Kulturhermeneutische Forschungsarbeit am Kulturphänomen Fasten in Deutschland nach Clifford Geertz


Hausarbeit, 2014
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturbegriff nach Geertz

3. Menschenbild nach Geertz

4. Kulturhermeneutische Untersuchung nach Geertz, am Beispiel des Kulturphänomens «Fasten» in Deutschland
4.1. Ursprünge der Fastenzeit in Deutschland
4.2. Kultursystem Fasten verstehen
4.3. Kulturphänomen «Fasten», bzgl. Konfessionslosen

5. Schlusswort

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Bereits in den siebziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts veröffentlichte der amerikanische Kulturanthropologe Clifford Geertz sein Buch The Interpretation of Cultures: Selected Essays, 1973. Der Erfolg des Buches blieb nicht lange unbemerkt, so dass 1983 eine deutsche Übersetzung, unter dem Titel Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, auf dem Buchmarkt erschien (vgl. Geertz:2000, S.205). Im 21. Jahrhundert gerierten, u.a. dieses Buch und weitere Essays, wie beispielsweise Kulturbegriff und Menschenbild, 1966, erneut in das wissenschaftliche Interesse. Die wissenschaftliche Lehre behandelt demnach auch heute noch, in verschiedenen Disziplinen, die Nachlässe Clifford Geertz (*1926-2006†).

Als ein aktuelles Beispiel erweist sich der Master-Studiengang Angewandte Medien- und Kulturwissenschaft (Hochschule Merseburg). Im Seminar Kultursysteme verstehen. Kulturhermeneutische Forschungsarbeit steht Clifford Geertz und dessen Betrachtungs-weise des Kulturbegriffs, als auch des Menschenbilds im Fokus des gemeinsamen Diskurses. Dies stellt auch gleichzeitig den thematischen Anlass der vorliegenden Arbeit dar: am praktischen Beispiel des Kulturphänomens « Fasten» in Deutschland, basierend auf einer kulturhermeneutischen Untersuchung nach Geertz wird eine Annäherung an die Komplexität des Themengebiets aufgezeigt. Die Arbeit konzentriert sich dabei auf die Klärung der Fragen: Was sind die Gründe Konfessionsloser, in Deutschland, zu fasten? und Welche Sinn- und Bedeutungsmuster (Symbole und diesbezügliche Bedeutungen) werden erkennbar?

Um die vielschichtige Lesbarkeit von dem ‛was Kultur ist‛ ergründen zu können, wird eingangs im ersten Kapitel der Kulturbegriff nach Clifford Geertz, auf dessen wesentliche Aussagen hin untersucht und beschreiben. Im Anschluss steht der Mensch und damit im engen Zusammenhang die Kultur und ihre Bedeutung für das soziale Leben der menschenschlichen Spezies. Aus diesem Grund wird sich das zweite Kapitel ausführlich mit dem Menschenbild nach Clifford Geertz auseinandersetzen. Mit der dabei her-ausgestellten anthropologischen, ethnologischen und kulturphilosophischen Perspektive auf Kulturen wird abschließend das dritte Kapitel beispielhaft ein Kultursystem erforschen. Dabei handelt es sich im Konkreten um eine kulturhermeneutische Untersuchung nach Geertz, am Beispiel des Kulturphänomens «Fasten» in Deutschland. Dieses Kapitel wird sich zur Bearbeitung des Forschungsgegenstandes in drei Unterkapitel gliedern. Das Kapitel 3.1. geht dabei auf die Ursprünge der Fastenzeit in Deutschland ein um im anschließenden Kapitel 3.2. die Vielschichtigkeit des Kultursystems Fasten verstehen zu können. Am konkreten Beispiel wird Kapitel 3.3. sich mit dem Kulturphänomen «Fasten», hinsichtlich Konfessionsloser auseinandersetzen. Damit verbunden wird durchgehend

Forschungsgrundlage die „dichte Beschreibung“ (Geertz:1999, Einband) nach Geertz sein, welche der Rekonstruktion von Sinn- und Bedeutungsmuster nachgeht (vgl. Kapitel 1).

