Die Frühe Neuzeit. Ein Zeitalter der Phänomene?


Essay, 2014
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ein phänomenales Zeitalter

Gotteslästerung

Kindsmord

Inquisitionsprozess

Literaturverzeichnis

Ein phänomenales Zeitalter

Die Frühe Neuzeit ist ein Übergangszeitalter. Als eine Art Bindeglied zwischen dem finsteren Mittelalter und der Moderne ist sie geprägt von Widersprüchen und enormen Entwicklungen in Wissenschaft und Gesellschaft. Sie ist nicht in einem Satz zu beschreiben, da ein in ihr stetiger Wandel von Dunkelheit zu Licht, von Ängsten zu Freuden stattfand. Sterben, Tod, Hunger und Daseinsvorsorge prägten mehrere Jahrhunderte und mündeten schlussendlich in Krieg, Frieden und Ende des 18. Jahrhunderts in die Französische Revolution, welche der Vormoderne ein jähes Ende bescherte. Der Zeitgeist lässt eine Trennung von Realität und Fiktion nicht zu und es eskaliert eine Hexenverfolgung, die viel zu häufig fälschlicherweise im Mittelalter angesiedelt wird. Kein Jahrhundert der frühmodernen Epoche ist ereignislos und dennoch sticht das 17. Jahrhundert hervor. Ein Krieg, der dreißig Jahre währte und eine Gesellschaft, die von Hunger und Krankheiten geprägt war, die im Barock ihren geistigen Zwiespalt fand. Diese Brücke zwischen alt und neu ist ein wahrhaft beeindruckendes Zeitalter, man kann fast sagen, ein phänomenales.

