Verhaltensauffälligkeit aus humanistisch-psychologischer Sicht


Akademische Arbeit, 2001

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Eine humanistisch-psychologische Perspektive
1.1. Die Entwicklung und Position der Humanistischen Psychologie
1.2. Das Verständnis vom Menschen und seiner Persönlichkeit
1.3. Die Persönlichkeitsentwicklung Eine Kontroverse zwischen Selbstaktualisierungs - und Anpassungstendenz

2. Die Genese von Verhaltensauffälligkeit aus dieser personenzentrierten humanistisch-psychologischen Sicht
2.1. Die Verinnerlichung "unnatürlicher Werte“- Basis pädagogischer Intentionen
2.2. Wachstum gelingt erst in Sicherheit - Die Relevanz von Akzeptanz
2.3. "Aber ich muß doch in diese Richtung!"
2.4. Die Schaffung einer anderen Sicherheitszone

3. Schlussgedanke: "... eine Definition auffälligen Verhaltens ..." - und ihre "Geschichte"!

4. Literatur (inklusive weiterführender Literatur)

1. Eine humanistisch-psychologische Perspektive

Im Verständnis vom Menschen und aus dem Blickwinkel „… der humanistisch orientierten Sonder- bzw. Heilpädagogik …“ (Franze 1993, S. 638) liegt auch gerade in seiner Persönlichkeitsentwicklung nicht nur die angenommene Entstehung von auffälligem Verhalten, sondern auch der erziehungstherapeutische [Begriff von Kluge, z.B. 1990, Titel] Umgang damit, begründet. Insofern werde ich meine Sichtweise dessen möglichst nachvollziehbar und dementsprechend präzise beschreiben.

Die von ROGERS vertretene Auffassung vom Menschen, die in aller Kürze bei MYSCHKER (vgl. Myschker 1993, S. 94 f.) zusammengefaßt ist, werde ich hierzu vor allem unter Bezug auf einige wesentliche von FITTING (vgl. Fitting 1993, S. 91 f.) hervorgehobenen Elemente, aber auch unter Berücksichtigung verschiedener anderer Veröffentlichungen darstellen.

Eingangs wird ein kurzer Überblick über die Humanistische Psychologie und deren Entwicklung gegeben, um ihre Position und Bedeutung innerhalb des Feldes der Psychologie zu verdeutlichen.

1.1. Die Entwicklung und Position der Humanistischen Psychologie

Der Ursprung der Humanistischen Psychologie liegt in der Philosophie des Humanismus und Existentialismus (vgl. Hahne 1990, S. 189).

Als ihr Beginn kann die Individualpsychologie betrachtet werden (vgl. Dönhoff-Kracht 1993, S. 66). Sie wurde von ADLER unter Mitarbeit weniger anderer vor dem ersten Weltkrieg erstellt (vgl. Dönhoff-Kracht, S. 64). Gewöhnlich wird die Individual-psychologie als tiefenpsychologische und psychotherapeutische Richtung bezeichnet (vgl. Dorsch 1994, S. 346 f.); doch ist diese Klassifikation im Rahmen einer Psychologie, die auch unbewußte Faktoren einbezieht, umstritten (vgl. Dönhoff-Kracht 1993, S. 64).

In der Individualpsychologie steht das psychische Erleben statt der sog. Funktionen (s. Dorsch 1994, S. 260 f.) natürlich ebenfalls im Vordergrund (vgl. ebd., S. 610).

Der Mensch wird in erster Linie als soziales Geschöpf mit einer genetisch bedingten Disposition zur Geselligkeit betrachtet (vgl. Vernooij 1993, S. 60).

Er erklärt sich aus seinem sog. "... 'Lebensplan' [meine Hervorhebung] ..." (Dorsch 1994, S. 347)

Dieser verlangt danach, die bereits in der Kleinkindphase vorhandenen
"... Minderwertigkeitskomplexe [meine Hervorhebung] ..." (Dorsch 1994, S. 347) durch Erfolge auszugleichen und im sozialen Bezugsrahmen anerkannt zu werden. Hierbei entstehen die Merkmale des individuellen Charakters "... und auch die neurotischen Erscheinungen, wenn der Lebensplan ..." (ebd.) Fehler enthält, der Ausgleich nicht ermöglicht und "... Gemeinschaftsgefühl [meine Hervorhebung] ..." (ebd.) nicht richtig entstehen kann. (vgl. ebd., S. 346 f.)

