Das Scheitern von Kanzlerkandidaten. Eine Analyse am Beispiel von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002


Hausarbeit, 2014
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kanzlerkandidat
2.1 Die „Geburtsstunde“ des Kanzlerkandidaten
2.2 Rekrutierung von Kanzlerkandidaten
2.3 Zielsetzungen und Führungsbedingungen von Kanzlerkandidaten

3. Der Kanzlerkandidat und das Scheitern

4. Untersuchungsgegenstand und Analyseraster
4.1 Untersuchungsgegenstand
4.2 Analyseraster

5. Systematische Analyse zum Scheitern von Kanzlerkandidaten am Beispiel von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002
5.1 Der Wahlkampf 2002 in Fakten und Zahlen
5.2 Der Ruf zum Kanzlerkandidaten oder Das Frühstück von Wolfratshausen
5.3 Gründe für das Scheitern von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002
5.3.1. Persönlichkeit
5.3.2. Der Kandidat und die Medien
5.3.3. Der Kandidat und die Wahlkampfthematik
5.3.4. Der Kandidat und seine Partei
5.3.5. Der Kandidat und aktuelle Entwicklungen während des Wahlkampfes
5.4 Fazit der Analyse

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit soll sich im Rahmen der empirischen Wahlforschung bewegen und untersucht anhand des ausgewählten Beispiels von Edmund Stoiber das Scheitern von Kanzlerkandidaten. Der aktuelle Forschungsstand gibt nur wenig Literatur zu diesem Thema her, denn zum größten Teil beschäftigt sich dieser wissenschaftliche Zweig vielmehr mit dem Wähler und seiner Wahlentscheidung als mit den zur Wahl Stehenden. Aus diesem Grund soll die vorgelegte Arbeit eine Wahl auf Bundesebene aus einem anderen Blickwinkel betrachten und auch hinter die ‚Kulissen’ des Wahlkampfzirkus schauen.

In den vergangenen 75 Jahren gab es insgesamt 16 Kanzlerkandidaten und nur zwei von ihnen vermochten es letztlich die Wahl für sich zu entscheiden und das Amt des Bundeskanzlers anzutreten. Doch wie erklärt sich diese niedrige Siegesquote beziehungsweise wieso scheitert der Großteil? Diese Frage soll die folgende wissenschaftliche Abhandlung anhand eines ausgewählten Beispiels klären. Zunächst wirft die Arbeit einen Blick in die Vergangenheit und erläutert die Entwicklung des Kanzlerkandidaten in Deutschland. Dabei werden folgende Fragen beantwortet: Wie entstand die ‚Institution’ Kanzlerkandidat, woher werden die Oppositionsführenden rekrutiert ? Welche Karriere liegt hinter ihnen, welche Ziele verfolgen die Herausforderer durch den Wahlkampf und währenddessen? Vor allem soll verdeutlicht werden, welche Führungsbedingungen und Voraussetzungen sie für eine erfolgreiche Kandidatur mit sich bringen sollten. In Kapitel Eins wird ausführlich auf diese Fragen eingegangen, auch um die Klarheit des Begriffes für die weitere Arbeit vorauszusetzen. Dabei soll in erster Linie geklärt werden, wer diese Figur wann im deutschen Wahlkampf salonfähig machte und wie sich der Wahlkampf seit Zeiten Adenauers verändert hat. Auch gilt es zu klären, wie der Kanzlerkandidat einer Partei in Gesetz und Recht verankert ist beziehungsweise ob er überhaupt Erwähnung findet. All diese Fragen versucht das erste Kapitel hinreichend zu klären, um danach das Scheitern des Kandidaten ganz allgemein zu betrachten. Gibt es Parallelen beziehungsweise Anhaltspunkte, an denen man schon vorweg einen Misserfolg erkennen kann? Wie lassen sich Langzeit- und Kurzzeitfaktoren nach dem Michiganer Ann-Arbor-Modell beim Wahlkampf deuten? Im zweiten Kapitel soll es auf diese Fragen Antworten geben. Auch um einen Überblick potenzieller Gründe für die Niederlage zu geben und nicht nur anhand der beispielhaften Analyse zu veranschaulichen. Vorweg wird der Untersuchungsgegenstand und das Raster, an welches sich die Analyse möglichst genau halten sollte, erläutert. Im vierten und letzten Kapitel werden mehrere Aspekte abgehandelt. Zum einen gilt es vorab einen Blick auf Zahlen und Fakten des Wahlkampfes 2002 zu werfen, zum anderen wird die Vorgeschichte der Nominierung unter die Lupe genommen, da auch sie ein wichtiger Baustein in der darauffolgenden systematischen Analyse ist. Anhand von fünf Punkten werden im Anschluss die Gründe des Scheiterns untersucht, bewertet und schließlich in den Wahlkampfkontext eingeordnet. Nach der Analyse wird ein Fazit gezogen, durch welches konkret veranschaulicht werden soll, welche Ergebnisse die Untersuchung hervorgebracht hat und wie sie gedeutet werden können.