Die Ängste und Freuden der Menschen des 17. Jahrhunderts lassen sich unter dem Vanitasmotiv des Barock sehr gut umfassen. Andreas Gryphius verfasste 1637 das Sonett ÄEs ist alles eitel“ und beschreibt darin die Vergänglichkeit aller Schönheit, allen irdischen Gütern und vor allem die des Lebens. Der barocke Geist unterteilte das Vanitasmotiv in zwei sich gegenüberstehende Leitsätze, die zum einen die Angst vor dem Tod und zum anderen die Gegenwehr, die Freude, das Lebens spüren zu können trotz Angst, verkörperten. Memento mori, bedenke, dass du sterben musst. Dieser Satz spiegelt wider, was sich in der Gesellschaft in Zeiten von Krieg und Hunger geistig abgespielt haben muss. Jedem Menschen war durch die Verheerung von Land und Stadt allzeit bewusst, dass der Tod unmittelbar sein kann und unausweichlich ist. Selbst die Kindstodzahlen stiegen, nicht zuletzt bedingt durch Kälte und Mangelernährung. Dem Motiv des Sterbens stand eine bewusste und spirituelle Haltung gegenüber, die sich in der Phrase Carpe diem verdeutlicht. Nutze den Tag! Man sollte die Ewigkeit vergessen, im Hier und Jetzt leben und das irdische Dasein in vollen Zügen genießen. Die Erotik und Askese standen so im starren Kontrast, welcher Mitte des 17. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte. Die Überlieferungen der Motive stammen fast ausschließlich aus der Lyrik, welche zu jener Zeit eine Klimax erreichte und die gesellschaftliche Grundstimmung, die in einer Zerrissenheit existierte, wurde durch sie bis heute zum Nachempfinden erhalten. Betrachtet man die Metaebene einer solchen Zerrissenheit stellt man fest, dass die Frühe Neuzeit in ihrer Ganzheit betrachtet wie eingangs erwähnt, eine Art Brücke, ein Bindeglied ist, zwischen zwei Ufern, dem Mittelalter und der Moderne. Dem Mittelalter wird oftmals eine Dunkelheit attestiert, die die Frühmoderne abschütteln musste, um im übertragenen Sinne ins Licht gehen zu können. Philosophisch betrachtet fällt einem natürlich sofort die Aufklärung ein, die im 18. Jahrhundert von Immanuel Kant begründet wurde. Der Mensch solle sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Die Menschen waren also die ganzen Jahrhunderte hindurch unmündig und unfrei gewesen, haben nicht selbst gedacht und über ihr Leben bestimmen lassen. Das Symbol der Aufklärung war die aufgehende Sonne, die die Menschen erleuchtet. Diese Erleuchtung hatte zur Folge, dass die Bastille in Paris gestürmt wurde und die Frühmoderne ein Ende nahm. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Ansätze eines solchen Gedankenguts findet man auch zu Zeiten der Reformation wieder, als einfache Menschen begannen, die Obrigkeit der katholischen Kirche infrage zu stellen. Als Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirchenpforte schlug, konnte noch niemand ahnen, welche Folgen dies für den europäischen Kontinent haben sollte. Die Menschen wandten sich einer liberaleren Einstellung gegenüber Religion und Askese zu und traten aus der Dunkelheit der unverständlichen Gelehrtensprache Latein heraus und lasen eine deutsche Übersetzung der Bibel. Dieser Konflikt der Konfessionen sollte im 17. Jahrhundert in einen der verheerendsten Kriege Europas führen und nach seiner Dauer benannt werden. Der Dreißigjährige Krieg brach aus, weil der böhmische König, trotz Zusicherung der Religionsfreiheit in seinem Königreich, versuchte, das Land zu re-katholisieren. Der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618, bei dem Protestanten mehrere katholische Ratsmänner aus einem Fenster des Prager Rathauses warfen, gilt bis heute als der entscheidende Auslöser für den Krieg, der letztendlich ca. acht Millionen Opfer forderte. Er war deshalb so verheerend, weil er so viele streitende Parteien beinhaltete, was ihn geografisch enorm ausweitete. Die Schlachten fanden zeitgleich und an mehreren Orten statt. Die Soldaten zogen in großen Heeren durch die Dörfer und Städte und raubten und brandschatzten, um sich zu bereichern oder auch um überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Einer der bekanntesten Feldherren des Krieges war Albrecht von Wallenstein, dem Friedrich Schiller eine Trilogie widmete. Aber nicht nur über hundert Jahre nach dem Krieg widmete sich die Literatur dem Krieg und seinen Opfern. Auch währenddessen wurde über ihn geschrieben. Das bekannteste literarische, lyrische Zeugnis der Verwüstung, der Dunkelheit, die der Krieg brachte, formulierte Andreas Gryphius in seinem Sonett Tränen des Vaterlandes von 1636. Darin schreibt er: ÄHier durch die Schanz und Stadt, rinnt allzeit frisches Blut / Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut / Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen, // Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, /Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, / Das auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“1 Es ist quasi ein Augenzeugenbericht, der noch heute in den Schulen im Deutschunterricht gelesen und interpretiert wird. Doch auch den Dreißigjährigen Krieg betrachtend, kann man einen Kontrast zwischen Dunkelheit und Licht erkennen. Der Krieg ist gleichzusetzen mit einer Dunkelheit, die Tod und Verderben brachte. Das Licht ist der Friede, der 1648 geschlossen wurde. Der in Münster und Osnabrück beschlossene Westfälische Friede gilt bis heute als einer der bedeutendsten Frieden der Menschheitsgeschichte. Nicht nur wurde damit dem Morden und Verwüsten ein Ende gesetzt, sondern auch dem Konfessionskonflikt. Katholizismus und Protestantismus waren von nun an vollkommen