An diesem Punkt der vorliegenden Arbeit soll darauf hingewiesen werden, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Es können auf Grund des Umfangs einer Forschungsarbeit einige Themenfelder lediglich nur aufgezeigt, angesprochen oder darauf weiter verwiesen werden. Daher wird das Prinzip verfolgt werden, vom Allgemeinen zum konkreten Beispiel zu gelangen.

2. Kulturbegriff nach Geertz

Clifford Geertz stellt in seinem Buch Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme heraus, dass der Kulturbegriff über die Epochen (Aufklärung, Klassizismus, Idealismus etc.) hinweg einem Verständniswandel unterlag. Er selbst geht von einer ethnologischen Sichtweise des Kulturbegriffs aus, denn nach Geertz bildete sich um diesen Begriff „(...) die ganze Ethnologie als Fach [heraus]“ (Geertz:1999, S.8). Folglich zieht er in seinen Aufsätzen eine semiotische[1] Betrachtung des Kulturbegriffs vor. Ihm geht es besonders um Erläuterungen und „(...) um das deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen, die zunächst rätselhaft erscheinen“ (Geertz:1999, S.9). So stellt er sogleich im Einband des Buches sein Verständnis von Kultur heraus:

„Kultur (...) ist ein geschichtlich übermittelter Komplex von Bedeutungen und Vorstellungen, die in symbolischer Form zutage treten und es den Menschen ermöglichen, ihr Wissen über das Leben und ihre Einstellungen zur Welt einander mitzuteilen, zu erhalten und weiterzuentwickeln. Kultur ist ein System gemeinsamer Symbole, mit derer Hilfe der einzelne seinen Erfahrungen Form und Bedeutung geben kann“ (Geertz:1999, Einband).

Aus dem Zitat geht hervor, dass Geertz unter Kultur ein geordnetes System von Bedeutungen und Symbolen[2] auffasst, mittels dessen gesellschaftliche Interaktionen stattfinden (vgl. Geertz:2000, S.205). Um sich demnach eine Vorstellung von Kultur machen zu können, müssen alle Interpretationsmöglichkeiten, die durch Disziplinen übergreifendes Denken erfassbar sind, herausgestellt werden. Nur so können die unterschiedlichen Bedeutungen zu Tage treten, die es in ihrer gesamtheitlichen Betrachtung ermöglichen, zu einer Darstellung von Kultur zu gelangen (vgl. ebenda). Verdeutlicht wird dies von Geertz selbst mit dem Vergleich, dass Kultur aus einem Bedeutungsgewebe besteht in das der Mensch verstrickt ist (vgl. Geertz:1999, S.9). Wie ist das zu verstehen?

Es existiert nicht nur ein Kultursystem, sondern verschiedene, die einzeln betrachtet kein voneinander abgrenzbares Geflecht aus Bedeutungsgewebe, in das der Mensch, so Geertz, verstrickt ist, bilden (vgl. ebenda). Wenn man daraus eine Kultur isoliert beobachtet, so ist diese, wie all die Anderen auch, nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern als ein offenes, sich stets veränderndes Gefüge. Das Bedeutungs-gewebe, aus dem alle Kulturen bestehen, bildet sich wiederum aus Symbolen, welche bedeutungsgeladen sind und aus Teilen bestehen. Sie ergeben nur in ihrer vollständigen Zusammensetzung ihren zugewiesenen gesellschaftlich bekannten Code oder wie es Geertz bestimmt: Symbole, die nichts Besonderes oder Außergewöhnliches darstellen. Auch diese Betrachtungsposition muss der Beobachter einnehmen um sich nicht von seiner eigenen kulturellen Prägung leiten zu lassen und um so hinter die Bedeutungs-ebenen blicken zu können und Zusammenhänge darin zu erkennen. Dennoch ist es nie auszuschließen, dass sich jene, die den Code kennen und meinen ihn zu erkennen, aneinander vorbeireden. Eben jener Code kann innerhalb einer Kultur verschiedenen Bedeutungen zugewiesen haben. Dabei spielen u.a. die Situation und die Beziehung untereinander eine wesentliche Rolle. Diese bleiben einem Außenstehenden, auf Grund seiner Beobachtungen, oft verborgen. Um eine Kultur, die man nicht kennt, zu verstehen, muss man demnach die Situation(-en) beobachten, (schriftlich) festhalten und sammeln um aus dieser Datensammlung (≙ Situationen des Erscheinens) auf Bedeutungen schließen zu können. So kann es möglich werden, den unbekannten Code zu verstehen und für andere Menschen, außerhalb dieses Kulturkreises, nachvollziehbar werden zu lassen (≙ verstehen einer ‛fremden‛ Kultur).