2. Der Kanzlerkandidat

2.1 Die „Geburtsstunde“ des Kanzlerkandidaten

Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges und der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 prägte die Ära Adenauer die Regierungslandschaft der jungen Republik. Seit der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 bis 1963 entschied die CDU mit wachsender Mehrheit die Bundestagswahlen für sich. Bei der Wahl zum dritten Deutschen Bundestag 1957 holte die Union mit 50,2 Prozent sogar die absolute Mehrheit im Bundestag (Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2005). In allen darauf folgenden Wahlen konnte keine Partei ein solches Ergebnis wiederholen. Nach Brettschneider wurden CDU/CSU durch Adenauer zu einer Sammelpartei des bürgerlichen Lagers (Vgl. Brettschneider 2002b, S. 60ff) und waren in dieser Stellung schwer zu erschüttern. Sowohl der wirtschaftliche Aufschwung Anfang der Fünfziger Jahre, geprägt durch den Kurs der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards, als auch die Bemühungen zur Westbindung der Bundesrepublik (NATO-Mitgliedschaft und Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG), festigten Adenauers Position als Bundeskanzler und machten seinen Herausforderern einen Wahlsieg schier unmöglich. Doch mit dem Wandel der SPD von einer Arbeiter– zur Volkspartei, gekennzeichnet durch das „Godesberger Programm“ von 1959 (Vgl. Blank/Mertens 2009), gelang es den Sozialdemokraten in den Fokus der potenziellen Wähler zu kommen. Die zögerliche Reaktion der CDU zum Bau der Berliner Mauer markierte den Anfang vom Ende der Ära Adenauer und damit auch einen Wendepunkt für die folgende Bundestagswahl. Nach zwölf Jahren an der Regierungsspitze wurde Adenauer 1961 durch den SPD-Politiker Willy Brandt, seines Zeichens damalig regierender Bürgermeister Berlins, herausgefordert. Zuvor wagten auch die Oppositionspolitiker Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer den Schritt in Richtung Herausforderung, doch scheiterten stets an der Standfestigkeit der Patriarchengestalt und seiner bis dato die Wählermehrheit überzeugende Politik. Mit der Kandidatur Willy Brandts zum Nachfolger Adenauers änderte sich auch der bisherige Charakter der Wahlen.