gleichgestellt und gleichberechtigt. Dennoch sind das Sterben und der Tod ein vehementer Faktor in der Frühen Neuzeit. Wie bei Gryphius zu lesen ist, ist es die Pest, die neben dem Kriegstreiben unzählige Opfer forderte. Die letzte Pandemie des Schwarzen Todes fand im 14. Jahrhundert statt und war seitdem nicht mehr in der Form ausgebrochen. Der Tod schien währenddessen und nach dem Krieg allgegenwärtig und unausweichlich. Die Menschen verhungerten, litten an Krankheiten und vielerorts erfroren sie. Nicht zuletzt ist allerdings der Tod auch in anderer Form wichtig für diese Epoche. Die Todesstrafe war eine übliche Bestrafung bei etlichen Vergehen, wie Gotteslästerung, Kindsmord, wiederholtem Diebstahl oder auch Zauberei. Dass Zauberei, Magie oder auch Hexerei in der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. als Straftat niedergeschrieben steht, ist der Tatsache verschuldet, dass die Menschen der damaligen Zeit noch keine Trennung vornahmen zwischen Realität und Fiktion. Das Realitätsprinzip, das erst mit der Entwicklung der Psychoanalyse beschrieben wurde, besagt, dass die fiktive Welt, also die, die besagt, dass es Hexen gibt, genauso beschaffen ist wie die reale. Dass die fiktive Welt nicht existiert, also ausgedacht ist, kann nur wahrgenommen werden, wenn ein bestimmter Reifeprozess im Menschen stattfindet, in dem ihm Regeln beigebracht werden, wonach er zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Da in der Frühen Neuzeit dieser Reifeprozess bei den meisten Menschen nicht stattgefunden hat, weil Aberglaube als überzeugtes Wissen abgetan wurde, ist es nicht verwunderlich, dass selbst gebildete Menschen wie Martin Luther an eine Buhlschaft mit dem Teufel geglaubt haben und Wetterphänomene als etwas Übernatürliches verstanden haben. Auch diese Denkweise wurde erst mit dem Aufkommen des aufklärerischen Gedankenguts für nichtig erklärt. Sobald der Mensch lernt, sich von vornherein von seinem Verstand und seiner Neugierde leiten zu lassen, setzt der Reifeprozess ein und er stellt fest, dass Magie nicht möglich ist und er beginnt zwischen einer fiktiven und einer realen Welt zu trennen. In der Frühen Neuzeit wurde wie obenstehend diese Trennung nicht vorgenommen und somit wurden vor allem Missstände und Unglücke der übernatürlichen Kraft, den angeblichen Hexen zugeschrieben. Vor allem als es zwischen 1560 und 1610 zu der so genannten Kleinen Eiszeit kam und es mehrere Missernten, harte Winter und Orkane gab, wuchs der Unmut gegenüber denen, die es weniger schwer traf, die weniger Hunger leiden mussten. Gerade in weiten Teilen des 17. Jahrhunderts waren Hunger und Daseinsvorsorge tiefgreifende Schlagwörter. Wenn die Grundversorgung der Bevölkerung weitestgehend ausfällt und man sich in einer Herrschaftsform befindet, die entgegengesetzt dem eines Sozialstaats agiert, dann sind Hungersnöte, Krankheiten und Tod unausweichliche Folgen. Es ist nicht zuletzt dem Krieg von 1618 bis 1648 geschuldet, dass vielen Familien ihre Väter und Söhne genommen wurden, weil diese sich den Heeren entweder anschließen mussten oder sich freiwillig, mit der Hoffnung auf einen guten Sold, den Söldnerheeren anschlossen oder bei Plünderungen oder wegen Krankheiten starben. Der Mann war das Oberhaupt er Familie und, wenn er starb oder auszog und niemand seine Funktion übernehmen konnte, war der Unterhalt der Familie nicht mehr nur einfach schwierig, sondern blieb komplett aus. Eine Gewährleistung der Grundnahrungsmittel gab es damals nicht, genauso wenig wie die Sicherheit der medizinischen Versorgung. Wenn also in ganzen Landstrichen die Daseinsvorsorge, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr sichergestellt ist, kommt es zu einem Phänomen, dass es innerhalb Europas oftmals gegeben hat; eine Völkerwanderung. Zwar in einem geringeren Ausmaß als noch zu Beginn des Mittelalters, dennoch von großer Bedeutung. Man siedelte sich neu an und baute sich eine neue Existenz auf. Manche sahen gar einen neuen Sinn darin nicht dauerhaft sesshaft zu werden und widmeten ihr Leben dem Fahren und Reisen. Von fahrenden Händlern bis hin zu Wundärzten gab es etliche Menschen, die ihr Leben lang durch die deutschen Landen fuhren und ihre Waren oder ihr Wissen anboten. Die Existenz war hierbei natürlich nicht sicherer als die in der Stadt, da auf den langen Routen etliche Gefahren lauerten, wie Wegelagerer bzw. Räuberbanden. Im besten Fall reiste man mit einer Gruppe, die womöglich noch bewaffneten Schutz bot, gegen Bezahlung versteht sich. Fahrendes Volk ist allerdings eine relativ negativ behaftete Begrifflichkeit gewesen, die vor allem Gaukler und Delinquenten zählten. Diese wurden oftmals auch an Stadttoren abgewiesen, da sie als unehrlich und unehrbar galten. Vor allem bei fahrendem und unehrbarem Volk war die Daseinsvorsorge niemals gewährleistet. Andererseits ist es genau diese fehlende Sicherheit für die eigene Existenz, die vor allem in Frankreich im Laufe des 18. Jahrhunderts nicht nur bei den fahrenden Leuten, sondern vor allem bei der Stadt- und Dorfbevölkerung für Unmut und Wut gesorgt. Die Obrigkeit suhlte sich im Reichtum und im Überfluss und das einfache Volk nagte am Hungertuch. Der Spruch Marie Antoinettes, das Volk solle doch Kuchen essen, wenn es kein Brot habe, ist ein Beispiel für die Ignoranz des Adels gegenüber seinem Volk, das sich selbstständig machte und nicht nur dem Absolutismus ein Ende bereitete, sondern einer ganzen Epoche. Die Frühe Neuzeit war somit quasi am 14. Juli 1789 vorbei und die Brücke zur Moderne war überquert.

