Salafistische Strömungen. Die Salafīya in Deutschland


Bachelorarbeit, 2013

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen der salafīya
2.1 Begriffserläuterung und Einführung in die Ideologie
2.2 Wegbereiter der salafīya

3 Wahhābīya

4 Die deutsche salafīya
4.1 Struktur
4.2 Gefahr
4.3 Erfolg
4.4 Mission
4.5 Mainstream-salafīya
4.5.1 Gemäßigte Gruppen
4.5.2 Pierre Vogel
4.6 Dschihadistische Gruppen

5 Schlusswort

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

Vorwort

Um den Charakter der arabischen Begriffe zumindest teilweise zu erhalten, verwende ich für die Namen der verschiedenen Gruppierungen durchgehend die transkribierte Schreibweise (salafīya, wahh ā bīya etc.), für eine bessere Lesbarkeit und eindeutiges Verständnis aber die eingedeutschte Schreibweise für deren Anhänger/Mitglieder sowie adjektivische Formen. Beispielsweise wäre salaf ī sowohl der Salafist als auch salafistisch, die Verwendung der deutschen Begriffe erleichtert die Einbindung in den deutschen Satzbau und den Lesefluss.

Sämtliche Jahreszahlen sind in christlicher Zeitrechnung angegeben. Die Transkription folgt durchgehend der DMG.

1 Einleitung

Die salafīya in Deutschland hat noch keine lange Geschichte hinter sich. Anhand der letzten Jahre kann man aber eine gewisse Eigenständigkeit erkennen, auch wenn ihre Wurzeln in jahrhundertlangen Prozessen und in einem anderen als dem europäischen Staatengebilde verankert sind. Demnach ist die deutsche Version der salafīya zwar nicht ohne ihren größeren Kontext, aber doch als regionale Teilentwicklung gesondert zu betrachten. Der größte Kontext gemeinsam mit den meisten anderen salafistischen Strömungen und Ausprägungen weltweit ist natürlich die ideologische Gemeinsamkeit, die sich auf einige wenige, aber für den Islam wesentliche Punkte beschränkt. Die vorliegende Arbeit ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil behandelt die Grundlagen der salafīya in ihrer rohen Form und die wichtigsten Vertreter ihrer Ausbreitung bis zum Neofundamentalismus, der sich erst seit einigen Jahren herausgebildet hat. Sicher bleiben viele Persönlichkeiten unbeachtet, aber Aḥmad b. Ḥanbal, Ibn Taimīya und Muḥammad ʿAbduh sind meines Erachtens nach die drei Wichtigsten, die im Zusammenhang mit der salafiya keinesfalls unbemerkt bleiben sollten. Zu Letzterem gehört Rašīd Riḍā, der im Laufe seines Lebens einen gewissen Wandel von der modernistischen salafīya hin zur wahh ā bīya durchlebt hat, was ihn zu einem symbolischen Bindeglied zwischen Ägypten und der Golfmacht Saudi-Arabien sowie zwischen salafistischer Moderne und wahh ā bīya macht .

Diese ist die einflussreichste Form der salafistischen Bewegung derzeit und untrennbar mit Saudi-Arabien verknüpft. Das saudische Königreich ist zugleich ein wichtiger Stützpfeiler der deutschen Gruppe, sodass ein Überblick über die wahhabīya im zweiten Teil Platz findet. Untersuchungen zur deutsche salafīya selbst bilden den dritten Teil dieser Arbeit. Dabei ist es unvermeidbar, einzelne Kleingruppen oder auch Einzelpersonen beispielhaft herauszugreifen, um gewissen Beobachtungen zu verdeutlichen. Obwohl die Bewegung in Deutschland wie auch weltweit trotz ihres engen ideologischen Korsetts sehr pluralistisch ist, entwickelt sie sich besonders schnell entlang charismatische Prediger. Einer der prominentesten und am häufigsten diskutierten Protagonisten der salafistischen Szene ist Pierre Vogel, der im Zusammenhang mit den Entwicklungen der deutschen salafīya keinesfalls unbeachtet bleiben darf. Er dient als Vertreter der Mainstream- salafīya, aber kann auch als Bindeglied auf der Schwelle der dschihadistischen Ausprägung gesehen werden. In dieser Funktion repräsentiert er in bester Weise die Problematik 3

