollen Literaturtipps den Einstieg in den Schreibprozess erleichterte. Gleicher Dank geht auch an die Zweitgutachterin meiner Arbeit, Dr. Bettina Bock.

Zudem möchte ich mich bei meiner Familie und speziell meinen Eltern bedanken, die stets an mich geglaubt haben und mich während des gesamten Studiums unterstützt haben.

Ein besonderer Dank geht auch an meinen Freund Andreas für seine aufmunternden und motivierenden Worte.

Schließlich sei noch meinen Freunden herzlich gedankt, die das Studium in Halle zu einer unvergesslichen Zeit gemacht haben.

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Thematik

„Texte sind Mittel sprachlichen Handelns […]. Da es in einer Gemeinschaft […] die verschiedensten Arten von Handlungsbedarf gibt, sind Texte außerordentlich vielfältig […]. Es gibt die verschiedenartigsten Textfunktionen und infolgedessen auch –Formen.“ (Sandig 2006: 307).

Weitreichende Textformen prägen seit Jahrhunderten die Gesellschaft.

Liebesbriefe, Gedichte, Minnesang, die ersten Flugblätter und Zeitungen, Romane, amtliche Schreiben, Zeugnisse oder Gutachten sind Teil unseres Alltags. Sie unterhalten, berühren, informieren, geben Auskunft, identifizieren, stiften Unruhe, decken auf. Jede Textart ist dabei durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet. Doch nicht jeder Text ist von jedem abgrenzbar. Es können unscharfe Ränder vorhanden sein, Merkmale können sich überlappen oder gar nicht vorhanden sein. (Vgl. Sandig 2006: 309).

Eine schon vielfach auf ihre Merkmale untersuchte Form fällt in den Bereich der journalistischen Texte. Nach der Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg wurden um 1480 die ersten Flugblätter und Vorläufer der heutigen Zeitungen gedruckt. (Vgl. Meier 2011: 70). Schon zu dieser Zeit wurden erste journalistische Formen entscheidend geprägt und es entstanden Merkmale, die bis heute auffallend für bestimmte Textsorten sind.

Journalistische Texte eignen sich für stilistische Vergleiche insofern sehr gut, dass es grundlegende Merkmale gibt, die die Textsorten voneinander abgrenzen lassen.

Die zunehmende Mediatisierung und die damit verbundene Entwicklung des Online-Journalismus, aber auch die sogenannte „Schreibe“ des jeweiligen Redakteurs ergeben die oben erwähnten unscharfen Ränder, sodass Textsorten, die auf den ersten Blick einheitlich scheinen, dennoch unterschiedliche Stilmerkmale aufweisen.

Barbara Sandig benannte bereits 1986 relevante Stilmerkmale von Texten in ihrem Werk Textstilistik des Deutschen. In der aktualisierten Auflage von 2006 wurden einige Inhalte weiter definiert. Für die in dieser Arbeit verfasste Analyse werden acht, von Barbara Sandig definierte, Merkmale von Textsorten anhand von journalistischen Texten, speziell jeweils ein Bericht und ein Kommentar aus der BILD- Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung untersucht. Dabei werden die Unikalität und Textfunktion, das Thema, die Kohäsion und Kohärenz, die Situationalität, Materialität und Kulturalität/Historizität der einzelnen Texte beleuchtet. Eine genaue Definition dieser Merkmale findet in Kapitel 1.2 statt. Zudem wird in Kapitel 1.3 kurz Wesentliches zur BILD und der FAZ benannt. Die Analyse findet sich dann in Kapitel 2. Danach werden eine abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse sowie ein Fazit und ein Ausblick zu finden sein.

Die Thematik der journalistischen Texte betrifft den Rücktritt von Christian Wulff aus dem Amt des Bundespräsidenten.

Gescheiterte Politikerkarrieren wegen Plagiatsvorwürfen oder, in Wulffs Fall, finanzieller Unstimmigkeiten im Amt, sind in den letzten Jahren vermehrt in den Medien ein Thema. Die Beobachtung der Berichterstattung in den Medien brachte die Motivation für das Thema dieser Bachelorarbeit. Fast täglich erschienen neue Meldungen über Christian Wulff in den Tageszeitungen, Online-Portalen und Fernsehsendungen. Vor allem die BILD- Zeitung nahm dabei eine entscheidende Rolle ein.

