Ethnische Minderheiten sind das Ergebnis soziopolitischer und historischer Entwicklungen. Dabei handelt es sich um Menschengruppen, die in einem größeren politischen Gefüge ein autonomes Identitätsbewusstsein ausbilden. Die Roma sind ein Beispiel dafür. Sie leben gegenwärtig fast auf der ganzen Welt, ihre gemeinsame Urquelle liegt dabei in Indien. Von dort spalteten sie sich im Zuge langer Wanderungen in kleinere Gruppen, bewohnten unterschiedliche Gebiete und nahmen als Folge neue charakteristische Züge an. Die Vlach, mit denen wir uns in dieser Arbeit vorrangig befassen werden, sind eine der vielen Gruppen, die im Zuge dieser Aufspaltung hervorgingen. Durch ihre Distinktivität wurden die Roma, welche vor allem europäische Länder bewohnen, zum Opfer von Diskriminierung, Verfolgung und sogar Völkermord. Was die Vlach von den anderen Gruppen jedoch unterscheidet, ist, dass sie ihre kulturelle Distinktivität und zugleich Gruppenidentität durch Sklavenhaltung erlangt hatten, die mehr als 500 Jahre andauern sollte. Ihre kulturelle Besonderheit liegt dabei nicht nur in der sprachlichen Entwicklung, sondern vor allem in ihrer durch die Knechtschaft geprägten Mentalität. Nach ihrer Befreiung wanderten viele Vlach Ende des 19. Jahrhunderts in die USA. Angetrieben durch die neugewonnene Freiheit und das Land, welches für sie vielversprechender zu sein schien, erhofften sie sich dort ein besseres Leben.
Diese Arbeit soll Aufschluss darüber geben, wie die Vlach in der neuen und ihnen fremden Welt, ihre Existenz bestreiten und dabei versuchen weiterhin als ethnische Minderheit zu bestehen. Dabei wird dargestellt, ob und wie sie sich im Laufe der Jahre (d.h. ab dem Zeitpunkt ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten von Amerika) verändert haben und wie sie es meistern in der modernen und industrialisierten Welt ihre Tradition beizubehalten und weiterhin als eigenständige, distinktive Gruppe fortzubestehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Theoretischer Rahmen
1.1 Ethnizität als soziopolitisches Phänomen
1.2 Assimilierung als migrationspolitisches Phänomen
2 Historischer und ethnographischer Hintergrund
2.1 Herkunft und Typologisierung der Roma
2.2 Entstehung der Vlach in Südosteuropa
2.3 Grundzüge und soziale Organisation der Vlach
2.4 Auswanderung der Vlach in die USA
3 Mechanismen ethnischer Persistenz
3.1 Autonomes Sozial- und Rechtssystem der Vlach
3.1.1 Die Gerichtsbarkeit der Romaniya
3.1.2 Reinlichkeit als institutionalisierter Verhaltenskodex
3.2 Konservatismus
3.2.1 Gesellschaftliche Isolierung
3.2.2 Spracherhalt
3.2.3 Verweigerung des amerikanischen Bildungswesens
3.3 Erhalt der sozioökonomischen Souveränität
3.3.1 Wirtschaftliche Unabhängigkeit
3.3.2 Nomadentum
3.3.3 Nutzung öffentlicher Gelder
4 Analyse und Schlussbetrachtungen
4.1 Dimensionen des Kulturwandels
4.2 Bestimmung des Assimilierungsgrades der Vlach
4.3 Kontrollierter Akkulturationsprozess der Vlach
5 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die ethnische Persistenz der Roma, insbesondere der Vlach-Gruppen in den USA, und analysiert die Mechanismen, mit denen sie ihre kulturelle Identität in einer industriell geprägten Mehrheitsgesellschaft bewahren. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie diese Minderheit trotz kultureller Einflüsse und Migrationsdruck ihre sozioökonomische Souveränität und traditionellen Wertesysteme langfristig aufrechterhält.
- Analyse der historischen Entstehung und Migration der Vlach.
- Untersuchung interner Sozialstrukturen und des Rechtssystems (Romaniya).
- Bedeutung von Reinheitsvorstellungen und geschlechtsspezifischen Verhaltenskodizes.
- Strategien zur Abgrenzung vom amerikanischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt.
- Bewertung des Akkulturationsprozesses anhand soziologischer Modelle.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Gerichtsbarkeit der Romaniya
Während man als Außenstehender dazu tendiert über Zigeuner als eine Gesetzeslose Bevölkerung zu urteilen, haben alle Zigeuner-Gruppen als indisches Vermächtnis ein komplexes und wirksames soziales Reglement beibehalten. Es bildet eine moralische und gerichtliche Instanz (Hancock 1996: 14) und dient dem Schutz der Gruppenidentität: „Gypsy law acts as a cohesive force to protect Gypsy interests, rights, traditions, and ethnic Gypsy distinctiveness“ (Weyrauch/Bell 2001: 48). Dennoch gibt es zwischen einzelnen Gruppen in Bezug auf interne Regelungen, Auslegung sowie den Grad der Befolgung mittlerweile große Unterschiede (Acton/Caffrey et al. 2001: 88).