Es scheint als wäre die frühe Neuzeit ein von Hunger, Elend, Not und Tod geprägtes Zeitalter. Wenn man es für sich nimmt scheint es auch maßlos leidvoll. Da man in der Geschichte allerdings niemals etwas nur alleinstehend betrachtet, sondern die Einordnung in den Zeitstrahl, den historischen Kontext, stattfinden muss, kommt man zu einem gänzlich anderen Ergebnis. Zwar war die Frühe Neuzeit geprägt von vielen negativen Ereignissen, aber sie definiert sich nicht darüber. Schließlich ist nicht nur Krieg geführt worden und es wurden auch nicht nur Hexen verfolgt und verbrannt, nein. Es fand auch eine Aufklärung statt. Der Mensch löste sich aus der Unmündigkeit, brach mit alten Herrschaftsformen und begann den Aufbruch in die Moderne. Die Symbolik von Dunkelheit und Licht, zwei Dinge, die ohne einander nicht existieren können, steht als Überschrift über der Frühen Neuzeit, der Brücke zwischen Mittelalter und Moderne.

[...]


1 Erich Trunz: Andreas Gryphius, Tränen des Vaterlandes. In: Die deutsche Lyrik. Interpretationen. Vom Mittelalter bis zur Frühromantik. Hg. von Benno von Wiese. Düsseldorf: Bagel 1957, S. 139-144

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Details

Titel
Die Frühe Neuzeit. Ein Zeitalter der Phänomene?
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie)
Veranstaltung
Kriminalität und Strafe im frühneuzeitlichen Europa
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V283260
ISBN (eBook)
9783668282421
ISBN (Buch)
9783668282438
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe Neuzeit, Geschichte, Deutschland, Inqusitionsprozess, Carolina, Flensburg, Dreißigjähriger Krieg, Kindsmord, Gotteslästerung, Phänomene
Arbeit zitieren
Christin Kolbeck (Autor), 2014, Die Frühe Neuzeit. Ein Zeitalter der Phänomene?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283260

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