„Und dabei liebe ich euch beide“ lautet der Titel des Liedes von Andrea Jürgens, welches 1977 veröffentlicht wurde. Die damals Zehnjährige verarbeitete mit diesem Lied die Trennung ihrer Eltern. Sie schildert, dass sie zweimal im Monat ihren Vater sieht, wahrscheinlich alle zwei Wochen am Wochenende. Den größten Teil der Zeit lebt sie demzufolge bei der Mutter. Weiterhin wird deutlich, dass die Eltern kein gutes Verhältnis zueinander haben. Andrea wünscht sich mehr Zeit mit dem Vater, da sie beide Eltern liebt. Ihre Mutter verbietet dies aber, sie hält den Vater vom Kind fern. Das Mädchen wünscht sich, dass die Familie wieder vereint wird, auch wenn dies nur kurzzeitig der Fall ist. Der Wunsch des Kindes, selbst entscheiden zu können, bei wem es sein kann, bildet den Refrain und somit die Kernaussage des Liedes. Die Mutter stellt das Verhalten vieler Mütter dar, bei ihr ist das Kind, sie hat die Macht zu entscheiden, wie oft der Vater das Kind sehen kann. Die Väter haben oftmals keine Chance sich aktiv am Familienleben zu beteiligen.
Wie bereits erwähnt, wurde das Lied 1977 bekannt gemacht, aber selbst 37 Jahre später ist dieses Thema immer noch aktuell. Auch heute noch trennen sich Eltern, was schmerzhaft für die Kinder ist. Schlimmer ist jedoch, dass der größte Anteil der Kinder bei einem Elternteil weiterlebt und zum anderen kaum bis gar kein Kontakt besteht. Der Wandel der Gesellschaft birgt eine Zunahme von Scheidungen bzw. Trennungen in sich. Die Leidtragenden sind die Kinder, da sie nicht in einer kompletten Familie aufwachsen können. Oftmals haben sie nur einen Elternteil, der sie während ihrer Entwicklungen in Kindheit und Jugend begleiten bzw. unterstützen kann. Die Trennung oder Scheidung von Eltern bedeutet das Ende der Paarbeziehung, jedoch nicht die Auflösung von Mutter- und Vaterrolle. Die Eltern sind in der Pflicht, weiterhin die Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen.
Eine Option, Familienleben nach der Trennung der Eltern zu gestalten, ist das Wechselmodell. Hierbei verbringt das Kind weiterhin gemeinsam Alltag mit den Eltern, indem es in einem zuvor festgelegten Rhythmus zwischen den Haushalten pendelt. [...]
Gliederung
1. Ehe, Trennung und Scheidung
1.1 Definitionen und rechtliche Grundlagen
1.1.1 Theoretische Ansätze
1.1.2 Die Eheschließung
1.1.3 Die Ehescheidung
1.1.4 Das gemeinsame Sorgerecht
1.1.5 Das Umgangsrecht
1.2 Aktuelle statistische Daten und Trends
1.2.1 Statistische Übersicht zu Eheschließungen
1.2.2 Statistische Übersicht zu Ehescheidungen
1.3 Folgen von Trennung und Scheidung
1.3.1 Psychosoziale Folgen
1.3.2 Finanzielle Folgen
1.3.3 Risiko- und Schutzfaktoren
1.4 Nachtrennungsfamilien
1.4.1 Ein-Eltern-Familien
1.4.2 Stief- bzw. Patchworkfamilien
1.4.3 Abwechselnde Betreuung durch beide Eltern
2. Wechselmodell
2.1 Merkmale
2.1.1 Definitionen
2.1.2 Wechselrhythmen
2.1.3 Rechtliche Regelungen
2.2 Forschungserkenntnisse und Folgen der Betreuung
2.3 Voraussetzungen und Kontraindikationen
2.4 Vorteile
2.5 Nachteile
2.6 Exkurs: Internationale Verbreitung
3. Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und Familien
3.1 Definition, rechtliche Grundlagen und Statistik
3.2 Angebotsspektrum, Anforderungen an den Berater
3.3 Arbeit mit Trennungs- und Scheidungsfamilien
3.4. Unterstützung bei der Installation eines Wechselmodells und Begleitung
4. Vorbereitung und Durchführung der Interviews
4.1 Auswahl und Darstellung der Methode
4.2 Vorbereitung der Interviews
4.3 Auswahl der Interviewpartner