Der SPD-Politiker und spätere Bürgermeister Berlins Klaus Schütz importierte und etablierte die Figur des Kanzlerkandidaten Ende der 1950er Jahre aus den Vereinigten Staaten. Als damaliger Wahlkampfmanager war es sein erklärtes Ziel, im Sinne des US-amerikanischen Wahlkampfes, den Fokus der Wähler auf Willy Brandt zu lenken. Schütz schickte seinen Wahlkämpfer auf die „Deutschlandreise Willy Brandt“ quer durch die Republik und war von seinem bevorstehenden Erfolg stets überzeugt: „Noch nie hat ein einzelner Mann in einem deutschen Wahlkampf so viel geleistet wie Willy“ (Schütz 1961, S. 30), äußerte sich Schütz über den SPD-Kandidaten. Die Bundesrepublik hatte ihren ersten Kanzlerkandidaten im heutigen Sinne. Schütz nutzte amerikanische Wahlkampfelemente und setzte auf eine starke Personalisierung Brandts (Vgl. Ennen 2007, S. 178), die in diesem Maße für alle Beteiligten Neuland war (Vgl. Münkel 2005, S. 222). "Wir müssen das ganze Element der Persönlichkeit Brandts einsetzen, um die Barrieren der Blöcke niederzureißen." (Schütz 1961, S. 37). Das war wohlmöglich die Geburtsstunde des modernen Wahlkampfes und Brandt wusste als erster Kanzlerkandidat auch die (Print-)Medien für sich zu nutzen. Er gab sich volksnah, schüttelte Hände in Kleinstädten und Dörfern und demonstrierte entschlossen, dass er das Rüstzeug für einen Regierungswechsel mit sich bringt1. Klaus Schütz veränderte mit seiner neuartigen Interpretation von Wahlkampfstrategien die Kommunikation im Wahlkampf weitgreifend und setzte damit einen wichtigen Grundstein für die zukünftige Gestaltung des Stimmenfangs. Seit der Bundestagswahl 1961, die Brandt trotz zahlreicher Strategen nicht für sich entscheiden konnte2, hat sich die politische Figur des Kanzlerkandidaten in der Gesellschaft fortlaufend immer stärker etabliert und mittlerweile einen festen und sehr wichtigen Platz im modernen Wahlkampf eingenommen. Trotzdem ist mit außerordentlicher Dringlichkeit festzuhalten, dass der Kanzlerkandidat in der Bundesrepublik Deutschland kein formelles Amt bekleidet und weder in der Verfassung noch in anderen Gesetzen genannt wird. Vielmehr wird nach Artikel 63 Absatz 1 Grundgesetz „(...) [der Bundeskanzler] auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage ohne Aussprache gewählt.“ (Grundgesetz 2012, S. 23). Dennoch ist es für die Oppositionspartei(en) von ungeheurer Wichtigkeit den richtigen Kandidaten zu nominieren. Durch ihn und an ihm orientieren sich die Wahlberechtigen, bilden sich eine Meinung und fällen letztendlich ihre Wahlentscheidung.

2.2 Rekrutierung von Kanzlerkandidaten

Nachdem nun geklärt wurde, wie sich der Kanzlerkandidat als wichtiges Wahlkampfelement in Deutschland etablierte, stellt sich nun folgende Frage: Wer sind die Kanzlerkandidaten beziehungsweise was muss man vor der Kandidatur geleistet haben, um als würdiger Gegner aufgestellt zu werden? Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass einer Kanzlerkandidatur eine steile politische Karriere vorausgeht und noch viel wichtiger, es braucht größtes Vertrauen in der Partei, um diese Aufgabe bewältigen zu können. Ohne Rückhalt aus den eigenen Reihen ist eine Nominierung von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nach Recherche der Biographien ist festzustellen, dass die Mehrheit der Kandidaten entweder den Parteivorsitz oder aber ein Ministerpräsidentenamt vor ihrer Ernennung zum Spitzenkandidaten bekleideten. Lediglich Hans-Jochen Vogel war zur Zeit seiner Nominierung ein ‚einfacher’ Bundestagsabgeordneter, zuvor Bundesjustizminister. Kanzlerkandidat wird man also nicht einfach so. Üblicherweise wird ein Spitzenkandidat auf einem Bundesparteitag gewählt, doch gibt es keinerlei formelle Verfahrensweise nach der das geschieht. Forkmann und Richter schreiben, dass „innerhalb der Parteien (..) weder SPD noch Union offizielle oder parteiöffentliche Vorwahlen [kennen]; die Organisationen entscheiden situationsabhängig, ja geradezu anarchisch, in ihren eigenen Strategie- und Machtkonstellationen, wer Spitzenkandidat für die nächste Bundestagswahl werden soll.“ (Forkmann/Richter 2007, S.17)

