Die Bibliothek eines Komponisten. Kulturelle, soziale und literarische Einflüsse auf Franz Schuberts Werk


Ausarbeitung, 2011
8 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Forschungsbericht

1. Biographischer Hintergrund

2. Schubert: Ein Romantiker
2.1 Schubert als Verkörperung des romantischen Idealtypus‘ eines Künstlers
2.2 Literarische Einflüsse: Die virtuelle Bibliothek Schuberts

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Forschungsbericht

Der österreichische Komponist Franz Peter Schubert (1797-1828) wird meist als außerordentlich bescheiden, beinahe schüchtern, und auch äußerlich eher unauffällig beschrieben. Trotz dieser „Unscheinbarkeit“ gilt er bis heute als einer der prominentesten Vertreter der Romantik. Er war auch schon Zeit seines Lebens zwar nicht weithin bekannt, aber immerhin ein beliebter Freund und Mittelpunkt zahlreicher Abendgesellschaften, welche daher im Nachhinein als Schubertiaden bekannt wurden. Schubert war ein großes musikalisches Talent, wurde von seinen Freunden als „Genie“ verehrt und scheint fast wie eine Verkörperung des idealtypischen romantischen Künstlers.

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit diesem „romantischen Stereotypen“ auseinander. Es wird untersucht, was Schubert als Romantiker auszeichnet und welchen Einfluss seine Freundeskreise dabei spielten. Da die Arbeit im Rahmen der Übung „Das Buch als Kulturgut und Sammelobjekt – Komponisten und ihre Bibliotheken“ entstand und der literarische Einfluss auf Schuberts künstlerisches Schaffen nicht unerheblich war, bot es sich an, im abschließenden Kapitel der Hausarbeit eine „virtuelle“ Bibliothek Schuberts zu rekonstruieren.

Als Quellen dieser Reflexionen dienten vor allem die Ausführungen Friedrich Blumes und Ludwig Finschers in „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“, sowie ein Essay Otto Erich Deutschs in „Schubert – Zeugnisse seiner Zeitgenossen“. Weiterführend basieren die Untersuchungen von Parallelen zwischen der Biographie Schuberts und dem allgemeinen Stereotypen eines romantischen Künstlers auf Francois Furets Essaysammlung „Der Mensch der Romantik“ und einem Lexikonartikel aus Wieland Zirbs „Literatur Lexikon“.

1. Biographischer Hintergrund

Franz Peter Schubert wurde 1797 im Wiener Vorort Lichtenthal geboren. Schon früh zeigte sich sein musikalisches Talent und so erhielt er neben den Unterweisungen seines Vaters im Violinspiel später auch Unterricht im Orgelspielen und der Musiktheorie von dem Lichtenthaler Chorregenten Michael Holzer. Im Alter von elf Jahren wurde Schubert als Schüler und Chorknabe in die k.k. Hofkapelle aufgenommen und schloss dort Freundschaften, die sein Leben lang währten (beispielsweise mit dem weit älteren Josef von Spaun). Aus dieser Zeit stammt auch die erste vollständig erhaltene Komposition Schuberts[1].

Nachdem die Schulleistungen Schuberts stark nachgelassen hatten, sah dieser sich gezwungen, das gestrenge Konvikt zu verlassen. Er ließ sich zum Lehrer ausbilden und nahm 1814 die Lehrtätigkeit auf. Diese hatte Schubert jedoch nur etwa vier Jahre lang inne, gab sie schließlich auf und beschloss, seinen Unterhalt ausschließlich durch die Musik zu bestreiten. Zunächst unterrichtete er die Töchter der ungarischen Adelsfamilie Esterházy und lebte dann als „freischaffender Komponist“. Da der große öffentliche Erfolg ausblieb, führte Schubert ein bescheidenes Leben und konnte aufgrund seiner finanziellen Situation auch nie in den Ehestand eintreten oder gar eine Familie gründen. Stattdessen pflegte er intensiven Kontakt zu seinen Freunden, welche ihn stets – sowohl finanziell als auch ideell – unterstützten[2].

Franz Schubert starb am 19. November 1828 im Hause seines Bruders Ferdinand in Wien.