4.4 Datenerhebungen
4.5 Verarbeitung des gewonnen Materials
4.6 Grenzen der Erhebung
5. Ergebnisse
5.1 Einflussfaktoren auf die Entscheidung für das Wechselmodell
5.2 Ablauf des Wechselmodells
5.3 Kommunikation zwischen den Eltern
5.4 Kooperation der Eltern
5.5 Eigene Gefühle und Wünsche
5.6 Vorteile des Modells
5.7 Nachteile des Modells
5.8 Bedingungen für das Gelingen des Modells
5.9 Meinung von Dritten
5.10 Zusammenfassung
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Erfahrungen von Familien mit dem Wechselmodell nach einer Trennung oder Scheidung qualitativ zu erforschen und dabei die Perspektiven von Eltern und Kindern zu beleuchten. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie sich der Alltag im Wechselmodell gestaltet, welche Vor- und Nachteile Betroffene wahrnehmen und welche Bedingungen für ein Gelingen dieses Betreuungsmodells essenziell sind.
- Psychosoziale Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf Kinder und Eltern.
- Strukturelle Merkmale und rechtliche Rahmenbedingungen des Wechselmodells.
- Unterstützungsangebote durch Beratungsstellen für Trennungs- und Scheidungsfamilien.
- Analyse subjektiver Erfahrungen von Familien in einer qualitativen Studie.
- Diskussion von Gelingensbedingungen und Herausforderungen (Kommunikation, Kooperation, Rhythmus).
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Theoretische Ansätze
In den 1970er Jahren galt das Desorganisationsmodell als verbreitetstes Modell um eine getrennte oder geschiedene Familie darzustellen. Mit dem Modell wurde das Ende des Familiensystems verbunden (vgl. Buchholz 2008, S.13). Ein stark defizitärer Blick auf die Familie, er betonte vor allem die negativen Folgen für die Familien, besonders für die Kinder (Balloff 2013). Da der Begriff „Familie“ zu diesem Zeitpunkt an die Kernfamilie gebunden war, galt die Auflösung der Paarbeziehung als Ende der Familie (vgl. Walper; Krey 2009, S.716).
Abgelöst wurde diese Ansicht durch das Reorganisationsmodell, was davon ausging, dass sich die Familie nach einer Trennung oder Scheidung, nicht komplett auflöst, sondern sich neuorganisiert. Scheidung wird demzufolge als eine Entwicklungsmöglichkeit der Familie betrachtet. Im Vordergrund stehen nun die Eltern-Kind-Beziehungen, die auch nach der Trennung der Familie aufrechterhalten werden (vgl. Buchholz 2008, S.13). Dieses Modell trug dazu bei, dass Neuerungen im Familienrecht erfolgten, z.B. die Einführung des Zerrüttungsprinzips (vgl. Walper; Krey 2009, S.717), was in 1.1.3 nochmals aus rechtlicher Sicht betrachtet wird.
Die Weiterführung des Reorganisationsmodells bildet das Transitionsmodell. Die Familien haben verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten, z.B. Scheidung und darauffolgend Wiederheirat, welche verschiedene Übergänge (Transitionen) im Leben einer Familie sein können (vgl. Balloff 2013). Ein viertes Modell bildet die Erweiterung des (Reorganisations- und) Transitionsmodells um den Netzwerkansatz. Der vollständige Begriff lautet: „Transitionsmodell im privaten und professionellen Netzwerk“ (Balloff 2013). Hierbei werden bedeutende Personen im Netzwerk des Kindes, auch wenn sie nicht mit dem Kind verwandt sind, berücksichtigt (vgl. Balloff 2013).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ehe, Trennung und Scheidung: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen und die rechtliche Situation bei Trennung und Scheidung ein und beleuchtet statistische Trends sowie psychosoziale Folgen für Familien.