„Was die BILD- Zeitung am 13. Dezember 2011 über die private Hausfinanzierung der Wulffs und die fragwürdige Auskunft gegenüber dem Niedersächsischen Landtag veröffentlicht, ist das Ergebnis langer, beharrlicher Recherchen.“ (Götschenberg 2013: 238).

Doch nicht allein die BILD trug zur Aufklärung der Wulff-Affäre bei. Auch andere Medien recherchierten und veröffentlichten brisante Neuigkeiten.

„[…] Es [kommt] schließlich zu einer regelrechten Rudelbildung aufseiten der Medien […], bei der die Meinungsvielfalt völlig abhandenkommt.“ (Götschenberg 2013: 239).

Durch die stattfindende Analyse sollen nicht nur die jeweiligen Textmerkmale untersucht werden, es soll auch der sprachliche Stil in den Beiträgen ermittelt werden, der eventuell auch die oben zitierte „abhandengekommene Meinungsvielfalt“ aufzeigt. Außerdem soll herausgefunden werden, ob der Stil der journalistischen Textgattungen in den beiden Zeitungsmedien BILD und FAZ gleich ist oder ob es vom Medium abhängt, wie welches Textmerkmal auftaucht.

1.2 Textmerkmale nach Barbara Sandig

Unikalität

Wird eine Bewerbung oder ein Brief an Freunde erstellt, gelten bestimmte Muster, nach welchen die entsprechenden Dokumente verfasst werden können oder sogar müssen. Der Brief an Freunde kann beispielsweise ohne besondere Vorgaben verfasst werden, auch wenn bekannt ist, dass eine Anrede und Verabschiedung üblich, aber nicht zwingend ist. Die Bewerbung hingegen hat strengere Vorgaben, sie sollte z.B. nicht zu umgangssprachlich und in einer bestimmten Formatierung verfasst werden.

Die Anpassung des Textes an bestimmte Gegebenheiten und Muster wird Unikalität genannt. (Vgl. Sandig 2006: 313). Eine entsprechende Skala benennt die speziellen Textsortenunterschiede:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Unikalitätsskala (bearbeitet aus Sandig 2006: 313).

Während die originellen, mustervariierenden und musterbefolgenden Texte eine hohe Individualität aufweisen, stellen die anderen Textsorten eine Formelhaftigkeit dar, die vor allem der Wiedergabefähigkeit (z.B. Gedicht, Gebet), der einheitlichen Verständlichkeit (z.B. Gesetz) oder dem Wiedererkennungswert (z.B. Ausweis) geschuldet ist. Doch bereits hier zeigen sich erste fließende Übergänge. So hat beispielsweise die Textsorte „Gedicht“ eine feste Formelhaftigkeit- diese kann aber insofern geändert werden, dass sich die Verse zwar reimen, diese sich aber in unterschiedlicher Anordnung befinden. Somit ist es möglich, dass Texte auch Mischformen bilden und damit „[…] unterschiedliche Grade der Unikalität […].“ (Sandig 2006: 316) zeigen. Die Unikalität ist eng mit dem zweiten Textmerkmal, der Textfunktion, verbunden. So erschließt sich dies aus dem oben genannten Beispiel zur Bewerbung. Ist diese nämlich in einer bestimmten Form verfasst, erfüllt sie ihre Funktion und kann damit zielführend sein. Resultierend daraus lässt sich sogar eine Verbindung zum bekannten Satz „form follows function“ in umgekehrter Fassung schaffen. (Vgl. Designlexikon International 2003-2014). Der Satz wird ursprünglich dem Design und der Architektur zugeordnet, scheint aber in Bezug auf die Textmerkmale auch teilweise zutreffend zu sein.

Textfunktion

Als eine der wichtigsten Merkmale von Texten wird die Funktion bezeichnet.

„[Sie ist] die im Text erkennbare Kommunikationsabsicht des Textautors. Sie soll vom Rezipienten (Hörer bzw. Leser) erkannt werden.“ (Busch/Stenschke 2008: 236). Jeder Autor verfolgt mit seinem Text eine bestimmte Absicht, die anhand der Sprache und der Form des Textes vom Leser erschlossen werden kann.

In der Sekundärliteratur finden sich zahlreiche Möglichkeiten, die Textfunktion zu bestimmen. Angelehnt an die Illokutionstypen nach Searle (Vgl. Busch/Stenschke 2008: 219), benennt beispielsweise Klaus Brinker fünf Textfunktionen, die ganz allgemein gelten können. Dazu zählen die Informations-, Appell-, Kontakt-, Obligations- und Deklarationsfunktion. (Vgl. Brinker 2001: 98ff.). Kirsten Adamzik entwickelte ein Textfunktionelles Ertragsmodell, welches definiert, ob ein Text zum Beispiel praktisch, unterhaltend, sozial, formbezogen oder auch handlungsorientierend geschrieben ist. (Vgl. Adamzik 2004: 116).