MASLOW hat die Humanistische Psychologie als "... '3. Kraft' ..." (Dorsch 1994, S. 610) neben die Psychoanalyse [nach Freud] und den behavioristischen Blickwinkel gestellt (vgl. ebd.). Sie "... bemüht sich ..., der gesunden und schöpferischen Per-sönlichkeit gerecht zu werden. Ziele sind 'Selbstverwirklichung', Selbstaktualisierung', 'Selbsterfüllung' [meine Hervorhebungen]." (ebd.)

Hierum bemüht sich auch ROGERS in seiner Psychotherapie. Durch deren Verbreitung ist die Humanistische Psychologie wesentlich bekannter geworden. Die humanistischen Theorien werden als holistisch, dispositionell, phänomenologisch und existentialistisch bezeichnet. (vgl. Zimbardo 1992, S. 15)

Das bedeutet, menschliches Handeln wird im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeit verstanden, wobei angeborene Eigenschaften als richtungsweisend für Verhalten erachtet werden. Die äußeren Umstände erscheinen häufig als Hindernisse auf dem Weg zur Selbstverwirklichung.

Sind sie überwunden, drängt es den Menschen, sein Leben bereichernde Situationen aufzusuchen, um sich auf natürlichem Wege in seiner gesunden Persönlichkeit ausdrücken zu können.

Anders als aus dem psychoanalytischen Blickwinkel werden Erlebnisse aus der frühen Kindheit nicht als das ganze Leben eingrenzende Bedingungen gesehen. Humanistische Theorien sind aber auch nicht in dem Sinne dispositionell wie die Eigenschaftstheorien, die zentral dauerhaft fortwirkende individuelle Eigenschaften betrachten. (vgl. ebd., S. 415 f.)

Die Vergangenheit spielt eine untergeordnete Rolle. Ihr gilt das Interesse nur insoweit, als daß sie den Menschen dahin gebracht hat, wo er jetzt steht. Sein Bezugsrahmen ist entscheidend, sein subjektives Verständnis von der Realität. Existentialistisch bezeichnet die Konzentration "... auf die bewußten höheren geistigen Prozesse, die die gegenwärtigen Erlebnisse der Person interpretieren ..." (ebd., S. 416) und dadurch ihren Lebensstil bestimmen. Im Gegensatz zum deterministischen behavioristischen wie auch psychoanalytischen Blickwinkel ist Freiheit von großer Bedeutung. (vgl. ebd.)

1.2. Das Verständnis vom Menschen und seiner Persönlichkeit

Demnach ist der Mensch von Geburt an grundsätzlich lebens- und gesell­schafts­bejahend eingestellt (vgl. Myschker 1993, S. 94).

Allen Menschen ist eine Basis von Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeiten zu eigen. Diese Basis besteht aus individuellen, aber auch aus miteinander in Beziehung stehenden Eigenschaften. (vgl. Fitting 1993, S. 91)

Das gänzlich positive Lebensfundament des Menschen kann durch Umwelteinflüsse entweder gefördert oder negativ beeinflußt werden (vgl. Myschker 1993, S. 94).

Ganz klar hervorgehoben werden muß die Unzerstörbarkeit dieser letztendlich in ihrer Gesamtheit individuellen positiven Basis und aller mit ihr verknüpften Kompetenzen. Auch, wenn sie während der Sozialisation des Individuums zugedeckt wird, bleibt die Basis bestehen und strebt danach, gelebt zu werden.

Folglich hat jeder Mensch das Verlangen, sich selbst zu verwirklichen. (vgl. Fitting 1993, S. 92)

Er möchte seine eigenen inneren Möglichkeiten ausschöpfen und weiterentwickeln. Dementsprechend rührt die Motivation für das menschliche Verhalten aus jenen individuellen angeborenen und gelernten Vorlieben der Person. (vgl. Zimbardo 1992, S. 415)

Dieses angeborene Streben nach Selbsterfüllung und nach Realisierung des eigenen einzigartigen Potentiales ist eine konstruktiv leitende Kraft, die jede Person im allgemeinen zu positiven Verhaltensweisen und zur Weiterentwicklung des Selbst bewegt.

(ebd.)

