Historische Epistemologie im Forschungsfeld Wissenschaft

Betrachtet mit Georges Canguilhem


Hausarbeit, 2014
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Entwicklungsgeschichte

1. Überblick über das Fach

2. Die historische Epistemologie bei Georges Canguilhem (1904 - 1995)

3. Abschließende Betrachtungen

Literatur

Einleitende Entwicklungsgeschichte

»Erst heute fängt die Wissenschaftsgeschichte an wahrzunehmen, dass sie selbst in einer Geschichte steht, die ihre Vorlieben und Verfahren nicht unberührt lässt.«[1] Besteht daraufhin das Anliegen einer Beschreibung dieses Faches, so macht sich ein gewisser Interpretationsspielraum bemerkbar, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass es ein Konglomerat verschiedener Disziplinen ist, welches in seinem Umfang oszilliert.[2] Darauf soll zunächst näher eingegangen werden.

Grundlegend hierbei ist, dass sich die historische Epistemologie, heute ein Teilgebiet der Wissenschafts-geschichte und Thema dieser Arbeit, in einer Zeit des Wandels der Einstellung zur Wissenschaft entwickelt hat, ein Wandel, der seine Quellen in der veränderten Sicht auf Wissenschaft als Prozess anstelle eines Sytems findet. Allgemein gesprochen sind die Überwindung der klassischen Physik und das Anerkennen einer Pluralität der Forschungsfelder dafür ebenso ausschlaggebend wie eine Problemverschiebung in der Reflexion auf das Verhältnis von Begriff und Objekt.[3] Dies wird bei der Beschäftigung mit Wissenschaft darin deutlich, dass, angefangen bei der Klassifikation aller Wissenschaften durch Auguste Comte, im Laufe der Zeit nach ihm eine Abwendung von der reinen Wissenschaftsgeschichte der allgemeinen und speziellen Wissenschaften hin zu einer epistemologisierten Variante als notwendig erachtet wurde, woraufhin eine Entwicklung stattfand, die den Sachverhalt einer berichtenden, chronologisierten Darlegung von wissenschaftlichem Fortschritt um die diversifizierten Positionen der Wissenschaftsphilosophie erweitert hat.[4] Dieser neue Ansatz zielt darauf ab, sich von der bis in das frühe 20. Jahrhundert auftretenden Universalisierungstendenz in der Epistemologie und Wissenschaftsphilosophie zu distanzieren, da der Anspruch entstanden ist, dass Wissen immer in Kontexten zu sehen ist, die nicht ignoriert werden können.[5] Das Aufgabenfeld der Disziplin scheint damit auf eine andere Ebene verlagert, nämlich auf die der elementaren Diskussion über Wissenschaft als Erkenntnisproduzent anstelle der Funktion bloßer Wiedergabe von Fakten und Daten, wohingegen der Erkenntnisgewinn an die Wissenschaftstätigkeit abseits vom reinen Denkertum geknüpft wird.[6] Wissenschaft wird so zu einem unabtrennbaren Bestandteil erkenntnis-theoretischer Überlegungen, die Arten des Zugewinns von Wissen auf der anderen Seite werden Bestandteil der historisierten Darstellung von Wissenschaftsentwicklung.[7] Mit dieser Übereinkunft ist jedoch nicht das Produkt einer strukturkritischen Diskussion über das Wesen ihrer vorherigen Zweige im Sinne einer im angloamerikanischen Raum stattfindenden Institutionalisierungstendenz zur History and Philosophy of Science gemeint, wie sie u. a. bei Kuhn thematisiert wird[8] und in jüngster Zeit auch in Europa angekommen ist.[9] Die hier betrachtete Denkrichtung nämlich hat ihren Ursprung in Frankreich und wird nicht selten mit dem Naturwissenschaftler und Philosophen Gaston Bachelard (1884 - 1962) verbunden, der selbst bereits in einer gewissen Tradition arbeitete.[10] Weiters entstand sie vielmehr aus sich selbst heraus, genauer, aus den Positionen von Philosophen und Wissenschaftlern in ihren Texten, welche aus deren jeweiliger Fachrichtung hervorgingen sowie eine unbewusst disziplinübergreifende Relevanz innehaben und sich damit zum Gegenstand fortlaufender Diskussionen machten. Die angesprochene Entwicklung verlief jedoch nicht unmittelbar, denn ihre Tendenzen sind bereits vor dem Wandel, welcher nicht äquivalent zu einer Auflösung der Bestandteile verläuft, zu erkennen.[11] Sie werden nachträglich als Vorstufen behandelt, ähnlich Bachelards Auffassung von wissenschaftlicher Erkenntnis, die sich erst nach Beseitigung der Hindernisse retrospektiv als Klarheit herausstellt und erst dann ihre eigenen Schritte aufzeigen kann, zuvor aber nicht als Notwendigkeit erkannt und dadurch bedacht herbeigeführt wurde.[12] Bedenkt man in diesem Zusammenhang Foucaults Grundlagen für das Erstellen einer Sinneinheit ähnlicher Aussagen, sprich für die »Herausbildung von Wissenschaften«, nämlich die Schwellen der Wissensformationen[13] sowie die Aussagen in Buch und Werk, so stellt sich die Frage, welche Autoren ihr zugewiesen werden können, und auf welcher Grundlage. Schließt man die Frage an, wie innere und äußere fachorientierte Klarheit der Rubrik[14] erreicht werden kann, so bleibt vielleicht kein anderer Weg, als ihre Produkte, die Texte der sich damit befassenden Autoren zur Grundlage dessen zu machen, was ihre innere Entwicklungsgeschichte werden wird. Einen Teil dazu beitragen sollen nun die Beobachtungen eines prominenten Vertreters der historischen Epistemologie, Georges Canguilhem, dessen Gedanken beispielhaft für ebenjenes Fach dargelegt werden sollen, da er einerseits der institutionelle Sukzessor Bachelards war und gleichzeitig selbst als Bezugspunkt für nachfolgende Philosophen und Historiker gilt.[15]

