Die Moral der Gegenstände. Die Hochschule für Gestaltung in Ulm als Geburtsort des Neo-Funktionalismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
14 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsbericht

2. Geschichtlicher Abriss

3. Pädagogische und Ideologische Grundlage
3.1 Die pädagogische und ideologische Grundlage der HfG
3.2 Ulmer Modell
3.3 Die verschiedenen Abteilungen der HfG

4. Objekte
4.1 Ulmer Stil oder: Die moralisierende Wirkung ästhetisch-asketischer Gebrauchsgegenstände
4.2 Der „Ulmer Hocker“ als Verkörperung der Ulmer Ideologie der moralisierenden Askese:

5. Ulm: Das grandiose Scheitern eines außerordentlichen Konzepts.

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Forschungsbericht

[1] Es gibt sie nicht mehr. Und es gab sie nicht lange. Mehr als fünfzig Jahre sind seit Gründung und auch Schließung der Hochschule für Gestaltung[2] in Ulm vergangen. Trotz ihres relativ kurzen Bestehens von gerade einmal fünfzehn Jahren[3], ist sie bis heute eine international anerkannte Institution, die nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung des Berufsbildes des Designers hatte.

Es stellt sich die Frage, wie es dazu kam, dass eine in der Kleinstadt Ulm ansässige, private und nur für die Ausbildung von 150 Studierenden ausgelegte Bildungsstätte derartigen Ruhm erlangen konnte. Sie wird bis heute gerne mit Attributen wie „ausgesprochen progressiv“, „avantgardistisch“ oder auch „legendär“ versehen. Was war das Einzigartige dieser Institution? Welches ideologische Konzept lag ihr zugrunde und wie wurde es verwirklicht? Warum existiert sie nicht mehr?

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den Besonderheiten der HfG Ulm als Ausbildungsort von Gestaltern, der Schaffungsstätte neuartiger, hochwertiger Produkte und dem Treffpunkt von bedeutender Personen wie beispielsweise dem Bauhäusler Max Bill, dem Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten und dem Designer Hans Gugelot auseinander.

Ausgangspunkt der Untersuchung bildet das der HfG zugrunde liegende pädagogische und ideologische Konzept und dessen Auswirkung auf das konkrete Ausbildungsprogramm der Studierenden. Am Beispiel des „Ulmer Hockers“ wird die am Produkt verwirklichte Ulmer Ideologie der moralisierenden Askese im Folgenden erläutert. Um die formalen Richtlinien bezüglich des Umfangs der Arbeit nicht überstrapazieren zu müssen, wird die Arbeit der Abteilungen „Visuelle Kommunikation“, „Information“, „Film“ und „Industrielles Bauen“ ausgeklammert.

Hauptgrundlage der Recherche sind Herbert Lindingers 1987 veröffentlichtes Werk „Hochschule für Gestaltung. Ulm“ (1987), die zwei Jahre später erschienene Arbeit der Kunsthistorikerin Eva von Seckendorff („Die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Gründung (1949-1953) und Ära Max Bill (1953-1957)“) aus der Schriftenreihe „der club off ulm“, sowie die Dissertation des Historikers Dr. René Spitz aus dem Jahr 1997 („Die politische Geschichte der Hochschule für Gestaltung Ulm“) und weitere Onlinepublikationen desselben.

Die beiden zuletzt genannten Autoren stufen die Quellenlage als kritisch, da teilweise für die Öffentlichkeit unzugänglich und lückenhaft ein. Insbesondere Dr. Spitz moniert, dass bezüglich der Schließung der Hochschule im Jahre 1968 das weit verbreitete Missverständnis kursiere, der Baden-Württembergische Landtag habe sie durch eine Kürzung von Lehrgeldern zu verantworten. Schuld daran sei die fehlerhafte und oft zitierte Analyse Lindingers in dessen oben erwähntem Werk.

Weiterhin weisen die Historiker auf die Schwierigkeit hin, eine objektive Vorstellung vom Leben an der Hochschule zu erhalten. Die individuellen Erinnerungen ehemaliger Studenten und Dozenten würden stets ein ausgesprochen persönliches und subjektives Bild der Ulmer Hochschule entstehen lassen.