2. Schubert: Ein Romantiker

2.1 Schubert als Verkörperung des romantischen Idealtypus‘ eines Künstlers

Der Nachwelt ist der Komponist Schubert bekannt für seinen enormen Schaffensdrang und Ideenreichtum. Weiterhin gilt er als beinahe tragisch anmutende Figur und erfolgloser Liedermacher, dessen Talent erst posthum überregional bekannt wurde. Tatsache ist jedoch, dass schon zu Schuberts Lebzeiten viele seiner Werke (insbesondere Lieder, aber auch Klavierwerke und –tänze sowie Kirchenmusik, soweit sie für Laienchöre geeignet war[3] ) veröffentlicht wurden und auch bekannt waren. Dass weniger als ein Sechstel der heute bekannten Lieder Schuberts zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist kein Beweis für seinen Misserfolg. Vermutlich war „das Publikum mit der Zahl seiner Publikationen [schlichtweg] überfordert“[4]. Die Vorstellung von Schubert als „verkanntem Genie“ sollte also überdacht werden. Seine Freunde waren von Schuberts Talent überzeugt und ein treues Publikum. Vielfach zeugen ihre Erinnerungen[5] von „Eingebungen“ Schuberts, woraufhin er dann „wie im Rausch komponierte und sich anschließend an seine Kompositionen oft nicht mehr zu erinnern vermochte“[6]. Den vorherrschenden Vorstellungen der Romantiker entsprechend, galt der Künstler als „Genie, […] eine Art Medium, durch das ‚die Kunst‘ sich mitteile, offenbare, eine Kunst, die aus dem Jenseits stammt, und die daher eben auch in ‚bessre Welten‘[7] zu entrücken vermag“[8]. Die Berichte über Schuberts Arbeitsweise lassen ihn als solch ein „Medium“ erscheinen. Auch Josef von Spaun, ein enger Freund Schuberts, erinnert sich an die Entstehung eines Werkes (des Erlkönigs) folgendermaßen: „Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in der kürzesten Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade auf dem Papier“[9]. Insofern entsprach Schuberts methodisches Vorgehen genau dem künstlerischen Ideal seiner Epoche und seines Umfelds.

Schubert war wie Beethoven ein Naturalist, der trotz seiner unvollständigen Schulbildung, ohne Studium[10] und allein dank seines Talents zu herrlichen Kompositionen befähigt war. Dies entsprach genau dem Geniusdenken seiner romantisch geprägten Freunde, welche zahlreiche Anekdoten bezüglich Schuberts „schöpferischen Genies“ für die Nachwelt verfassten[11]. Interessanterweise entsprach das genau dem vorherrschenden Idealtypus des Künstlers, welcher sich als „[schöpferisches] Genie, […] mit seiner Einbildungskraft alle Lebensbereiche poetisch zu erfassen suchen“ sollte[12]. Sämtliche „künstlerischen Gattungen, wissenschaftlichen Disziplinen und politisch-sozialen Strömungen“ sollten zu einem „universellen Gesamtkunstwerk vereinigt werden. Und in dem Umfeld von Zirkeln und literarischen Salons entwickelte sich ein regelrechter „Geselligkeitskult“[13]. Auch Schubert stand in enger Beziehung zu Freunden, wovon die Mehrzahl „bildende Künstler und Schriftsteller, oder künstlerisch begabte Dilettanten“[14] waren. Die gemeinsam geführten „Kunstgespräche“ ermöglichten eine „Auseinandersetzung mit dem Gedanken der literarischen Romantik“ sowie „mit gesellschaftspolitischen Entwürfen, in denen die Nachwirkungen der französischen Revolution zu spüren sind“[15]. Gerade die interdisziplinären Ansätze haben einen eigenen Ästhetikbegriff Schuberts geprägt. So bezeichnete er selbst das Komponieren als „dichten“, was auf den Schlegel‘schen Begriffskonzept der „Universalkunst“ zurückzuführen ist, welches auf „die innere Einheit der Künste verweist“[16].

