Die Vorstellung von der Hölle als Ort im Jenseits ist seit jeher mit dem christlichen Weltbild verknüpft. Allerdings ist sie nicht auf ein explizites Vorbild zurückzuführen oder als feststehendes Gebilde, sondern eher als ein sich stetig entwickelndes und veränderndes Konstrukt zu betrachten. In der Übergangszeit von Spätantike und Frühmittelalter war es in erster Linie Augustinus (354-430), der sich mit Vorstellungen von der Hölle beschäftigte. Er verband die christliche Vorstellung vom Weltgericht mit antiken Vorstellungen der Unterwelt. Herbert Vorgrimler beschreibt für die folgende Zeit ein Zurückdrängen der antiken Auffassungen mit ihren rationalen Erklärungsansätzen, stattdessen finde das Höllenthema seinen Platz nun in erster Linie in der Visionsliteratur. Vorherrschend würde ein „dualisierendes Welt- und Menschenbild“ geschaffen, welches lediglich Himmel und Hölle, sowie gute und schlechte Menschen kenne. Dennoch gab es im Laufe der Zeit auch immer Gelehrte, die anderen Auffassungen waren. Mit der etwa im 9. Jahrhundert einsetzenden Scholastik wurde sich wieder vermehrt in theologischer Hinsicht mit der Höllenthematik befasst, insbesondere wurde dabei auch über eine Jenseitsgeographie diskutiert. Ausgangspunkt der Überlegungen war dabei meist das Weltgericht und die damit einhergehende Frage, ob das endgültige Schicksal bereits nach dem Tod entschieden ist, oder ob es einen Läuterungsort gibt, der noch einen Ausweg zulässt. Im 12. Jahrhundert zeigt sich schließlich eine sehr ausführliche Beschäftigung mit der Beschaffenheit der Hölle und einem möglichen Fegefeuer als zusätzlichen Ort im Jenseits. Neben der intensiven Auseinandersetzung in schriftlichen Quellen, gab es aber auch in kunsthistorischer Hinsicht neue Entwicklungen: Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts wurden besonders in Frankreich zunehmend Reliefs und skulpturale Elemente mit Höllenmotiven auf Portalen von Kirchen und Klöstern angebracht. Zwar gab es zuvor bereits vereinzelt bildliche Darstellungen des Weltgerichts und der Hölle, unter anderem als Buchmalereien und Wandfresken, jedoch wurde durch die figürliche Ausarbeitung eine viel intensivere Wirkung erzielt. Typisch für diese Form ist die Abbildung des Weltgerichts auf dem Tympanon des Portals, wobei Christus im Zentrum inmitten der verschiedenen Orte des Jenseits angeordnet ist. (...)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Auseinandersetzung mit der Höllenthematik im 12. Jahrhundert
2.1 Scholastik
2.2 Visionsliteratur
2.3 Portalplastik
3 Die Verortung der Hölle im Jenseitsgefüge
3.1 Die Hölle in der Portalplastik
3.2 Die Hölle in schriftlichen Quellen
4 Theologie, Plastiken und Visionen – Unterschiede und Gemeinsamkeiten
5 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Verortung der Hölle als Bestandteil des Jenseitsgefüges im 12. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie zeitgenössische theologische Schriften und künstlerische Darstellungen an Kirchenportalen dieses Konzept konstruierten, prägten und in ein Verhältnis zum individuellen Schicksal der Gläubigen setzten.
- Wandel der Höllenvorstellungen im 12. Jahrhundert
- Interaktion zwischen scholastischer Theologie und Visionsliteratur
- Symbolik und Bedeutung der romanischen Portalplastik
- Vergleich der räumlichen und materiellen Konzeptionen des Jenseits
- Der Einfluss des Weltgerichts auf das Jenseitsverständnis
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Hölle in der Portalplastik
Das Weltgerichtstympanon von Autun ist durch die Inschrift „Gislebertus hoc fecit“ dem französischen Bildhauer und Meister Gislebertus zuzuschreiben, dessen zahlreiche Werke als Vorbilder für die sakrale Kunst der folgenden Jahrhunderte gilt. Dass der Künstler sein Werk signierte, war für damalige Zeit keineswegs die Regel, ist aber seit dem anbrechenden 12. Jahrhundert immer häufiger zu beobachten. Die Künstler zu dieser Zeit begannen, ihre Individualität wahrzunehmen und ihr Werk nicht mehr als bloßes Handwerk zu verstehen. Zwar wurde Kunst noch immer im Zuge eines Auftrags einer meist kirchlichen Institution angefertigt, aber es bildete sich auch die Auffassung heraus, dass der Künstler als Individuum eine Interpretation in seine Darstellung legte.