Deutschlands im Umgang mit dem salafistischen Islam. Die Mehrheit dieser Strömung ist friedlich und dem gewalttätigen ǧ ih ā d abgeneigt, allerdings wirken deren Ideologie, Gedankenmuster und Verhaltensweise wie ein Katalysator für extremistische, terroristische und dschihadistische Netzwerkbildung. Die Gefahr der salafīya in Deutschland liegt daher weniger offen, sondern setzt sich im Hintergrund aus vielen Faktoren zusammen. Einige dieser Faktoren lassen sich in der Beleuchtung des salafistischen Missionsbestrebens beschreiben, besonders im Hinblick auf Methoden sowie auf mögliche Gründe für deren Erfolg, der sich im rasanten Wachstum der Mitgliederzahl widerspiegelt. Da ein starker Anteil dieser Mission (da ʿ wa) im Internet über Videos, Blogs, Propaganda- und Informationswebseiten stattfindet, sind auch meine Quellen vorwiegend dem Online- Angebot entnommen, wobei ich versucht habe, mich auf Artikel aus den renommiertesten Zeitungen zu beschränken. Einige beispielgebende Videoquellen sind im Anhang kurz erläutert, worauf im Text verwiesen wird. Weiterhin ist die Thematik des islamischen Extremismus‘ noch sehr jung und erfährt besonders im deutschsprachigen Raum erst seit kurzem erhöhte Aufmerksamkeit, sodass es wenig ausführliche Literatur außerhalb journalistischer Analysen gibt.

2 Grundlagen der salafīya

2.1 Begriffserläuterung und Einführung in die Ideologie

Im Wortsinn bezeichnet salaf die Vorgänger, Ahnen oder Altvorderen. Demnach ist die salafīya, im deutschsprachigen Raum als „Salafismus“ bekannt, nichts weiter als die Orientierung an den Vorgängern. Für den Islam in dieser Thematik bedeutend sind die salaf a ṣ - ṣā li ḥ, die ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren und ersten drei Generationen von Muslimen. Darunter zählen die ṣ a ḥā ba, Mohammeds Gefolgschaft, deren Nachfolger (t ā bi ʿī y ū n) sowie diejenigen, die die t ā bi ʿī y ū n kannten. Dabei ist wichtig, dass die Anhängerschaft oder Bekanntschaft bis zum Tode und im Zustand des Glaubens stattgefunden hat. Diese Merkmale zeichnen die salaf aus, auf die die Grundideologie aller salafistischen Strömungen zurückführt. Je nach Zeit und Region haben sich verschiedene Gruppen herauskristallisiert, sie sich zum Teil stark unterscheiden, aber dennoch eine sehr konservative und fundamentalistische Gesinnung gemein haben. Die Orientierung an den salaf bedeutet konkret, dass das Glaubensleben von diesen Vorfahren in korrekter Weise geführt wurde und sie die richtige Form des Islams lebten.

Aufgrund dieser Basis findet man bei allen salafistischen Bewegungen weltweit und durch die Entwicklungsgeschichte hindurch grundsätzlich eine Ablehnung der Tradition, die taqlīd (wörtl.: „Nachahmung“) bezeichnet wird. Die ḫ alaf, die späteren Nachfolger, die die Tradition errichtet haben, stehen also nicht nur phonologisch im Gegensatz zu den salaf, sondern deren Beitrag zum Islam wird von den Salafisten im Allgemeinen abgelehnt wie auch andere Innovationen (bida ʿ), für die es keine konkrete Basis in Koran und Sunna gibt. Diese stellen einzig und allein die Quellen dar, die Anhänger der salafīya als rechtmäßig und gültig für die unverfälschte Auslegung und Ausübung des Islam ansehen, wobei auch bei den Hadithen nur wenige als echt und fälschungssicher anerkannt sind. Die Ablehnung der bida ʿ stellt die verschiedenen salafistischen Gruppen mit voranschreitender Modernisierung der Gesellschaft immer wieder vor neue Herausforderungen und Fragen, welche technischen und konventionellen Neuerungen verboten werden müssen. Generell zählt alles, das zu Zeiten der salaf nicht vorhanden war oder getan wurde, als eine Verletzung der religiösen Gesetze (ḥ ar ā m). Allerdings häufen sich im Laufe der Zeit Unklarheiten, neue Erfindungen, Techniken oder Gewohnheiten betreffend, die es zur Zeit der salaf noch nicht gab und über die es demzufolge keine autoritativen 5