1. Überblick über das Fach

Der Begriff 'historische Epistemologie' wurde 1969 durch Dominique Lecourt (Universität Paris Diderot) popularisiert, um Gaston Bachelards Arbeit zu beschreiben, welcher sagte, dass nach der Reevaluation der Newton'schen Physik sowie der euklidischen Geometrie eine Analyse menschlichen Wissens ohne Beteiligung einer Betrachtung von Wissenschaftsentwicklung nicht länger möglich bleibt, hier wird demnach Wissen im historischen Kontext gesehen. Dies wurde innerhalb französischer Akademikerkreise eine einflussreiche Umdefinition im Gebrauch der Epistemologie, woraufhin die Bezeichnung auf die Arbeiten anderer französischer »historian-philosophers of science« erweitert wurde, zuvorderst auf Canguilhem und Foucault.[16] Dem nachgestellt soll in diesem Zusammenhang die Beobachtung von Jean-François Braunstein (Universität Paris) nicht vergessen werden, dass die Genese des Begriffs bereits 1907 bei Abel Rey stattfand, um seine eigene Arbeit zu umschreiben.[17]

Die Frage zu beantworten, was die historische Epistemologie ausmacht, ist insofern nicht einfach, als dass zum einen bei dem Großteil der wissenschaftshistorisch und -philosophisch arbeitenden Autoren der betreffenden Zeitspanne der Begriff 'historische Epistemologie' nicht einheitlich verwendet wurde oder wird.[18] Hinzu kommt eine Methodologiedebatte, welche sich durch nicht wenige Werke sowohl vergangener als auch zeitgenössischer Wissenschaftshistoriker und -philosophen zieht, was durch diejenigen Denker nicht erleichtert wird, welche ihrerseits aus einer speziellen Wissenschaft kommen und diese in ihrem Wandel beobachten, also keinen dezidiert philosophischen Hintergrund haben, was sich nicht zuletzt in einer diversifizierten Nomenklatur des Faches äußert.[19] Es scheint demnach, dass die betreffenden Autoren, ob sie sich dem Kreis der historischen Epistemologen zugeneigt sehen oder nicht, unabhängig von diesem Dachterminus ihre Arbeit aus den verschiedensten Perspektiven betreiben, wodurch es relevant wird, Eigenschaften zu benennen, welche sie vereinen und die ihnen eine gemeinsame Wirkungsbasis geben.[20] Hier ist eine Studie Braunsteins zu den Charakterzügen des französischen Stils der Wissenschafts-philosophie, wie er es nennen möchte, aufschlussreich, in der er vier Eigenschaften dieses Feldes benennt. Diese beinhalten zum einen eine Reflektion a posteriori auf die Wissenschaften, also erfahrungsbasierte Urteile. An dieser Stelle ist die Wissenschaftsphilosophie immer auch eine Wissenschaftsgeschichte. Er sagt mit Canguilhem, dass eine Epistemologie ohne Bezug zur Historie lediglich eine Verdopplung der Wissenschaft wäre, die sie zu diskutieren beansprucht. Zusätzlich erwartet diese historische Form der Epistemologie, innerhalb der Wissenschaftsgeschichte Antworten auf klassische philosophische Problem-stellungen zu erhalten, wie die der wissenschaftlichen Objektivität, des Wahrheitsbegriffs oder dem Einfluss von Fehlannahmen und dem Umgang mit diesen. So stellt Canguilhem heraus, dass Historizität ein wesentliches Kriterium dessen ist, was als wissenschaftlich bezeichnet werden kann und was nicht, in dem Sinne, dass sowohl Objektivität als auch Wahrheit im Gang der Wissenschaften stets neu definiert werden müssen. Als zweiten Punkt nennt Braunstein die besondere Art der Geschichte, die hier im Gegensatz zu ihrer traditionellen Arbeitsweise immer auch wertend zu ihrem Studienobjekt Stellung bezieht, sich also kritisch-philosophisch verhält.