2.3 Zielsetzungen und Führungsbedingungen von Kanzlerkandidaten

Die Partei setzt in ‚ihren’ Kandidaten höchste Erwartungen. Der Herausforderer muss Kompetenz unter Beweis stellen, eigene Anhänger und Wechselwähler ansprechen und in erster Linie Überzeugungsarbeit leisten. Anders als in seinem zuvor oftmals nach innen gerichteten Aufgabenbereich als (häufig) Parteivorsitzender ist es nun die Hauptaufgabe, seine Partei über alle medialen Kanäle nach außen zu repräsentieren. Wichtigster Grundsatz im Wahlkampf ist es Vertrauen aufzubauen; so beschreibt Jackob ihn als „Vertrauenswerbung“ und auch als „Vertrauenstest“, denn die Wähler sprechen der gewählten Partei ihr Vertrauen aus und geben ihr somit den Auftrag die bestmöglichen politischen Entscheidungen zu treffen (Vgl. Jackob 2007, S. 13). Der Kandidat muss auf jegliche Art und Weise demonstrieren, dass seine Partei in der Lage ist eine Regierung fähig zu führen (Vgl. Forkmann/Richter 2007, S. 19). So war es zu Zeiten Adenauers der klassische Sinn und Zweck eines Wahlkampfes, die eigene Mitgliederschaft zur Wahl aufzufordern (Vgl. Jackob 2007, S. 11). Im Laufe der Jahrzehnte gab es eine fortlaufende Veränderung in puncto Wählerkommunikation – Ziel ist es nicht nur die eigene Anhängerschaft zur Wahlurne zu bewegen, sondern auch die der anderen politischen Lager zu mobilisieren und selbstverständlich für sich zu gewinnen (ebd.). Es geht nicht mehr nur um traditionelle Parteiidentifikation von der Wiege bis zur Bahre. In Zeiten eines ununterbrochenen Wandels in Politik und Gesellschaft sind Teile der Wähler zur Sprunghaftigkeit übergegangen und haben sich zu sogenannten Wechselwählern gewandelt. Die Parteibindung unter der Bevölkerung hat sich gelockert; seltener wird sich an der politischen Herkunft des Elternhauses orientiert beziehungsweise wird diese öfter in Frage gestellt (Vgl. Machnig 2003, S. 61). Die Strategen des modernen Wahlkampfes haben die Zeichen der Zeit erkannt und präsentieren bis ins kleinste Detail ausgefeilte Wahlkampfprogramme, mit denen alle Akteure, Medien, Argumentationsstrategien und Adressaten eines Wahlkampfes (Vgl. Jackob 2007, S. 12) eingebunden werden. Sie alle können sich aber auch im laufenden Wahlkampf als Gründe für das Scheitern eines Kanzlerkandidaten entwickeln. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass der Kandidat mit seiner Partei gemeinsam eine Niederlage einfährt und nicht die Partei durch ihren Herausforderer.

3. Der Kanzlerkandidat und das Scheitern

Das Scheitern eines Kanzlerkandidaten lässt sich oftmals auf drei Aspekte zurückführen, Forkmann und Richter sprechen von der „Trias aus Institution, Gesellschaft und Biographie“ (Forkmann/Richter 2007, S. 20). Alle drei Punkte legen den Grundstein zur eigentlichen Analyse, vereinen sie doch das Verhältnis zwischen Kandidat und Partei, Kandidat und Gesellschaft und ordnen seine Persönlichkeit in den Wahlkampf ein.