Regelungen gibt. Aus dieser Not heraus, für Neuheiten verbindliche Aussagen zu machen, wird in salafistischen Kreisen immer mehr zwischen schlechten und guten Neuerungen (bid ʿ a hasana) unterschieden, wobei letztere dem Ziel der Verbreitung des rechten Glaubens nicht im Weg stehen oder es erlauben, moderne Strukturen zum Vorteil zu nutzen z.B. zur Gewinnung neuer Anhängerschaft oder zur Bekämpfung gegnerischer Gruppen. Ein aktuell im Medienzeitalter immer wieder diskutiertes Beispiel ist das Internet, welches von Salafisten problemlos genutzt wird mit der Begründung, die technischen Geräten hätten „nichts mit ,Gottlosigkeiten‘ wie dem Darwinismus, Atheismus oder anderen ,westlichen Perversionen‘ zu tun.“1

Ein weiteres Prinzip, nach dem sich grundsätzlich alle salafistischen Ausläufer weltweit richten, ist der unbedingte Glaube an tau ḥī d, die Einzigkeit Gottes. Je nach Auslegung zieht dieses Prinzip viele weitere Dogmas nach sich, vor allem aber definiert sich daran die Beurteilung, welche Praktiken und welche Gruppen diesem Prinzip des absoluten tau ḥī d widersprechen. In der Betonung des Monotheismus‘ begründet sich die Nichtakzeptanz vor Allem der šīʿ a, deren Anhängern durch die Polytheismus (š irk) vorgeworfen wird.

Im Laufe der Zeiten stellte sich immer wieder die Frage, wie weit diese Grundeinstellung und die Ideologien der salafīya nicht nur auf die gesellschaftliche, sondern auch auf die politische Ebene Einfluss nehmen sollte. Hier ist der Begriff i ṣ l āḥ eng mit der salafīya verbunden. Die Bedeutung als Reform berührt nur die Oberfläche diesen vielschichtigen Wortes. Vor allem aber ist es ein Hinweis auf Veränderungen, die dazu führen sollen, das Leben der islamischen Gemeinschaft auf Koran und Sunna und der Rechtsgrundlage der š ar īʿ a allein auszurichten. In diesem Grundprinzip ist die salafīya eine reformierende Bewegung, die Ausprägung des Reformcharakters und die Reichweite unterscheiden sich aber je nach Epoche und Wirkungsraum.

2.2 Wegbereiter der salafīya

Aḥmad b. Ḥanbal ist nicht nur der letzte Lebende der dritten Generation und damit der letzte der salaf a ṣ - ṣā li ḥ , sondern gilt auch als Ur-Vater der salafīya. Auch wenn Ibn Ḥanbal der Begründer einer der vier großen sunnitischen Rechtsschulen (ma ḏā hib) ist, von denen sich die meisten salafistischen Gruppierungen distanzieren, gelten seine Lehren als wichtige und wohl früheste Grundlage für die salafīya. Im Allgemeinen stimmt die salafīya mit den Lehrmeinungen der Hanbaliten überein, ohne sich selbst als Hanbaliten zu bezeichnen. Besonders die Wahhabiten stehen der ḥ anbalīya sehr nah.

Aḥmad b. Ḥanbals Lehre distanzierte sich von der Idee des taqlīd und war bestrebt, theologische und juristische Fragen und Probleme allein durch die Orientierung an Koran, Sunna und dem Konsens der salaf zu lösen, womit er den Grundstein der salafistischen Dogmatik legte. Auch ist schon bei ihm die radikale Ablehnung theologischer Neuerungen (bid ʿ a) definiert. Ibn Abī Yaʿla zitiert folgenden Ausspruch Ibn Ḥanbals: „Die Gräber Sünder der ahl as-sunna sind ein Garten, aber die Gräber der Asketen der ahl al-bid ʿ a sind ein Graben. Die Übeltäter der ahl as-sunna sind Freunde Gottes, aber die Asketen der ahl al-bid ʿ a sind die Feinde Gottes.“2 Dieser Verurteilung folgen alle Anhänger der salafīya, auch wenn die Auslegung bisweilen stark variiert. Bedeutsam ist ebenfalls Ibn Ḥanbals umfangreiche Hadith-Sammlung mit über 29.000 Hadithen. Das k. al-Musnad ist nach den Überlieferungen der Prophetengefährten angeordnet und betont die Bedeutung der salaf a ṣ - ṣā li ḥ für die nachfolgenden Entwicklungen der salafīya.