[21] Diesbezüglich sieht Canguilhem die Epistemologie dazu berufen, der Historie Beurteilungskriterien zu liefern, indem sie ihr die neueste Sprache einer Wissenschaft beibringt »und ihr damit hilft, in die Vergangenheit bis zu dem Augenblick zurückzugehen, in dem diese Sprache nicht mehr verstehbar ist oder nicht mehr in eine einfachere und frühere Sprache übersetzt werden kann.«[22] Sie wertet also aus Sicht der Vergangenheit, wiewohl nur der rezente Blick die historische Rekurrenz wissenschaftlicher Ereignisse erfassen kann. An dritter Stelle steht die bei den Autoren behandelte Fragestellung nach dem Konzept der Begründung, welches nur durch die Entwicklung in den Wissenschaften zu greifen ist. Seine verschiedenen Formen sind abhängig von historischen und geographischen Faktoren und der Grundgedanke an einen unumstößlichen Beweis gilt bereits bei Bachelard als veraltet, denn der durch ihn vertretene neue, durch Historizität gekennzeichnete Rationalismus abseits von Decartes verlangt eine repetitive Neubewertung bei der Wissensbegründung. Und letztens ist eine Wissenschaftsgeschichte immer an eine breite Palette unterschiedlicher politischer Ziele geknüpft, sei es der Versuch Comtes, eine Soziologie zu etablieren, die Diskreditierung des deterministischen Milieu-Konzeptes bei Canguilhem oder Foucaults anti-Sartre'sche Argumentation, in der er sich für eine rational-konzeptuelle Wissenspilosophie ausspricht.[23]

2. Die historische Epistemologie bei Georges Canguilhem (1904 - 1995)

Auch wenn man die soeben skizzierten Charakteristika in Gedanken hält, gibt es derart viele aufschluss-reiche und tiefgehende Ausführungen Canguilhems, die für die wissenschaftshistorische Debatte von Bedeutung sind, dass es ob der thematischen Breite herausfordernd ist, sie ihrer Aussagekraft entsprechend in eine Struktur zu bringen. In Henning Schmidgens (Bauhaus-Universität Weimar) Vorwort zur Neuauflage von Canguilhems Die Herausbildung des Reflexbegriffs im 17. und 18. Jahrhundert heißt es, das allgemeinste Vorhaben Canguilhems sei das Einbringen der Begriffe Sinn und Wert in die Auseinander-setzung mit den Wissenschaften. Um jenes zu erreichen, messe er einen bedeutenden Einfluss auf Wissen-schaft und Denken weniger den Systemen Technik, Kunst oder Mythologie bei, als vielmehr dem Leben selbst mit seinen »Wertsetzungen und Wertschätzungen«. Letzteres lässt sich zweifellos als Grundlage der Forschungen Canguilhems betiteln, denn er selbst weist darauf hin, dass das Leben doch Subjekt der Wissenschaft ist, das heißt Wissenschaft ist ohne Leben nicht möglich, weswegen es erforderlich wird, sie im Rahmen aktueller und historischer Vergleiche mit sich selbst zu konfrontieren. Diese Einstellung resultiert zweifellos aus seiner Spezialisierung in den Lebenswissenschaften, woraus ebenso hervorgeht, dass er sogar die Vorformen des Wissens im Leben selbst sieht, da sich dieses eigenständig in Formen organisiert, lange bevor es auf den wissenschaftlichen Begriff gebracht wird.[24]

[...]