Barbara Sandig definiert diese Thematik in abgewandelter Form. Sie benennt Hinweise, durch die die jeweilige Textfunktion sichtbar wird. (Sandig 2006: 318ff.). Die Hinweise, anhand derer später auch die Analyse der Funktion der Textbeiträge stattfinden soll, werden im Folgenden kurz erläutert:

Erstens sind explizite Kategorisierungen notwendig, um die Funktion zu erkennen. Dazu zählen Überschriften oder Dokumentkennzeichnungen, wie „Personalausweis“, „Zeugnis“ oder „Lebenslauf“. In der Presse werden bestimmte Kategorien beispielsweise auch betitelt (Leserbriefe, Kommentar usw.). Die zweite Möglichkeit, die Textfunktion zu bestimmen, sind ausgeprägte wahrnehmbare Textgestalten - also das „Layout“ der Texte. Dazu gehören neben der Textanordnung auch die Textlänge, Schrifttypen oder etwaige Zeichen und der Textträger. Als dritten Hinweis auf die Textfunktion benennt Sandig die interne Textstrukturierung, also beispielsweise spezielle Formulierungsmuster, die Wortwahl im Allgemeinen oder besondere Ausdrücke. Eine weitere Möglichkeit, die Textfunktion zu bestimmen ist die Erörterung des Themas. Dieses Merkmal nimmt eine besondere Stellung bei der stilistischen Analyse von Texten ein und hängt dabei auch mit der Funktion zusammen. Die Art der thematischen Einstellung, also ob ein Text bewerten oder etwas anbieten soll oder die thematische Gliederung, z.B. durch Überschriften, sind entscheidende Faktoren zur Funktionsbestimmung. Den letzten Hinweis zur Benennung der Textfunktion, den Sandig liefert, ist der Textträger bzw. Situationstyp, das heißt zu welchem Anlass wurde der Text verfasst und wo wurde er abgedruckt, vorgetragen oder ausgehangen.

Alle fünf Faktoren, die der Textfunktionsbestimmung dienen, finden sich auch allgemeiner bei den Merkmalen zur stilistischen Analyse von Texten wieder. Damit wird schon jetzt deutlich, dass Funktion, Form, Thema und Inhalte eng zusammenhängen, um den Stil eines Textes zu erkennen. (Vgl. Sandig 2006: 324). In Bezug auf journalistische Texte muss sich der Redakteur beziehungsweise Autor des Textes beim Schreiben die Frage beantworten, welche Funktion der Text überhaupt erfüllen soll und ob seine Sprache der Funktion und der Zielgruppe angemessen ist. (Vgl. Ahlke/Hinkel 2000: 13).

Thema

Wie schon im letzten Absatz genannt, lässt sich das Thema eng mit der Textfunktion verbinden. Häufig wird das Thema schon durch eine Überschrift deutlich, vereinzelt jedoch erst beim Lesen eines Textes. Das Thema bestimmt maßgeblich die Handlung des Textes, daraus resultiert letztlich auch wieder die Kenntnis über die Textfunktion. Trotz möglicher Themenänderung innerhalb eines Textes, z.B. durch Unterkapitel, bleibt doch neben den Unterthemen ein Hauptthema bestehen, welches sich bei der Mehrheit der Texte findet. Bereits 1987 nannte Andreas Lötscher ein Thema ein „eigenständiges, globales Textorganisationsprinzip“, das „als zentrale Größe eines Textes empfunden wird.“ (Lötscher 1987: 300). Daraus lässt sich erschließen, dass das Thema dem Leser auch eine Art Orientierungshilfe ist, um den Verlauf des Textes zu verstehen und Unterthemen richtig einzuordnen. Letztlich ist es nicht relevant, ob eine Überschrift bzw. ein Titel bereits das Thema benennt oder dieses erst beim Lesen erschlossen wird. So sollte es doch generell zu bestimmen sein, um vor allem den inhaltlichen Stil eines Textes zu erkennen.