Unter den Anhängern der ḥ anbalīya ist Ibn Taimīya der zweite große Meilenstein für die salafistische Entwicklungsgeschichte und wird genau wie Ibn Ḥanbal mit dem ehrenvollen Titel š ai ḫ al-islam versehen. Im Gegensatz zu Ibn Ḥanbal entwickelte er die Lehren dessen weiter zu aktivistischen Zielen, zum Beispiel forderte er als oberste Aufgabe eines Staates, das islamische Recht und damit die muslimische Identität zu garantieren.

Die Bedeutung, die Ibn Taimīya im Nachhinein für den Islam hat, ist in keinem Maß vergleichbar mit seiner Rezeption zu Lebzeiten. Einer seiner Schüler, er Gelehrtenbiograph aḏ-Ḏahabī lässt in seinem Eintrag über Ibn Taimīya durchblicken, dass er zwar überaus gebildet und einflussreich war, aber kaum Popularität genoss und unter den Gelehrten und besonders bei den Anhängern der stark verbreiteten šā fi ʿī ya und a šʿ arīya eher eine feindselige Stimmung gegen ihn herrschte.3 Die hohe

Anzahl an Konflikten und Anfeindungen sind allerdings nicht verwunderlich angesichts Ibn Taimīyas zunehmende Polemik in Schrift und Tat. In seinen umfangreichen Werken attackierte er nicht selten hochrangige Gelehrte und bedeutende Persönlichkeiten der Zeit.4 Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber vielen üblichen Auffassungen und einem Hang zur Rebellion gegen die zeitgenössischen Juristen und Theologen wurde er mehrere Male in seinem Leben ins Gefängnis geworfen, letzten Endes starb er auch in damaszenischer Haft, in die ihn seine Verurteilung der Pilgerreise zum Grab des Propheten als bid ʿ a gebracht hat.5 Dennoch hatte Ibn Taimīya auch zu Lebzeiten Bewunderer und Anhänger seiner Lehren, die an der Verbreitung dieser mitgewirkt haben und nicht zuletzt auch Teile seiner Bestrafungen teilten.6

Zum letztendlichen Ruhm und die hohe Stellung in der Geschichte des sunnitischen Islams gelangte Ibn Taimīya aber erst durch ʿAbd al-Wahhāb, der die Ideen Ibn Taimīyas aufgegriffen hat und in weitreichenderem Umfang verbreitet hat, sodass dessen Ideologie schließlich die eines ganzen Staates wurde. Der Einfluss auf ʿAbd al-Wahhāb ist sicherlich einer der folgenreichsten in der Geschichte des Islams, doch auch viele andere Strömungen außer der wahh ā bīya begründen sich auf den Lehren Ibn Taimīyas.

In der modernistischen Zeit sind vor allem Ǧamal ad-Dīn al-Afġānī, der Ägypter Muḥammad ʿAbduh sowie der Syrer Rašīd b. ʿAlī Riḍā zu erwähnen, deren Einfluss auf die salafīya weiter über den Nahen Osten reicht. Diese Schule, auch die aufgeklärte salafīya (salafīya tanwirīya) genannt, entfernte sich von den antirationalistischen Gedanken Ibn Taimīyas7 und gab den ah ā d īṯ nicht bedingungslose Autorität.

Die Lehre Muḥammad ʿAbduhs zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er sich für die Vereinbarkeit der islamischen Religion und westlicher Errungenschaften in Technologie und Wissenschaft einsetzte. Diese Einstellung und in gewisser Weise Öffnung zum Westen stellt einen wesentlichen Unterschied zur entstehenden wahhabīya auf der Arabischen Halbinsel dar, wo man der Auffassung war (und ist), dass westliche Einflüsse im Widerspruch zu den Fundamenten des Islams stehen. Die Lage der Muslime in Ägypten, besonders unter britischer Fremdherrschaft, brachte Muḥammad ʿAbduh zu reformistischen Gedanken, die sich allerdings nicht unwesentlich von seinem Lehrer al-Afġānī unterschieden. Während dieser einen revolutionären Umbruch anstrebte, zielte Muḥammad ʿAbduh auf eine Verbesserung der Umstände und vor allem auf eine Rückbesinnung auf den wahren Islam durch allmähliche Reformen und die Entfaltung sowohl moralischer als auch religiöser Bildung. Ein besonderer Augenmerk lag für Muḥammad ʿAbduh auf der arabischen Sprache, die Vorraussetzung für die Konzentration auf den Koran ist, da jede Übersetzung Verfälschung mit sich bringt. Ein wesentlicher Unterschied zur heutigen und auch zur vormodernen salafīya ist sein Textverständnis. Während die salafīya dem genauen Wortlaut des Korans oberste Autorität zuweist, ist der Umgang mit dem Koran in der modernistischen Epoche nicht literalistisch. Dadurch war es für Muḥammad ʿAbduh möglich, naturwissenschaftliche oder technische Phänomene in den Koran hineinzulesen.8