ROGERS hat dieses zentrale Element seiner Theorie als Selbstaktualisierungs-tendenz bezeichnet. So nennt er das prinzipielle Streben jedes Menschen danach, alle Faktoren und Umstände, die ihm als Lebewesen dienlich sind, günstig zu beeinflussen. Hierbei wirkt das Bild für den Menschen richtungsweisend, welches er von sich selbst hat. (vgl. Myschker 1993, S. 94)

Dies rührt

... aus 'den Wahrnehmungen der Charakteristika und den Fähigkeiten der Person, den Wahrnehmungen und Vorstellungen vom Selbst in Bezug zu anderen und zur Umgebung, den Wertgehalten, die als verbunden mit Erfahrungen und Objekten wahrgenommen werden; und den Zielen und Idealen, die als positiv oder negativ wahrgenommen werden' ...

(ebd., S. 94 f.).

1.3. Die Persönlichkeitsentwicklung

Eine Kontroverse zwischen Selbstaktualisierungs - und Anpassungstendenz

Die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Selbstaktualisierung kann durch Umwelteinflüsse verhindert werden (vgl. Myschker 1993, S. 94 f.).

Doch nur jene Menschen, denen es möglich ist, sich selbst zu verwirklichen, können ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Sie müssen also in Übereinstimmung mit ihren fundamentalen Eigenschaften wahrnehmen und handeln, um so auf ihre individuelle Art und Weise leben zu können. (vgl. Fitting 1993, S. 92)

Deutlich stellt FITTING die ungünstigen Veränderungen in Wahrnehmung und Handlungsweise, aber auch den Leidensdruck derer heraus, die durch äußere Umstände gezwungen werden, sich "zu verbiegen" (vgl. ebd.).

Erfahrungen, die die Persönlichkeit bejahen und ihrer positiven Entwicklung förderlich sind, werden positiv gewertet. Dämpfen sie ein günstiges Wachstum des Selbst, werden sie negativ gewertet und vermieden (vgl. Zimbardo 1992, S. 416).

Neben der Selbstaktualisierungstendenz ist dem Menschen außer dem Bedürfnis danach, überhaupt zu leben, das Bedürfnis, sich sicher und sozial eingebunden zu fühlen, angeboren (vgl. Fitting 1993, S. 92). Entsprechend besteht bei allen Heranwachsenden ein unverrückbares "... Bedürfnis ... nach Liebe, Anerkennung und Achtung und die damit einhergehende grundsätzliche Fähigkeit zu prosozialem Verhalten ..." (ebd.).

Im Sinne der Humanistischen Psychologie und Pädagogik ist die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen also nicht nur von dem Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen, sondern ebenso von dem Streben nach Anerkennung und nach Sicherheit in sozialen Beziehungen beeinflußt. Die sog. Anpassungstendenz unterliegt dabei den von Kultur und Gesellschaft erschaffenen Werten. Diese werden mit Hilfe beabsichtigter Erlebnisse gefestigt. (vgl. ebd., S. 92 f.)

Mit den beiden entsprechenden, die individuelle menschliche Entwicklung formenden Kategorien von Werten, wird jeder Heranwachsende bereits sehr früh während seiner Entwicklung konfrontiert. Dem Wunsch nach persönlichem Freiraum steht das Bedürfnis, von seinen Mitmenschen positiv wertgeschätzt zu werden, gegenüber. Ausschlaggebend für die Entwicklung ist, nach welchen Maßstäben er von seinen Bezugspersonen anerkannt wird und wie der Rahmen persönlicher Freiheit, in dem selbst Erfahrungen gemacht werden können, geartet ist.

Daraus ergibt sich die Chance des Heranwachsenden, sein Selbstbild zu organisieren und entsprechend zu leben.

Eine Art zu leben, die seiner Veranlagung nicht gemäß ist, praktiziert der junge Mensch je eher, um so mehr

- die Anerkennung anderer von Voraussetzungen abhängig gemacht wird,
- der eigene Erfahrungen ermöglichende Freiraum beschnitten wird und
- je größere Differenzen zwischen Selbstbild und Erfahrungen bestehen.

(vgl. Fitting 1993, S. 93)

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Verhaltensauffälligkeit aus humanistisch-psychologischer Sicht
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V283728
ISBN (eBook)
9783656833345
ISBN (Buch)
9783656830719
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhaltensauffälligkeit, humanistisch, psychologisch, Mensch, Persönlichkeit, Persönlichkeitsentwicklung, Menschenbild, auffällig, Verhalten, Theorie
Arbeit zitieren
Claudia Zeller (Autor), 2001, Verhaltensauffälligkeit aus humanistisch-psychologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283728

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