[1] Rheinberger, Hans-Jörg, Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg 2007, 79.

[2] Hier sei auf den Tenor in Rheinbergers Einführungswerk in die historische Epistemologie verwiesen, speziell wenn er von einem entscheidenden Wandel »im Verhältnis von philosophischer und historischer Reflexion auf die Wissenschaften und ihre Entwicklung», demnach von Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte spricht: »Ich möchte ihn als den Übergang von Ansätzen zu einer Historisierung der Epistemologie zu Ansätzen einer Epistemologisierung der Wissenschaftsgeschichte beschreiben.« Ebd.

[3] Sie nimmt nicht mehr am erkennenden Subjekt ihren Ausgang, sondern am zu erkennenden Objekt. Vgl. ebd., 9-13.

[4] »Die traditionelle, an der mathematisierten Physik orientierte Wissenschaftsgeschichte hat vorzugsweise jenseits der Schwelle der Formalisierung operiert und blieb damit auf das enge Fenster eines sehr spezifischen Diskurstypus fixiert, den sie zugleich normativ auszeichnete. Die Wissenschaftsgeschichte der historischen Epistemologie von Bachelard und Canguilhem bewegt sich an der Schwelle, die durch die Wissenschaftlichkeit definiert wird.« Ebd., 109.

[5] Gemeint sind biologische, soziale, historische, materielle. Feest / Sturm 2011, 285.

[6] Die blockhafte, simplifizierte Darstellung der Fachrichtungen dient der Kontrastierung. Reines Denkertum meint hier die klassische, instrumentlose und damit praxisferne Gedankenschule.

[7] »Was als erkenntnistheoretische Reflexion an den sich abzeichnenden Rändern der klassischen Mechanik begann, fächerte sich in unterschiedliche Ansätze und Anläufe zu einer historischen Epistemologie auf [...]. Die historische Reflexion der Epistemologie begann sich mit einer epistemologischen Reflexion der Wissenschaftsgeschichte zu verbinden.« Rheinberger 2007, 131.

[8] Thomas S. Kuhn erkennt diese Tendenz [Anm.: weil er sie selbst erlebt, da er mit seinem Paradigmenbegriff entgegen den Darstellungen der Hand- und Lehrbuchwissenschaft den Wissenszuwachs durch Wissenschaft historisiert] und macht in seinem Werk auf die Dualität der Disziplinen aufmerksam. Er will jedoch eine Zusammenlegung der Wissenschaftsgeschichte und -philosophie vermeiden und fordert vielmehr aufgrund der verschiedenen Wissenschaftskulturen eine produktive Koexistenz und eine Historisierung der Wissenschaftsphilosophie selbst. Stadler, Friedrich, History and Philosophy of Science. Zwischen Deskription und Konstruktion, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte : Organ der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (35/3) 2012, 219.

[9] So etwa in der Universität Wien. Friedrich Stadler (Uni Wien) spricht von einer positiven Rezeption des Konzeptes der HPS, die jedoch keine mechanische Addition der Wissenschaftsgeschichte und -philosophie darstellt. Ebd. 218.

[10] Im Jahr 1940 wurde er Professor für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Sorbonne und folgte damit seinem vormaligen Lehrer Abel Rey nach. Rheinberger 2007, 37.

[11] Vgl. Rheinberger 2007, 79-98.

[12] Bachelard nutzte den Begriff der »historischen Epistemologie« selber nicht, er wurde erst später durch Dominique Lecourt konstituiert. Sh. S. 4.

[13] Rheinberger 2007, 109.

[14] Canguilhem spricht mehr von einer "Rubrik" als von einer Disziplin, da sie sich in Form und Inhalt progressiv auffächert. Vgl. Canguilhem, Georges, Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie: Gesammelte Aufsätze (Hrsg. Wolf Lepenies) Frankfurt/M. 1979, 22.

[15] »Manchen gilt er als "Schüler Bachelards", anderen als "Lehrer Foucaults".« Borck, Cornelius et al. (Hrsg.), Maß und Eigensinn. Studien im Anschluss an Georges Canguilhem. München 2005, 11.

[16] Auch wenn Lecourt diesen Begriff von Canguilhem entlieh, so sah dieser ihn nicht als Beschreibung seines eigenen Werkes. Feest / Sturm 2011, 286.