So hielt sich auch Gislebertus in Autun bei seinem Weltgerichtstympanon an gängige Vorstellungen und Motive, dennoch zeigt seine Bildsprache durch die Anordnung der einzelnen Elemente eine interessante Deutung. Sein Bildprogramm weist auf die Auslegung des Gerichts nach dem Johannesevangelium: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchdrungen.[…]Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ Das Gericht ereilt also nicht alle Menschen, sondern nur jene, die „Böses getan haben“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das wandelbare Konzept der Hölle im 12. Jahrhundert ein und stellt die Relevanz von Theologie sowie Kunst als Quellen für die Untersuchung des Jenseitsgefüges dar.
2 Die Auseinandersetzung mit der Höllenthematik im 12. Jahrhundert: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Ansätze der Scholastik, die neuen Ausprägungen der Visionsliteratur und die Wiederentdeckung der Portalplastik als zentrale Medien zur Vermittlung jenseitiger Konzepte.
3 Die Verortung der Hölle im Jenseitsgefüge: Hier wird detailliert untersucht, wie die Hölle in Portalskulpturen (u.a. Autun, Conques, Moissac) und in den Schriften bedeutender Theologen wie Honorius Augustodunensis und Otto von Freising räumlich und inhaltlich definiert wurde.
4 Theologie, Plastiken und Visionen – Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Das Kapitel vergleicht die verschiedenen Quellengattungen und arbeitet heraus, dass trotz unterschiedlicher Entstehungszwecke ähnliche Vorstellungen vom Weltgericht und der individuellen Schuld existierten.
5 Schluss: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Auseinandersetzung mit der Hölle im 12. Jahrhundert ein neues, greifbares Verständnis des Jenseits initiierte, welches das Diesseits stärker in die jenseitige Ordnung einbezog.
Schlüsselwörter
Hölle, 12. Jahrhundert, Mittelalter, Portalplastik, Scholastik, Visionsliteratur, Weltgericht, Jenseitsgefüge, Gislebertus, Honorius Augustodunensis, Fegefeuer, Romanik, Individuum, Tod, Theologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Vorstellung der Hölle als Ort im Jenseitsgefüge während des 12. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die scholastische Theologie, die Visionsliteratur und die romanische Portalplastik als Ausdrucksformen religiöser Weltbilder.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich schriftliche und bildliche Quellen gegenseitig bedingen und wie sie die Hölle als Raum im Jenseitsgefüge interpretierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Untersuchung, die kunsthistorische Analysen von Portalplastiken mit der Auswertung scholastischer Texte und visionärer Literatur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Fallbeispiele von Kirchenportalen sowie die Schriften von Gelehrten wie Hugo von St. Viktor und Otto von Freising detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Hölle, Mittelalter, Portalplastik, Scholastik, Visionsliteratur und Weltgericht sind die zentralen Begriffe.
Welche Bedeutung kommt der Portalplastik in dieser Arbeit zu?
Die Portalplastik wird als öffentliches Medium betrachtet, das dem Gläubigen das Jenseits durch eine visuelle Ordnung und Mahnung „wirklicher“ näherbrachte.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Scholastikern und Künstlern in dieser Zeit?
Während Theologen eher eine abstrakte oder symbolische Gesamteinordnung des Jenseits anstrebten, nutzten Künstler drastische, figürliche Darstellungen, um die individuelle Schuld und die Folgen des Gerichts unmittelbar erfahrbar zu machen.
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- Stefanie Begerow (Autor), 2012, Die Hölle als Ort des Jenseitsgefüges im 12. Jahrhundert, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283582