Das Wesen und Herzstück der Kultur der Vlach ist in der Romaniya verankert, dem allgemeingültigen Verhaltenskodex und Grundgesetz der Vlach. Es spiegelt ihre Philosophie sowie das Wertesystem wieder, das alle sozialen und ökonomischen Lebensbereiche der Gemeinde regelt und dabei maßgeblich durch die Versklavung geformt wurde: „Among the Vlax, the forced sedentary life of serfdom seems to have preserved internal Gypsy law and strengthened the culture as a whole [...]“ (Weyrauch/Bell 2001: 23). Grundlegende Prinzipien der Romaniya sind Respekt vor Älteren und vor dem Tod, sowie – verstärkt durch die Versklavung – der Solidaritätssinn und die Brüderlichkeit. Zudem werden durch die Romaniya Bestimmungen bezüglich vieler Meidungsvorschriften, der Heirat und der Einhaltung sexueller Tabus (wie Monogamie, Heterosexualität oder Jungfräulichkeit bei der Heirat) vorgeschrieben. Diese Regeln fungieren als ethische Richtlinien der Vlach, auf dessen Basis sie nicht nur die eigenen Mitglieder, sondern auch Mitglieder anderer Zigeuner-Gruppen und der Gadsche beurteilen (Nagel 1979: 321).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Theoretischer Rahmen: Einführung in die Konzepte der Ethnizität und Assimilierung als soziopolitische Phänomene, die das theoretische Grundgerüst der Untersuchung bilden.
2 Historischer und ethnographischer Hintergrund: Darstellung der Herkunft der Roma, ihrer Entstehung in Südosteuropa unter der Knechtschaft und der anschließenden Migrationsgeschichte in die USA.
3 Mechanismen ethnischer Persistenz: Analyse der internen Kontrollinstrumente wie das Rechtssystem, gesellschaftliche Isolierung und Strategien zum Erhalt der sozioökonomischen Unabhängigkeit.
4 Analyse und Schlussbetrachtungen: Zusammenführende Diskussion des Kulturwandels und Anwendung des Drei-Phasen-Modells nach Heckmann auf die spezifische Situation der Vlach.
5 Schlusswort: Fazit über die Widerstandsfähigkeit der Vlach-Identität durch bewusste Strategien der kulturellen Abgrenzung.
Schlüsselwörter
Vlach, Roma, Ethnizität, Assimilierung, Persistenz, Romaniya, Akkulturation, Migration, Identität, Sozialstruktur, Nomadentum, Gadsche, USA, Kulturwandel, Marime
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie die ethnische Gruppe der Vlach ihre Identität und soziale Struktur nach der Migration in die USA bewahrt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die soziale Organisation, das Rechtssystem der Romaniya, der Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft (Gadsche) und die Anpassungsstrategien an eine moderne Industriegesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen Mechanismen zu identifizieren, die zur ethnischen Persistenz beitragen und erklären, warum die Vlach trotz starkem Assimilationsdruck als distinkte Gruppe fortbestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird genutzt?
Die Autorin verwendet eine kulturwissenschaftliche und soziologische Analyse, unter anderem basierend auf der Anwendung theoretischer Assimilationsmodelle (z. B. nach Friedrich Heckmann) auf die empirischen Daten der Vlach.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil?
Im Hauptteil werden das autonome Rechtssystem, religiöse und soziale Tabus (Reinheitskonzepte), die Abgrenzung zum Bildungswesen sowie ökonomische Strategien wie das Nomadentum und die Nutzung öffentlicher Gelder detailliert untersucht.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ethnizität, Vlach-Roma, Akkulturation, ethnische Grenze, Konservatismus und sozioökonomische Souveränität.
Welche Rolle spielt das Konzept der „Romaniya“ für die Vlach?
Die Romaniya fungiert als zentraler Verhaltenskodex, der moralische und rechtliche Instanzen für die Vlach-Gemeinschaft bereitstellt und sie sowohl nach innen regelt als auch nach außen abgrenzt.
Wie gehen die Vlach mit dem amerikanischen Bildungssystem um?
Die Vlach zeigen eine deutliche Distanz und oft eine Verweigerungshaltung gegenüber dem öffentlichen Bildungswesen, da sie dieses als Bedrohung für ihre kulturelle Identität und die Weitergabe ihrer Traditionen wahrnehmen.
- Citation du texte
- Zaneta Nowak (Auteur), 2013, Die ethnische Persistenz der Roma am Beispiel der Vlach in den USA, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283265