Nach Geertz liegt in dem Verfahren der „ dichte Beschreibung “ (Geertz.1999: Einband) die Möglichkeit zu einem Verständnis ‛fremder‛ Kultursysteme zu gelangen. Hierbei möchte er sich von dem reinen Sammeln, Zählen und Auswerten von Daten, die Geertz „dünne Beschreibung“ (Geertz:1999, Einband) bezeichnet, distanzieren. Der Schlüssel liegt für ihn in der ‛dichte‛ Beschreibung, die versucht „(...) die komplexen, oft übereinandergelagerten (!) und ineinander verwobenen Vorstellungsstrukturen herauszuarbeiten und durch einen Zugang zur Gedankenwelt der untersuchten Subjekte zu erschließen (...)“ (Geertz:1999, Einband). Für ihn steht dazu fest, dass „(...) Ethnographie (...) dichte Beschreibung [ist]“ (Geertz:1999, S.15).

Auf Reisen (vorzugsweise nach Indonesien und Marokko) hält der Anthropologe Clifford Geertz seine Beobachtungen und Erlebnisse sowie ihm Berichtetes (im Feldtagebuch etc.) schriftlich fest (vgl. ebenda, S.15/40). Er sucht darin nach Zusammenhängen um Bedeutungen abzuleiten und um daraus wiederum Aussagen über die ‛fremde‛ Kultur, an Hand beobachteter sozialer Interaktionen, treffen zu können. So kommt er dem zunächst rätselhaft erscheinenden Ausdrucksformen, mittels Interpretation, den verschiedenen Bedeutungen einer beobachteten Handlung oder Situation, näher. Sein Ziel, dieser angewendeten ‛dichte‛ Beschreibung, liegt damit in dem Deuten beobachteter gesellschaftlicher Ausdrucksformen und ihrem letztendlichen Verständnis.

Um die Komplexität aufzeigen zu können, die hinter einer ‛dichte‛ Beschreibung steht, beschreibt Geertz in seinem Buch Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten einer Situation. Ein einfacher Lidschlag des rechten Auges, der von einer weiteren Person gesehen wurde, kann dabei für den Beobachter zu vielseitigen Interpretationen der Situation führen und damit zu unterschiedlichen Bedeutungen. Damit davon ausgegangen werden kann, dass beide Personen (die Person , die das Lid kurz schließt und jener, die es sieht (≠ Beobachter)) sich nicht missverstehen bzgl. des Signals (der Lidbewegung) das gesendet wurde, muss in Erfahrung gebracht werden, dass Beide den gesellschaftlich festgelegten Code kennen, die Bedeutung demnach verstehen und angemessen reagieren. Davon kann aber nicht zwangsläufig ausgegangen werden, denn ein Zwinkern kann, so beschreibt es Geertz, parodierend, ein unbedeutendes zucken des Lides, ein normales zwinkern oder Scheinzwinkern usw. sein (vgl. ebenda, S.9ff.). Das Beispiel des Augenlidschlags soll damit nicht weiter vertieft werden. Es wurde lediglich als Verdeutlichung herangezogen um aufzuzeigen, dass sich selbst hinter der einfachsten Beobachtung einer Situation komplexe Bedeutungsgewebe verbergen können. Diese können wiederum nur in ihrer Gesamtheit und durch das Verlassen des eigenen Bezugsraums, als auch durch das Heranziehen übergreifender Disziplinen (einschließlich deren Erklärungsversuche) ein ‛kulturelles Verstehen‛ möglich werden lassen. Dabei müssen nicht zwangsläufig ferne Kulturen, wie Geertz dies bevorzugt getan hat, herangezogen werden. ‛Fremde‛ Kulturen sind auch eben jene, denen man selber nicht angehört und die dennoch denselben Kulturkreis einschließen.