2. Geschichtlicher Abriss

Das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete unter anderem den Niedergang bestehender Normen und Werte. Im Sinne der amerikanischen „reeducation“- Politik sollte die deutsche Bevölkerung umerzogen und ein intellektueller Wiederaufbau geleistet werden. Der Ulmer Typograph Otl Aicher und seine Frau Inge Scholl[4] nutzten diese „Stunde Null“ und gründeten 1946 als kulturpolitische Initiative die „Ulmer Volkshochschule“, deren Mission es war, das demokratische Grundverständnis ihrer Schüler zu stärken.

Drei Jahre nach Gründung der Volkshochschule entstand die Idee, eine private Hochschule zu eröffnen. Bildungspolitisches Ziel sollte sein, eklatante Lücken „in der Forschung und Lehre bei den Fächern Architektur, Städtebau und Gestaltung“[5] zu schließen. Aufgrund des damit einhergehenden Vorsatzes, auch die (politische) Bildung der Studierenden mithilfe von allgemein bildenden Veranstaltungen zu erweitern, bewilligte der amerikanische Hochkommissar John J. McCloy Spendengelder in Höhe von 1 Mio. Mark. Weitere Finanzquellen waren Zuschüsse, Geld- und Sachspenden von der Stadt Ulm, von Bundesministerien, von Privatleuten und von der Wirtschaft und dem Land Baden- Württemberg, welches für die ersten drei Jahre ein Summe von 800.000 Mark beisteuerte. Weiterhin war geplant, die entstehenden Kosten durch eigene Einnahmen (Studiengebühren, Verkauf von Produkten und Dienstleistungen) decken zu können. Verwaltet wurde das Geld durch die 1950 von Inge Scholl gegründete und zeitweilig auch geleitete „Geschwister-Scholl-Stiftung“.

Im August 1953 wurde der Unterricht mit den ersten 21 Studenten aufgenommen. Am 8. September desselben Jahres begannen dann die Bauarbeiten des Hochschulgebäudes nach Plänen des Bauhäuslers und ersten Rektors der Schule Max Bill.

Nach andauernden Auseinandersetzungen über den pädagogischen Aufbau des Lehrplans und die Praktikabilität diverser Designtheorien trat Bill 1956 von seinem Posten als Rektor zurück und verließ die HfG 1957. In der Folgezeit ersetzte ein Rektoratskollegium das zuvor mit massiven individuellen Befugnissen ausgestattete Einzelrekorat.

Elf Jahre später, nach diversen ideologischen Richtungswechseln[6], führten heftige interne Debatten und finanzielle Schwierigkeiten zu dem Beschluss, die Hochschule für Gestaltung aufzulösen. Der Versuch, sie in andere Hochschule wie etwa der staatlichen Ingenieurschule Ulm einzugliedern, scheiterte.

3. Pädagogische und Ideologische Grundlage

3.1 Die pädagogische und ideologische Grundlage der HfG

Inge Scholl und Otl Aicher hatten die Barbarei des nationalsozialistischen Faschismusregimes und den damit einhergehenden Kulturverfall hautnah miterlebt. Treibendes Motiv bei der Entwicklung der Erziehungsziele der HfG Ulm war die in den fünfziger Jahren einsetzende „Weiter-So-Stimmung“ und der Vorsatz der Rückbesinnung auf alte Werte, Kräfte und Personen aus der Zeit des Dritten Reichs[7] entgegenzuwirken. Man wollte demokratisches Denken festigen und insbesondere die Persönlichkeiten einer ausgewählten Kleingruppe junger, talentierter Gestalter ausbilden, stärken und verfeinern. Diese kreative Elite sollte universell im Rahmen einer antitraditionalistischen und internationalistischen Gesinnung ausgebildet und zum Arbeiten mit rationalen, wissenschaftlichen Methoden angehalten werden[8].