[17] Schon Rey sagte, die Philosophie der Wissenschaften könne nur historisch sein. Man dürfe bei der Ausübung der Wissenschaftsgeschichte das methodologische Ziel nicht aus den Augen verlieren. Solch eine philosophische Wissenschaftsgeschichte resultiere in einer Transformation der Wahrnehmung von Wahrheit: von einem bewegungslosen zum sich verändernden Begriff. Diese Fachrichtung wäre nicht nur theoretisch, sondern könnte die aus dem Mechanik-Pessimismus (Krise der Physik) entstehenden Mystifizierungstendenzen der Wissenschaft auflösen, also aktuelle Problemstellungen begreifen lehren. Abel Rey wurde 1932 zum Begründer des Institutes für Wissenschafts- und Technikgeschichte der Universität Paris. Braunstein, Jean-François, Historical Epistemology, Old and New, in: Epistemology and History. From Bachelard and Canguilhem to Today's History of Science. MPIWG Preprint 434, 2012, 35ff.

[18] Uljana Feest (TU Berlin) und Thomas Sturm (UAB Barcelona) bemerken, dass nur wenig am Konzept der historischen Epistemologie unproblematisch ist. Dies liege daran, dass einige Autoren den Begriff nutzen, ohne zu formulieren, in welchem Sinne sie dies tun, was als Grund für die weniger strukturierte Diskussion des Themas gesehen wird. Eine von ihnen organisierte Konferenz 2008 im MPIWG zielte darauf ab zu erhellen, ob die Grenzen zwischen Philosophie und Geschichte neu gezogen werden müssen in Bezug auf die Frage, welche Art von Unternehmen die historische Epistemologie ist. Feest, Uljana / Sturm, Thomas, What (Good) is Historical Epistemology? Editors' Introduction, in: Erkenntnis. An International Journal of Analytic Philosophy (75/3) 2011, 287f.

[19] Ein Fallbeispiel ist die Rezeptionsgeschichte eines prominenten Vertreters in wissenschaftsgeschichtlichen Debatten, Ludwik Fleck. Martina Schlünder (JLU Gießen) [Anm.: selbst Medizinerin mit wissenschaftshistorischem Interesse, Mitglied im Ludwik-Fleck-Kreis und bis Januar 2014 Scholar am MPIWG] konstatiert, dass sich Flecks Werk der Disziplinarität entzieht. Er war Mediziner und betrieb Erkenntnistheorie, kritisierte jedoch philosophische Prinzipien als »gute Diener, aber schlechte Herren«. Schlünder sieht einen Nachteil darin, Fleck einer spezifischen philosophischen Tradition anzuschließen, da dadurch nicht sein spezieller Denkraum zwischen den Disziplinen offengehalten wird, sondern das Fleck'sche Denken auf »diesen einen philosophischen Zugang und dessen Resonanzboden in der Wissenschaftsgeschichte, der Geschichtswissenschaft und Kulturtheorie reduziert und insgesamt immobilisiert« wird. Schlünder, Martina, Rezension von: Ludwik Fleck, Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse (Hrsg. S. Werner / C. Zittel) Berlin 2011, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte : Organ der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (35/3) 2012, 253.

[20] Aufschlussreich hierzu ist das Namensregister bei Rheinberger 2007, Seiten 151ff., wo erstmalig bedeutende Verteter dieser Disziplin aufgelistet werden (ohne jedoch, wie er selbst sagt, Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben).

[21] Braunstein 2012, 38.

»Um die Funktion und den Sinn der Wissenschaftsgeschichte zu verstehen, kann man dem Modell des Laboratoriums das Modell einer Schule oder eines Tribunals entgegensetzen, also einer Institution oder eines Ortes, wo man Urteile über die Vergangenheit des Wissens oder über das Wissen der Vergangenheit fällt.« Canguilhem 1979, 25.

[22] Ebd., 26.

[23] Vgl. Braunstein 2012, 39f.

[24] Diese Formen sind genetische Informationen, Morphologien von Körpern, Bilder des Denkens. Vgl. Canguilhem, Georges, Die Herausbildung des Reflexbegriffs im 17. und 18. Jahrhundert. München 2008, VII-XI.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Historische Epistemologie im Forschungsfeld Wissenschaft
Untertitel
Betrachtet mit Georges Canguilhem
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V283336
ISBN (eBook)
9783656828051
ISBN (Buch)
9783656828150
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische Epistemologie, Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsphilosophie, Erkenntnistheorie, Georges Canguilhem, Gaston Bachelard
Arbeit zitieren
Marcus Vorlop (Autor), 2014, Historische Epistemologie im Forschungsfeld Wissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283336

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