2. Wechselmodell: Hier wird das Hauptthema der Arbeit detailliert behandelt, einschließlich Definitionen, rechtlicher Regelungen, internationaler Verbreitung sowie der Vor- und Nachteile dieses Betreuungsmodells.
3. Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und Familien: Das Kapitel erläutert die Rolle von Beratungsstellen bei der Unterstützung von Familien in Trennungssituationen und bei der Installation eines Wechselmodells.
4. Vorbereitung und Durchführung der Interviews: Dieser Abschnitt beschreibt das methodische Vorgehen der qualitativen Studie, inklusive der Auswahl der Methode, der Interviewpartner und der Verarbeitung des Datenmaterials.
5. Ergebnisse: Hier werden die Erkenntnisse aus den Experten- und Familieninterviews analysiert und die zentralen Themen wie Einflussfaktoren, Kommunikation, Kooperation und Gefühle der Beteiligten dargestellt.
6. Ausblick: Der Ausblick resümiert die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit und gibt Empfehlungen für die Praxis sowie zukünftige Forschungsvorhaben.
Schlüsselwörter
Wechselmodell, Trennung, Scheidung, Kindeswohl, Beratungsstelle, Erziehungsberatung, elterliche Sorge, Umgangsrecht, qualitative Studie, Interviewanalyse, Eltern-Kind-Beziehung, Kooperation, Kommunikation, binukleares Familiensystem, Patchworkfamilie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das sogenannte Wechselmodell als eine Option zur Gestaltung des Familienlebens nach einer Trennung oder Scheidung der Eltern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit den theoretischen Grundlagen der Trennung, dem Konzept des Wechselmodells, den psychosozialen Folgen für betroffene Familien sowie den Unterstützungsmöglichkeiten durch Erziehungsberatungsstellen.
Welches Ziel verfolgt die Autorin?
Das primäre Ziel ist es, durch eine qualitative Studie die subjektiven Erfahrungen von Eltern und Kindern sowie Expertenmeinungen zum Wechselmodell zu erfassen und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird eingesetzt?
Die Autorin verwendet eine qualitative Methode in Form von Leitfadeninterviews mit betroffenen Familien und Fachkräften, die mittels einer qualitativen Datenanalyse ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung von Trennungsprozessen, eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Wechselmodell (Vor-/Nachteile, Rhythmen, Recht) und eine Analyse der Beratungsarbeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Wechselmodell, Trennung, Kindeswohl, Kooperation, Kommunikation, Erziehungsberatung und binukleares Familiensystem.
Warum wird in der Studie das Mitspracherecht der Kinder betont?
Die Arbeit verdeutlicht, dass das Wechselmodell für Kinder mit Anpassungsleistungen verbunden ist; daher ist ihre Einbeziehung und Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse essenziell für das Gelingen des Modells.
Welche Rolle spielt die Erziehungsberatung für Familien im Wechselmodell?
Beratungsstellen bieten Unterstützung bei der Initiierung des Modells, begleiten Familien bei auftretenden Problemen, wie etwa Konflikten oder Anpassungsschwierigkeiten, und helfen, die Interessen des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen.
Gibt es ein „perfektes“ Wechselmodell?
Nein, die Autorin betont, dass es keine universelle Lösung gibt. Jede Familie muss individuell einen Rhythmus finden, der zu ihren Bedürfnissen und zum Alltag der Beteiligten passt.
- Citar trabajo
- Josephine Seyfarth (Autor), 2014, Das Wechselmodell als Nachtrennungsoption, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283938