Durch das Mitwirken des Bauhäuslers Max Bill wurde der Schwerpunkt der Ausbildung auf Gestaltung verlegt. Explizites Anliegen dabei war, den zukünftigen Designern eine Vorstellung ihrer sozialen, politischen und kulturellen Verantwortung zu vermitteln. Prämisse bei der Produktgestaltung sollte sein, sich von der verlogenen, unsachlichen und an Gefühle appellierenden Propaganda und dem Personenkult des Faschismus loszulösen und den Designprozess zu versachlichen und zu verwissenschaftlichen[9]. Nach dem Prinzip eines neuen Funktionalismus sollten die Objekte vor allem zweckmäßig gestaltet sein und kein überflüssiges Beiwerk aufweisen. Äußeren Dekorationselementen wurde das Verdecken innerer Untauglichkeit und Unvollkommenheit unterstellt[10].

Formgebung und Gestaltung von Gegenständen wurde als Möglichkeit verstanden, Mensch und Gesellschaft beeinflussen und verbessern zu können. Dr. René Spitz merkt in seiner Dissertationsarbeit an, dass Gestaltung „als (eigentlich vorpolitisches) Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele“ galt[11].

Das nach Entwürfen Bills errichtete Hochschulgebäude war die architektonische Umsetzung des Lehrkonzepts. Nach US-Vorbild wurde ein College-ähnlicher Campus gestaltet, der ein enges Zusammenleben von Unterrichteten und Unterrichtenden ermöglichte. In einer Ausgabe des Handelsblatts vom 7.10.1955 wurde kritisch angemerkt, dass sich der Bau durch einen „fast überbetonten Puritanismus [auszeichne, sodass der Eindruck erweckt würde, man wolle] Mönche eines technischen Zeitalter erziehen“[12].

[...]


[1] Lindinger, Herbert: Hochschule für Gestaltung. Ulm. Berlin: Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für technische Wissenschaften 1987. Seite 5

[2] Kurz „HfG Ulm“ oder auch „hfg Ulm“ genannt. In dieser Arbeit wird die gängigste Schreibweise HfG Ulm verwendet.

[3] Der Unterricht an der HfG Ulm wurde im August des Jahres 1953 aufgenommen und endete nach internen Auseinandersetzungen und finanziellen Schwierigkeiten nur fünfzehn Jahre später im Dezember 1968.

[4] Inge Scholl ist die Schwester der von den Nationalsozialisten verurteilten und hingerichteten Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, die Mitbegründer der studentischen Vereinigung „Die Weiße Rose“ waren. Die Verbreitung demokratischer Werte war für die ehemals in Sippenhaftgenommene daher auch ein sehr persönliches Anliegen.

[5] http://www.wortbild.de/index.php?id=54 (Im Folgenden zitiert als: „Spitz: Kurze Geschichte der HfG Ulm“.)

[6] Trotz wechselnder pädagogischer und ideologischer Ansätze blieb das Grundkonzept der Ausbildung (im folgenden erläutert) bis zum Ende der HfG Ulm bestehen.

[7] Vgl.: Spitz: Kurze Geschichte der HfG Ulm.

[8] Vgl.: Von Seckendorff, Eva: Die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Gründung (1949- 1953) und Ära Max Bill (1953- 1957). Marburg: Jonas Verlag 1989. Seite 87 (Im Folgenden zitiert als: „Seckendorff“.)

[9] Vgl.: Seckendorff. Seite 56

[10] Vgl.: http://www.wortbild.de/fileadmin/redaktion/pdf/ReneSpitz_PolitischeGeschichteHochschuleFuerGestaltungUlm_Diss.pdf Seite 5 (Im Folgenden zitiert als: „Spitz: Dissertation“.)

[11] Spitz: Dissertation . Seite 1

[12] Vgl.: Seckendorff. Seite 81

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Moral der Gegenstände. Die Hochschule für Gestaltung in Ulm als Geburtsort des Neo-Funktionalismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Typographische Grundlagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V283210
ISBN (eBook)
9783656827023
ISBN (Buch)
9783656827139
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, gegenstände, hochschule, gestaltung, geburtsort, neo-, funktionalismus
Arbeit zitieren
B.A. Elisa Valerie Thieme (Autor), 2011, Die Moral der Gegenstände. Die Hochschule für Gestaltung in Ulm als Geburtsort des Neo-Funktionalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283210

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