Eines der Übel, gegen den die modernistischen Traditionalisten ankämpften, war die zunehmende Verfälschung des Islams und die damit verbundene Uneinigkeit der islamischen Gemeinde (umma), daraus erschließt sich das salafistische Grundmerkmal der Forderung nach Rückbesinnung auf den Koran. Zu Beginn der Moderne wurden die salafistischen Ideen eher von Aktivisten also von Theologien oder Philosophen vertreten, was sich im Laufe der Zeit änderte. Dementsprechend sind erst gegen Ende der modernistischen Periode bedeutende Schriften zu verzeichnen, im Besonderen von Muḥammad ʿAbduh. Trotz Reformgedanken im politischen Bereich war Muḥammad ʿAbduh in erster Linie Theologe, sein Streben galt der islamischen Religion an erster Stelle, die er in der wahren Form als überlegen ansah und die jedem Angriff standhalten könne. Tätigkeiten als Lehrer und Journalist gaben ihm Möglichkeit, seine Ideen zu verbreiten und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Den meisten Einfluss übte er wahrscheinlich in der Zeitschrift al-Man ā r aus, die von ʿAbduhs Schüler Rašīd Riḍā herausgegeben wurde und zahlreiche Texte der beiden Denker enthielt. Neben Rechtsgutachten wurde darin auch der Korankommentar veröffentlich, den ʿAbduh schrieb, aber nicht vor seinem Tod beenden konnte. Rašīd Riḍā führte den Tafsīr al- man ā r fort, der zu den umfangreichsten und bedeutendsten Korankommentaren des 20. Jahrhunderts zählt.

Sowohl Muḥammad ʿAbduh als auch sein Schüler und Nachfolger Rašīd Riḍā vertraten die Auffassung, dass durch die Missionstätigkeit der Islam eine wegweisende Aufgabe haben sollte, indem Muslime durch islamischen Lebensstil sowohl gegenüber Andersgläubigen als auch gegenüber anderen Muslimen eine Vorbildfunktion erfüllen.

Rašīd Riḍā näherte sich in den letzten Jahren seines Lebens, besonders nach dem Tod seines Lehrers, dem traditionelleren Gedanken der salafīya, basierend auf Ibn Taimīya, und der wahhabīya an. In seinen Aufsätze im Man ā r drückte er diese Nähe zunehmend aus, ohne jedoch das anfangs auch für ihn sehr andersartige Gedankengut gänzlich und bedingungslos zu akzeptieren.9

Der sogenannte Neofundamentalismus in Deutschland haben wenig geistige Nähe zur modernen salafīya, sondern orientieren sich vielmehr an der wahh ā bīya. Vermutlich liegt auch darin begründet, dass heutige Salafisten sich darum bemühen, Riḍā als wahren Salafisten in den ideologischen Stammbaum einzugliedern. Muḥammad ʿAbduh hingegen gilt heute bei vielen Salafisten als Apologetiker, da er eine Synthese aus westlichem Fortschritt und muslimischem Fundamentalismus versuchte.

Die Ausbreitung der salafīya unter seinem Einfluss ist jedoch enorm. Beispielsweise kann man seinen Besuch in Algerien als Großmufti von Ägypten für den Anlass eines salafistischen Aufschwungs halten. Dieser hat zwar bald eine politische, spätestens seit dem angehenden Wahlsieg der salafistischen Partei der FIS (Islamische Heilsfront) auch aggressive, extreme und von den Visionen ʿAbduhs entfernte Gestalt angenommen,10 beginnt jedoch mit Muḥammad Abduh. Es ist nicht verwunderlich, dass die Aufforderung, sich auf grundlegende islamische Werte und eine ursprüngliche religiöse Identität zurückzubesinnen, in der französischen Kolonie Anklang fand, wo sowohl die islamischen Prinzipien als auch die arabische Sprache und damit die wichtigsten identitätsstiftenden Merkmale in Gefahr waren. Dabei ist es unklar, ob Muḥammad ʿAbduh einen politischen Auftrag hinterlassen hat oder lediglich eine stärkende und Hoffnung bringende Ideologie in eine instabile Gesellschaft einbrachte.11 Seine Ideen stießen jedoch auf fruchtbaren Boden und zeigten sich bald in diversen Publikationen und dem Aufkommen salafistischer und reformistischer Verbände. Die einflussreiche algerische Zeitschrift a š - Š ih ā b wurde sogar „ Man ā r des Maghrib12 genannt mit Bezug auf die ägyptische Version von ʿAbduh und Riḍā.