Kohäsion

Als Kohäsion wird der strukturell-grammatische Zusammenhang innerhalb eines Textes bezeichnet. (Vgl. Busch/Stenschke 2008: 231). Für den Leser bzw. Rezipienten eines Textes wird der inhaltliche Zusammenhang hergestellt, indem Syntax und Semantik eine Struktur ergeben bzw. „vertextet“ werden. Um diese Struktur zu erstellen, werden sogenannte Kohäsionsmittel verwendet. Die folgende Tabelle zeigt diese:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Kohäsionsmittel (bearbeitet aus Busch/Stenschke 2008: 231f.).

Kohärenz

„Kohärenz ist der größte Sinnzusammenhang, der anhand eines Textes und anhand des Sprach- und Weltwissens von den Rezipierenden zu konstruieren ist.“ (Sandig 2006: 363). Es geht hierbei also um einen inhaltlich-thematischen Zusammenhang, der wiederum eng mit der Textfunktion verknüpft ist. Einfach ausgedrückt, kann man einen Text nur dann verstehen, wenn man sein eigenes (Welt-)Wissen mit dem Wissen aus dem Text verbindet. Das Textwissen wird vom Autor selbst konstruiert.

Sandig nennt in ihrem Werk einige Formen von Wissen, die für den inhaltlich-thematischen Zusammenhang wichtig sind. Dazu gehören das Situationswissen, das Ereigniswissen über spezielle Personen, Handlungen, Umgebungen usw., Sprachwissen, intertextuelle Bezüge und die bereits oben genannten Kohäsionsmittel. (Vgl. Sandig 2006: 389). Um einen Zusammenhang auf inhaltlicher Ebene in einem Text zu erkennen, sollte der Rezipient einen Teil des Wissens durch den Text erlangen und einen anderen Teil durch sein eigenes Hintergrund- und Weltwissen ergänzen. Das für die Kohärenz wichtige Wissen wird oft auch in Zusammenhang mit den aus der Pragmatik bekannten Präsuppositionen gebracht. (Vgl. Sandig 2006: 397). Handlungstheoretische Ansichten zur Sprache stehen damit häufiger mit dem Textstil in Beziehung als gedacht.

Für die Bildung von Kohärenz sind bestimmte inhaltliche und strukturelle Faktoren förderlich. Anhand einer Skala verdeutlicht Barbara Sandig diese Faktoren. So ist es für die inhaltliche Kohärenzbildung von Vorteil, wenn eine Textfunktion erkennbar ist, Kohäsionsmittel verstärkt angezeigt werden, Präsuppositionen genutzt werden und das Thema deutlich formuliert wird. Für die formale Kohärenzbildung sind eine Gesamtstruktur, Absätze, Untergliederungen und die ausdrucksseitige Rekurrenz (s. Kohäsion) vorteilhaft. (Vgl. Sandig 2006: 411f.). Eine nicht vorhandene Kohärenz kann bei Fachtexten oder derer, die übersichtlich gestaltet sein sollten, problematisch sein. Für kreative und frei gestaltbare Texte hingegen muss nicht zwangsläufig Kohärenz vorhanden sein.

Situationalität

Die Situationalität eines Textes hat in vielerlei Hinsicht Einfluss auf dessen Stil. Sie wurde bereits als Voraussetzung für die Kohärenzbildung benannt. In der Pragmatik gibt es Möglichkeiten die Situationalität zu differenzieren um somit zu erkennen, wo, wann, an wen und unter welchen Bedingungen ein Text verfasst, gedruckt, gezeigt oder vorgetragen wurde. Diese Möglichkeiten werden in der folgenden Tabelle kurz erläutert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Situationalitätsfaktoren (bearbeitet aus Sandig 2006: 415- 421).

Anhand dieser Faktoren lässt sich die genaue Situationalität eines Textes bestimmen und damit auch wieder auf die Textfunktion, die Kohärenz und letztlich den gesamten Stil des Textes schließen.

Materialität

Die Materialität eines Textes kennt quasi keine Grenzen. Der Text kann auf Papier oder Stoff, auf Fahrzeugen oder Schildern gedruckt werden. Er steht in Zeitungen, in Büchern, auf Postkarten. Man kann ihn sehen und hören. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob Texte für Papier oder eine Internetseite vorgesehen sind, ob man sie im Radio hören soll oder Zeit hat sie in Ruhe in Form eines Romans zu lesen.

Auch die Materialität steht in einem engen Zusammenhang mit der Textfunktion. Die von Barbara Sandig erwähnten „[Untermerkmale] können als einzelne dominant sein, während andere irrelevant sind; sie können aber auch relevante Bündel von Merkmalsbündeln bilden.“ (Sandig 2006: 425).