Die Frage nach dem Prozess des politischen Scheiterns ist hinterher oftmals, ob dieses schon während des Wahlkampfes absehbar war oder sich überraschend in der Wahlnacht ergeben hat. Gewiss gibt es laut Forkmann und Richter im Nachhinein zahlreiche Faktoren beziehungsweise Entscheidungen, welche sich später als „unklug“ herausstellen sollten (Vgl. Forkmann/Richter 2007, S.20). Aber nicht alles, was den Herausforderer als Verlierer von der Bühne gehen lässt, ist absehbar. Da die Politik ein System ist, das tagtäglich durch unvorhersehbare Ereignisse neu beeinflusst wird, spielen auch äußere und spontane Faktoren bei der erlittenen Niederlage eine tragende Rolle. Diese Feststellung wird sich auch im weiteren Verlauf der Abhandlung bei der Analyse bestätigen. Des weiteren muss der Kandidat zahlreiche Erwartungshaltungen erfüllen, die er für seine spätere Regierungsführung unter Beweis stellen muss. Nach Forkmann und Richter erwarten die Bürger von ihrem zukünftigen Kanzler „Konsensfähigkeit, Vermittlungsgeschick und Kompromissbereitschaft, zum anderen Integrität, den Mut und die Kompetenz, politische Wege zu weisen“ (Forkmann/Richter 2007, S. 20f). Alles kräftezehrende Eigenschaften, die am Ende zwecklos sind, sollte die Hürde der Wahl durch das Volk und im Parlament nicht bezwungen werden können. Ein weiterer Grund für das Scheitern ist der Umgang mit den Medien und persönliche Charakterzüge. Machnig schreibt, dass Politik mehr als bloße Kommunikation ist, aber ohne sie lässt sich Politik nicht vermitteln (Vgl. Machnig 2003, S.61). Und das wichtigste Kommunikationsmittel stellen die Medien dar – sie sind das Instrument in der heutigen Wahlkultur, allen voran das Fernsehen und Internet. Der Kandidat wird auf Schritt und Tritt medial ‚verfolgt’ und jedes Wort, jede Geste und jede Handlung detailliert unter die Lupe genommen und analysiert. Unumgänglich ist dadurch auch der psychische Druck, der jeden Kanzlerkandidaten belastet. Unter steter Beobachtung seiner Partei und der Gesellschaft hat er einen extrem hohen Anspruch an sich selbst, an denen auch künftige Führungsqualitäten gemessen werden können. Letztlich spielt aber auch die Partei eine nicht zu unterschätzende und tragende Rolle im Wahlkampf. Die Bundesrepublik versteht sich als Parteiensystem, nicht als Präsidentialismus – der Kanzlerkandidat ist also immer nur als Vertreter seiner Partei zu sehen und somit im Nachgang auch nicht als alleiniger Verlierer zu bezeichnen. Wirft man einen Blick auf die theoretischen Ausführungen des Ann-Arbor-Modells aus der empirischen Wahlforschung, so stellt man fest, dass sich drei Faktoren bei einer Wahlentscheidung ausmachen lassen. Die Forscher aus Michigan unterschieden in Langzeit- und Kurzzeitfaktoren, wobei die Kurzzeitfaktoren sich nur auf den Zeitraum der Wahl erstrecken. Sie wiederum unterteilte man in politische Einstellungen zu den Kandidaten und in politische Streitfragen, sogenannte Issues (Vgl. Lass 1995, S. 21). Der Langzeitfaktor wird nach der Forschergruppe um Angus Campbell als „(...) psychological identification, which can persist without legal recognition or evidence of formal membership and even without a consistent record of party support“ (Campbell in Greifenhagen 2002, S.317) definiert und lässt sich mit dem Begriff der Parteiidentifikation beziehungsweise –bindung übersetzen. Aus diesem Modell lässt sich ableiten, dass der Erfolg oder auch Misserfolg eines Wahlkampfes nicht nur an der Kandidatenorientierung, sondern vor allem auch an politischen Streitfragen und der Parteibindung des Wählers, gemessen werden kann (Vgl. Forkmann/Richter, S.22). Es ist nämlich nicht außer Acht zu lassen, das trotz aller Relevanz des Anwärters, der Parteibindung auch heute noch die mit Abstand wichtigste Rolle beim Wahlentscheid zukommt.