[...]


1 Zickgraf, Arnd: „Der Kampf um die frömmsten Köpfe“ In Heise Online, 28.07.2013 , http:// www.heise.de/tp/artikel/39/39577/1.html, Zugriff: 14.11.2013.

2 Yaʿlā, Muḥammad b. Muḥammad Abī. Ṭ abaq ā t al- ḥ an ā bila. http://www.alwaraq.net/Core/AlwaraqSrv/ bookpage?book=254&session=ABBBVFAGFGFHAAWER&fkey=2&page=1&option=1, Zugriff:

27.10.13, S. 71, Z. 29-30.

3 Vgl. Ibn al-ʿArabī, Abū Bakr Muḥammad b. ʿAbd Allāh al-Maʿāfirī. Al- ʿ aw āṣ im min al-qaw āṣ im. Aus dem Arabisch übersetzt von Abū Īyād: „Regarding Ibn Taymiyyah and the 'Naseehah Dhahabiyyah' Ascribed to Imaam adh-Dhahabee-Part 4“, http://www.asharis.com/creed/articles/zkjoo-regarding-ibn- taymiyyah-and-the-naseehah-dhahabiyyah-ascribed-to-imaam-adh-dhaha.cfm, s.a., Zugriff: 28.10.13.

4 Ein Beispiel ist das umfassende Werk minh āǧ al-sunna al-nabawīya, in dem Ibn Taimīya sich mit starker Kritik gegen den bedeutenden Schiiten al-Ḥillī richtet, vgl. Laoust, Henri. „La Critique du Sunnisme dans la Doctrine d‘al-Ḥillī“. Revue des É tudes Islamiques 34. Paris: Librairie orientaliste Paul Geuthner, 1966, S. 35-60.

5 Vgl. EI2, s.v. Ibn Taymiyya.

6 In dieser Hinsicht ragt der Theologe und Ibn Taimīyas Schüler Ibn Qayyim aǧ-Ǧauzīya heraus, der die Ideologie seines Meisters in den eigenen Schriften platzierte und dessen Werke und Lehren popularisierte auf Kosten seiner eigenen Ideen und auch seiner Freiheit. Vgl. dazu EI2, s.v. Ibn Ḳayyim al-Djawziyya.

7 Vgl. Haykel, Bernard. „On the Nature of Salafi Thought and Action.“ In Global Salafism: Islam ‘ s New Religious Movement. Edited by Roel Meijer. London: Hurst & Company, 2009, S. 45.

8 Ein kurioses Beispiel dieser Eisegese sind die ǧ inn, die ʿAbduh als unter dem Mikroskop entdeckte Bakterien erklärte. Vgl. dazu Adams, Charles C. Islam and Modernism in Egypt. A study of the Modern Reform Movement Inaugurated by Muhammad ʿ Abduh. New York: Russell & Russell, 1968, S. 138.

9 Vgl. Haykel, Bernard. „On the Nature of Salafi Thought and Action.“ In Global Salafism: Islam ‘ s New Religious Movement. Edited by Roel Meijer. London: Hurst & Company, 2009, S. 46.

10 Die FIS schien 1992 die ersten freien Parlamentswahlen zu gewinnen. Die Armee brach die Wahlen ab, rief den Notstand aus und begann damit eine Zeit blutiger Auseinandersetzung. Obwohl die FIS nach ihrem Verbot nie zum bewaffneten Widerstand aufrief, wurde die politische Zensur als Kriegserklärung aufgefasst und führte eine große Zahl an Aktivisten in den Untergrund und Algerien schließlich in einen verheerenden Bürgerkrieg. Die rasche Entwicklung terroristischer Gruppen wie die GIA (Groupe Islamique Armé) oder die GSPC (Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf) zeichnen ein extremes Bild der salafīya.

11 Vgl. EI2, s.v. Salafiyya, Algerien.

12 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Salafistische Strömungen. Die Salafīya in Deutschland
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V283006
ISBN (eBook)
9783656901792
ISBN (Buch)
9783656901808
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
salafistische, strömungen, salafīya, deutschland
Arbeit zitieren
Karoline Köster (Autor), 2013, Salafistische Strömungen. Die Salafīya in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283006

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