Ganz allgemein kann man den Kanal, den Textträger und die Medien als Material eines Textes nennen.

Der Kanal ist die Verbindung zwischen Rezipierenden und Rezipient, also je nach Material können Wahrnehmungen auditiv, visuell, haptisch usw. sein. (Vgl. Sandig 2006: 427). Nimmt der Rezipient ein physikalisch wahrnehmbares Material wahr, ist der Textträger gemeint. Dieser kann eine Zeitung, ein Buch aber auch ein Denkmal oder Grabstein sein. „Wir haben ein konventionell geprägtes Wissen darüber, in welchen [Situationen] welche Typen von Textträgern üblicherweise verwendet werden.“ (Sandig 2006: 428).

Der Begriff der Medien wird von Sandig für die Materiale verwendet, die über einen technischen Kanal oder einen Textträger vermittelt werden können. Passend zu den für diese Arbeit ausgewählten Texten, sind also mit Medien die FAZ oder die BILD gemeint.

Die Materialität ist sehr vielfältig zu betrachten und meist stehen Material und Textträger (z.B. Papier als Material und Zeitung als Textträger) in engem Zusammenhang.

Kulturalität/Historizität

Je nach Kultur eines Landes oder bestimmter Bevölkerungsgruppen können Texte unterschiedlich kulturell geprägt sein. Vor allem anhand der Textmuster ist dies ersichtlich. Gleiches gilt für die Historizität. Schriftarten, Rechtschreibung und Muster für bestimmte Texte haben sich in den letzten Jahrhunderten weiterentwickelt und passen sich immer der jeweils aktuellen Zeitepoche an. „[Es] wird mit verschiedenen je zeitgemäßen typografischen Konventionen gearbeitet.“ (Sandig 2006: 481). Bei Ausstellungen in Museen können aber beispielsweise alte Schriftarten zur Veranschaulichung der damaligen Epoche genutzt werden.

Bei der Betrachtung aller Textmerkmale fällt auf, dass diese oft in Zusammenhang zueinander stehen und interagieren. Bei der Analyse in Kapitel 2 sollen somit nicht nur Merkmale benannt, sondern auch deren Gewichtung und Zusammenspiel untereinander erläutert werden.

1.3 BILD und Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Unterschied zwischen der als unterhaltende Boulevard-Zeitung geltenden BILD -Zeitung und der ‚journalistisch einwandfreien‘ Tageszeitung Frankfurter Allgemeine ist schon seit Entstehung beider Zeitungen bekannt.

Am 24. Juni 1952 erschien die BILD - damals als „Deutschlands modernste Zeitung“ bezeichnet – erstmals. Seither steht die auflagenstärkste Tageszeitung in Deutschland immer wieder in der Kritik. Nach Erich Straßner wende sich die BILD „an den modernen Analphabeten, einen optischen Menschen, der hungrig [ist] nach visuellen Eindrücken.“ (Bucher/Straßner 1991: 113). Der Axel-Springer-Verlag entwarf die BILD -Zeitung nach dem Modell einer Tagesillustrierten. Thematisch fasst die BILD Politik wie Kultur, Soziales und Wirtschaft ebenso wie Sport und Boulevard. Der Fokus der Berichterstattung liegt dabei häufig auf der Sensation an sich. Die Texte der BILD bestehen aus kurzen, einfachen Sätzen, sodass der Leser nicht ‚nachdenken‘ muss. Es werden ‚Häppchen‘ von Neuigkeiten angeboten, die vor allem durch eben diese einfache Sprache möglich sind. (Vgl. Bucher/Straßner 1991: 114). Neben der erfolgreichen Print-Ausgabe, stellt BILD seit 1996 seine Nachrichten auch online unter bild.de zur Verfügung. Die Internetseite hat das „reichweitenstärkste redaktionelle Online- Angebot Deutschlands.“ (bild.de 2014). Damit nimmt die BILD -Zeitung und bild.de bei den deutschen Printmedien die vorderste Position ein. Es gibt mehrere Merkmale, die die Relevanz der BILD -Zeitung belegen. So ist die BILD das bekannteste Tagesmedium in Deutschland. Außerdem sind neben der hohen Auflagenzahl und Reichweite auch der allgemeine Bekanntheitsgrad und die Aktualität der Zeitung Gründe für die besondere Stellung der BILD am deutschen Pressemarkt. (Vgl. Globisch 2010: 32).