4. Untersuchungsgegenstand und Analyseraster

4.1 Untersuchungsgegenstand

Die in den nächsten Abschnitten folgende Analyse beschäftigt sich mit dem Scheitern von Kanzlerkandidaten an einem ausgewählten Beispiel im Rahmen der empirischen Wahlforschung. Bevor die Gründe für das explizite Scheitern analysiert werden, soll vorweg der Untersuchungsrahmen aufgespannt werden. Zunächst gilt es ein Analyseraster aufzustellen, nach dem strukturell gearbeitet werden kann. Da die Politik und ihre Akteure im Wandel der Zeit nie rein systematisch untersucht werden können, erfolgt die Analyse zwar nach einem strukturierten Ablauf, wird allerdings auch von individuellen Faktoren geprägt sein. Sinn und Zweck ist es, die Gründe für das Scheitern zu analysieren, einzuordnen und zu werten. Wichtig dabei ist die eine Eingrenzung des zu analysierenden Zeitraums. Um einen sauberen Anfang zu haben, beginnt die konkrete Analyse ab dem Zeitpunkt der Ernennung des Kandidaten und mit seiner Niederlage am Wahlabend. Jedoch soll der Weg zur Nominierung in dem für die Analyse ausgewählten Beispiel nicht vollkommen außer Acht gelassen werden, da auch er eine entscheidende Rolle zu spielen schien. Untersucht werden sollen nach der Trias (siehe Kapitel 2) von Forkmann und Richter sowohl die Beziehung zwischen Partei und Kandidat, seinem Wirken in den Medien beziehungsweise in der Wahlkampfkommunikation, Agenda-Setting3 und -Cutting4 als auch Faktoren der politischen Entwicklung während des Wahlkampfes und Persönliches, welches hier nachfolgend erläutert wird.