Gemeinhin galt die Romantik als „ästhetische Revolution“, deren „künstlerisches Programm […] unter dem Stichwort ‚Universalpoesie‘ auf die Verschmelzung von Leben und Kunst hinauslief“[17]. Schuberts Lebenshaltung entsprach diesen Vorstellungen gänzlich: statt ein geruhsames Leben als Schullehrer in einer Festanstellung zu führen, verzichtete er auf ein geregeltes Einkommen, Frau und Familie und widmete sich vollständig seiner Musik. Er „arbeitete regelmäßig vom frühen Morgen bis zwei Uhr mittags […]. Nachmittags machte er […] gerne Spaziergänge in die nähere Umgebung Wiens“[18]. Schließlich war „Gott in der Natur“ zu suchen (so der Titel eines Vokalquartetts Schuberts) eine Konstante in seinem Denken gewesen[19]. Schubert galt zwar nicht als „fromm“, doch „findet sich eine schwärmerische Verehrung des Göttlichen, wohl im Sinne eines Schauderns vor dem Unendlichen […] als Konstante in seinen Kompositionen“[20]. (Beispielsweise zeugen Lieder wie Die Allmacht, D 852, oder Dem Unendlichen, D 291, davon.) Neben diesem pantheistischen Ansatz und der gesteigerten Wertschätzung der Natur, gereichen der Lebensstil Schuberts und sein „Genie“ zu der Annahme, dass er tatsächlich dem Idealtypus eines romantischen Künstlers entspricht, welcher das Medium einer höheren Macht ist. Allerdings bleibt zu hinterfragen, inwieweit er sich von den theoretischen Ansätzen Schlegels und seinem freundschaftlichen Umgang mit anderen Künstlern beeinflussen ließ und in welchem Maße diese ihn mittels ihrer Erinnerungen als „Romantiker“ stilisieren wollten.

[...]


[1] Vgl.: Blume, Friedrich/ Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Kassel: Bärenreiter (u.a.) 2006. Seite 80 (Im Folgenden zitiert als: Die Musik in Geschichte und Gegenwart.)

[2] Vgl.: Rühle, Ulrich: …ganz verrückt nach Musik. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1998.

[3] Vgl. Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Seite 102

[4] Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Seite 102

[5] in Form von Briefen und Biographien

[6] Vgl.: Braungart, Georg: Über Schubert. Von Musikern, Dichtern und Liebhabern. Stuttgart: Reclam 1996. Seite 12 (Im Folgenden zitiert als: Über Schubert.)

[7] Der Konflikt zwischen Dies- und Jenseits ist charakteristisch für die Romantik und wird daher auch als „romantischer Dualismus“ bezeichnet.

[8] ebenda. Seite 14

[9] Über Schubert. Seite 14f.

[10] Vgl.: ebenda. Seite 14

[11] Inwieweit diese Erinnerungen tatsächlich der Wahrheit entsprechen, erscheint zumindest zum Teil fragwürdig. Schubert galt sich selbst und seinen Freunden als Romantiker und um dieser Rolle gänzlich zu entsprechen, musste er bestimmten Vorstellungen seiner Zeit zu erfüllen.

[12] Vgl.: Zirbs, Wieland (Hrsg.): Literatur Lexikon. Daten, Fakten und Zusammenhänge. Berlin: Cornelsen Verlag 1998. Seite 310 (Im Folgenden zitiert als: Literatur Lexikon.)

[13] Vgl.: ebenda: Seite 310

[14] Deutsch, Otto Erich (Hrsg.): Schubert – Zeugnisse seiner Zeitgenossen. Frankfurt: Fischer Verlag 1964. Seite 13 (Im Folgenden zitiert als: Schubert – Zeugnisse seiner Zeitgenossen.)

[15] Vgl.: Schubert – Zeugnisse seiner Zeitgenossen. Seite 8

[16] Musik in Geschichte und Gegenwart. Seite 89

[17] Literatur Lexikon. Seite 309

[18] Vgl.: Schubert – Zeugnisse seiner Zeitgenossen. Seite 12

[19] Vgl.: Musik in Geschichte und Gegenwart. Seite 90

[20] Vgl.: Ebenda: Seite 77

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Bibliothek eines Komponisten. Kulturelle, soziale und literarische Einflüsse auf Franz Schuberts Werk
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Komponisten und ihre Bibliotheken
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V283211
ISBN (eBook)
9783656827443
ISBN (Buch)
9783656828396
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bibliothek, komponisten, kulturelle, einflüsse, franz, schuberts, werk
Arbeit zitieren
B.A. Elisa Valerie Thieme (Autor), 2011, Die Bibliothek eines Komponisten. Kulturelle, soziale und literarische Einflüsse auf Franz Schuberts Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283211

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