Neben der ILD zählt auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zu den bekanntesten überregionalen Tageszeitungen in Deutschland. Die im Rahmen eines Unternehmervereins 1949 gegründete Zeitung wird heute von der FAZIT-Stiftung herausgegeben. Es gibt keinen Chefredakteur − damit ist die FAZ die einzige Tageszeitung in Deutschland, die von mehreren Herausgebern geleitet wird. (Vgl. Alles über die Zeitung 2014: 8). Im Wesentlichen thematisiert die FAZ die gleichen Ressorts wie die BILD. Entscheidend dabei ist, dass die FAZ einen deutlich höheren Textanteil hat. Seit Januar 2001 verfügt auch die FAZ über ein Online-Angebot, welches ebenso wie die BILD zu den führenden Internetseiten von Tageszeitungen gehört.

Auch wenn sich beide Tageszeitungen ähnlich entwickelt haben, vor allem mit Blick auf die Multimediaangebote, so unterscheiden sie sich doch in einem Punkt besonders: Dem Textstil. Die Zielgruppen der beiden Formate sind im Ansatz die Gleichen, doch die Art der Informationsweitergabe an diese ist unterschiedlich.

Im folgenden Kapitel soll anhand der Textanalysen dieser Unterschied belegt oder auch widerrufen werden.

2 Textstilistische Untersuchung der Beiträge der BILD

Zur Vorbereitung auf die nun folgende Analyse war es wichtig, die zuvor ausgewählten Texte einer Textsorte zuzuordnen. Die Analyse der Textstilistik setzt die Bestimmung einer Textsorte zum Teil voraus, um spezielle Kriterien zu untersuchen. Zur eindeutigen Bestimmung der Textsorte stellte Horst Isenberg bereits 1984 einige Regeln auf, nach denen Texte zugeordnet werden sollten. So müssen beispielsweise alle Texte nach denselben Kriterien beurteilt werden. Außerdem darf nur eine bestimmte Menge von Untersuchungskriterien festgelegt werden und jeder Text sollte nur einem Texttyp zugeordnet werden. (Vgl. zitiert aus Fix 2003: 24).

Die folgenden Texte lassen sich als Kommentar und Bericht bestimmen, da sie eindeutigen Mustern dieser journalistischen Textsorten folgen. Die spezifischen Merkmale werden bei der folgenden Analyse noch detaillierter zum Ausdruck kommen. Die allgemein bekannten Merkmale, die einen Kommentar oder Bericht kennzeichnen, ließen dennoch eine vorherige Einordnung zu. So scheint der wesentliche Unterschied deutlich: die Meinungsmache. Während der Bericht bloße Sachverhalte darstellt und Hintergründe beleuchtet (Vgl. Straßner 2000: 26), kommt beim Kommentar eine Meinung zu einem Thema zum Ausdruck − diese Form des Textes geht also über die bloße journalistische Berichterstattung hinaus.

„Unsere kommunikativen Erfahrungen lassen uns sofort die Textsorte [der] Texte erkennen. Das heißt, wir haben ein spezielles Wissen über globale Textstrukturen gespeichert, aufgrund dessen wir [die Texte] einordnen können.“ (Fix 2003: 105).

Auf Basis der in Kapitel 1.2 dargestellten theoretischen Grundlagen erfolgt im Anschluss anhand von zwei Artikeln der BILD eine Analyse der Stilmerkmale. Dabei werden die Merkmale nicht ausschließlich nach den Mustern von Barbara Sandig untersucht. Auch wesentliche Charakteristika, für die die BILD bekannt ist, werden aufgeführt. Der abschließende Vergleich mit den Stilmerkmalen der FAZ, welche in Kapitel 3 analysiert werden, findet Berücksichtigung bei der Zusammenfassung in Kapitel 4 statt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Hat das Stil? Eine textstilistische Untersuchung der Berichterstattung zum Rücktritt Christian Wulffs in der BILD und der FAZ
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
3,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
56
Katalognummer
V282987
ISBN (eBook)
9783656825289
ISBN (Buch)
9783656825371
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wulff, Bild, FAZ, Journalismus, Berichterstattung, Schreibstil
Arbeit zitieren
Franziska Schmidt (Autor), 2014, Hat das Stil? Eine textstilistische Untersuchung der Berichterstattung zum Rücktritt Christian Wulffs in der BILD und der FAZ, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282987

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