4.2 Analyseraster

Chronologisch soll wie folgt analysiert werden: Zu Beginn gilt es die persönlichen Charaktereigenschaften und Einstellungen kurz zu untersuchen. Mitunter sind sie ausschlaggebend für entsprechende Handlungen und Vorgehensweisen des Kandidaten im Wahlkampf. Der Charakter, geprägt durch die Sozialisation eines Jeden legt den Grundstein für nachfolgende Handlungsmuster, wenn auch nur unterschwellig. So sollen Schwächen und Stärken analysiert, in den Wahlkampfkontext gestellt und ihr Anteil am Scheitern bewertet werden. Danach stehen die Medien im Fokus der Untersuchung. Sie gelten als der Kommunikator zwischen dem Kandidaten und den Wählern. Sie sind eines der wichtigsten Instrumente im Kampf um Stimmen, die der Herausforderer für sich nutzen kann und sollte. Während der Analyse sollen vor allem Kommunikationsmittel wie Wahlplakate, TV-Interviews – und Duelle als auch der allgemeine Umgang mit und in den Medien im Mittelpunkt stehen. Wie wird er durch seine Wahlkampfmanager dargestellt und inszeniert? Tritt er staatsmännisch oder als ‚Kumpeltypus’ auf und welche Fehler wurden bei der Wahlkampfkommunikation begangen? Dieser Abschnitt ist bei einer Analyse dieses Gegenstandes immer äußerst wichtig, da die Medien (sowohl öffentlich-rechtlich als auch privat) eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf den Wahlkampf erzielen – die Macht der Bilder ist erheblich. Ein Großteil der Wähler gibt an, durch Plakate oder Werbespots im Fernsehen auf den Wahlkampf aufmerksam geworden zu sein (Vgl. Holtz-Bacha 2000 in Podschuweit/Dahlem 2007, S. 215). Christina Holtz-Bacha stellt fest, dass die Wahlkampagne in den Medien als nützliches Mittel dient, um unentschlossene und nicht parteigebundene Wähler zu werben. Vor allem in Anbetracht wachsender labiler Parteiidentifikation (Vgl. Holtz-Bacha 2000, S. 11). Ebenso gilt es zu klären, auf welche Art und Weise das Themenmanagement5 während des Wahlkampfes stattgefunden hat. Die Wahlkampfthematik soll im Vordergrund der Untersuchung stehen. Wie fand Agenda-Setting und auch Agenda-Cutting statt? Wurden Themen ausgelassen oder überstrapaziert? Beide Fragen und Überlegungen sollen in der Analyse beantwortet werden, um einen weiteren Schritt zu gehen und die Gründe des Scheiterns zu verstehen. In gleicher Weise wichtig ist die Verbindung zwischen der Partei und ihrem Kandidaten. Wie ist der Rückhalt bei der Basis und steht die Parteispitze entschlossen hinter dem Herausforderer? Gibt es interne Streitigkeiten und wie publik und somit imageschädigend sind diese? Wie wird in der öffentlichen Diskussion mit dem Punkt des potentiellen Koalitionspartners umgegangen – herrscht Einigkeit? Der nächste und letzte Punkt dreht sich dann um die politischen Entwicklungen während der Wahlkampfzeit. Einhergehend sollen auch spontane Ereignisse unter Augenschein genommen werden. Wie schlug sich der Kandidat, wenn es mitunter zu überraschenden politischen Wendungen kam und wie viel Zeit wurde in Anspruch genommen, bis eine entsprechende Stellungnahme oder Reaktion präsentiert wurde? All diese Fragen gilt es in der nun folgenden systematischen Analyse zu klären, die sich am Kanzlerkandidaten der Union im Bundestagswahlkampf 2002, Edmund Stoiber, orientieren wird. Es gibt mehrere Gründe, warum speziell dieser Wahlkampf und dieser Herausforderer gewählt wurden. Zum einen forderte Stoiber mit seiner Kandidatur den ersten erfolgreichen Kanzlerkandidaten in der Geschichte der Bundesrepublik, Gerhard Schröder, nach dessen erster Amtszeit heraus. Zum anderen waren sowohl der Wahlkampf als auch das Wahlergebnis selbst denkbar knapp gewesen. So sahen sich beide, sowohl Schröder als auch Stoiber, am Ende des Wahlabends am 22. September als Sieger aus dem Duell hervorgehen. Dabei ist nochmals darauf hinzuweisen, dass eine solche Untersuchung aufgrund der gegebenen Umstände deutlich individuell zu betrachten ist. Freilich ist es möglich, die Trias auf alle Wahlkämpfe der vergangenen Jahre anzuwenden, doch erweist sich jeder der drei Bezugspunkte bei jedem Kandidaten und bei jeder Bundestagswahl als different. Vorweg wird noch ein kurzer Blick auf die Rahmenbedingungen des zu analysierenden Wahlkampfes geworfen.

[...]


1 Die Dimension der „Deutschlandreise Willy Brandt“ ist zu lesen im Spiegel-Artikel „Held nach Maß“ im Spiegel 37/1961. S. 28-44

2 Bis 1998 konnte kein Kanzlerkandidat die Wahl für sich entscheiden. (Vgl. Wördehoff 1993)

3 Themen in den Mittelpunkt zu stellen, bei denen man als kompetent angesehen wird (Vgl. Brettschneider 2004, S. 11)

4 Themen von der Tagesordnung der Berichterstattung drängen, die einem schaden (ebd.)

5 Themenmanagement ist der Versuch, diskutierte Themen in den tagesaktuellen Medien so zu beeinflussen, dass der Kandidat und seine Partei davon profitiert (Vgl. Brettschneider 2002a, S. 38)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Scheitern von Kanzlerkandidaten. Eine Analyse am Beispiel von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Parteiendemokratie
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V283965
ISBN (eBook)
9783656836506
ISBN (Buch)
9783656836513
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Parteien, Kanzlerkandidaten, Wahlkampf, Bundestagswahlkampf, CSU, CDU, Union, Stoiber, Schröder, Gerhard, Niederlage, Kommunikation, Scheitern, Analyse, 2002, Irak, SPD
Arbeit zitieren
Anna-Sophie Buhler (Autor), 2014, Das Scheitern von Kanzlerkandidaten. Eine Analyse am Beispiel von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283965

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