Zusammenfassend wird deutlich: Wer eine Kultur, die er nicht kennt, verstehen lernen will, muss diese demnach beobachten, beschreiben und anschließend deuten. Dabei werden Vermutungen über die Bedeutung(-en) der gemachten Beobachtung(-en) unternommen. Aus den gesammelten Vermutungen, die sich aus den verschiedensten Blickwinkeln und Ansätzen herausgebildet haben, werden im letzten Schritt „erklärende Schlüsse“ (Geertz:1999, S.30) herausgezogen. So wird es möglich, dass man auf Grund zu beobachtender sozialer Handlungen von Menschen auf kulturelle Formen (im über-geordneten Sinn) Rückschlüsse ziehen kann, die wiederum auf grund-legende Bedeutungen hinweisen können (vgl. ebenda, Einband).

So stellt sich, nach Geertz, Kultur als ein Symbolsystem heraus, das durch Interpretation, mittels Herausarbeitung von Bedeutungen erst verstanden werden kann. Dabei kommen „(...) allgemeine Vorstellungen, Bräuche, Riten etc. öffentlich zu Tage (...)“ (Geertz:2000, S.205), die wiederum von Kundigen (beispielsweise Ethnologen) gelesen werden können (vgl. Geertz:2000, S.205).

Nach Geertz muss demnach jede Kultur wie ein Text gelesen werden. Den Text erstellen die Mitglieder jener Gesellschaft, die gelesen werden soll. Dabei handelt es sich nach Geertz meist um ein „(...) Ensemble von Texten, die ihrerseits wieder Ensembles sind (...)“ (Geertz:1999, S.259). Ethnologen sind stetig daran, so Geertz, diese Texte (Beobach-tungen, Feldforschungsergebnisse etc.) hermeneutisch, also interpretatorisch zu lesen und sich dadurch ihrer Bedeutung(-en) zu nähern (vgl. Geertz:1999, S.259). Bevor das 3. Kapitel sich jedoch dem Praxisteil zuwenden kann, wird sich das 2. Kapitel mit dem Menschenbild nach Clifford Geertz auseinandersetzten. Dabei soll der Zusammenhang zwischen Mensch und dem Bedeutungsgewebe Kultur aufgezeigt, in einen geschicht-lichen Kontext beleuchtet werden.

[...]


[1] „ Semiotik ist die Lehre der Zeichen oder Symbole und ihrer besonderen Struktur und Funktion. Der semiotische Ansatz erschliesse den Forschenden einen Zugang zur Gedankenwelt der untersuchten Subjekte“ (Vogel:2004).

[2] Symbole haben, so Geertz, immer einen doppelten Aspekt (Bedeutung). Sie sind zum einen „Modelle-für-etwas“ (Geertz:1999, S.53) und zum anderen auch „Modelle-von-etwas“ (Geertz:1999, S.53). Je nach Funktion tritt ein Aspekt jeweils stärker hervor, der andere Aspekt ist dabei immer präsent, wenn auch nicht gleich erkennbar.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Kulturhermeneutische Forschungsarbeit am Kulturphänomen Fasten in Deutschland nach Clifford Geertz
Hochschule
Hochschule Merseburg
Veranstaltung
Kulturen verstehen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V283061
ISBN (eBook)
9783656826491
ISBN (Buch)
9783656828143
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clifford Geertz, Hermeneutik, Kulturhermeneutik, Kultur, Fasten, Kulturbegriff, Menschenbild, Kulturphänomene
Arbeit zitieren
Kultur- und Medienpädagoge, B.A. Jana Immisch (Autor), 2014, Kulturhermeneutische Forschungsarbeit am Kulturphänomen Fasten in Deutschland nach Clifford Geertz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283061

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